Liebe Bettina,
Ich denke täglich an den Brief den ich dir schreiben sollte und doch, seit
meiner Ankunft in Rio bin ich noch nicht dazu gekommen. Na ja, Zeit wäre schon
da gewesen, aber nur für eine Postkarte und ich wollte einen schönen, grossen
Brief schreiben und nicht nur dir mitteilen das der Himmel immer blau und die
Hitze gross sind. Denn das weisst du ja schon.
Nun zuerst die Hitze. Gehe mal im botanischen Garten in München, suche dir
das heisseste und feuchteste Treibhaus aus. Mal dir ein paar Berge rings herum
und denke an das Meer, das brausende, das duftende, das unendliche. Da hast du
Rio. Jetzt im Januar ist es tatsächlich sehr heiss, und, noch schlimmer, es ist
furchtbar feucht. Man bleibt überall kleben, meistens an sich selbst. Die
Finger kleben in den Hosentaschen, das Haar klebt an der Stirn und sogar die
Gedanken kleben irgendwo im Gehirn und wollen nicht runter fallen aufs Papier.
Nun, hat man sich daran gewöhnt dann ist es doch nicht so schlimm. Der Himmel
ist meistens blau, alles ist grün und farbig, ich laufe immer in kurzen Hosen
und Sandalen und man badet ständig in Luft, die einen durchtränkt und durchläuft.
Die Luft, die Hitze und die Feuchtigkeit verbinden alles, Menschen, Berge,
Bäume, und das Meer. Man verschmilzt sich mit der Aussenwelt, man wird eins mit
ihr.
Ich bin traurig. Bin nicht deprimiert und nicht einmal schrecklich traurig.
Nur eine leichte, sanfte Melancholie will mich nicht verlassen seit ich hier
angekommen bin. Ich weiss nicht einmal richtig warum. Meine Eltern sind sehr
nett zu mir, wir verstehen uns gut, meine Schwester ist da und in der Familie
läuft alles gut. Auch mit der Arbeit klappt alles. Mein Chef ist reizend, ich
habe ein Arbeitszimmer nur für mich, habe Freiheit, kann kommen und gehen wann
ich will, das Gehalt ist mehr als ausreichend und man hat mir sogar den vorigen
Monat bezahlt.
Die Melancholie ist produktiv, mindestens bei mir. Ich denke viel, fühle
mehr und kann es dann auch meistens gut ausdrücken. In dieser Hinsicht habe ich
meine Produktivität verschwendet. Habe nichts geschrieben, obwohl mir manches
doch so im Kopf herumgegangen ist. Dies ist vielleicht einer der Ursachen
meiner Melancholie. Viel gefühlt, einiges gedacht und doch nichts damit
gemacht, nichts festes, konkretes, bleibendes, kein Stückchen Ewigkeit. Es
bleibt nur Luft und Leere. Die Zeit schlägt weiter, man stirbt ein bisschen
jeden Tag und es bleibt nicht einmal die Spur die vielleicht einmal Erinnerung
sein könnte. Es ist als ob nichts gewesen wäre und dies schmerzt.
* * *
Drei Tag sind vergangen seit ich über die Ewigkeit geschrieben habe. Ich
hoffe dieser Brief zieht sich nicht in die Ewigkeit hin aber ich möchte mir die
Zeit nehmen um das zu sagen was ich sagen möchte. Ich will nicht hetzen und
nicht unter Druck stehen. In Ruhe und entspannt soll alles ausfliessen was ausfliessen
will und vielleicht dies bisschen Melancholie verursacht.
Wenn ich etwas nachdenke und nachfühle so sehe ich mehrere Ursachen für die
Melancholie. Erstmals ist das Abenteuer zu Ende. Es waren fünf schöne Jahre obwohl
es Momente des Schmerzes und des Leidens gab. Es waren fünf Jahre voller
Abwechslung, Jahre ohne feste Bleibe, ohne Sicherheit. Und ich habe einen
gewissen Geschmack dafür bekommen, habe gelernt auch etwas Schönes an so ein
Leben zu finden. Ich habe ein bisschen ein Zigeunerleben geführt, ohne genau zu
wissen ob ich noch ein, zwei oder zwölf Monate bleiben würde. Ich wusste aber
sicher dass es nicht für immer war und das war ein Trost.
Nun sitze ich hier auf heiss-feuchtem Lande und wage nicht wieder mir
dieselben Ausreden zu geben, mir wieder Illusionen zu machen. Das halts aus, bald hast du es hinter dir, und das nur noch ein paar Monate ist zu wirklichkeitsfremd als dass ich
mich damit täuschen könnte. Jetzt kann es für immer sein und dieser Gedanke ist
mir fast unerträglich.
Während der letzten Jahre hat mich hauptsächlich ein Gedanke beschäftig,
die Beendigung des Studiums. Die weitere Zukunft blieb ein verschwommenes,
geheimnisvolles Ziel. Nun habe ich das Geschenk bekommen, es liegt auf meinen
Schoss, aber ich wage nicht es aufzumachen, weiss nicht richtig was ich damit
anfangen soll. Ich wollte den Blick nicht zu weit setzen um nicht den Mut zu
verlieren. Jetzt habe ich eine Strecke hinter mir. Was folgt? Wohin? Wie weit?
Es gibt noch weitere Gründe für die Traurigkeit. Ich bin jetzt weit von
allem Weltgeschehen, weit von der Weltpolitik. Ich habe Angst mein Gehirn
staubt ein und einige mich interessierende Themen rücken in den Nebel der Vergessenheit.
Politik und Kultur sind hier in einen desolaten Zustand. Politik, weil das
System seine eigene hat und diese nur halten kann solange sie die einzige ist.
Kultur, weil es schwierig ist Kultur ohne Politik zu machen. Weil das Verbieten
einiger Themen gleichzusetzen ist mit dem Zudrehen der Quellen aus denen die
Kultur fliessen kann. Theater, Filme und Bücher haben ständig mit der Zensur zu
kämpfen und auch in den grossen Tageszeitungen sind nur wenige Themen erlaubt. Ferner
hat das System eine gewisse Mentalität im Menschen entwickelt die mir fremd
ist. Es herrschen die Aggressivität, der Konsum und die Geldgier. Es gilt das
Urwald Gesetz, fressen oder gefressen werden.
Dazu muss noch gesagt werden dass ich nicht die genügende Distanz habe um
alles mit einem Lächeln zu betrachten. Ich bin kein Zuschauer mehr wie ich es
in Deutschland war. Ich spiele hier mit. Es ist mir alles auch zu bekannt als
dass sich bei mir die Einstellung des kennen
lernen oder des interessant finden
durchsetzen könnte. Ich sehe alles zu nüchtern, zu objektiv, ohne den Schleier
der Phantasie die alles viel leichter machen würde.
Und doch war es richtig dass ich zurück kam und ich bin nicht so
unzufrieden wie es aus diesem Brief erscheinen mag. Ich mache mir viel Hoffnung
mit der Arbeit und meine beruflichen Möglichkeiten sind tausendmal besser als
irgendwo anders. Mit der Zeit hoffe ich auch dass menschliche Kontakte für mich
leichter und ergiebiger werden und vielleicht ändert sich sogar das System
eines Tages.
Ich habe angefangen mit dem Herzen zu schreiben und merke auf einmal dass
nur noch der Kopf spricht. Ich wollte etwas Schönes schreiben und merke dass es
nur Analyse wurde.
Ich habe dich ein bisschen vergessen und wenn das schon schlimm genug ist,
so möchte ich etwas schlimmeres vermeiden, nämlich, die Lüge. Ehrlichkeit ist
der Grundsatz jeder echten Freundschaft und da ich diese gerne erhalten würde,
möchte ich vor allem ehrlich sein.
Ich habe dich ein bisschen vergessen. Nur ein bisschen. Ich erinnere noch
öfters Gespräche die wir gehabt haben, ein oder anderer Satz von dir fällt mir
ein, sowie Sachen die wir gemeinsam unternommen haben. Auch abends wenn ich ins
Bett gehe, schlafe ich fast immer mit dir ein und wache mit dir auf. Ich seufze
aber nicht mehr, es schmerzt nicht mehr und auch die Sehnsucht ist seltener
geworden. Was den Kopf betrifft so fühle ich dich als Freundin wie zuvor. Nur
das Herz, die Gefühle sind etwas eingeschlafen. Du bist zu weit, zu abstrakt,
zu unwahrscheinlich geworden. Nur als ich dein erster Brief lass ist mir alles
bewusster geworden und Sehnsucht und Schmerz waren so gross dass ich ihn nicht
zu Ende lesen konnte.
In den letzten Wochen ist so viel passiert, dass es kein Wunder ist dass
ich nicht immer an dich denken konnte. Wie ich in Genua angekommen bin habe ich
dir ja schon erzählt. Gepäck und der ganze Kram warteten schon auf mich. Den
Sonntag habe ich benutzt um die Stadt nochmals zu besichtigen und ich war früh
im Bett. Der darauf folgende Montag sollte zu Hetzerei werden denn ich musste
die bürokratischen Formalitäten vom Schiff erledigen, Kisten einladen, usw.
Nun fing die Reise an, erst durchs grüne Mittelmeer, dann durch den
dunkelblauen Atlantik. Zwölf Tage Meer, ununterbrochen Meer, mit zwei kleinen
Unterbrechungen, Barcelona und Lissabon. Bei der Hinreise war es die Begrüssung,
jetzt nahm Europa Abschied von mir. Portugal, halb Europa, halb Brasilien war
die letzte Station. Wir sahen manchmal Land, die Küste Frankreichs, die Insel
Fernando de Noronha und endlich die Küste Brasiliens, manchmal Schiffe und
manchmal Fische. Alles andere war blau, blaues Wasser, blauer Himmel.
Am Anfang habe ich versucht mich zu isolieren. Bin hinauf zu den Decks der
ersten Klasse geflüchtet, wo ich ganz allein sein konnte. Denn die überfüllte
Touristenklasse war ein schrecklicher Rummelplatz wo man nirgends alleine sein
konnte, nirgends Ruhe hatte. Oben in der ersten Klasse lass ich viel, habe
Antigone von Anouilh fertig gelesen, zweihundert Seiten Hundejahre von Grass,
habe etwas studiert und auch Zeit für Gedanken gehabt. Habe sogar einiges
geschrieben. Ich hatte mir nämlich die Aufgabe gesetzt, die fünf Jahre in
Gedanken nochmals zu durchlaufen, Schlüsse ziehen, eine Zusammenfassung machen,
mich auf Brasilien und die neuen Zeiten vorzubereiten.
Dann hat mich der Rummelplatz immer mehr angezogen. Man machte
Bekanntschaften, man wechselte Blicke, spürte Abenteuer, man wollte tanzen und
lachen. Mit der wachsenden Wärme der Tropen wurde auch das Leben im Schiff
heiterer und am Ende blieben nur wenige Stunden für die einsamen Decks der
ersten Klasse. Und ich merke erst jetzt dass unter den Ursachen meiner
Melancholie, ich eine sehr wichtige vergessen habe, nämlich die Sehnsucht und
Traurigkeit die das Ende der Schiffsreise mit sich gebracht hat.
Nun waren wir endlich in Rio. Gepäck raus, Kisten ausladen, Kisten auf,
Zoll, Kisten wieder zu, nach Hause, auspacken und dann wieder einpacken, denn
in meinem Zimmer ist kein Platz für alles. Die nächsten Tage war ich bei meiner
Arbeit, habe Dokumente besorgt und Erfahrungen mit der hiesigen Bürokratie
gesammelt. Jetzt ist fast alles geregelt.
Mein Roman nähert sich seinem Ende. Als Absicht hatte ich einen schönen
Brief zu schreiben. Leider ist daraus nicht viel geworden. Dafür wäre erstens
ein besseres Deutsch notwendig und zweitens fehlt mir die innere Ruhe. Auch
stört mich der Gedanke dass du, schon mehr als drei Wochen einen Brief von mir
erwartest.
Deine zwei Briefe habe ich bekommen. Besonders der erste, wo mehr
Empfindungen stehen, hat mir gefallen. Mit einiges was du sagst bin ich nicht
einverstanden. Ich glaube nicht dass du mir gegenüber zu wenige Gefühle gezeigt
hast. Ich weiss ganz genau wie gern du mich gehabt hast und ich würde von
keiner Frau mehr Liebe erwarten. Dass du auf Unerwartetes und Ungewöhntes mit
Angst und Abwehr reagierst, das stimmt. Ich glaube aber nicht dass Starre und
Unduldsamkeit daran schuld sind. Im Gegenteil, ich fand dich immer sehr tolerant
und es gehört eine ganze Menge Geduld um meine impulsive, kategorische und
etwas heftige Art auszuhalten.
Ich halte es für zwecklos andere Menschen an grundsätzliches zu
kritisieren. Dies ist meistens destruktiv denn es ist sehr schwierig tief
verwurzelte Eigenschaften zu verändern. Meistens setzt dann der Kritisierte
eine Maske auf die an einigen Punkten etwas besser aussieht, aber diese
Situation hält nicht lange und eines Tages erscheint wieder das wirkliche
Gesicht. Man muss einen Menschen akzeptieren oder man akzeptiert ihn nicht. Und
dies steht in enger Beziehung mit dem Freundschaftsgrad, d.h. bei einem guten
Freund kann weniger akzeptiert werden als bei einer oberflächlichen
Bekanntschaft.
Natürlich haben mich einige Sachen an dir gestört. Das hängt aber weniger
an dir als an dem Kulturrahmen in dem du lebst, zusammen. Mich stören
hauptsächlich die Verschlossenheit und der Individualismus. Das Moment der
vollen Hingabe muss es geben. Nicht jeden gegenüber und nicht in jeder
Situation, aber es müssen Momente der Leidenschaft geben in denen man sich
Menschen, Ideen oder Gefühle völlig öffnet, auch unter dem Risiko der
Auslieferung und der Preisgabe. Wer darauf verzichtet weil er den Preis zu
hoch, die Chancen zu klein findet, weil er nicht bereit ist seine kleine Welt,
sein Kram, sein vorgetäuschtes Gleichgewicht dafür zu opfern, der wird aus der
Mittelmässigkeit nie heraus kommen, der wird nie die Momente erfahren für die
es sich lohnt zu leben.
Es mag widersprüchlich erscheinen aber auch ich bin ein wenig dieser kleine,
mittelmäßige und ängstliche Mensch und gerade deswegen stören mich diese
Merkmale. Auch ich bin der der nicht viel wagt, der immer versucht sich
abzusichern. Im Grunde bin ich eine gespaltene Persönlichkeit. Es lebt in mir
ein Träumer, ein Romantiker. Es lebt ein Kämpfer. Und die Pläne dieser beiden
werden unterdrückt von dem dritten, der Gutbürgerliche, der Vernünftige, der
Gemässigte. Ich kann sehr gut die Wut der ersten zwei gegen den dritten fühlen
und mit Angst wünsche ich mir, dass mindestens einmal im Leben eins der ersten
beiden gewinnt. Vielleicht aber siegt der Dritte in solch einer Weise das bald
nicht einmal die Wut der zwei zu hören sein wird. Dann werden nur Bemerkungen
aus dem Alltag kommen.
Ich glaube ich habe jetzt den Punkt erreicht in dem ich diesen Brief
schliessen kann. Es ist nichts mehr da was ich dir unbedingt sagen müsste. Erwarte
nicht zu viel von mir, auch nichts zu grosses oder gutes. Erwarte auch nicht zu
häufige Briefe. Es soll kommen das was kommen will. Eins sei sicher. Ich will
weiter ein Freund von dir sein, ein grosser, ein lieber. Und ich küsse dich
sehr und lange, und zärtlich und leidenschaftlich und noch einmal, und noch
einmal…
Claudio
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