Freitag, 19. Februar 2021

Rosa

 

            Rosa war weder schön noch hässlich. Der Haaransatz war tief, die Stirn war kurz. Als Ausgleich für die kurze Stirn, entsprangen mächtige Wellen bauschiges Haar, die bis zur Schulter reichten. Klein und kompakt, bewegte sie sich sprunghaft in kräftigen aber kurzen Bewegungen.

Wenn ich die Erinnerungen durch den Kopf ziehen lasse, dann erscheint das Bild einer Abessinier Katze: das Gesicht, klein und spitz, und die vorwiegende Farbe, rotbräunlich. Rosas Haare waren rotbräunlich und auch die Haut, bedeckt von Sommersprossen, hatte diesen Ton.

Auch von der Gesinnung her, war Rosa rot. Ob sie aus Brasilien geflüchtet, oder geflohen, ob alles nur Wunschvorstellung, Wichtigtuerei oder Phantasie war, das kann ich nicht mehr sagen, auch bezweifele ich, es jemals gewusst zu haben. Aus dem Gespräch mit ihr konnte man nur wenig erfahren. Rosas Gedankengang war konfus und durcheinander und so sprunghaft wie ihr Gang. Mit ihren roten Ideen passte sie gut in das Studentenmilieu der siebziger Jahre, und das schien bei ihr auch das Wichtigste zu sein.

            Was ich mit Sicherheit sagen kann ist, dass ich mich in ihr verliebt habe. Verliebt ist nicht das richtige Wort, denn ich ahnte, von vornherein, dass jede Verbindung mit ihr kurzfristig sein würde. Auch ist verliebt ein stark sublimierter Ausdruck für die physische Anziehungskraft, die sie auf mich ausübte.

            Immer wieder trafen wir uns in der Mensa, bei Freunden und Bekannten. Wir wechselten Blicke und Begehren, und ich glaube sagen zu können, dass die Zuneigung gegenseitig war.

Eines Tages traf ich sie bei einem Fest in dem Studentenheim in dem sie wohnte. Ich bat sie zum Tanz und drückte sie ein bisschen mehr als es angebracht wäre. Wir gingen dann anschließend zur Bar. Das Gespräch verlief stockend. Sie wirkte gehemmt und distanziert, und sah sich ständig um, nach Hilfe bittend, Ausflucht suchend. Trotzdem gelang es uns, einen Fahrradausflug für das nächste Wochenende zu verabreden.

Das Wochenende kam und damit die Schlappe. Von Anfang an lief alles schief. Ich wollte auf dem linken Ufer der Isar fahren, sie hat das rechte ausgewählt. Ich wartete dann mehr als eine Stunde an der Stelle, die wir vereinbart hatten, um Mittag zu essen. Die Gaststätte die ich ausgewählt hatte war ihr zu teuer. Sie aß dann ein Sandwich auf einer Bank, während ich mich allein vollstopfte. Es ging dann weiter, nur das wir die Ufer wechselten, ich auf den rechten, sie den linken. Sie fuhr dann zurück mit der Bahn, während ich, verbittert, zurückradelte.

            Ich bin ein hartnäckiger Typ, und die Niederlage mach mich erst recht scharf. Das wusste sie wahrscheinlich. Auch ich wusste, dass sie es wusste, aber Spiel ist Spiel. Ich entschloss mich also weiter zu spielen, und ging an einem Abend zu der Bar in dem Studentenheim. Rosa traf ich nicht, aber ein Student, der uns beide kannte. Wir unterhielten uns und das Gespräch landete endlich bei unserer rosaroten Freundin.

            „Weißt du es noch nicht?“

            Wie sollte ich es wissen? Rosa und ich unterhielten uns wenig und nur sprunghaft. Auch die Brücken der wechselnden Ufer waren so wenige, dass keine richtige Verbindung entstand.

Der Student erzählte mir die Geschichte. Sie war seit einigen Jahren mit einem jungen Mann befreundet, der etwas älter war als sie. Er wohnte nicht im Heim, verbrachte aber öfters die Nächte bei ihr.

            Die Nacht war lang und nebelig. Das Fenster des Zimmers in dem Rosa wohnte öffnete sich auf einen inneren Hof. Ein mächtiger Baum reichte seine Äste bis zur Fensterbank.

Rosa hatte tief geschlafen und nichts bemerkt. Der Platz neben ihr lag frei. Das geschah aber öfters, und hat sie nicht überrascht. Sie streckte sich und gähnte. Dann ging sie ein paar Schritte durch das Zimmer, um die Fensterläden zu öffnen. Der Schrei blieb ihr im Halse stecken. An dem dicken Ast baumelte ein Körper. 

 

Geschichte innerhalb einer Geschichte 

Vor ein paar Wochen kaufte ich eine CD von Benny Goodman in einen Gebrauchtladen. Unter den alten Jazz-Balladen fand ich Memories of you. Als ich die Musik anhörte, fasste mich der Tanz um die Taille, und ich konnte ihm nicht widerstehen.

Ich tanzte lange, aber schließlich kam die Musik zu einem Ende, und außerdem habe ich ja meine Pflichten. Da war z.B. die Geschichte mit Rosa, in der ich das Ende neu schreiben musste, weil es den Leuten nicht gefällt, weil es zu der Geschichte einer Liebe gar nicht passt, weil sie den Tod nicht mögen oder sich mit ihm nicht zurechtfinden.

 Ich setzte mich also am Schreibtisch, vor dem Computer, und grübelte nach. Gar nicht so einfach! Man denkt, man sucht das richtige Wort, versucht zu fühlen was es zu fühlen gibt, versucht die richtigen Gefühle zu finden, und dann sie in Worten umzusetzen. Manchmal hat man das Wort fast zugepackt, aber, in der letzten Minute, entschlüpft es. Man muss es suchen in den Büchern, im Internet, in den Ecken des Gedächtnis.

 Durch diesen Kampf entstand die letzte Szene mit Rosa, und auch Benny Goodman ist dadurch in die Geschichte reingekommen. Wie glücklich war ich mich der großen Kette, in der Benny Goodman, seine Klarinette und seine Musik teilnehmen, anzuschließen. Wie glücklich war ich, sie Teile von mir sein zu lassen.

 

 

 

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