CAPUT XXII
Noch mehr verändert als die
Stadt
Sind mir die Menschen erschienen,
Sie gehn so betrübt und gebrochen herum,
Wie wandelnde Ruinen.
Die Mageren sind noch dünner
jetzt,
Noch fetter sind die Feisten,
Die Kinder sind alt, die Alten sind
Kindisch geworden, die meisten. (XXII-8)
Gar manche, die ich als Kälber
verließ,
Fand ich als Ochsen wieder;
Gar manches kleine Gänschen ward
Zur Gans mit stolzem Gefieder.
Die alte Gudel fand ich
geschminkt
Und geputzt wie eine Sirene;
Hat schwarze Locken sich angeschafft
Und blendendweiße Zähne. (XXII-16)
Am besten hat sich konserviert
Mein Freund, der Papierverkäufer;
Sein Haar ward gelb und umwallt sein Haupt,
Sieht aus wie Johannes der Täufer.
Den ***, den sah ich nur von
fern,
Er huschte mir rasch vorüber;
Ich höre, sein Geist ist abgebrannt
Und war versichert bei Bieber. (XXII-24)
Auch meinen alten Zensor sah
Ich wieder. Im Nebel, gebücket,
Begegnet' er mir auf dem Gänsemarkt,
Schien sehr darniedergedrücket.
Wir schüttelten uns die Hände,
es schwamm
Im Auge des Manns eine Träne.
Wie freute er sich, mich wiederzusehn!
Es war eine rührende Szene. - (XXII-32)
Nicht alle fand ich. Mancher
hat
Das Zeitliche gesegnet.
Ach! meinem Gumpelino sogar
Bin ich nicht mehr begegnet.
Der Edle hatte ausgehaucht
Die große Seele soeben,
Und wird als verklärter Seraph jetzt
Am Throne Jehovas schweben. (XXII-40)
Vergebens suchte ich überall
Den krummen Adonis, der Tassen
Und Nachtgeschirr von Porzellan
Feilbot in Hamburgs Gassen.
Sarras, der treue Pudel, ist
tot.
Ein großer Verlust! Ich wette,
Daß Campe lieber ein ganzes Schock
Schriftsteller verloren hätte. - - (XXII-48)
Die Population des Hamburger
Staats
Besteht, seit Menschengedenken,
Aus Juden und Christen; es pflegen auch
Die letztren nicht viel zu verschenken.
Die Christen sind alle
ziemlich gut,
Auch essen sie gut zu Mittag,
Und ihre Wechsel bezahlen sie prompt,
Noch vor dem letzten Respittag. (XXII-56)
Die Juden teilen sich wieder
ein
In zwei verschiedne Parteien;
Die Alten gehn in die Synagog',
Und in den Tempel die Neuen.
Die Neuen essen
Schweinefleisch,
Zeigen sich widersetzig,
Sind Demokraten; die Alten sind
Vielmehr aristokrätzig. (XXII-64)
Ich liebe die Alten, ich liebe
die Neu'n -
Doch schwör ich, beim ewigen Gotte,
Ich liebe gewisse Fischchen noch mehr,
Man heißt sie geräucherte Sprotte.
· Nachdem Heine in Kapitel XXI hauptsächlich über Heimat, Häuser und Gerichte gesprochen hat, werden in diesem Kapitel vorwiegend Leute angesprochen. Er begegnet allerlei Bekannte, sowohl Freunde wie auch Feinde.
· Gudel ist Dirne (Reclam) (XXII-13). Die Gräfin Gudel von Gudelfeld wird in Heines Gedicht Hoffart, von der Menschheit gehuldigt, aber nur so lange sie Geld hat. Es wird also Geld mit Liebe verknüpft. Auch in Die Bäder von Lucca, Kapitel 9, erscheint die dicke Gudel vom Dreckwall. Er erkennt sie jetzt wieder als herausgeputztes Freudenmädchen (Pfister).
· Sirene war in der griechischen Mythologie ein weibliches Fabelwesen, dass mit seinem Gesang Seefahrer anlockte (Wiktionary) (XXII-14).
· Mit dem Papierverkäufer in XXII-18 wird Heines Freund Eduard Michaelis (1771-1847) gemeint (Pfister). Er war Wohltäter, Erzieher und betrieb zeitweise einen kleinen Papierladen.
· Mit *** (XXII-21) ist wahrscheinlich Dr. Adolf Halle, Salomon Heines Schwiegersohn gemeint (Reclam). Salomon Heine war Heines Onkel und hat ihn öfter finanziell unterstützt. Seine Tochter Amalie war die große Jugendliebe Heines. Dr. Halle wurde später geisteskrank.
· Bieber war eine Versicherungsgesellschaft in Hamburg, die nach dem Brand pleiteging (Reclam) (XXII-24).
· Dr. Friedrich Ludwig Hoffmann war Zensor in Hamburg von 1822 bis 1848 (Reclam) (siehe auch XXII-25, XXV-30 und XXVI-99).
· Der Gumpelino (XXII-35) ist eine Figur aus Heines Die Bäder von Lucca, inspiriert in dem Kauffmann Lazarus Gumpel (1770-1843) (Reclam). Dort wird er als einfältiger Emporkömmling dargestellt. Lazarus Gumpel wurde bekannt durch Philanthropie und stiftete mehrere Gebäude in Hamburg für verarmte Juden (Wikipedia.de).
· Sarras ist der Hund von Julius Campe, Heines Verleger.
· Nicht alle seine Freunde und Bekannte sind noch am Leben. Unter den Gestorbenen nennt Heine Gumpel, Sarras und der krumme Adonis, scheinbar damals eine Straßenfigur in Hamburg (XXII-33-48).
· In der Reclam Fassung befindet sich zwischen XXII-44 und 45 eine weitere Strophe, allerdings zwischen Klammern: [Ob noch der kleine Meyer lebt, / Das kann ich wahrhaftig nicht sagen, / Er fehlte mir, doch ich vergaß, / Bei Cornet nach ihm zu fragen.] Anton Johann Heinrich Meyer (1788-1859) war Schriftsteller und Theaterkritiker. Julius Cornet (1793-1860) war Sänger, Mitdirektor des Hamburgers Staatstheater.
· Gut sein in XXII-53 verbindet Heine mit gut essen in XXII-54.
· Respittag in XXII-56 ist der Verzugstag (Verzögerung), d.h. der letzte Tag des gesetzlichen gestatteten Aufschubs (Reclam). Respiro ist Zahlungsfrist, Nachfrist, Aufschub (vom italienischen Atem, d.h., sich Atem holen).
· Heine will wahrscheinlich zeigen, dass obwohl alle viel älter geworden sind, das Kulturbild der Stadt noch von denselben Menschen beherrscht wird. Maßgebend für unsere Zeit sind die Veränderungen die nichts (Wesentliches) verändern.
· Da von dem Judentum gesprochen wird, kann Heine nicht unterlassen von Gott zu sprechen. Aber reimen tut er ihn mit Sprotte, die er besonders, geräuchert, liebt (XXII- 66 und 68).
CAPUT XXIII
Als Republik war Hamburg nie
So groß wie Venedig und Florenz,
Doch Hamburg hat bessere Austern; man speist
Die besten im Keller von Lorenz.
Es war ein schöner Abend, als
ich
Mich hinbegab mit Campen;
Wir wollten miteinander dort
In Rheinwein und Austern schlampampen. (XXIII-8)
Auch gute Gesellschaft fand
ich dort,
Mit Freude sah ich wieder
Manch alten Genossen, zum Beispiel Chaufepié,
Auch manche neue Brüder.
Da war der Wille, dessen
Gesicht
Ein Stammbuch, worin mit Hieben
Die akademischen Feinde sich
Recht leserlich eingeschrieben. (XXIII-16)
Da war der Fucks, ein blinder
Heid'
Und persönlicher Feind des Jehova,
Glaubt nur an Hegel und etwa noch
An die Venus des Canova.
Mein Campe war Amphitryo
Und lächelte vor Wonne;
Sein Auge strahlte Seligkeit,
Wie eine verklärte Madonne. (XXIII-24)
Ich aß und trank, mit gutem
App'tit,
Und dachte in meinem Gemüte:
'Der Campe ist wirklich ein großer Mann,
Ist aller Verleger Blüte.
Ein andrer Verleger hätte mich
Vielleicht verhungern lassen,
Der aber gibt mir zu trinken sogar;
Werde ihn niemals verlassen. (XXIII-32)
Ich danke dem Schöpfer in der
Höh',
Der diesen Saft der Reben
Erschuf, und zum Verleger mir
Den Julius Campe gegeben!
Ich danke dem Schöpfer in der
Höh',
Der, durch sein großes Werde,
Die Austern erschaffen in der See
Und den Rheinwein auf der Erde! (XXIII-40)
Der auch Zitronen wachsen
ließ,
Die Austern zu betauen -
Nun laß mich, Vater, diese Nacht
Das Essen gut verdauen!'
Der Rheinwein stimmt mich
immer weich
Und löst jedwedes Zerwürfnis
In meiner Brust, entzündet darin
Der Menschenliebe Bedürfnis.
(XXIII-48)
Es treibt mich aus dem Zimmer
hinaus,
Ich muß in den Straßen schlendern;
Die Seele sucht eine Seele und späht
Nach zärtlich weißen Gewändern.
In solchen Momenten zerfließe
ich fast
Vor Wehmut und vor Sehnen;
Die Katzen scheinen mir alle grau,
Die Weiber alle Helenen. - - - (XXIII-56)
Und als ich auf die Drehbahn
kam,
Da sah ich im Mondenschimmer
Ein hehres Weib, ein wunderbar
Hochbusiges Frauenzimmer.
Ihr Antlitz war rund und kerngesund,
Die Augen wie blaue Turkoasen,
Die Wangen wie Rosen, wie Kirschen der Mund,
Auch etwas rötlich die Nase. (XXIII-64)
Ihr Haupt bedeckte eine Mütz'
Von weißem gesteiftem Linnen,
Gefältelt wie eine Mauerkron',
Mit Türmchen und zackigen Zinnen.
Sie trug eine weiße Tunika,
Bis an die Waden reichend.
Und welche Waden! Das Fußgestell
Zwei dorischen Säulen gleichend. (XXIII-72)
Die weltlichste Natürlichkeit
Konnt man in den Zügen lesen;
Doch das übermenschliche Hinterteil
Verriet ein höheres Wesen.
Sie trat zu mir heran und
sprach:
»Willkommen an der Elbe
Nach dreizehnjähr'ger Abwesenheit -
Ich sehe, du bist noch derselbe! (XXIII-80)
Du suchst die schönen Seelen
vielleicht,
Die dir so oft begegent
Und mit dir geschwärmt die Nacht hindurch,
In dieser schönen Gegend.
Das Leben verschlang sie, das
Ungetüm,
Die hundertköpfige Hyder;
Du findest nicht die alte Zeit
Und die Zeitgenössinnen wieder! (XXIII-88)
Du findest die holden Blumen
nicht mehr,
Die das junge Herz vergöttert;
Hier blühten sie - jetzt sind sie verwelkt,
Und der Sturm hat sie entblättert.
Verwelkt, entblättert,
zertreten sogar
Von rohen Schicksalsfüßen -
Mein Freund, das ist auf Erden das Los
Von allem Schönen und Süßen!« (XXIII-96)
»Wer bist du?« - rief ich -
»du schaust mich an
Wie'n Traum aus alten Zeiten -
Wo wohnst du, großes Frauenbild?
Und darf ich dich begleiten?«
Da lächelte das Weib und
sprach:
»Du irrst dich, ich bin eine feine,
Anständ'ge, moralische Person;
Du irrst dich, ich bin nicht so eine. (XXIII-104)
Ich bin nicht so eine kleine
Mamsell,
So eine welsche Lorettin -
Denn wisse: ich bin Hammonia,
Hamburgs beschützende Göttin!
Du stutzest und erschreckst
sogar,
Du sonst so mutiger Sänger!
Willst du mich noch begleiten jetzt?
Wohlan, so zögre nicht länger.« (XXIII-112)
Ich aber lachte laut und rief:
»Ich folge auf der Stelle -
Schreit du voran, ich folge dir,
Und ging' es in die Hölle!«
· Heine vergleicht Hamburg mit anderen Stadtstaaten wie Venedig und Florenz. Zwar ist Hamburg nicht so mächtig, aber als Ersatz gibt es bessere Austern. Auf der einen Seite die Macht. Auf der anderen das Essen und Trinken (XXIII-1-4).
· Das Wort Schlampampen in XXIII-8 ist eigentlich Umgangssprache. Es hat eine ähnliche Bedeutung wie schwelgen, schlemmen, also üppig leben, gut essen und trinken, und kommt vom älteren, lautmalenden slampen (verwandt mit Schlampe), d.h. schmatzend essen und schlürfen (siehe auch Schlamm) (Wahrig). Austern werden meistens aus der Schale roh geschlürft. Heine will sich damit wahrscheinlich von dem vornehmen, feinen Essen der gehobenen Gesellschaft distanzieren.
· Johann Heinrich de Chaufepié, war ein deutscher Arzt und Gründer des Ärztlichen Vereins Hamburgs (Wikipedia.de) (XXIII-11).
· François Wille (1811-96) war Herausgeber der Literarischen und Kritischen Blätter (Reclam) (XXIII-13). Von 1841 bis 1843 leitete er die Hamburger Neue Zeitung. Sein Gesicht war voller Fechtnarben. Dies wird von Heine ironisiert. Seine akademischen Feinde haben sich, wie in ein Stammbuch, in seinem Gesicht eingeschrieben. Damit kritisiert Heine auch gleichzeitig die Akademie und ihre ewigen Streitereien.
· Friedrich August Fuchs (1812-56), Doct. Philos., war Gymnasiallehrer und Studienrat. Fuchs war Freigeist und hat nicht sehr viel für Religion übrig gehabt. (XXIII-17).
· In XXIII-20 wird Antonio Canova italienischer Bildhauer des Klassizismus erwähnt. Die Venus ist einer seiner Werke (siehe https://en.wikipedia.org/wiki/Venus_Victrix_(Canova)#/media/File:Paolina_Borghese_(Canova).jpg)
· Der Verleger Julius Campe war nicht nur Heines Geschäftspartner sondern auch sein Freund und Berater (XXIII-21).
· In einen Dankgebet (XXIII-33 bis 44) verbindet Heine Julius Campe mit Rheinwein, Austern und Zitronen und hofft auf eine gute Verdauung.
· Der Wein stimmt ihn weich und er schlendert durch die Hamburger Straßen und Gassen im Mondschimmer. So kommt er an das Rotlichtviertel.
· Helena in XXIII-56, aus der griechischen Mythologie, war die schönster aller Frauen. Sie wurde durch Paris entführt und löste den Trojanischen Krieg aus (siehe auch Kapitel XXI).
· Die Drehbahn in XXIII-57 ist eine Straße, die damals in den berüchtigten Quartieren Hamburgs war. Die schönen Blumen, die Heine mal in den Gärten der Lust genossen hat, sind verwelkt. Er trifft Hammonia, die Schutzgöttin der Stadt. Er soll sich mit ihr begnügen. Fasziniert von der göttlichen Apparition ist er bereit sie bis in die Hölle zu begleiten.
· Von Hammonia haben wir schon in der Einleitung gesprochen und es ist nicht viel mehr darüber zu sagen. Heine macht sich natürlich lustig auf die hochbusige Göttin und ihr adliges und edles Antlitz, gekrönt mit Türmchen und zackigen Zinnen. Die Beine, zwei dorische Säulen, erinnern uns an einen Tempel. Dort sollte man die Göttin ehren. Bei Heine aber erwecken sie andere Gefühle (XXIII-57 bis 76).
· Es ist interessant zu bemerken dass Heine immer eine Dissonanz (die alles in Frage stellt) in die göttlichen Harmonien einführt. So z.B. reiht er blaue Augen (wie Turkoasen), rosige Wangen und ein Mund wie eine Kirsche, mit einer rötlichen Nase ein. Zu dem Bild der weißen Mütze die ihr Haupt bedeckt und der weißen Tunika die ihr Körper verdeckt, kommen noch die Waden, das Fußgestell und die dorischen Säulen. Zu dem höheren Wesen kommt das übermenschliche Hinterteil.
· Das Leben ist eine hundertköpfige Hydra, die die Zeit und die Erinnerungen verschlingt (XXIII-85-88).
· Von XXIII-93 bis 96 wird die Zeit, die Vergänglichkeit, der alles enden lässt, angesprochen.
· Mamsell (aus dem französischen Mademoiselle) war eine leitende Hausgehilfin oder Wirtschaftlerin (Wikipedia.de) (XXIII-105).
· Die Assoziation zwischen Hammonia und Prostitution kritisiert natürlich Hamburg, wo Liebe in Kleingeld verwandelt wird. Wie wir in Kapitel XXII gesehen haben, spielt aber auch großes Geld in Hamburg eine Rolle. Geld, ob klein oder groß, ist immer dabei.
· Eine Lorettin in XXIII-106 ist eine Pariser Dirne. Das Pariser Dirnenviertel war in der Nähe der Kirche Notre-Dame de Lorette nicht weit von Montmartre und der Place Pigalle (Pfister).
· Welschland im engeren Sinn ist eigentlich die französischsprechende Schweiz. Es kann aber auch Italien und Frankreich mit einschließen (XXIII-106).
· Was aus der Anständigkeit und Moral der Hamburger Göttin wird, das sehen wir in Kapitel XIV (und diesmal ist es kein Traum).
CAPUT XXIV
Wie ich die enge Sahltrepp' hinauf
Gekommen, ich kann es nicht sagen;
Es haben unsichtbare Geister mich
Vielleicht hinaufgetragen.
Hier, in Hammonias Kämmerlein,
Verflossen mir schnell die Stunden.
Die Göttin gestand die Sympathie,
Die sie immer für mich empfunden. (XXIV-8)
»Siehst du« - sprach sie -, »in früherer Zeit
War mir am meisten teuer
Der Sänger, der den Messias besang
Auf seiner frommen Leier.
Dort auf der Kommode steht noch jetzt
Die Büste von meinem Klopstock,
Jedoch seit Jahren dient sie mir
Nur noch als Haubenkopfstock. (XXIV-16)
Du bist mein Liebling jetzt, es hängt
Dein Bildnis zu Häupten des Bettes;
Und, siehst du, ein frischer Lorbeer umkränzt
Den Rahmen des holden Porträtes.
Nur daß du meine Söhne so oft
Genergelt, ich muß es gestehen,
Hat mich zuweilen tief verletzt;
Das darf nicht mehr geschehen. (XXIV-24)
Es hat die Zeit dich hoffentlich
Von solcher Unart geheilet,
Und dir eine größere Toleranz
Sogar für Narren erteilet.
Doch sprich, wie kam der Gedanke dir,
Zu reisen nach dem Norden
In solcher Jahrzeit? Das Wetter ist
Schon winterlich geworden!«
(XXIV-32)
»Oh, meine Göttin!« - erwiderte ich -
»Es schlafen tief im Grunde
Des Menschenherzens Gedanken, die oft
Erwachen zur unrechten Stunde.
Es ging mir äußerlich ziemlich gut,
Doch innerlich war ich beklommen,
Und die Beklemmnis täglich wuchs -
Ich hatte das Heimweh bekommen. (XXIV-40)
Die sonst so leichte französische Luft,
Sie fing mich an zu drücken;
Ich mußte Atem schöpfen hier
In Deutschland, um nicht zu ersticken.
Ich sehnte mich nach Torfgeruch,
Nach deutschem Tabaksdampfe;
Es bebte mein Fuß vor Ungeduld,
Daß er deutschen Boden stampfe. (XXIV-48)
Ich seufzte des Nachts, und sehnte mich,
Daß ich sie wiedersähe,
Die alte Frau, die am Dammtor wohnt;
Das Lottchen wohnt in der Nähe.
Auch jenem edlen alten Herrn,
Der immer mich ausgescholten
Und immer großmütig beschützt, auch ihm
Hat mancher Seufzer gegolten. (XXIV-56)
Ich wollte wieder aus seinem Mund
Vernehmen den 'dummen Jungen',
Das hat mir immer wie Musik
Im Herzen nachgeklungen.
Ich sehnte mich nach dem blauen Rauch,
Der aufsteigt aus deutschen Schornsteinen,
Nach niedersächsischen Nachtigall'n,
Nach stillen Buchenhainen. (XXIV-64)
Ich sehnte mich nach den Plätzen sogar,
Nach jenen Leidensstationen,
Wo ich geschleppt das Jugendkreuz
Und meine Dornenkronen.
Ich wollte weinen, wo ich einst
Geweint die bittersten Tränen -
Ich glaube, Vaterlandsliebe nennt
Man dieses törichte Sehnen. (XXIV-72)
Ich spreche nicht gern davon; es ist
Nur eine Krankheit im Grunde.
Verschämten Gemütes, verberge ich stets
Dem Publiko meine Wunde.
Fatal ist mir das Lumpenpack,
Das, um die Herzen zu rühren,
Den Patriotismus trägt zur Schau
Mit allen seinen Geschwüren. (XXIV-80)
Schamlose schäbige Bettler sind's,
Almosen wollen sie haben -
Ein'n Pfennig Popularität
Für Menzel und seine Schwaben!
Oh, meine Göttin, du hast mich heut
In weicher Stimmung gefunden;
Bin etwas krank, doch pfleg ich mich,
Und ich werde bald gesunden. (XXIV-88)
Ja, ich bin krank, und du könntest mir
Die Seele sehr erfrischen
Durch eine gute Tasse Tee;
Du mußt ihn mit Rum vermischen.«
· Das Zentrum dieses Kapitel ist die Heimat und das Vaterland. Sie erwecken in Heine gemischte Gefühle. Einerseits hängt er an der Kultur und den Gewohnheiten seines Landes. Es ist schwierig sich von etwas zu entfernen das unsere Kindheit geprägt hat. Anderseits gibt es den damit zusammenhängenden Nationalismus, der Liebe zum eignen Land mit Hass gegen andere Länder und Kulturen verbindet, und öfter politisch manipuliert wird.
· In den Armenvierteln Hamburgs (siehe auch Gängeviertel) gab es die eingeschossigen Buden und die aufgestockten Wohnungen, auch Sähle genannt, die durch eine enge Sahltreppe zu erreichen waren (siehe https://i.gaengeviertel.de/construction/) (XXIV-1).
· Friedrich Gottlieb Klopstock (1724 – 1803) war ein deutscher Dichter. Obwohl er ein Befürworter der französischen Revolution war, kritisierte er das Jakobinerregime. Klopstock war ein Vertreter der Empfindsamkeit, prägte den Begriff der Innerlichkeit und gilt als ein bedeutender Wegbereiter des Sturm und Drang. Er gilt als Begründer der Erlebnisdichtung und des deutschen Irrationalismus. Sein vielleicht bedeutendstes Werk ist der Messias, ein religiöses Epos in 20 Gesängen. In 20.000 Versen wird die Passionsgeschichte Jesus und dessen Auferstehung erzählt (Wikipedia.de). (XXIV-9 bis 16).
· Ironischerweise reimt Heine Klopstock mit Haubenkopfstock in XXIV-14 und 16. Ein Haubenstock dient zur Ablage einer Perücke oder Haube. Dies ist eine Anspielung auf den Irrationalismus (man hängt seinen Kopf/Haube/Perücke auf einen Stock). Heine, als Vertreter der Aufklärung, wehrt sich natürlich gegen diese Tendenz.
· In XXIV-5 u. ff. spricht Hammonia von Liebe. Sie hätte mal den alten Dichter bevorzugt, aber jetzt gehört ihr Herz dem Jungen Deutschland. Sie hofft (vergebens) Heine würde nicht mehr ihre Söhne verspotten. „Warum bist du überhaupt auf die Idee gekommen uns hier im Winter zu besuchen“, fragt sie. Und Heine erzählt vom Heimweh und seiner Liebe zu Deutschland. Deutschland, Deutschland, über alles: Torfgeruch und Tabaksdämpfe.
· Erst in Kapitel XXIV, also fast am Ende des Gedichts, als Antwort auf einer Frage von Hammonia, gibt Heine weitere Gründe für seine Reise. Die französische Luft fing schon an ihn zu drücken, er bekam Heimweh, musste Atem schöpfen, und seine Füße wollten wieder deutschen Boden stampfen (XXIV-33 u. ff.). Vaterlandsliebe nennt man so ein Gefühl, aber, fügt er sofort hinzu, er will nicht dem Lumpenpack angehören, der den Patriotismus nur zu Schau trägt, um Herzen zu rühren, und ein paar Groschen dafür zu gewinnen (XXIV-77 bis 84). Hier wird also Nationalismus mit Opportunismus assoziiert.
· In XXIV-49 bis 60 wird Heines Mutter, Schwester Lottchen und sein Onkel Salomon erwähnt. Salomon war ein wohlhabender Bankier, der Heine finanziell unterstützt hat, obwohl er für seine Schriften wenig Verständnis hatte. Deswegen auch die Schelten.
· In XXIV-65-68 gibt es wieder eine Anspielung auf Christus (siehe auch Kapitel XIII und XXVII).
· Sich für einen Pfennig Popularität zu verkaufen ist heute normal geworden. Allerdings benutzt man nicht mehr das schäbige Wort Popularität, sondern man benutzt das elegantere Wort Sichtbarkeit. Die Heuchelei ist größer geworden. (XXIV-83).
· Wolfgang Menzel (1798-1873) wurde schon im Kapitel IV erwähnt. Er war ein Literaturhistoriker und Kritiker im Vormärz. Seine Vorwürfe, moralischer, religiöser und nationalistischer Art, trugen wesentlich zu dem Verbot des Jungen Deutschlands bei. (XXIV-84).
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