Samstag, 21. Februar 2026

Max Frisch: Homo Faber – Die Geschichte einer großen Liebe

 

 

Walter Faber, ein Mann in der vollen Blüte seiner Reife, gerade fünfzig geworden, verliebt sich in Sabeth, alias Elisabeth, dreißig Jahre jünger. Solche Geschichten, durchaus nicht Ausnahmen, enden meistens schlecht. Zwar endet die Liebe zwischen Walter und Sabeth nicht schlecht, aber sie endet schnell. Sabeth stirbt.

 

Also ein Liebestraum. Dies ist bekanntlich einfacherer als die Wirklichkeit. In der Wirklichkeit gibt es Probleme und Schwierigkeiten. Tatsächlich, kurz nach Sabeths Tod, erfährt Walter, dass sie seine Tochter ist. Electra?

 

Es wird wahrscheinlich nicht ganz dem Zufall zu verdanken sein, dass ein großer Teil der Geschichte sich in Griechenland abspielt. Zufall, bzw. Wahrscheinlichkeit, spielt auch eine wichtige Rolle im Roman. Walter Faber ist nämlich Ingenieur. Glaubt nur an Naturwissenschaft und Mathematik. Abmontiert ganze Motoren. Kunst langweilt ihn. Seine Welt ordnet sich nach Ursache und Wirkung. Geschieht etwas, so hat es eine Ursache. Will man, dass etwas anderes geschieht, so muss man an der Ursache wirken. Kennt man die Ursache nicht, so gibt es die Wahrscheinlichkeit. Etwas geschieht mit einer soundso großen Wahrscheinlichkeit. Jedenfalls wird das Schicksal ausgeschlossen. Schicksal ist Aberglauben. Wo bleibt hier Griechenland?

 

In Folge einer Reihe von Ereignissen, Ereignissen von kleiner Wahrscheinlichkeit, geriet Walters Welt aus den Fugen. Erst kommt die Flugreise, wo er Herbert kennen lernt. Dann kommt die Notlandung in einer mexikanischen Wüste. Während sie auf Rettung warten, spielen Walter und Herbert Schach. Beide fahren dann mit einem Jeep nach Guatemala in einer strapaziösen Fahrt durch raue, menschenleere Felder. Walter erfährt, dass Herberts Bruder sein großer Studienfreund Joachim ist. In Guatemala finden sie Joachim erhängt. Walter fährt dann nach New York, wo er eine Wohnung und eine Geliebte hat. Er verabschiedet sich von der Geliebten und macht eine Schiffsreise nach Europa. An Bord lernt er Sabeth kennen. Beide treffen sich wieder in Paris. Sie unternehmen eine gemeinsame Reise nach Italien und Griechenland. Während der Reise erfährt Walter, dass Sabeth die Tochter seiner großen Jugendliebe Hanna ist. Nach der Trennung von Walter, hatte sich Hanna mit Joachim verheiratet, und Walter glaubt, dass Sabeth Joachims Tochter ist. Die Fäden der Geschichte laufen jetzt zusammen.

 

In Europa beginnt der Liebestraum. Die Kulisse der Idylle ist, wie wäre es anders zu erwarten, die Toskana und Griechenlands Ruinen. Bei Mondschein klettern sie die Berge empor und baden im Meer. Die Idylle endet mit einer Schlange, genau wie damals im Paradies.

 

Walters Welt gerät ins Wanken. Er, der nicht an Gefühlen glaubte, Gefühle sind Ermüdungserscheinungen (S. 68, rororo Taschenausgabe), wird ständig von Gefühlen getrieben. Er, der sich vernünftig, nüchtern, durchdacht und besonnen glaubte, der sich grundsätzlich nicht heiraten würde (S. 23, 67), macht, noch auf dem Schiff, Sabeth, eine Frau dreißig Jahre jünger als er, ein Kind, ein Traum, einen Heiratsantrag.

 

Was aus dem Traum hätte werden können; was ein nicht-vernünftiger, nicht-durchdachter und nicht-besonnener Walter alles hätte verrichten können, dazu kommt es im Roman glücklicherweise nicht. Das Leben ist zu kurz, um alle Träume zu zerstören.

 

Wozu es aber kommt, ist zu einer Wiederbegegnung mit Hanna, die in Griechenland lebt. Mit dem letzten Ereignis endet der Roman. Walter liegt in einem Hospital. Magenkrebs? Wird er es überleben?

 

Aus den obigen Kommentaren, müsste eigentlich schon hervorgehen, dass mir Frisch‘ Roman außerordentlich gefallen hat. Die Welt ist schön und voller Abenteuern, und es ist schön so etwas lesen zu können. Die Erzählung fließt, und der Fluss der Geschehnisse ist tief, breit und abwechslungsreich. Die Handlung ist spannend, voller unerwarteter Ereignisse, die uns an den Buchseiten festnageln. Trotzdem wird viel Material zum Denken geliefert. Wie jedes gute Kunstwerk wird für das Hier und Jetzt gesorgt, aber es bleibt auch einiges für das Dort und das Naher. Frisch schreibt präzis, kurz und bündig, so wie ich es gerne lese. Sein Stil ist direkt, er kommt gleich zu dem Punkt auf dem es ankommt, ohne Umschweife.

 

Ich will noch auf einiges eingehen. Ich mache es skizzenhaft weil hier nicht der Platz ist,  um sich in den Sachen zu vertiefen. Da ist z.B. die Sache mit dem Tod und mit der Zeit. Hanna wirft Walter vor, als Techniker kein Verhältnis zur Zeit und zum Tod haben zu wollen (S. 126). Die Liebe zu Sabeth sei Teil dieses Versuchs. Tatsächlich ist der Tod das Ende unserer Zeit, und tatsächlich versucht die Technik den Tod und somit die Zeit zu überwinden.

 

Tod und Zeit, also das Vergängliche, bilden die Grundlage der Natur und es gehört zu den Spannungen zwischen Natur und Kultur, dass die Technik da einiges in Frage stellt. Zeitlosigkeit kennzeichnet aber auch den Idealismus und somit kehren wir zu den Griechen zurück, mit ihren Olymp und ihren unsterblichen Göttern.

 

Als Gegensatz zu dem Idealismus gibt es den Empirismus. Time is money, heißt es in den USA. Zwischen Idealismus und Empirismus, zwischen der griechischen Herkunft und der American Way of Life der Jetztzeit, liegt Europa (siehe auch S. 130 ff.) . Der alte Walter hängt an der Wahrscheinlichkeitslehre, New York und verwirft das Schicksal. Der neue Walter verliebt sich in Griechenland.

 

Wenn Faber so einiges aus der neuen Welt gegen Vorgehensweisen der alten Welt eintauscht und die USA durch Griechenland ersetzt, so bleiben doch einige seiner Erfahrungen in Lateinamerika. Walter besucht Mexiko, Guatemala und Kuba. Besonders bei dem letzten Besuch, genießt der neue Walter das Hier und Jetzt. Gefühle, Empfindungen und Sinnlichkeit spielen vorab eine wichtigere Rolle.

 

Ein letzter Punkt will ich noch erwähnen, nämlich die Spannung zwischen Erfahrung und Entdeckung. In den Beziehungen der zwei, bringt Walter Erfahrung, während Sabeths Beitrag die Entdeckung, bzw. die Freude an der Entdeckung ist. Spannung muss aber nicht notwendigerweise Zerwürfnis bedeuten. In der Liebe zwischen Walter und Sabeth gewinnt das Déjà-vu der Erfahrung, durch die Freude der Entdeckung, neue Reize. Andersherum gewinnt die Freude der Entdeckung durch die Erfahrung eine gewisse Reife, die sie vor unerwünschten Erlebnissen schützt. Unterschied kann also auch Ergänzung bedeuten.

 

Im Grunde, im Grunde ist der Homo Faber ein Skeptiker. Aber er ist nicht ganz der Liebe und der Schönheit unzugänglich. Und das ist was ihn vor der Bitterkeit rettet. Die Ratio bringt das Verständnis, die Möglichkeit, durch das Verständnis, Beziehungen zu der Welt und den Mitmenschen zu knüpfen. Was die Ratio aber nicht mit sich bringt, ist in welcher Richtung diese Beziehungen sich ergeben. Hier kommen die Gefühle und Empfindungen. Dies ist Fabers Entdeckung.

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