Freitag, 12. Januar 2018

Abschied von München (IV) - Bettina - Über alle sieben Meere




Liebe Bettina,

Ich denke täglich an den Brief den ich dir schreiben sollte und doch, seit meiner Ankunft in Rio bin ich noch nicht dazu gekommen. Na ja, Zeit wäre schon da gewesen, aber nur für eine Postkarte und ich wollte einen schönen, grossen Brief schreiben und nicht nur dir mitteilen das der Himmel immer blau und die Hitze gross sind. Denn das weisst du ja schon.

Nun zuerst die Hitze. Gehe mal im botanischen Garten in München, suche dir das heisseste und feuchteste Treibhaus aus. Mal dir ein paar Berge rings herum und denke an das Meer, das brausende, das duftende, das unendliche. Da hast du Rio. Jetzt im Januar ist es tatsächlich sehr heiss, und, noch schlimmer, es ist furchtbar feucht. Man bleibt überall kleben, meistens an sich selbst. Die Finger kleben in den Hosentaschen, das Haar klebt an der Stirn und sogar die Gedanken kleben irgendwo im Gehirn und wollen nicht runter fallen aufs Papier.

Nun, hat man sich daran gewöhnt dann ist es doch nicht so schlimm. Der Himmel ist meistens blau, alles ist grün und farbig, ich laufe immer in kurzen Hosen und Sandalen und man badet ständig in Luft, die einen durchtränkt und durchläuft. Die Luft, die Hitze und die Feuchtigkeit verbinden alles, Menschen, Berge, Bäume, und das Meer. Man verschmilzt sich mit der Aussenwelt, man wird eins mit ihr.

Ich bin traurig. Bin nicht deprimiert und nicht einmal schrecklich traurig. Nur eine leichte, sanfte Melancholie will mich nicht verlassen seit ich hier angekommen bin. Ich weiss nicht einmal richtig warum. Meine Eltern sind sehr nett zu mir, wir verstehen uns gut, meine Schwester ist da und in der Familie läuft alles gut. Auch mit der Arbeit klappt alles. Mein Chef ist reizend, ich habe ein Arbeitszimmer nur für mich, habe Freiheit, kann kommen und gehen wann ich will, das Gehalt ist mehr als ausreichend und man hat mir sogar den vorigen Monat bezahlt.

Die Melancholie ist produktiv, mindestens bei mir. Ich denke viel, fühle mehr und kann es dann auch meistens gut ausdrücken. In dieser Hinsicht habe ich meine Produktivität verschwendet. Habe nichts geschrieben, obwohl mir manches doch so im Kopf herumgegangen ist. Dies ist vielleicht einer der Ursachen meiner Melancholie. Viel gefühlt, einiges gedacht und doch nichts damit gemacht, nichts festes, konkretes, bleibendes, kein Stückchen Ewigkeit. Es bleibt nur Luft und Leere. Die Zeit schlägt weiter, man stirbt ein bisschen jeden Tag und es bleibt nicht einmal die Spur die vielleicht einmal Erinnerung sein könnte. Es ist als ob nichts gewesen wäre und dies schmerzt.

* * *

Drei Tag sind vergangen seit ich über die Ewigkeit geschrieben habe. Ich hoffe dieser Brief zieht sich nicht in die Ewigkeit hin aber ich möchte mir die Zeit nehmen um das zu sagen was ich sagen möchte. Ich will nicht hetzen und nicht unter Druck stehen. In Ruhe und entspannt soll alles ausfliessen was ausfliessen will und vielleicht dies bisschen Melancholie verursacht.

Wenn ich etwas nachdenke und nachfühle so sehe ich mehrere Ursachen für die Melancholie. Erstmals ist das Abenteuer zu Ende. Es waren fünf schöne Jahre obwohl es Momente des Schmerzes und des Leidens gab. Es waren fünf Jahre voller Abwechslung, Jahre ohne feste Bleibe, ohne Sicherheit. Und ich habe einen gewissen Geschmack dafür bekommen, habe gelernt auch etwas Schönes an so ein Leben zu finden. Ich habe ein bisschen ein Zigeunerleben geführt, ohne genau zu wissen ob ich noch ein, zwei oder zwölf Monate bleiben würde. Ich wusste aber sicher dass es nicht für immer war und das war ein Trost.

Nun sitze ich hier auf heiss-feuchtem Lande und wage nicht wieder mir dieselben Ausreden zu geben, mir wieder Illusionen zu machen. Das halts aus, bald hast du es hinter dir, und das nur noch ein paar Monate ist zu wirklichkeitsfremd als dass ich mich damit täuschen könnte. Jetzt kann es für immer sein und dieser Gedanke ist mir fast unerträglich.

Während der letzten Jahre hat mich hauptsächlich ein Gedanke beschäftig, die Beendigung des Studiums. Die weitere Zukunft blieb ein verschwommenes, geheimnisvolles Ziel. Nun habe ich das Geschenk bekommen, es liegt auf meinen Schoss, aber ich wage nicht es aufzumachen, weiss nicht richtig was ich damit anfangen soll. Ich wollte den Blick nicht zu weit setzen um nicht den Mut zu verlieren. Jetzt habe ich eine Strecke hinter mir. Was folgt? Wohin? Wie weit?

Es gibt noch weitere Gründe für die Traurigkeit. Ich bin jetzt weit von allem Weltgeschehen, weit von der Weltpolitik. Ich habe Angst mein Gehirn staubt ein und einige mich interessierende Themen rücken in den Nebel der Vergessenheit. Politik und Kultur sind hier in einen desolaten Zustand. Politik, weil das System seine eigene hat und diese nur halten kann solange sie die einzige ist. Kultur, weil es schwierig ist Kultur ohne Politik zu machen. Weil das Verbieten einiger Themen gleichzusetzen ist mit dem Zudrehen der Quellen aus denen die Kultur fliessen kann. Theater, Filme und Bücher haben ständig mit der Zensur zu kämpfen und auch in den grossen Tageszeitungen sind nur wenige Themen erlaubt. Ferner hat das System eine gewisse Mentalität im Menschen entwickelt die mir fremd ist. Es herrschen die Aggressivität, der Konsum und die Geldgier. Es gilt das Urwald Gesetz, fressen oder gefressen werden.

Dazu muss noch gesagt werden dass ich nicht die genügende Distanz habe um alles mit einem Lächeln zu betrachten. Ich bin kein Zuschauer mehr wie ich es in Deutschland war. Ich spiele hier mit. Es ist mir alles auch zu bekannt als dass sich bei mir die Einstellung des kennen lernen oder des interessant finden durchsetzen könnte. Ich sehe alles zu nüchtern, zu objektiv, ohne den Schleier der Phantasie die alles viel leichter machen würde.

Und doch war es richtig dass ich zurück kam und ich bin nicht so unzufrieden wie es aus diesem Brief erscheinen mag. Ich mache mir viel Hoffnung mit der Arbeit und meine beruflichen Möglichkeiten sind tausendmal besser als irgendwo anders. Mit der Zeit hoffe ich auch dass menschliche Kontakte für mich leichter und ergiebiger werden und vielleicht ändert sich sogar das System eines Tages.

Ich habe angefangen mit dem Herzen zu schreiben und merke auf einmal dass nur noch der Kopf spricht. Ich wollte etwas Schönes schreiben und merke dass es nur Analyse wurde.

Ich habe dich ein bisschen vergessen und wenn das schon schlimm genug ist, so möchte ich etwas schlimmeres vermeiden, nämlich, die Lüge. Ehrlichkeit ist der Grundsatz jeder echten Freundschaft und da ich diese gerne erhalten würde, möchte ich vor allem ehrlich sein.

Ich habe dich ein bisschen vergessen. Nur ein bisschen. Ich erinnere noch öfters Gespräche die wir gehabt haben, ein oder anderer Satz von dir fällt mir ein, sowie Sachen die wir gemeinsam unternommen haben. Auch abends wenn ich ins Bett gehe, schlafe ich fast immer mit dir ein und wache mit dir auf. Ich seufze aber nicht mehr, es schmerzt nicht mehr und auch die Sehnsucht ist seltener geworden. Was den Kopf betrifft so fühle ich dich als Freundin wie zuvor. Nur das Herz, die Gefühle sind etwas eingeschlafen. Du bist zu weit, zu abstrakt, zu unwahrscheinlich geworden. Nur als ich dein erster Brief lass ist mir alles bewusster geworden und Sehnsucht und Schmerz waren so gross dass ich ihn nicht zu Ende lesen konnte.

In den letzten Wochen ist so viel passiert, dass es kein Wunder ist dass ich nicht immer an dich denken konnte. Wie ich in Genua angekommen bin habe ich dir ja schon erzählt. Gepäck und der ganze Kram warteten schon auf mich. Den Sonntag habe ich benutzt um die Stadt nochmals zu besichtigen und ich war früh im Bett. Der darauf folgende Montag sollte zu Hetzerei werden denn ich musste die bürokratischen Formalitäten vom Schiff erledigen, Kisten einladen, usw.

Nun fing die Reise an, erst durchs grüne Mittelmeer, dann durch den dunkelblauen Atlantik. Zwölf Tage Meer, ununterbrochen Meer, mit zwei kleinen Unterbrechungen, Barcelona und Lissabon. Bei der Hinreise war es die Begrüssung, jetzt nahm Europa Abschied von mir. Portugal, halb Europa, halb Brasilien war die letzte Station. Wir sahen manchmal Land, die Küste Frankreichs, die Insel Fernando de Noronha und endlich die Küste Brasiliens, manchmal Schiffe und manchmal Fische. Alles andere war blau, blaues Wasser, blauer Himmel.

Am Anfang habe ich versucht mich zu isolieren. Bin hinauf zu den Decks der ersten Klasse geflüchtet, wo ich ganz allein sein konnte. Denn die überfüllte Touristenklasse war ein schrecklicher Rummelplatz wo man nirgends alleine sein konnte, nirgends Ruhe hatte. Oben in der ersten Klasse lass ich viel, habe Antigone von Anouilh fertig gelesen, zweihundert Seiten Hundejahre von Grass, habe etwas studiert und auch Zeit für Gedanken gehabt. Habe sogar einiges geschrieben. Ich hatte mir nämlich die Aufgabe gesetzt, die fünf Jahre in Gedanken nochmals zu durchlaufen, Schlüsse ziehen, eine Zusammenfassung machen, mich auf Brasilien und die neuen Zeiten vorzubereiten.

Dann hat mich der Rummelplatz immer mehr angezogen. Man machte Bekanntschaften, man wechselte Blicke, spürte Abenteuer, man wollte tanzen und lachen. Mit der wachsenden Wärme der Tropen wurde auch das Leben im Schiff heiterer und am Ende blieben nur wenige Stunden für die einsamen Decks der ersten Klasse. Und ich merke erst jetzt dass unter den Ursachen meiner Melancholie, ich eine sehr wichtige vergessen habe, nämlich die Sehnsucht und Traurigkeit die das Ende der Schiffsreise mit sich gebracht hat.

Nun waren wir endlich in Rio. Gepäck raus, Kisten ausladen, Kisten auf, Zoll, Kisten wieder zu, nach Hause, auspacken und dann wieder einpacken, denn in meinem Zimmer ist kein Platz für alles. Die nächsten Tage war ich bei meiner Arbeit, habe Dokumente besorgt und Erfahrungen mit der hiesigen Bürokratie gesammelt. Jetzt ist fast alles geregelt.

Mein Roman nähert sich seinem Ende. Als Absicht hatte ich einen schönen Brief zu schreiben. Leider ist daraus nicht viel geworden. Dafür wäre erstens ein besseres Deutsch notwendig und zweitens fehlt mir die innere Ruhe. Auch stört mich der Gedanke dass du, schon mehr als drei Wochen einen Brief von mir erwartest.

Deine zwei Briefe habe ich bekommen. Besonders der erste, wo mehr Empfindungen stehen, hat mir gefallen. Mit einiges was du sagst bin ich nicht einverstanden. Ich glaube nicht dass du mir gegenüber zu wenige Gefühle gezeigt hast. Ich weiss ganz genau wie gern du mich gehabt hast und ich würde von keiner Frau mehr Liebe erwarten. Dass du auf Unerwartetes und Ungewöhntes mit Angst und Abwehr reagierst, das stimmt. Ich glaube aber nicht dass Starre und Unduldsamkeit daran schuld sind. Im Gegenteil, ich fand dich immer sehr tolerant und es gehört eine ganze Menge Geduld um meine impulsive, kategorische und etwas heftige Art auszuhalten.

Ich halte es für zwecklos andere Menschen an grundsätzliches zu kritisieren. Dies ist meistens destruktiv denn es ist sehr schwierig tief verwurzelte Eigenschaften zu verändern. Meistens setzt dann der Kritisierte eine Maske auf die an einigen Punkten etwas besser aussieht, aber diese Situation hält nicht lange und eines Tages erscheint wieder das wirkliche Gesicht. Man muss einen Menschen akzeptieren oder man akzeptiert ihn nicht. Und dies steht in enger Beziehung mit dem Freundschaftsgrad, d.h. bei einem guten Freund kann weniger akzeptiert werden als bei einer oberflächlichen Bekanntschaft.

Natürlich haben mich einige Sachen an dir gestört. Das hängt aber weniger an dir als an dem Kulturrahmen in dem du lebst, zusammen. Mich stören hauptsächlich die Verschlossenheit und der Individualismus. Das Moment der vollen Hingabe muss es geben. Nicht jeden gegenüber und nicht in jeder Situation, aber es müssen Momente der Leidenschaft geben in denen man sich Menschen, Ideen oder Gefühle völlig öffnet, auch unter dem Risiko der Auslieferung und der Preisgabe. Wer darauf verzichtet weil er den Preis zu hoch, die Chancen zu klein findet, weil er nicht bereit ist seine kleine Welt, sein Kram, sein vorgetäuschtes Gleichgewicht dafür zu opfern, der wird aus der Mittelmässigkeit nie heraus kommen, der wird nie die Momente erfahren für die es sich lohnt zu leben.

Es mag widersprüchlich erscheinen aber auch ich bin ein wenig dieser kleine, mittelmäßige und ängstliche Mensch und gerade deswegen stören mich diese Merkmale. Auch ich bin der der nicht viel wagt, der immer versucht sich abzusichern. Im Grunde bin ich eine gespaltene Persönlichkeit. Es lebt in mir ein Träumer, ein Romantiker. Es lebt ein Kämpfer. Und die Pläne dieser beiden werden unterdrückt von dem dritten, der Gutbürgerliche, der Vernünftige, der Gemässigte. Ich kann sehr gut die Wut der ersten zwei gegen den dritten fühlen und mit Angst wünsche ich mir, dass mindestens einmal im Leben eins der ersten beiden gewinnt. Vielleicht aber siegt der Dritte in solch einer Weise das bald nicht einmal die Wut der zwei zu hören sein wird. Dann werden nur Bemerkungen aus dem Alltag kommen.

Ich glaube ich habe jetzt den Punkt erreicht in dem ich diesen Brief schliessen kann. Es ist nichts mehr da was ich dir unbedingt sagen müsste. Erwarte nicht zu viel von mir, auch nichts zu grosses oder gutes. Erwarte auch nicht zu häufige Briefe. Es soll kommen das was kommen will. Eins sei sicher. Ich will weiter ein Freund von dir sein, ein grosser, ein lieber. Und ich küsse dich sehr und lange, und zärtlich und leidenschaftlich und noch einmal, und noch einmal…

Claudio

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