Samstag, 21. Februar 2026

Max Frisch: Homo Faber – Die Geschichte einer großen Liebe

 

 

Walter Faber, ein Mann in der vollen Blüte seiner Reife, gerade fünfzig geworden, verliebt sich in Sabeth, alias Elisabeth, dreißig Jahre jünger. Solche Geschichten, durchaus nicht Ausnahmen, enden meistens schlecht. Zwar endet die Liebe zwischen Walter und Sabeth nicht schlecht, aber sie endet schnell. Sabeth stirbt.

 

Also ein Liebestraum. Dies ist bekanntlich einfacherer als die Wirklichkeit. In der Wirklichkeit gibt es Probleme und Schwierigkeiten. Tatsächlich, kurz nach Sabeths Tod, erfährt Walter, dass sie seine Tochter ist. Electra?

 

Es wird wahrscheinlich nicht ganz dem Zufall zu verdanken sein, dass ein großer Teil der Geschichte sich in Griechenland abspielt. Zufall, bzw. Wahrscheinlichkeit, spielt auch eine wichtige Rolle im Roman. Walter Faber ist nämlich Ingenieur. Glaubt nur an Naturwissenschaft und Mathematik. Abmontiert ganze Motoren. Kunst langweilt ihn. Seine Welt ordnet sich nach Ursache und Wirkung. Geschieht etwas, so hat es eine Ursache. Will man, dass etwas anderes geschieht, so muss man an der Ursache wirken. Kennt man die Ursache nicht, so gibt es die Wahrscheinlichkeit. Etwas geschieht mit einer soundso großen Wahrscheinlichkeit. Jedenfalls wird das Schicksal ausgeschlossen. Schicksal ist Aberglauben. Wo bleibt hier Griechenland?

 

In Folge einer Reihe von Ereignissen, Ereignissen von kleiner Wahrscheinlichkeit, geriet Walters Welt aus den Fugen. Erst kommt die Flugreise, wo er Herbert kennen lernt. Dann kommt die Notlandung in einer mexikanischen Wüste. Während sie auf Rettung warten, spielen Walter und Herbert Schach. Beide fahren dann mit einem Jeep nach Guatemala in einer strapaziösen Fahrt durch raue, menschenleere Felder. Walter erfährt, dass Herberts Bruder sein großer Studienfreund Joachim ist. In Guatemala finden sie Joachim erhängt. Walter fährt dann nach New York, wo er eine Wohnung und eine Geliebte hat. Er verabschiedet sich von der Geliebten und macht eine Schiffsreise nach Europa. An Bord lernt er Sabeth kennen. Beide treffen sich wieder in Paris. Sie unternehmen eine gemeinsame Reise nach Italien und Griechenland. Während der Reise erfährt Walter, dass Sabeth die Tochter seiner großen Jugendliebe Hanna ist. Nach der Trennung von Walter, hatte sich Hanna mit Joachim verheiratet, und Walter glaubt, dass Sabeth Joachims Tochter ist. Die Fäden der Geschichte laufen jetzt zusammen.

 

In Europa beginnt der Liebestraum. Die Kulisse der Idylle ist, wie wäre es anders zu erwarten, die Toskana und Griechenlands Ruinen. Bei Mondschein klettern sie die Berge empor und baden im Meer. Die Idylle endet mit einer Schlange, genau wie damals im Paradies.

 

Walters Welt gerät ins Wanken. Er, der nicht an Gefühlen glaubte, Gefühle sind Ermüdungserscheinungen (S. 68, rororo Taschenausgabe), wird ständig von Gefühlen getrieben. Er, der sich vernünftig, nüchtern, durchdacht und besonnen glaubte, der sich grundsätzlich nicht heiraten würde (S. 23, 67), macht, noch auf dem Schiff, Sabeth, eine Frau dreißig Jahre jünger als er, ein Kind, ein Traum, einen Heiratsantrag.

 

Was aus dem Traum hätte werden können; was ein nicht-vernünftiger, nicht-durchdachter und nicht-besonnener Walter alles hätte verrichten können, dazu kommt es im Roman glücklicherweise nicht. Das Leben ist zu kurz, um alle Träume zu zerstören.

 

Wozu es aber kommt, ist zu einer Wiederbegegnung mit Hanna, die in Griechenland lebt. Mit dem letzten Ereignis endet der Roman. Walter liegt in einem Hospital. Magenkrebs? Wird er es überleben?

 

Aus den obigen Kommentaren, müsste eigentlich schon hervorgehen, dass mir Frisch‘ Roman außerordentlich gefallen hat. Die Welt ist schön und voller Abenteuern, und es ist schön so etwas lesen zu können. Die Erzählung fließt, und der Fluss der Geschehnisse ist tief, breit und abwechslungsreich. Die Handlung ist spannend, voller unerwarteter Ereignisse, die uns an den Buchseiten festnageln. Trotzdem wird viel Material zum Denken geliefert. Wie jedes gute Kunstwerk wird für das Hier und Jetzt gesorgt, aber es bleibt auch einiges für das Dort und das Naher. Frisch schreibt präzis, kurz und bündig, so wie ich es gerne lese. Sein Stil ist direkt, er kommt gleich zu dem Punkt auf dem es ankommt, ohne Umschweife.

 

Ich will noch auf einiges eingehen. Ich mache es skizzenhaft weil hier nicht der Platz ist,  um sich in den Sachen zu vertiefen. Da ist z.B. die Sache mit dem Tod und mit der Zeit. Hanna wirft Walter vor, als Techniker kein Verhältnis zur Zeit und zum Tod haben zu wollen (S. 126). Die Liebe zu Sabeth sei Teil dieses Versuchs. Tatsächlich ist der Tod das Ende unserer Zeit, und tatsächlich versucht die Technik den Tod und somit die Zeit zu überwinden.

 

Tod und Zeit, also das Vergängliche, bilden die Grundlage der Natur und es gehört zu den Spannungen zwischen Natur und Kultur, dass die Technik da einiges in Frage stellt. Zeitlosigkeit kennzeichnet aber auch den Idealismus und somit kehren wir zu den Griechen zurück, mit ihren Olymp und ihren unsterblichen Göttern.

 

Als Gegensatz zu dem Idealismus gibt es den Empirismus. Time is money, heißt es in den USA. Zwischen Idealismus und Empirismus, zwischen der griechischen Herkunft und der American Way of Life der Jetztzeit, liegt Europa (siehe auch S. 130 ff.) . Der alte Walter hängt an der Wahrscheinlichkeitslehre, New York und verwirft das Schicksal. Der neue Walter verliebt sich in Griechenland.

 

Wenn Faber so einiges aus der neuen Welt gegen Vorgehensweisen der alten Welt eintauscht und die USA durch Griechenland ersetzt, so bleiben doch einige seiner Erfahrungen in Lateinamerika. Walter besucht Mexiko, Guatemala und Kuba. Besonders bei dem letzten Besuch, genießt der neue Walter das Hier und Jetzt. Gefühle, Empfindungen und Sinnlichkeit spielen vorab eine wichtigere Rolle.

 

Ein letzter Punkt will ich noch erwähnen, nämlich die Spannung zwischen Erfahrung und Entdeckung. In den Beziehungen der zwei, bringt Walter Erfahrung, während Sabeths Beitrag die Entdeckung, bzw. die Freude an der Entdeckung ist. Spannung muss aber nicht notwendigerweise Zerwürfnis bedeuten. In der Liebe zwischen Walter und Sabeth gewinnt das Déjà-vu der Erfahrung, durch die Freude der Entdeckung, neue Reize. Andersherum gewinnt die Freude der Entdeckung durch die Erfahrung eine gewisse Reife, die sie vor unerwünschten Erlebnissen schützt. Unterschied kann also auch Ergänzung bedeuten.

 

Im Grunde, im Grunde ist der Homo Faber ein Skeptiker. Aber er ist nicht ganz der Liebe und der Schönheit unzugänglich. Und das ist was ihn vor der Bitterkeit rettet. Die Ratio bringt das Verständnis, die Möglichkeit, durch das Verständnis, Beziehungen zu der Welt und den Mitmenschen zu knüpfen. Was die Ratio aber nicht mit sich bringt, ist in welcher Richtung diese Beziehungen sich ergeben. Hier kommen die Gefühle und Empfindungen. Dies ist Fabers Entdeckung.

Dienstag, 9. September 2025

Madame Bovary, Effi Briest und Lady Chatterley, oder der lange Kampf um die sexuelle Emanzipation der Frau

 

 

Dieser Tage habe ich Madame Bovary von Gustave Flaubert zu Ende gelesen. Einige Monate davor las ich Lady Chatterley von D. H. Lawrence, und vor einigen Wochen sah ich Fassbinders Effi Briest. Ich glaube sagen zu können, dass alle drei Werke sich mit einer ähnlichen Thematik beschäftigen, nämlich der lange Kampf um die sexuelle Emanzipation der Frau. Ich will also etwas zu diesem Thema sagen.

 

Ungefähr ein halbes Jahrhundert trennt jedes der drei Werke. Die vollständige Romanausgabe in Buchform von Madame Bovary erschien 1857. Theodor Fontanes Effi Briest wurde 1895 als Buch veröffentlicht und die dritte Fassung von Lady Chatterley erschien erstmals in Florenz in 1928.

 

Obwohl ich hier keinen Vergleich der drei Arbeiten machen will, ist eine Gegenüberstellung unumgänglich. Warnen muss ich aber, dass ich die zwei gelesene Bücher in einer portugiesischen, Madame Bovary sogar in einer ziemlich schlechten, Übersetzung gelesen habe. Theodor Fontanes Roman will ich in der nächsten Zeit lesen, was ich aber hier dazu sage, bezieht sich nur auf Fassbinders gefilmte Version.

 

Bezüglich der sexuellen Emanzipation der Frau bietet, meiner Meinung nach, Lawrence' Roman die beste Lösung, was nicht nur der fast hundert Jahre Unterschied zu verdanken ist. Es werden in Lady Chatterley die Sachen beim Namen genannt, was sicherlich der hundert Jahre Unterschied zu verdanken ist. Die Verdrängung sexueller Gefühle, das Umgehen der erotischen Aspekten der Liebe, ist Teil der sexuellen Repression. Liebe, besonders die Erotik, werden in Lady Chatterley großgeschrieben. Die Liebe zwischen Connie und Mellors ist etwas sehr schönes, echtes und großes. Man kann nicht dasselbe von der Beziehung zwischen Ema Bovary und ihre zwei Liebhaber sagen. Beides sind Opportunisten. Der Grundbesitzer Rodolphe ist es sicherlich. Etwas ermüdet von seiner bisherigen Geliebte, sucht er in Ema eine Abwechslung. Aber auch der junge León sucht in Ema nicht viel weiteres als ein erfahrungsbildendes Abenteuer. Bei dem ersten Druck seines Arbeitsgebers weicht er zurück. Bei Effi Briest geht es noch viel schlimmer zu, denn Major Crampas ist nichts als eine vorübergehende Affäre, die Effi nur aus Langeweile eingeht.

 

Aber auch von den Charakterdarstellung her, ziehe ich Lady Chatterley vor. Zwar heiratet Connie den Baronet Clifford Chatterley hauptsächlich aus Bequemlichkeit, weil sie sich ein Leben ohne große Sorgen wünscht, aber D.H. Lawrence war sehr geschickt, Cliffords Impotenz, verursacht durch einen Kriegsunfall, nur nach der Heirat erscheinen zu lassen. Obwohl Connie einige sexuellen Erfahrung vor der Ehe hatte, erlebt sie die volle Entfaltung der Liebe nur mit Mellors. Von diesen Moment an ist Connie gewollt alles, aber auch wirklich alles, diesem Gefühl zu opfern. Auch Mellors ist zu denselben Opfern bereit. Dieser doppelten Hingabe verdankt, meiner Meinung nach, der Roman seine Größe.

 

Im Gegensatz zu Connie ist Ema Bovary eine etwas lächerliche Figur, die Flauberts Roman sehr an Potential verlieren lässt. Ema scheint die Pubertät nicht überwunden zu haben und in ihren romantischen Träumen sucht sie ständig nach einem Märchenprinzen.

 

Fassbinders Effi Briest liegt dazwischen. Sehr tiefe Gedanken erinnere ich mich nicht aus ihrem Mund gehört zu haben, aber es blieben ihre letzten Worte am Totenbett. Ich atmete tief erleichtert als sie die Schuld ihres Mannes, nach 2/3 des Films, erkannte. Baron Geert von Innstetten, ist nur an seiner Karriere, Pflicht und Ehre, Riten und Prozeduren, interessiert. Folglich war ich tief enttäuscht als sie am Sterbebett ihm vergibt. Aber kurz danach sagt sie: …er hatte viel Gutes in seiner Natur und war so edel, wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe ist. Vielleicht ist es nur mein Wunsch, mich mit Effi zu versöhnen, aber ich interpretiere ihre Worte wie folgend: Die fehlende Liebe, an der nicht nur er, sondern auch ich die Verantwortung trage, lässt den Teufelskreis des Auseinandergehens entstehen. Wer nicht liebt, der kann nicht lieben. In diesem Sinn ist von Innstetten ein Opfer, so wie ich es bin.

 

Bei Effi Briest läuft von Anfang an so einiges falsch. Es handelt sich um eine Zweckehe. Er sucht eine schöne, junge Frau aus angesehenen Haus. Sie will Sicherheit und Bequemlichkeit. Das Ergebnis ist die Trennung nicht nur der Geister sondern auch der Körper. Dass es Effis Köper war, der sich als erster gegen die Fesseln dieser Ehe widersetzte, trägt, meiner Meinung nach, sehr zu ihrem Ansehen bei, nicht nur als Mensch, sondern hauptsächlich als Frau.

 

Etwas ähnliches geschieht in Lady Chatterley. Clifford ist upper aber Mellors ist lower class. Clifford ist der typische sterile Intellektuelle, der nur mit dem Kopf lebt, nur an abstrakte, wirklichkeitsfremde Formulierungen, nur an dem Respekt der Konventionen interessiert ist. Mellors, im Gegenteil, verbindet Sinnlichkeit mit Pragmatismus und Vitalität. Hier befinden Kopf und Körper auf entgegengesetzten Seiten, und Connie entscheidet sich für den Körper. Dies geht in mancher Gegenströmung der emanzipatorischen Kämpfe der Frau der Gegenwart.

 

Selbstverständlich nagt der Zahn der Zeit an jeder Liebe, und die unvermeidliche Abnutzung durch Routine und Wiederholung lässt ihre Spuren. Dazu kommen noch die unausweichlichen Konflikten des Alltags. Persönlichkeiten prallen aufeinander und Interessen weichen ab. Dem muss man natürlich entgegenwirken und Zärtlichkeit, Zuneigung, Respekt, Bewunderung, Gemeinsamkeit, Solidarität, Freund- und Partnerschaft, aber auch und warum denn nicht, Gewohnheit und Abhängigkeit, können helfen die Spannungen des Alltags abzubauen. Nicht jede Gepflogenheit ist etwas schlechtes, und Abhängigkeit kann auch ihre guten Seiten haben. Macht man etwas zusammen, dann ist man von dem anderem abhängig.

 

Hier sind wir also wieder bei der alten, konventionellen Ehe angelangt? Ja und Nein, denn, wie bei jeder Mischung, hängt alles von der Gewichtung ab. Sind viele Faktoren am Spiel, dann ist die Balance fundamental. Sicher ist nur eins: fehlt der physische bzw. sexuelle Teil der Liebe, dann fehlt etwas ganz Wesentliches.

 

Liebe ist multidimensional und Sex ist eine, vielleicht die Wichtigste aber sicherlich nicht die einzige Komponente, hauptsächlich wenn von einer dauernden Verbindung die Rede sein sollte. Es gibt glücklicherweise zu viele Arten von Beziehungen, zu viel Sorten Menschen und zu viele Formen der Liebe, als dass man da Normen vorschreiben könnte.

 

Auch in Bezug auf die zeitliche Entwicklung der Liebe war D.H. Lawrence sehr geschickt. Er zeigt nur den Anfang des neuen Verhältnisses. Der Anfang ist fast immer der schönste Teil einer Liebe und das Buch endet als Connie nach Schottland zieht, um mit Mellors ein neues Leben anzufangen.

 

Vielleicht liegt das Happy End mehr dem Angelsächsischen, denn sowohl Madame Bovary als auch Effi Briest enden mit einer Tragödie. Vielleicht ist es auch nur wegen des Anstandes und der Moral, denn, verständlicherweise, bekommen in älteren Werken diese Aspekte eine größere Bedeutung. Das tragische Ende hat natürlich immer etwas moralisierendes. Die Absicht war wahrscheinlich zu zeigen, dass derjenige der die Ehe bricht, insbesondere wenn es eine Frau ist, daran zu Grunde gehen muss.

 

Wichtig ist zu erkennen, dass alle drei Werke ein Libell für das Recht der Frau auf sexuelle Befriedigung sind. Sowohl Ema als auch Effi und Connie wagen die Ehe, diese Kette die ihre Freiheit fesselt, zu brechen. Dieser Kampf ist heute noch so wichtig wie gestern, denn sowohl gestern als auch heute wird die Frau noch häufig als Objekt sexueller Befriedigung des Mannes angesehen. Man muss nicht von weibliche Genitalverstümmelung sprechen, um dies zu verdeutlichen, denn es gibt subtilere Methoden, um zu ähnlichen Ergebnissen zu kommen. Solche Zustände sind nicht nur gemein, diskriminierend und ungerecht, sondern sie sind noch dazu dumm, denn nichts ist schöner als der Genuss zu zweit, nichts ist befriedigender als der Genuss des anderen zu genießen.

 

Nur wer dies erlebt hat, weiß von was ich spreche und kann es auch verstehen. Gefühle sind dazu da, um gefühlt zu werden. Die Kraft der Liebe erkennt nur der, der sie erlebt hat. Wieviel Elend in der Welt ist nicht der fehlende Liebe und die dadurch entstehende Bitterkeit zu verdanken? Es entsteht ein Engels- bzw. ein Teufelskreis, gemäß den Erfahrungen. Wer nie geliebt hat, leugnet die Kraft der Liebe. Hingegen, wer die Liebe kennt, ist gewollt ihr alles zu opfern.

 

Hier scheiden sich zwei Welten und ich glaube kaum, dass es da eine Übereinkunft geben kann. Auf der einen Seite ist Eros, auf der anderen ist Thanatos. Es gibt nur diese zwei Alternativen. Vielleicht geht die Menschheit daran zu Grunde. Vielleicht siegt Eros. In diesem Sinn, ist Liebe revolutionär.

 

Montag, 19. Mai 2025

Thomas Bauer - Die Vereindeutigung der Welt - Reclam 2018


Das Büchlein (104 Seiten) ist klar, gut geschrieben und einfach zu lesen und ich glaube sagen zu können, dass ich mit dem größten Teil der Ideen, die dort vertreten sind, einverstanden bin. Was mich ein bisschen stört ist die fehlende Tiefe und die fehlende Theorie, d.h., die Symptome der Krankheit werden erwähnt, aber die Ursachen bekommen eine zu geringe Gewichtung. Auch wird die Verbindung mit anderen Symptomen derselben Krankheit vernachlässigt. Es fehlt Zusammenhang. Es fehlt Zusammenhang zwischen den Konzepten, die im Buch gebracht werden, und es fehlt Zusammenhang von diesen Konzepten mit einer Theorie, die sie besser erklären könnte. Zusammengefasst, es fehlt sowohl der interne als auch der externe Zusammenhang.

 

Es fängt schon mit dem Titel an. Die Vereindeutigung der Welt mag origineller und neutraler klingen, aber Massengesellschaft oder Vermassung erlaubt doch einen viel besseren Zusammenhang mit dem industriellen Modell und der Konsumgesellschaft, die diesen Begriffen zu Grunde liegt. Bauer wollte sich wahrscheinlich nicht mit einer gewissen politischen Linie kompromittieren. Es lässt sich aber nicht zwischen zwei Stühlen sitzen.

 

Es folgen stichpunkthaltig die wichtigsten Ideen, die in den Buch gebracht werden. Wenn ich es für passend finde, mache ich einig Kommentare dazu. Sollte jemand besonderes Interesse oder sollten es Fragen zu einem oder anderen Punkt geben, so bin ich gerne bereit weiter darin einzugehen.

 

·         Im ersten Kapitel stellt Bauer fest, dass in der modernen industriellen Gesellschaft, sowohl in der Natur als auch in der Kultur die Vielfalt zu Grunde gerichtet wird. Im Konsum herrscht Scheinvielfalt, d.h., rein äußerlich versucht man die Diversität aufrechtzuerhalten, im Grunde herrscht aber Einförmigkeit.

·         Die Christianisierung hat zur Homogenisierung beigetragen (S. 9).

·         Auf S.11 zitiert Bauer Stefan Zweig: er herrscht die Monotonie der Gesichter, der Körper und der Leidenschaften.

·         In Kapitel 2 (S. 15) macht Bauer die Aussage dass Menschen tendenziell ambiguitätsintolerant sind. Eine Seite danach sagt er, dass es eine Welt ohne Ambiguität gar nicht geben kann. Wenn also der Mensch der Welt angehört, wie erklärt sich dann seine Ambiguitätsintoleranz? Ist sie inhärent oder ist es nur eine  vorübergehende kulturelle Erscheinung? Warum? Diese Fragen werden nicht beantwortet.

·         Die Aussage in Kapitel 3 (S. 21), dass die katholische Kirche ambiguitätstolerant ist, würde ich stark bestreiten. Wie erklärt sich dann die Inquisition?

·         Auf S. 29 sagt Bauer, dass der Fundamentalismus ambiguitätsintolerant ist, weil er auf Wahrheitsobsession, Geschichtsverneinung und Reinheitsstreben basiert.

·         In Kapitel 4 (S. 33-34) macht Bauer die Aussage, dass eine relativ hohe Ambiguitätstoleranz eine unabdingbare Voraussetzung für das Gedeihen von Religion bildet. Wie erklärt sich dann der Fundamentalismus? Ambiguitätstolerant kenne ich eigentlich nur den Zen, und auch hier würde ich das Wort Toleranz vermeiden. Religion basiert auf Glauben und dieser ist meistens intolerant gegenüber anderem Glauben.

·         Auf S. 38 erwähnt Bauer die zunehmende Quantifizierung, die z.T. verantwortlich für die Ambiguitätsintoleranz in unsere Gesellschaft ist, und schiebt die Schuld dem allesherrschenden Markt zu. Da Nummern, Preise, Geld, Gewicht, usw. den Wert der Dinge bestimmen, und da dies exakte Maßstäbe sind, bleibt wenig Raum für Mehrdeutigkeit. Wenig Verbindung wird aber mit bereits Bekannten Begriffen wie Verdinglichung oder instrumentelle Vernunft gemacht. Es fehlt auch die Verknüpfung von Quantifizierung mit Automatisierung oder Mechanisierung, die die heutige industrielle Gesellschaft kennzeichnen.

·         Und wie sieht es mit der Kunst aus? Bauer sagt am Anfang von Kapitel 5, dass es sehr befremdlich wäre, wenn die Kunst außerhalb der allgemeinen Tendenz der Vereindeutigung stünde. Zum Beispiel, das Normierende der Zwölftontechnik, die den Versuch unternimmt jede Tonalität auszuschließen, hat sehr wenig mit Toleranz und Mehrdeutigkeit zu tun. Ähnliches findet man in der seriellen Musik. Bauer wechselt dann zur Architektur um, und zeigt dass Reinheit auch ein zentrales Thema bei Adolf Loos (1870-1933), der Wegbereiter der modernen Architektur, war. Ornament, also Verzierung, setzt Loos gleich mit Verbrechen. Da aber Bauer nicht alles mit Eindeutigkeit erklären kann, nimmt er zusätzlich noch Gleichgültigkeit dazu. Was die moderne Gesellschaft toleriert, sind die Sachen die ihr gleichgültig sind. Dies alles konnte mich nicht richtig überzeugen. Das Normierende war schon immer ein Merkmal neuer Richtungen und ist nicht ein Attribut der Modernität. Will jemand etwas Neues durchbringen, dann muss er das Alte ausschließen. Es gab schon immer Intoleranz in der Kunst, und Vorurteile und Unduldsamkeit sind nicht eine Eigenschaft der Neuzeit.

·         Wenn in Kapitel 5 die Kunst mit der entsprechende Intoleranz auf der Suche nach Eindeutigkeit war, dann ist in Kapitel 6 Bedeutungslosigkeit das was die moderne Kunst am besten erklären kann. Bauer unternimmt keinen Versuch diesen scheinbaren Widerspruch zu lösen. Auch gelingt es ihm nicht zu erklären, warum man beides, also Intoleranz und Bedeutungslosigkeit, zusammen finden kann. Es ist z.B. heute möglich einen Maler zu finden, der radikal für abstrakte Kunst plädiert, jedes Figurative Werk kompromisslos ablehnt, und, gefragt nach der Bedeutung seiner eigenen Werke, die Achseln zuckt. Intoleranz und Bedeutungslosigkeit können also zwei Seiten einer selben Münze sein.

·         Bauer unterscheidet zwischen Ambiguität und Bedeutungslosigkeit (S. 50 u.ff.). Ambig ist etwas, dass mehrere Bedeutungen haben kann. Bedeutungslos ist etwas, dass jedmögliche Bedeutung erlaubt. Wo genau die Grenzen liegen und auf was der Unterschied zurückzuführen ist, wird nicht erklärt. Einige Beispiele in der bildende Kunst werden gegeben besonders auf dem Gebiet der abstrakten Kunst. Übersehen wird die Tatsache, dass abstrakte Kunst Gefühle und Empfindungen direkt angehen kann, ohne notwendigerweise den Verstand anzusprechen. In Bauers Beispiele wird Bedeutung gleich Verstand gesetzt, abstrakte Kunst wird dann eher als bedeutungslos betrachtet (auch ein Angriff gegen die Mehrdeutigkeit!).

·         Interessant ist, dass das Brechen von Regeln und Konventionen auch zu einer Regel werden kann (S. 55 u.ff.). Werke ohne Kontroverse werden heute häufig verachtet. Die Innovation wird zum Dogma. Bauer unternimmt keinen Versuch diese Tendenz mit der Konsumgesellschaft, die ja das Schwergewicht auf das Neue setzt, zu verbinden.

·         Kunstwert wird dem Marktwert gleichgestellt (S. 56-57).

·         Kapitel 7 führt einen neuen Begriff ein: Authentizität. Dabei wird kein Versuch unternommen diesen neuen Begriff mit den anderen zu verbinden, oder unter einen gemeinsamen Hut zu bringen. Bauer kritisiert den heutigen Drang nach Authentizität. Authentisch ist der Mensch offensichtlich nur dann, wenn er sein Inneres, seine vermeintlich unverfälschte Natur, ungefiltert nach außen stülpt (S.67). Natur wird dann vor Kultur gesetzt, d.h., authentisch ist einer nur dann, wenn er seiner Natur folgt, und den kulturellen Einflüssen keinen oder wenig Platz einräumt. Kultur und Gesellschaft sind dann zweitrangig. Eine Verbindung mit dem Individualismus der Neuzeit und mit dem Verfall des Gemeinschaftssinn wird nicht gemacht. Bauer sieht in diesem Drang nach Authentizität auch ein Zeichen von Eindeutigkeit, denn authentisch ist einer nur dann, wenn er seiner Natur folgt, und da ist Mehrdeutigkeit nicht gefragt. Ein weiters Problem ist, dass im Kapitalismus die Suche nach Authentizität sich hauptsächlich im Konsum ausdrückt, d.h., jemand ist authentisch wenn er exklusive Produkte konsumiert. Die Bedürfnisse bestimmen dann das Wesen (S. 68).

·         Mit dem Begriff der Authentizität lassen sich Bauers Schwierigkeiten leicht aufweisen. In dem Buch wird Authentizität als Ursache einer Reihe von Problemen betrachtet. Im Grunde aber ist die Suche nach Authentizität eine Folge der Entpersönlichung und der Vermassung in unserer industriellen Gesellschaft. Hier sehen wir die Schwierigkeiten, die die fehlende Tiefe und Verbindung verursachen: Symptome werden als Ursachen genommen. Da aber eine selbe Ursache mehrere Symptome haben kann, verliert sich Bauers Analyse in einer Vielfalt von Einzelheiten und Besonderheiten, die die Wirkung und Bedeutung der Untersuchung sehr einbüßen lässt.

·         In Kapitel 8 beschäftigt sich Bauer mit der Kästchenbildung. Da eine völlige Uniformierung des Menschen unmöglich ist, wird das nächstliegende Ziel genommen: die Menschen in kleinen Gruppen einzuteilen (S. 77-78). Bei dieser Teilung spielen dann meistens zweitrangige Kriterien eine Rolle. Dabei wird zweierlei erreicht. Erstens, wird der Bedarf nach Authentizität befriedigt, weil man sich innerhalb der Gruppe frei entfalten kann. Zweitens wird die Gesellschaft geteilt und eine gemeinsame Opposition gegen das herrschende System geschwächt.

·         Der Versuch, Eindeutigkeit in einer uneindeutigen Welt wenigsten dadurch herzustellen, dass man die Vielfalt in der Welt möglichst präzise in Kästchen einsortiert, innerhalb derer größtmögliche Eindeutigkeit herrscht, ist eher dazu geeignet, Vielfalt zu verdrängen als sie zu fördern (S. 81). Eine Begründung dieser Aussage, sei es durch Fakten, sei es durch Argumente, wird nicht gegeben.

·         Das System in dem wir leben erzeugt so viel Frustration, dass es ohne Auslassventil nicht fortbestehen würde. Die Kästchenbildung dient als Auslassventil. Jeder in sein Kästchen hasst den Nachbar, der in ein anderes Kästchen lebt. Die Energie der Frustration, die zu einer Änderung der Gesellschaft führen könnte, wird also intern durch den Krieg der Kasten verbraucht. Divide et impera war schon immer die Taktik der Tyrannei.

·         In Kapitel 9 sagt Bauer, dass die Suche nach Eindeutigkeit und Authentizität die Demokratie in Europa gefährdet, denn ohne Kompromisse gibt es keine Demokratie (S. 84). Jeder muss etwas nachgeben, damit eine gemeinsames Leben ermöglicht wird. Einen Anspruch auf Wahrheit, Reinheit und überzeitliche Gültigkeit können demokratische Entscheidungen nicht erheben (S. 84). In Wirklichkeit ist auch die Umkehrung dieser Aussage wahr. Es gibt also eine wechselseitige Beziehung zwischen Intoleranz und die Gefährdung der Demokratie.

·         In Kapitel 10 erwähnt Bauer noch einmal die schwindende Vielfalt der Modernen sowohl in Natur als auch in Kultur. Nur die bunte Welt des Konsums, mit ihren billigen Sinnesreizen für raschen Augen, versorgt uns noch mit einer Fassade der Vielfalt (S.87).

·         Auf Seiten 88 u. ff. kritisiert Bauer Wissenschaft und Verstand, d.h., Bauer äußert sich kritisch gegen die Tendenz das Verständnis, also die Rationalität, an erster Stelle zu setzen. Dabei unterscheidet Bauer nicht Rationalität von Scheinrationalität, d.h. ein Verständnis, dass an der Oberfläche bleibt, und dass nicht versucht Ursachen zu erkunden, oder eine Verbindung zwischen den Dingen zu schaffen. Bauer unterscheidet nicht eine Wissenschaft, die sich dem herrschenden industriellen Modell fügsam unterwirft, von einer mehr kritischen Wissenschaft, die die angelblichen Wahrheiten in Frage stellt. Was tatsächlich an Bauers Analyse stimmt, ist das heute Zweifel etwas Schlechtes ist. D.h., in der modernen Gesellschaft versucht jeder über alles eine feste Meinung zu haben. In Wirklichkeit sind aber nicht die festen Ansichten, sondern die fehlende Fundierung, das Schlimme.

·         Auf S. 92 u.ff. wird von Maschinenmenschen, d.h. vom Versuch Menschen durch Maschinen zu ersetzen, gesprochen. Dies würde die Mehrdeutigkeit abschaffen, denn Maschinen folgen ein vorprogrammierten Weg. Elon Musk, so Bauer, will uns von der reinen Maschine retten, und versucht durch Neuralink den Maschinenmensch zu produzieren. Das jede Maschine und jeder Maschinenmensch letzten Endes vom Mensch konzipiert wurde, wird natürlich übersehen. Nicht die Ratio ist schuld an solchen Überlegungen, sondern eine verwirrte Ratio ist logischerweise schuld an der Verwirrung.

·         Es geht weiter mit dem Maschinenmenschen: Fitness-Tracker, virtual reality equipment, Menschen die mit Ohrstöpseln verkabelt sind und auf dem Handy glotzen, usw. usf.

 

Fazit: Das Büchlein bringt wertvolle Ideen, die man aber tiefer untersuchen und besser verbinden sollte.