Dienstag, 17. September 2024

Eine kleine Reise in der alten Welt der wunderbar neuen Maschinen

 

 

 

Einleitung

 

Hier beabsichtige ich einiges über die kleine Reise, die ich zusammen mit meiner Frau im April / Mai 2024 in Europa gemacht habe, zu erzählen.

 

Keine Angst! Es handelt sich nicht um einen Reisebericht! Ich folge weder eine strickt chronologische Ordnung, noch ziele ich auf Vollständigkeit. Hier und da, ganz nach Belieben, aber ohne jegliche Konzession der Beliebtheit, bringe ich Geschehnisse, Gedanken und Eindrücke. Schwergewicht ist die Maschine, weil sie mir meistens im Weg stand.

 

Zehn Tage Rom, dann eine zehntägige Reise in die Toskana und in Umbrien, dann wieder ein paar Tage Rom und abschließend zehn Tage Zürich. Zehn ist eine schöne runde Nummer und ich liebe die Kurven.

 

Kurvig ist auch der Zyklus, den ich mit dieser Reise beende. Ich bin froh. Erstens weil ich die runde Form liebe und ein Zyklus ist rund. Zweitens weil ich es liebe etwas zu beenden. Drittens weil ich selber am Ende bin. Ich sehe hier einen starken Zusammenhang zwischen all diesen Dingen. Damit herrscht nochmals Geschlossenheit.

 

Der Anfang des Zyklus war die Entdeckung. Das Ende ist die Enttäuschung. In den Siebzigern habe ich meine Wurzeln entdeckt. Mit dem damaligen Aufenthalt in Europa habe ich gelernt mit mir selber besser umzugehen, und mich zu akzeptieren so wie ich bin. Ich habe innerlichen Frieden geschlossen, konnte friedlicher mit der Welt umgehen,  mich ihr öffnen und neue Erfahrungen machen. Dadurch habe ich mich aber von meinen ursprünglichen Wurzeln entfernt. Entweder habe ich sie nicht mehr nötig, oder ich habe neue geschaffen. Beides wird wahrscheinlich wahr sein. Vielleicht habe ich heute gar keine Wurzeln mehr nötig; vielleicht brauche ich jetzt nur noch Luft; vielleicht werde ich selber zu Luft, was noch schöner wäre.

 

 

 

Fontana di Trevi

 

Das nichts-sagende Gässchen führt zu sprudelndes Wasser, brausende Quellen. Die Mündung eines Flusses befindet sich im Herzen der römischen Metropole. Die Natur entspringt inmitten der Kultur und Zivilisation. Felsen, Pferde, Pflanzen durchbrechen den Asphalt und den Beton. Wellendes Wasser, rauschende Energie fordern die strengen Fassaden der umliegenden Gebäuden zum Tanz auf. Sie sollen ihre vorwiegend horizontalen und vertikalen Linien verlassen, und in das schäumende Meer eintauchen. Die chaotische Efferveszenz provoziert den duldenden Cartesianismus. Ist das alles nur ein Traum, eine Vision?

 

Massen von Touristen, die den Platz umgeben, wachen mich aus dem Traum auf. Was ich sehe ist nicht schön, und so tauche ich wieder im Traum ein. Jetzt baden nackte Männer und Frauen, wie Cherubinen, im Becken. Ein besonders gewagter hat die Zügel eines Pferdes ergriffen und versucht es zu zähmen; eine Schöne pflückt Pflanzen; ein dritter bläst ein Horn wie ein Triton; ein Paar badet unter dem Wasserfall und ein fauler Dicker sonnt sich auf einem Fels. Der Meeresgott überwacht die ganze Szene mit Gelassenheit. Alles verläuft in Frieden und Harmonie.

 

Einen Traum kann man nicht lange festhalten. Das ist das Gesetz der allesherrschenden Wirklichkeit. Ich gehorche und verlasse den Platz.

 

 

 

Der Überfall

 

Ich weiß wirklich nicht ob es eine Russin war, der Sprache nach klang es russisch, aber so genau kenne ich mich da nicht aus. Ich nenne sie die Russin, weil im Moment anscheinend alles was schlecht ist aus Russland kommt. Ich folge dem Trend.

 

Wir kamen von der Domus Aurea. Das ist Neros frühere Residenz. Natürlich ist der Besuch uns nicht gelungen, denn Eintrittskarten gibt es nur im Internet, und auch nur wenn man sie ein paar Wochen im Voraus bucht. Das war die erste Frustration des Tages.

 

Die zweite folgte gleich danach. Es ist uns nicht einmal gelungen das Forum Romanum zu besuchen. Obwohl ich das Zentrum der römischen Zivilisation von früheren Besuchen kenne, hatte ich mich diesmal darauf vorbereitet. Ich hatte es satt, zwischen den Ruinen zu wandern, ohne genau zu wissen, um was es sich handelt, und eine Führung mit ihrer Auskunftslawine schafft nur noch größere Verwirrung. Ich wollte meiner Einbildungskraft Stoff geben, aber wenig Stoff. Ich wollte sie ernähren, aber nicht zu üppig. Sie sollte frei sein und schweben, unbegrenzt und unbeschränkt, da wo der Wind sie gerade hinführt.

 

Ich fragte wo denn der Eingang sei. Kein Zeichen, keine Auskunft, wo und wie man die Tickets kauft. Massen von Menschen strömten von jeder Seite, nach jeder Richtung sich bewegend, jeder mit seinem Handy, alles fotografierend für die Ewigkeit, die es ja gar nicht gibt. Kein Mensch wusste Bescheid. Kein Mensch verstand mich, obwohl ich italienisch sprach, aber wer spricht schon italienisch dort?

 

Endlich kam ich an einer Stelle wo sich eine Schlange langsam vorwärts bewegte. Ich reihte mich ein und wartete eine Zeit lang. Als ich die Stelle, wo der Eingang war, erreichte, sah ich, dass es sich hier nur um einen Zugang für Besucher mit schon gekauften Tickets handelte.

 

Also alles nochmals von vorne anfangen. Ich fragte wieder, aber niemand konnte mir helfen, es sind ja alles Touristen, die so verloren sind wie man selber. Endlich fand ich die richtige Stelle, hier konnte man die Tickets kaufen, aber die Schlange verlief ins unendliche, bewegte sich mit einer unmessbaren Langsamkeit; die Leute hatten Stühle mittgebracht, um sitzend zu warten. Es waren nur zwei Schalter geöffnet, und die Bedienungsgeschwindigkeit ließ Dienst nach Vorschrift vermuten.

 

Wir haben die Suche aufgegeben und wanderten dem Zaun entlang, was gar nicht so schlecht ist, denn der Zaun ist niedrig, durchsichtig und etwas höher gelegen als die Ruinen, was ein Gesamtbild ermöglicht. Wieso die Leute hinein wollen, wenn sie doch von außen alles sehen können?

 

Also, Ende gut, alles gut? Ja, bis auf die Russin. Folgt man nämlich dem Zaun entlang, so kommt man an einer Steigung, die zu den Kapitolinischen Museen führt. Dort hat man einen besonderen schönen Gesamtblick der Ruinen. Da stand ich und ließ meine Phantasien sausen. Wer mich aus dem Traum aufwachte, war die Russin mit ihr Geschrei. Bevor ich mich besinnen konnte, stürzte sie auf meine Plastiktasche und durchsuchte alles: „Thief! You stole me. “, war alles was ich verstehen konnte. Sie hat natürlich nichts gefunden.

 

Jetzt war ich an der Reihe mein Feuer zu eröffnen. Ich fing bei Freud an und hörte nur bei Lacan auf, weil ich es in der Psychologie nicht viel weiter geschafft habe. Es hätte zu einer ernsten internationalen Konfrontation führen können, wäre meine Frau nicht eingetreten mit ihrer Diplomatie.

 

 

 

Die Hügel und die Ebene

 

Italiens kleine Städte befinden sich meistens auf einem Hügel. Im Mittelalter bot die Höhe Sicherheit und Geborgenheit.

 

Nun ist es aber so, dass die Modernität das Auto eingeführt hat. Mit dem Auto muss man  nicht in Schlangen stehen und nicht Automaten benutzen, um Fahrscheine zu kaufen; man muss nicht einmal einen Fahrschein kaufen; man trägt keine Koffer, Trepp aufwärts, Trepp abwärts; es gibt keine verspäteten Züge, kein Umsteigen, keine Platzsuche, kein traumatisches Heben der Koffer im Gepäckregal, keine gefüllten Gepäckablageplätze, keine aufdrängenden Massen, denen man sich fügen muss, die uns schieben, schubsen, quetschen und uns in die Enge treiben. Mit dem Auto ist man frei zu gehen wo man will. So sagt man und so denkt man.

 

Wie aber sieht es in der Wirklichkeit aus? Ich will nicht einmal von den stundenlangen Autostauungen sprechen, von Autounfällen, Autopannen schon gar nicht; von der Hast und dem Stress, Gefahren und Risiken, die mit dem Autofahren verbunden sind; von der Unmöglichkeit die Aussicht ganz entspannt zu genießen. Ich will nur von Italiens kleinen Städten sprechen. Sie wurden nicht für das Auto gebaut. Sie wurden für das laufende Volk, für Karren und Pferde gebaut. Deswegen gibt es vorwiegend enge Gassen, winklig und windig.

 

Bei einigen kleinen Städten ist der Zugang von PKWs im centro storico (Altstadt) sogar gesperrt. Bei den anderen ist es so schwierig einen Parkplatz zu finden, dass es im Endeffekt aufs gleiche hinausläuft. Vielleicht ist es möglich an einem Regentag, im späteren Herbst oder Winter, aber im Frühling oder Sommer, bei schönes Wetter, ist es fast unmöglich ein Abstellplatz für das Auto zu finden. Parkplätze gibt es nur auf der Ebene, weit entfernt von alles und von allem.

 

Gut so! Was muss das Auto auch überall hin mit seinem Lärm und seiner Luftverpestung? Außerdem wird damit viel zu viel Platz verschwendet. Raum ist wertvoll und sollte besser benutzt werden als mit Parkplätzen und Autostraßen. Was muss der Tourist auch überall schnüffeln gehen? Tourismus ist eine Plage! Dies ist meine feste Ansicht. Was macht man aber, wenn man selber Tourist ist? Wie löst man diesen Widerspruch?

 

Wir haben einige Zeit gebraucht um diese Fragen zu beantworten. Als wir endlich soweit waren, war die kleine Reise schon zu Ende. Das geschieht einem mehrmals im Leben. Ist man mit dem Lernen fertig und meint es endlich zu können, dann ist das Spiel auch schon zu Ende.

 

Weg von der Philosophie und zurück zur Praxis. Bei Viterbo fing es an. Wir kamen aus Rom und das Ziel war Orvieto, aber die Sucht, das meist mögliche aus der Fahrt zu machen, hat uns dazu geführt noch Viterbo mit einzuschließen. Dank Google Maps haben wir es auch gefunden. Wir haben sogar einen Parkplatz gefunden und noch dazu umsonst. Essen war aber die erste Priorität. Als wir damit fertig waren, so fragte ich einen Passanten wo denn der centro storico sei. Mit dem Zeigefinger zeigte er den Horizont. Es regnete und der Horizont ist zu weit um an einem Nachmittag erreicht zu werden. Daraufhin haben wir die Besichtigung von Viterbo aufgegeben.

 

Auch auf der Fahrt von Orvieto nach Perugia haben wir versucht noch eine andere Stadt zu besuchen. Die Auswahl fiel auf Todi. Die Absicht war aber diesmal auf dem Hügel zu parken. Aus diesen Plan wurde nichts. Viermal haben wir die Stadtmauern durchquert, zweimal ein und zweimal aus. Das vierte Mal lieferte auch das letzte Bild von Todi, allerdings im Rückspiegel.

 

Das mit der widersinnigen Zeit-Ausnutzung würde noch eine längere Zeit beanspruchen, um erlernt zu werden. Deswegen gab es noch einen dritten Versuch. Bezüglich Parken entschieden wir uns aber für den goldenen Mittelweg. Zwischen Hügel und Ebene gibt es nämlich ein Niemandsland, bei dem wir vielleicht Glück haben könnten. Das haben wir auch in Arezzo, zwischen Perugia und Siena, versucht. Tatsächlich gelang es uns einen Parkplatz nicht weit von den Stadtmauern zu finden. Es ist uns sogar gelungen die Parkuhr zu verstehen und sie richtig zu bedienen. Vier Stunden haben wir eingegeben, mehr konnte wir uns nicht leisten, denn wir wollten Siena noch bei Tag erreichen.

 

Eine Stunde haben wir gebraucht, um den richtigen Weg zu finden. Der Magen knurrte und wir haben uns für eine Mahlzeit entschieden. Somit ist eine weitere Stunde vergangen. Als wir endlich damit fertig waren, regnete es wieder. Diesmal war es nicht der Horizont, aber doch in einer gewissen Ferne sah man die Türme einiger Kirchen. Es hätte uns mindestens ein halbe Stunde genommen, um sie zu erreichen. Eine kurze Einschätzung hat uns zu dem Schluss geführt, dass es eine Hetze sein würde, und wir sind umgekehrt.

 

Hat denn nichts geklappt? Ist denn nichts richtig gelaufen? Nein, das wiederum auch nicht. Natürlich haben wir schöne Tage gehabt. Natürlich ist uns einiges geglückt. Hier versuche ich aber die Rolle des Nörglers zu spielen, weil ich mir einbilde, dass es interessanter und origineller ist. Auch irritiert mich zuzusehen, wie alle immer alles akzeptieren, wie jeder sich an jede Situation anpasst oder versucht sich anzupassen, und ich möchte es anders machen.

 

Selbstkritik gemacht, so will ich konsequent handeln, und die Perspektive korrigieren. Selbstverständlich gab es schöne Tage, selbstverständlich hat vieles geklappt. Es gab nicht nur Regentage und wir haben auch viel Sonne und blauen Himmel gehabt. Wie kaum etwas anderes, erlauben Italiens kleine Städte eine Immersion in dem Mittelalter und in der Antike. Auch haben die Juwelen der Renaissance kaum etwas an ihrem Glanz verloren. Man kann natürlich darüber lesen, man kann auch davon sprechen, man muss es aber spüren, sehen, anfassen. Aber … wie kann man es spüren, sehen, anfassen, mit diesen Horden von Touristen überall und nirgendwo?

 

Gewiss ist die Piazza del Campo in Siena auch beim dritten oder vierten Besuch ein Erlebnis, selbst wenn die Touristen mit ihren Handys und Selfies den ganzen Platz besetzen und den ganzen Platz in Besitz genommen haben. Auch die großen Kathedralen, die die Kunst in die Höhe getrieben haben, sind eine überragende Erfahrung, auch wenn das Blitzlicht und das Gerede der Führungen es dabei schwierig machen.

 

Wie gerne hätte ich das alles mit Ruhe, Muße und Besinnlichkeit gesehen. Wie gerne hätte ich das alles nur für mich gehabt. Ist es aber gerecht? Ist es überhaupt möglich? Ist es nicht ein kindlicher Gedanke, die Welt nur für sich haben zu wollen? Sollte man das Schöne nicht mit anderen teilen? Sollte das eigentlich nicht Freude bereiten?

 

Ja, aber …. diese unwissenden Massen, die ungebildet, ungelernt, wie Lämmer einer Herde, nur den Trend, den Führer, oder, das was gerade im WhatsApp, Instagram, Twitter (X), Facebook, YouTube, Google Maps oder, weiß der Teufel wie sie alle heißen, folgen?

 

Was soll denn dieser elitäre Gedanke? Massen, die Reellen, die Wirklichen, nicht die Ideellen, die man gerne haben möchte, sind die Vorhandenen, die Existierenden. Gefällt einem diese Welt, so wie sie ist, nicht, so muss man sie ändern (ändere die Welt, sie braucht es!), anstatt zu meckern, oder versuchen sich auszuschließen.

 

(Bedenken sollte man auch die Tatsache, dass die Unwissenheit als eine Tugend betrachtet werden kann. Ich hatte einen Freund, der meinte, dass Ignoranz ein wertvolles Gut ist, das man sorgfältig hüten sollte, denn einmal verloren, ist sie für immer verloren.)

 

Nach diesem Exkurs, diesem kleinem Gefühlsausbruch, kehre ich zu dem Bericht zurück. Ich versuche einiges in den richtigen Blickwinkel zu bringen, und dazu gehört auch ein gelungener Versuch einer Zwischenstation. Zwischenstation ist nicht der richtige Ausdruck, denn es war mehr ein Tagesausflug. Von Orvieto haben wir nämlich an einem Tag Civita di Bagnoregio und Bolsena besucht. Bei beiden haben wir einen Parkplatz gefunden. Bei beiden war der Parkplatz nicht weit vom Ziel entfernt.

 

Civita war ein wenig Enttäuschung, trotz der wunderschönen Lage und der herrlichen Aussicht. Obwohl es einige Bewohnern dort gibt, handelt es sich aber um eine Art Geisterdorf, überflutet von Touristen, fast nur mit Andenkenläden und Restaurants.

 

Dies ist ein weiteres Problem des Tourismus. Ganze Städte verlieren ihren Charakter, ihre Persönlichkeit, weil der Tourismus die Mieten in die Höhe treibt, weil Souvenirs sich besser verkaufen als Brot und Butter, weil Restaurants mehr einbringen als Geschäfte mit Baumaterialien.

 

Diese Art von Gentrifizierung schadet im Endeffekt sogar den Tourismus, denn ohne Eigenleben verlieren die Städte ihren Reiz. Ich erinnere mich an der Île Saint-Louis. Bei dem ersten Besuch, es wird so Anfang der siebziger Jahre gewesen sein, war sie eine Insel der Ruhe und Gemütlichkeit im turbulenten Paris. Bei der Abenddämmerung gingen die Leute ihre Einkäufe machen, eine Baguette in der Boulangerie kaufen. Es war ein Genuss dort spazieren zu gehen, zwischen den Bewohnern sich einzumischen. Heute ist die Île Saint-Louis so touristisch wie der Rest von Paris. Es häufen sich dort die Antiquariate in der Hoffnung einen dummen Touristen zu finden.

 

Bezüglich Bolsena habe ich nichts zu meckern. Die Platanenallee, umgeben mit Gärten und Villen, die zu dem herrlichen See mit kristallklaren Wasser führt, wird für lange Zeit in meiner Erinnerung bleiben. Bleiben wird auch das Bild der Burg und die windigen Gassen die dort hin führen. Wenige Touristen sah man auf den Straßen, und im Restaurant waren wir fast alleine. Um die vier tausend Einwohnern hat die Stadt, vielleicht ist das die Erklärung. Vielleicht sollte man nur Städte mit weniger als vier tausend Einwohnern besuchen. Aber Civita di Bagnoregio wird wahrscheinlich nicht einmal hundert haben. Außerdem wo bleiben dann die Piazza del Campo und die großen Kathedralen? Das Problem ist komplizierter und lässt sich nicht mit einer Vereinfachungsregel lösen.

 

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erleben. Das stimmt und ich liefere hier einen Beweis dafür. Lohnt es sich aber? Kann man es nicht einfacher, bequemer und billiger haben?

 

Als mein Großvater von einer Reise kam, sagte mit einem Seufzer der Erleichterung: Dahoam is Dahoam. Man reist eben nur, um zu erfahren, wie schön man es zuhause hat.

 

 

 

Das Grüne Auge

 

Auf der Rückfahrt nach Rom haben wir die Autobahn gewählt. Sonst haben wir Autobahnen immer vermieden, denn wir wollten ja die Landschaft sehen. Bei der Ausfahrt Rom habe ich mich für die Geld/Karte-Bahn entschieden. Man hatte mir nämlich bei der Autovermietung gesagt: auf keinen Fall Telepass! Geld/Karte war nicht Telepass. Also richtig!

 

Nein, falsch! Wieso falsch? Weil es eine Bahn nur für Karten gibt. Aber ich wollte doch flexibel sein, dachte mir, wenn die Karte nicht funktioniert, man weiß ja nie, was so ein Ding von einem denkt, wie ihr gerade zu Mute ist, wenn also die Karte nicht funktioniert, dann bezahle ich mit Geld. So dachte ich.

 

Ich hielt den Wagen vor dem Automaten. Lichter blinkten, Bildschirme leuchteten, und es gab allerlei Anweisungen akustischer und visueller Art, alles natürlich in Italienisch. Ein bisschen kann ich sogar, man muss aber langsam mit mir sprechen. Und die Maschine sprach schnell.

 

Ich wusste, dass ich die Kreditkarte eingeben musste. Aber wo? Es waren so viele Einschübe vorhanden! Ich bin ausgestiegen, denn ich musste das Monster genau betrachten. Ein Auto hielt schon hinter mir, blinkte und hupte: "Schnell, schnell! Frei lassen die Bahn!"

 

Schnell, schnell musste es also gehen. Ich betrachtete die Maschine mit Spannung. Bei dem Monster blinkte ein Licht besonders stark. Und es blinkte in grün. Das grüne Auge zwinkerte, einladend zum Handeln. Ich konnte ihm nicht widerstehen, konnte diese erwartungsvolle Begierde einfach nicht abweisen. Dort steckte ich meine Karte ein.

 

Natürlich war das wieder falsch! Das war nämlich das Loch für die Papiernoten. Die Karte wurde gesperrt und ging nicht mehr raus.

 

Glücklicherweise hatte ich vorher die Anweisungen gelesen, was man machen soll, wenn man die falsche Bahn wählt. Glücklicherweise war ich in Italien. Ich presste den roten Knopf, es erschien gleich ein sehr freundlicher und verständnisvoller Beamter, der die Sache regelte. Aber der Stress blieb bis in die Nacht hinein.

 

 

 

Automatik und Automation

 

Bei der ersten U-Bahnfahrt in Rom fing der Alptraum der Fahrkartenautomaten an und er blieb bis zur letzten Straßenbahnfahrt in Zürich.

 

Da standen wir vor einer solchen Maschine und waren verloren in der Vielfalt von Angebot und Nachfrage: Einzelfahrkarte, Mehrfahrtenkarte, Kurzstrecke, Rückfahrkarte, Tageskarte, Geldnoten, Münzen, Kreditkarte, zum Einstecken, zum Auflegen, Handy?

 

Nina Hagen singt in ihrem Punksong TV-Glotzer: Ich glotz‘ von Ost nach West, 2,5,4 / Ich kann mich gar nicht entscheiden. / Ist alles so schön bunt hier! / Ich glotz‘ TV. Thomas Bauer in Die Vereindeutigung der Welt, Reclam, 2018, schreibt dazu (leicht verändert): … in einer kapitalistischen Konsumgesellschaft wird das Wareangebot vielfältigerAber leben wir deshalb tatsächlich in einem Zeitalter der Vielfalt? Und dann zu dem Song: Nina Hagen hat … festgestellt, dass die Multiplikation der Fernsehprogramme nicht unbedingt eine Steigerung der inhaltlichen Vielfalt bedeuten muss. Scheinvielfalt?

 

Wir standen also vor dem Fahrkartenautomaten in Rom und entschieden uns für das einfachste und sicherste: Einzelfahrt und Münze. Wir gaben die Münzen ein, die Maschine spuckte sie wieder raus. Was war denn falsch mit unserem Geld? Bei dem zweiten Versuch hat ein Penner uns dabei geholfen, und hat das Rätsel gelöst. Er rieb die Münze an der Wand und gab sie wieder ein, und diesmal funktionierte es. Ich war ihm sehr dankbar und gab ihm einen Euro.

 

Eins der Vorwände, den die Automation benutzt um sich zu durchzusetzen, ist der Preis der Arbeitskraft. Aber scheinbar gelingt es ihr nicht, oder ist es nur Ironie des Lebens, dass ein Außenseiter erscheinen muss, um die Sache zu regeln? Er war nicht nur unsertwegen da. Nein, er war scheinbar gewohnt die unvermeidbaren Lücken der Automation zu füllen. Gerade er, der von der Automation ausgeschlossen wurde, musste ihr helfen sich durchzusetzen?

 

In Zürich geht es sogar so weit, dass bei den Haltestellen der Straßenbahnen, die Fahrkartenautomaten Bankkarten nur kontaktlos akzeptieren. Aber wie macht es einer so wie ich, der diese Funktion, wegen Sicherheit, aufgehoben hat. Ich, der mich dem allmächtigen Gott der Sicherheit, der ständig von unserem System hochgepriesen wird, gehorsam unterworfen habe, werde gerade deswegen von ihm bestraft?

 

(Übrigens, die Tatsache dass das Kontaktlose so bevorzugt wird, kann auch symbolisch gedeutet werden.)

 

Als ich meinen Schweizer Freund besuchen wollte, sagte er mir: Bahnhof Eschlikon, da sollte ich aussteigen. Ich habe also Eschlikon beim Fahrkartenautomaten am Bahnhof eingegeben. Auf dem Bildschirm erschienen vier oder fünf Alternativen. Nein, nein, falsche Folgerung: es handelte sich, wie wir sehen werden, alles um dasselbe Dorf, im selben Kanton.

 

Ich war verloren und wollte alles aufgeben, als ich mich erinnerte, dass am Hauptbahnhof Zürich es noch eine Stelle mit Menschen gibt. Es war nicht einfach dort bedient zu werden, denn ein Beamter stand, breit ausgebreitet, am Eingang des Zimmers, sperrte den Zugang und machte Musterung, um die Leute zurück zur Maschine zu schicken. Aber ich schaffte es doch, bekam die richtige Karte und eine Erklärung noch dazu. Die anderen Alternativen waren Bushaltestellen. Wie sollte ich wissen, dass ein Automat am Hauptbahnhof auch Fahrkarten für Busse verkauft? Wie sollte ich erkennen welches von Eschlikon I, II, III und IV der Bahnhof war?

 

Ich will hier keine Theorie machen, aber ein bisschen verallgemeinern muss ich schon. Jeder, der ein bisschen von Computern versteht, weiß, dass hinter der Maschine ein Programm steht. Ein Programm enthält eine Reihe von Anweisungen für eine gewisse Anzahl von Situationen, die die Maschine handhaben kann. Erhöht man diese Quantität, so erhöht man auch die Menge der Anweisungen und das Programm wird aufwendiger, langsamer und umständlicher. Um also praktisch und realistisch zu sein, kann die Maschine nur einige Möglichkeiten berücksichtigen. Die Maschine ist also ausschließend in ihrer Essenz, d.h., es gehört zu dem Kern der Automation, dass nur einige der möglichen Alternativen berücksichtigt werden können. Und wenn einer, so wie ich, alt, Ausländer und Außenseiter ist, dann ist er drei Mal ausgeschlossen!

 

(Interessant ist zu bemerken, dass es hier einen Paradox gibt: Die Realität ist unbegrenzt in der Vielfalt der Möglichkeiten, aber die Maschine, um realistisch zu sein, muss diese Vielfalt in Frage stellen.)

 

Folgende schwebenden Fragen lassen sich nicht vermeiden: Ist denn die Ablehnung der Automation nicht nur eine Altersfrage? Wird man, wenn man älter wird, nicht intolerant gegen die Innovation? Gibt es da nicht einen immanenten Widerspruch zwischen der Nova der Innovation und dem Alten?

 

Als ich darüber mit meinem Sohn sprach, antwortete er: Nein, ich empfinde es genauso wie Du. Dein Gift ist Dein Kampfmittel; benutze es aber nicht gegen Dich selbst! Vielleicht hat er dies gesagt, um freundlich zu sein, vielleicht auch weil er von mir schon angesteckt wurde. Jedenfalls will ich auf diese Problematik etwas näher eingehen.

 

Man kann natürlich immer das Subjektive herausstellen, man kann immer meinen, dass alles eine Sache der Subjektivität ist, dass die subjektiven Faktoren maßgebend in der Betrachtungsweise sind. Argumente, die diese Perspektive revidieren, kann ich nicht geben, und die Philosophie diskutiert diese Frage seit Jahrhunderten, ohne zu einem Schluss gekommen zu sein. Ich kann aber meinen Standpunkt klarstellen. Ich gehe davon aus, dass es das Objekt gibt, dass natürlich subjektive Faktoren Einfluss auf die Wahrnehmung haben, dass aber, Ausnahme ausgeschlossen, auch das Objekt an der Wahrheit teilnimmt, dass es auch einen Beitrag zum Zustandekommen einer Wahrheitsaussage leistet.

 

Der Alptraum der omnipräsenten und omnipotenten Maschinen begleitete uns während der ganzen Reise. Es gab Variationen über das Thema, manchmal hießen sie Google Maps, manchmal war es eine vollautomatisierte Benzinstation ohne eine lebende Seele. Ein Kapitel für sich sind die Selbstbedienungskassen. Sie können ein Hilfsmittel sein, um Schlangen zu vermeiden, aber bei einigen Supermarkts in Rom gab es nur diese Art von Kassen. Wo bleibt dann die Freiheit und das Recht mit Geld zu bezahlen?

 

Wie bereits gesagt, haben Maschinen ihre Regeln und Prozeduren, und man muss sich denen anpassen. Wenn es aber nur Maschinen gibt, oder besser, wenn es überwiegend Maschinen gibt, dann wird der Mensch immer mehr gezwungen sich den Maschinen anzupassen, und läuft die Gefahr selbst eine zu werden. Sieht man die Leute auf der Straße, ihre eintönigen Mienen und gleichförmige Ausdrücke, so ist es fast schon so weit. Mehrere Filme und Bücher haben sich mit diesem Thema befasst. Durch medizinische Eingriffe, Prothesen, Orthesen, Implantate, usw. wird der Mensch sowieso jedes Mal mehr zu einem Cyborg gemacht. Genügt das nicht? Müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse, Arbeitsbedingungen und das tägliche Leben noch nachhelfen? Oder hängt alles zusammen?

 

In Zürich gab es mehrere Bankfilialen nur mit Maschinen besetzt, ohne jegliches Personal. Ein Telefon war da, um Fragen zu beantworten und Hilfe zu leisten, aber ich habe mich gehütet es zu benutzen. Ich habe sehr wenig Geduld mit Telefonautomaten, und ich vermute, dass hinter dem Telefon wieder eine Maschine stand.

 

Hat man eine Standard-Frage, oder handelt es sich um eine Standard-Angelegenheit, so kann man wahrscheinlich, wenn alles funktionieren sollte, das Problem mit der Maschine lösen. Aber wenn es sich nicht um ein Standard-Problem handelt? Oder sollte man nur diese Art, oder vielleicht gar keine Probleme haben? Sollte man selbst zum Standard werden? Standard-Menschen haben wahrscheinlich nur Standard-Probleme.

 

Nicht zu vergessen sind die Parkuhren. Wie viele Typen es gibt, weiß ich nicht; wie viele Typen ich, während unserer Reise, kennengelernt habe, habe ich vergessen. Bei jeder Type musste man alles wieder von vorne anfangen. Sich vorstellen, die Wünsche erkunden; einige musste man mit Münzen füttern, andere akzeptierten nur Bankkarten; einige gaben ein Papier retour, dass man an der Windscheibe heften musste, bei anderen musste man die Autonummer eingeben. Diesen vielen Wünschen zu entsprechen, die Bedürfnisse zu befriedigen, da vergeht einem der Spaß!

 

Die hohe Anzahl an verschiedenartigen Maschinen, die uns heute bedienen, lassen ein weiteres Problem auftauchen: Die riesigen Investitionen, die notwendig sind, um die Automation aufrechtzuerhalten. Automation ist nämlich strikt mit Obsoleszenz verbunden, und diese verlangt, dass immer mehr Gelder zur Verfügung stehen. Weil es aber so viel Geld gar nicht gibt, erfolgt die Erneuerung nur partiell, und immer mehr Sorten von Maschinen bedienen uns (oder werden von uns bedient?). Mehr Sorten von Maschinen, mehr Regeln, mehr muss man lernen, um mit ihnen umzugehen. Sollte man sich nicht mal überlegen, wieviel Zeit wir täglich mit den Maschinen verlieren? Könnte diese Zeit nicht besser angewendet werden? Sollte man die Zeit nicht besser mit Menschen als mit Maschinen verbringen?

 

Auch das gemietete Auto war eine Nachtmahr. Anstatt einen Hebel, hatte es einen Knopf der die Handbremse betätigte, was ein stufenweises Anziehen und Loslassen der Bremse unmöglich machte. Aber wie macht man es bei einer Steigungen, wenn man ganz langsam rückwärtsfahren will? Ich will nicht sagen, dass es unmöglich ist, aber es muss erlernt werden. Und wenn man es endlich kann, dann ist die Reise schon zu Ende.

 

Ich habe nichts gegen die Technologie und den technischen Fortschritt. Ich selber habe Jahrzehntelang meinen Beitrag dazu geleistet. Aber nicht jeder Fortschritt ist gut, nicht jede neuerfundene Technologie führt zur Verbesserung der Lebensqualität. Dies ist ein kompliziertes Problem, und ich glaube es ist hier nicht der geeignete Platz, um weiter darauf einzugehen. Aber einiges will ich doch dazu sagen.

 

Ein Messer kann zum Ermorden, kann aber auch zum Brotschneiden benutzt werden. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass es sich um ein Messer, dass zum Ermorden benutzt werden kann, handelt. Ein Messer ist keine Orgel. Jemand mit einer Orgel zu ermorden ist möglich, ist aber schwieriger. Dies ist der erste wichtige Punkt.

 

Es ist wichtig zu wissen, wie eine gewisse Technologie benutzt wird, es ist aber auch wichtig zu wissen wie eine Technologie benutzt werden kann. Die Technologie-an-sich ist nicht neutral, sie enthält gewisse Tendenzen, lässt Richtungen, in der sie angewendet werden kann, erkennen, eignet sich mehr oder weniger zu einer gewissen Handlung, erlaubt mehr oder weniger Verzerrung.

 

Man sollte zusätzlich untersuchen, wer an der Spitze eines solches Unternehmens steht, denn dies erlaubt etwas über die Interessen, die bevorzugt werden, zu schließen; wer am meisten Nutzen daraus zieht und zu wessen Gunsten es geschaffen wurde. In dem gegebenen Beispiel ist es wichtig zu wissen, in welchen Händen sich das Messer befindet, denn dies ermöglicht vorauszusehen ob es zum Erstechen oder zum Brotschneiden benutzt wird.

 

 

 

Der schönste Tag der Reise

 

Der schönste Tag der Reise war ein Besuch bei meinem Schweizer Freund in der Umgebung von Zürich. Wir kennen uns seit mehr als fünfzig Jahren. Damals, Anfang der Siebziger, teilten wir eine Kabine auf dem Schiff, das ihn zurück und mich neu nach Europa brachte. Wir stiegen  in Genua aus, und ich bekam die ersten Überlebenslektionen: Wie man Touristenfallen vermeidet, preiswertig isst und billig übernachtet. Natürlich endeten wir im  Rotlichtviertel.

 

Ein paar Jahre später haben wir eine dreitägige Wanderung durch den Tessin, auf der Suche nach dem Rätoromanischen, gemacht. Unvergesslich waren die Übernachtungen im Heu sowie die Überquerung eines kleines Baches, bei der ich einen Schuh verlor. Ich musste dann Barfuß zu dem nächsten Dorf laufen. Was mich nicht umbringt, macht mich stärker sagte Friederich Nietzsche. Nietzsche ist für mich kein Vorbild, aber es stimmt, dass das Unglück auch eine gute Seite hat: Es bereichert das Leben mit Erfahrung und Erinnerungen.

 

Nein, diesmal sprachen wir nicht über die Vergangenheit. Sie war allgegenwärtig in den wohltuenden Mienen, gütige Blicke und milde Gesten die uns begleiteten. Wir konnten also von der Zukunft sprechen. Ich habe meine Klagemauer errichtet, und da ich am Ende meiner Europareise war, habe ich das Überlaufene und das Überrumpelnde der Modernität erwähnt.

 

Und wie ist es in Brasilien, ist es denn so viel anders? war die logische Frage meines Freundes. Nein, in Brasilien ist es auch nicht viel anders. Aber es ist noch nicht so schlimm. Z.B. bei Autobahnen wird die Mautgebühr noch durch Menschen kassiert. Selbstbedienungstankstellen gibt es nicht, noch nicht, sollte ich lieber sagen.

 

Ich ging weiter mit dem Vergleich. Maschinen haben  ihre Regeln. Kennt man die Regeln, so kann man mit ihnen umgehen. Ist man aber in einem fremden Land, so sind auch die Regeln uns fremd. Ein weiterer Punkt sind die Umstände in denen man lebt. In Brasilien lebe ich auf einer Insel, d.h., ich vermeide Maschinen, soweit es mir möglich ist. Aber wenn man eine Reise unternimmt, so muss man die Insel verlassen und sich in die Strömung (Mainstream) werfen.

 

So ungefähr lief unser Gespräch. Klagemauer abgesehen, oder vielleicht gerade deswegen, wir haben schöne Stunden verbracht. Wir saßen im Garten, inmitten einer Päonien Pracht, bei friedlichen Gespräch. Die wohltuende Mienen, gütige Blicke und milde Gesten pointierten die Harmonie. Und doch haben wir diskutiert, hart diskutiert, hart aber freundschaftlich. Und doch gab es Meinungsunterschiede, aber gerade die Unterschiede ergeben die Farbenpracht.

 

Wir besichtigten das alte Haus, halb Wohnung, halb Werkstadt, alles vollgestopft mit Büchern, die nur dafür da sind, damit die Katzen es bequem haben, und einen geeigneten Schlupfwinkel finden können.

 

Erlaubt sei mir ein abgegriffenes Klischee, eine Binsenwahrheit. Aber wenn es stimmt, wenn es zutrifft, warum denn nicht? Man braucht so wenig, um glücklich zu sein.

 

 

 

Nachwort

 

Als ich die letzte Zeile des letzten Kapitels erreichte, war ich etwas unzufrieden. Das Ende ist ein abgetragenes Klischee, das sage ich ja selbst, dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass es sich um ein abgetragenes Klischee handelt. Ja, aber es passt sehr gut zu dem Text, es stimmt, es ist Wahrheit. Es ist aber nur eine Binsenwahrheit.

 

Was sollte ich machen? Ich überlegte und überlegte. Über die kleine Reise, habe ich gesagt, was ich zu sagen habe. Mehr will ich nicht sagen, denn zu dem Trivialen, was und wo ich gegessen habe, was ich alles sah, die Museen und Kirchen die ich besuchte, darüber will ich nicht schreiben, das ist kein Anreiz, und was mich nicht reizt, das interessiert mich nicht.

 

Da erinnerte ich mich, dass wenn einer nichts zu sagen hat, er darüber sprechen soll. Diesen Trick habe ich hier, mit dem letzten Satz, enthüllt, es ist also jetzt nur noch ein Trick, ich kann ihn also nicht mehr benutzen.

 

Selbstkritik? Ja, das wäre tatsächlich eine Lösung. Selbstkritik ist natürlich nur eine unter den unendlich vielen Arten der Kritik, eine ganz besondere, eine ganz raffinierte, aber trotzdem, es ist Kritik, es ist angebracht, und es würde mir ermöglichen einiges mehr über die Arbeit zu sagen. Ich erinnerte mich aber an Wilhelm Busch:

 

Die Selbstkritik hat viel für sich.

Gesetzt den Fall, ich tadle mich,

So hab' ich erstens den Gewinn,

Daß ich so hübsch bescheiden bin;

 

Zum zweiten denken sich die Leut,

Der Mann ist lauter Redlichkeit;

Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen

Vorweg den andern Kritiküssen;

 

Und viertens hoff' ich außerdem

Auf Widerspruch, der mir genehm.

So kommt es denn zuletzt heraus,

Daß ich ein ganz famoses Haus.            

 

(Kopiert aus www.aphorismen.de)

 

So war auch dieser Weg für mich gesperrt!

 

Da kam ich auf einen Gedanken, den ich vor kurzem gehabt habe. Das Leben ist voll von Kunstgriffen, die man verwendet, um es meistern zu können. Wird man aber älter, so lernt man sich von diesen Kniffen zu befreien, erstens weil man sie nicht mehr nötig hat, zweitens weil sie uns zur Last fallen. Natürlich fallen sie uns zur Last, weil man sie nicht mehr nötig hat.

 

Hat man sich also endlich von allen diesen Künstlichkeiten befreit, so kommt man zu der letzten Lektion: ohne Kunstgriffen lässt es sich gar nicht leben!

 

Somit habe ich wieder den Grundton erreicht, somit bin ich wieder beim Anfangsthema. Es herrscht nochmals Geschlossenheit. Ich kann die Arbeit schließen.

 

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