Montag, 19. Mai 2025

Thomas Bauer - Die Vereindeutigung der Welt - Reclam 2018


Das Büchlein (104 Seiten) ist klar, gut geschrieben und einfach zu lesen und ich glaube sagen zu können, dass ich mit dem größten Teil der Ideen, die dort vertreten sind, einverstanden bin. Was mich ein bisschen stört ist die fehlende Tiefe und die fehlende Theorie, d.h., die Symptome der Krankheit werden erwähnt, aber die Ursachen bekommen eine zu geringe Gewichtung. Auch wird die Verbindung mit anderen Symptomen derselben Krankheit vernachlässigt. Es fehlt Zusammenhang. Es fehlt Zusammenhang zwischen den Konzepten, die im Buch gebracht werden, und es fehlt Zusammenhang von diesen Konzepten mit einer Theorie, die sie besser erklären könnte. Zusammengefasst, es fehlt sowohl der interne als auch der externe Zusammenhang.

 

Es fängt schon mit dem Titel an. Die Vereindeutigung der Welt mag origineller und neutraler klingen, aber Massengesellschaft oder Vermassung erlaubt doch einen viel besseren Zusammenhang mit dem industriellen Modell und der Konsumgesellschaft, die diesen Begriffen zu Grunde liegt. Bauer wollte sich wahrscheinlich nicht mit einer gewissen politischen Linie kompromittieren. Es lässt sich aber nicht zwischen zwei Stühlen sitzen.

 

Es folgen stichpunkthaltig die wichtigsten Ideen, die in den Buch gebracht werden. Wenn ich es für passend finde, mache ich einig Kommentare dazu. Sollte jemand besonderes Interesse oder sollten es Fragen zu einem oder anderen Punkt geben, so bin ich gerne bereit weiter darin einzugehen.

 

·         Im ersten Kapitel stellt Bauer fest, dass in der modernen industriellen Gesellschaft, sowohl in der Natur als auch in der Kultur die Vielfalt zu Grunde gerichtet wird. Im Konsum herrscht Scheinvielfalt, d.h., rein äußerlich versucht man die Diversität aufrechtzuerhalten, im Grunde herrscht aber Einförmigkeit.

·         Die Christianisierung hat zur Homogenisierung beigetragen (S. 9).

·         Auf S.11 zitiert Bauer Stefan Zweig: er herrscht die Monotonie der Gesichter, der Körper und der Leidenschaften.

·         In Kapitel 2 (S. 15) macht Bauer die Aussage dass Menschen tendenziell ambiguitätsintolerant sind. Eine Seite danach sagt er, dass es eine Welt ohne Ambiguität gar nicht geben kann. Wenn also der Mensch der Welt angehört, wie erklärt sich dann seine Ambiguitätsintoleranz? Ist sie inhärent oder ist es nur eine  vorübergehende kulturelle Erscheinung? Warum? Diese Fragen werden nicht beantwortet.

·         Die Aussage in Kapitel 3 (S. 21), dass die katholische Kirche ambiguitätstolerant ist, würde ich stark bestreiten. Wie erklärt sich dann die Inquisition?

·         Auf S. 29 sagt Bauer, dass der Fundamentalismus ambiguitätsintolerant ist, weil er auf Wahrheitsobsession, Geschichtsverneinung und Reinheitsstreben basiert.

·         In Kapitel 4 (S. 33-34) macht Bauer die Aussage, dass eine relativ hohe Ambiguitätstoleranz eine unabdingbare Voraussetzung für das Gedeihen von Religion bildet. Wie erklärt sich dann der Fundamentalismus? Ambiguitätstolerant kenne ich eigentlich nur den Zen, und auch hier würde ich das Wort Toleranz vermeiden. Religion basiert auf Glauben und dieser ist meistens intolerant gegenüber anderem Glauben.

·         Auf S. 38 erwähnt Bauer die zunehmende Quantifizierung, die z.T. verantwortlich für die Ambiguitätsintoleranz in unsere Gesellschaft ist, und schiebt die Schuld dem allesherrschenden Markt zu. Da Nummern, Preise, Geld, Gewicht, usw. den Wert der Dinge bestimmen, und da dies exakte Maßstäbe sind, bleibt wenig Raum für Mehrdeutigkeit. Wenig Verbindung wird aber mit bereits Bekannten Begriffen wie Verdinglichung oder instrumentelle Vernunft gemacht. Es fehlt auch die Verknüpfung von Quantifizierung mit Automatisierung oder Mechanisierung, die die heutige industrielle Gesellschaft kennzeichnen.

·         Und wie sieht es mit der Kunst aus? Bauer sagt am Anfang von Kapitel 5, dass es sehr befremdlich wäre, wenn die Kunst außerhalb der allgemeinen Tendenz der Vereindeutigung stünde. Zum Beispiel, das Normierende der Zwölftontechnik, die den Versuch unternimmt jede Tonalität auszuschließen, hat sehr wenig mit Toleranz und Mehrdeutigkeit zu tun. Ähnliches findet man in der seriellen Musik. Bauer wechselt dann zur Architektur um, und zeigt dass Reinheit auch ein zentrales Thema bei Adolf Loos (1870-1933), der Wegbereiter der modernen Architektur, war. Ornament, also Verzierung, setzt Loos gleich mit Verbrechen. Da aber Bauer nicht alles mit Eindeutigkeit erklären kann, nimmt er zusätzlich noch Gleichgültigkeit dazu. Was die moderne Gesellschaft toleriert, sind die Sachen die ihr gleichgültig sind. Dies alles konnte mich nicht richtig überzeugen. Das Normierende war schon immer ein Merkmal neuer Richtungen und ist nicht ein Attribut der Modernität. Will jemand etwas Neues durchbringen, dann muss er das Alte ausschließen. Es gab schon immer Intoleranz in der Kunst, und Vorurteile und Unduldsamkeit sind nicht eine Eigenschaft der Neuzeit.

·         Wenn in Kapitel 5 die Kunst mit der entsprechende Intoleranz auf der Suche nach Eindeutigkeit war, dann ist in Kapitel 6 Bedeutungslosigkeit das was die moderne Kunst am besten erklären kann. Bauer unternimmt keinen Versuch diesen scheinbaren Widerspruch zu lösen. Auch gelingt es ihm nicht zu erklären, warum man beides, also Intoleranz und Bedeutungslosigkeit, zusammen finden kann. Es ist z.B. heute möglich einen Maler zu finden, der radikal für abstrakte Kunst plädiert, jedes Figurative Werk kompromisslos ablehnt, und, gefragt nach der Bedeutung seiner eigenen Werke, die Achseln zuckt. Intoleranz und Bedeutungslosigkeit können also zwei Seiten einer selben Münze sein.

·         Bauer unterscheidet zwischen Ambiguität und Bedeutungslosigkeit (S. 50 u.ff.). Ambig ist etwas, dass mehrere Bedeutungen haben kann. Bedeutungslos ist etwas, dass jedmögliche Bedeutung erlaubt. Wo genau die Grenzen liegen und auf was der Unterschied zurückzuführen ist, wird nicht erklärt. Einige Beispiele in der bildende Kunst werden gegeben besonders auf dem Gebiet der abstrakten Kunst. Übersehen wird die Tatsache, dass abstrakte Kunst Gefühle und Empfindungen direkt angehen kann, ohne notwendigerweise den Verstand anzusprechen. In Bauers Beispiele wird Bedeutung gleich Verstand gesetzt, abstrakte Kunst wird dann eher als bedeutungslos betrachtet (auch ein Angriff gegen die Mehrdeutigkeit!).

·         Interessant ist, dass das Brechen von Regeln und Konventionen auch zu einer Regel werden kann (S. 55 u.ff.). Werke ohne Kontroverse werden heute häufig verachtet. Die Innovation wird zum Dogma. Bauer unternimmt keinen Versuch diese Tendenz mit der Konsumgesellschaft, die ja das Schwergewicht auf das Neue setzt, zu verbinden.

·         Kunstwert wird dem Marktwert gleichgestellt (S. 56-57).

·         Kapitel 7 führt einen neuen Begriff ein: Authentizität. Dabei wird kein Versuch unternommen diesen neuen Begriff mit den anderen zu verbinden, oder unter einen gemeinsamen Hut zu bringen. Bauer kritisiert den heutigen Drang nach Authentizität. Authentisch ist der Mensch offensichtlich nur dann, wenn er sein Inneres, seine vermeintlich unverfälschte Natur, ungefiltert nach außen stülpt (S.67). Natur wird dann vor Kultur gesetzt, d.h., authentisch ist einer nur dann, wenn er seiner Natur folgt, und den kulturellen Einflüssen keinen oder wenig Platz einräumt. Kultur und Gesellschaft sind dann zweitrangig. Eine Verbindung mit dem Individualismus der Neuzeit und mit dem Verfall des Gemeinschaftssinn wird nicht gemacht. Bauer sieht in diesem Drang nach Authentizität auch ein Zeichen von Eindeutigkeit, denn authentisch ist einer nur dann, wenn er seiner Natur folgt, und da ist Mehrdeutigkeit nicht gefragt. Ein weiters Problem ist, dass im Kapitalismus die Suche nach Authentizität sich hauptsächlich im Konsum ausdrückt, d.h., jemand ist authentisch wenn er exklusive Produkte konsumiert. Die Bedürfnisse bestimmen dann das Wesen (S. 68).

·         Mit dem Begriff der Authentizität lassen sich Bauers Schwierigkeiten leicht aufweisen. In dem Buch wird Authentizität als Ursache einer Reihe von Problemen betrachtet. Im Grunde aber ist die Suche nach Authentizität eine Folge der Entpersönlichung und der Vermassung in unserer industriellen Gesellschaft. Hier sehen wir die Schwierigkeiten, die die fehlende Tiefe und Verbindung verursachen: Symptome werden als Ursachen genommen. Da aber eine selbe Ursache mehrere Symptome haben kann, verliert sich Bauers Analyse in einer Vielfalt von Einzelheiten und Besonderheiten, die die Wirkung und Bedeutung der Untersuchung sehr einbüßen lässt.

·         In Kapitel 8 beschäftigt sich Bauer mit der Kästchenbildung. Da eine völlige Uniformierung des Menschen unmöglich ist, wird das nächstliegende Ziel genommen: die Menschen in kleinen Gruppen einzuteilen (S. 77-78). Bei dieser Teilung spielen dann meistens zweitrangige Kriterien eine Rolle. Dabei wird zweierlei erreicht. Erstens, wird der Bedarf nach Authentizität befriedigt, weil man sich innerhalb der Gruppe frei entfalten kann. Zweitens wird die Gesellschaft geteilt und eine gemeinsame Opposition gegen das herrschende System geschwächt.

·         Der Versuch, Eindeutigkeit in einer uneindeutigen Welt wenigsten dadurch herzustellen, dass man die Vielfalt in der Welt möglichst präzise in Kästchen einsortiert, innerhalb derer größtmögliche Eindeutigkeit herrscht, ist eher dazu geeignet, Vielfalt zu verdrängen als sie zu fördern (S. 81). Eine Begründung dieser Aussage, sei es durch Fakten, sei es durch Argumente, wird nicht gegeben.

·         Das System in dem wir leben erzeugt so viel Frustration, dass es ohne Auslassventil nicht fortbestehen würde. Die Kästchenbildung dient als Auslassventil. Jeder in sein Kästchen hasst den Nachbar, der in ein anderes Kästchen lebt. Die Energie der Frustration, die zu einer Änderung der Gesellschaft führen könnte, wird also intern durch den Krieg der Kasten verbraucht. Divide et impera war schon immer die Taktik der Tyrannei.

·         In Kapitel 9 sagt Bauer, dass die Suche nach Eindeutigkeit und Authentizität die Demokratie in Europa gefährdet, denn ohne Kompromisse gibt es keine Demokratie (S. 84). Jeder muss etwas nachgeben, damit eine gemeinsames Leben ermöglicht wird. Einen Anspruch auf Wahrheit, Reinheit und überzeitliche Gültigkeit können demokratische Entscheidungen nicht erheben (S. 84). In Wirklichkeit ist auch die Umkehrung dieser Aussage wahr. Es gibt also eine wechselseitige Beziehung zwischen Intoleranz und die Gefährdung der Demokratie.

·         In Kapitel 10 erwähnt Bauer noch einmal die schwindende Vielfalt der Modernen sowohl in Natur als auch in Kultur. Nur die bunte Welt des Konsums, mit ihren billigen Sinnesreizen für raschen Augen, versorgt uns noch mit einer Fassade der Vielfalt (S.87).

·         Auf Seiten 88 u. ff. kritisiert Bauer Wissenschaft und Verstand, d.h., Bauer äußert sich kritisch gegen die Tendenz das Verständnis, also die Rationalität, an erster Stelle zu setzen. Dabei unterscheidet Bauer nicht Rationalität von Scheinrationalität, d.h. ein Verständnis, dass an der Oberfläche bleibt, und dass nicht versucht Ursachen zu erkunden, oder eine Verbindung zwischen den Dingen zu schaffen. Bauer unterscheidet nicht eine Wissenschaft, die sich dem herrschenden industriellen Modell fügsam unterwirft, von einer mehr kritischen Wissenschaft, die die angelblichen Wahrheiten in Frage stellt. Was tatsächlich an Bauers Analyse stimmt, ist das heute Zweifel etwas Schlechtes ist. D.h., in der modernen Gesellschaft versucht jeder über alles eine feste Meinung zu haben. In Wirklichkeit sind aber nicht die festen Ansichten, sondern die fehlende Fundierung, das Schlimme.

·         Auf S. 92 u.ff. wird von Maschinenmenschen, d.h. vom Versuch Menschen durch Maschinen zu ersetzen, gesprochen. Dies würde die Mehrdeutigkeit abschaffen, denn Maschinen folgen ein vorprogrammierten Weg. Elon Musk, so Bauer, will uns von der reinen Maschine retten, und versucht durch Neuralink den Maschinenmensch zu produzieren. Das jede Maschine und jeder Maschinenmensch letzten Endes vom Mensch konzipiert wurde, wird natürlich übersehen. Nicht die Ratio ist schuld an solchen Überlegungen, sondern eine verwirrte Ratio ist logischerweise schuld an der Verwirrung.

·         Es geht weiter mit dem Maschinenmenschen: Fitness-Tracker, virtual reality equipment, Menschen die mit Ohrstöpseln verkabelt sind und auf dem Handy glotzen, usw. usf.

 

Fazit: Das Büchlein bringt wertvolle Ideen, die man aber tiefer untersuchen und besser verbinden sollte.

 

 

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