Dieser Tage habe ich Madame Bovary von Gustave Flaubert zu Ende gelesen. Einige Monate davor las ich Lady Chatterley von D. H. Lawrence, und vor einigen Wochen sah ich Fassbinders Effi Briest. Ich glaube sagen zu können, dass alle drei Werke sich mit einer ähnlichen Thematik beschäftigen, nämlich der lange Kampf um die sexuelle Emanzipation der Frau. Ich will also etwas zu diesem Thema sagen.
Ungefähr ein halbes Jahrhundert trennt jedes der drei Werke. Die vollständige Romanausgabe in Buchform von Madame Bovary erschien 1857. Theodor Fontanes Effi Briest wurde 1895 als Buch veröffentlicht und die dritte Fassung von Lady Chatterley erschien erstmals in Florenz in 1928.
Obwohl ich hier keinen Vergleich der drei Arbeiten machen will, ist eine Gegenüberstellung unumgänglich. Warnen muss ich aber, dass ich die zwei gelesene Bücher in einer portugiesischen, Madame Bovary sogar in einer ziemlich schlechten, Übersetzung gelesen habe. Theodor Fontanes Roman will ich in der nächsten Zeit lesen, was ich aber hier dazu sage, bezieht sich nur auf Fassbinders gefilmte Version.
Bezüglich der sexuellen Emanzipation der Frau bietet, meiner Meinung nach, Lawrence' Roman die beste Lösung, was nicht nur der fast hundert Jahre Unterschied zu verdanken ist. Es werden in Lady Chatterley die Sachen beim Namen genannt, was sicherlich der hundert Jahre Unterschied zu verdanken ist. Die Verdrängung sexueller Gefühle, das Umgehen der erotischen Aspekten der Liebe, ist Teil der sexuellen Repression. Liebe, besonders die Erotik, werden in Lady Chatterley großgeschrieben. Die Liebe zwischen Connie und Mellors ist etwas sehr schönes, echtes und großes. Man kann nicht dasselbe von der Beziehung zwischen Ema Bovary und ihre zwei Liebhaber sagen. Beides sind Opportunisten. Der Grundbesitzer Rodolphe ist es sicherlich. Etwas ermüdet von seiner bisherigen Geliebte, sucht er in Ema eine Abwechslung. Aber auch der junge León sucht in Ema nicht viel weiteres als ein erfahrungsbildendes Abenteuer. Bei dem ersten Druck seines Arbeitsgebers weicht er zurück. Bei Effi Briest geht es noch viel schlimmer zu, denn Major Crampas ist nichts als eine vorübergehende Affäre, die Effi nur aus Langeweile eingeht.
Aber auch von den Charakterdarstellung her, ziehe ich Lady Chatterley vor. Zwar heiratet Connie den Baronet Clifford Chatterley hauptsächlich aus Bequemlichkeit, weil sie sich ein Leben ohne große Sorgen wünscht, aber D.H. Lawrence war sehr geschickt, Cliffords Impotenz, verursacht durch einen Kriegsunfall, nur nach der Heirat erscheinen zu lassen. Obwohl Connie einige sexuellen Erfahrung vor der Ehe hatte, erlebt sie die volle Entfaltung der Liebe nur mit Mellors. Von diesen Moment an ist Connie gewollt alles, aber auch wirklich alles, diesem Gefühl zu opfern. Auch Mellors ist zu denselben Opfern bereit. Dieser doppelten Hingabe verdankt, meiner Meinung nach, der Roman seine Größe.
Im Gegensatz zu Connie ist Ema Bovary eine etwas lächerliche Figur, die Flauberts Roman sehr an Potential verlieren lässt. Ema scheint die Pubertät nicht überwunden zu haben und in ihren romantischen Träumen sucht sie ständig nach einem Märchenprinzen.
Fassbinders Effi Briest liegt dazwischen. Sehr tiefe Gedanken erinnere ich mich nicht aus ihrem Mund gehört zu haben, aber es blieben ihre letzten Worte am Totenbett. Ich atmete tief erleichtert als sie die Schuld ihres Mannes, nach 2/3 des Films, erkannte. Baron Geert von Innstetten, ist nur an seiner Karriere, Pflicht und Ehre, Riten und Prozeduren, interessiert. Folglich war ich tief enttäuscht als sie am Sterbebett ihm vergibt. Aber kurz danach sagt sie: …er hatte viel Gutes in seiner Natur und war so edel, wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe ist. Vielleicht ist es nur mein Wunsch, mich mit Effi zu versöhnen, aber ich interpretiere ihre Worte wie folgend: Die fehlende Liebe, an der nicht nur er, sondern auch ich die Verantwortung trage, lässt den Teufelskreis des Auseinandergehens entstehen. Wer nicht liebt, der kann nicht lieben. In diesem Sinn ist von Innstetten ein Opfer, so wie ich es bin.
Bei Effi Briest läuft von Anfang an so einiges falsch. Es handelt sich um eine Zweckehe. Er sucht eine schöne, junge Frau aus angesehenen Haus. Sie will Sicherheit und Bequemlichkeit. Das Ergebnis ist die Trennung nicht nur der Geister sondern auch der Körper. Dass es Effis Köper war, der sich als erster gegen die Fesseln dieser Ehe widersetzte, trägt, meiner Meinung nach, sehr zu ihrem Ansehen bei, nicht nur als Mensch, sondern hauptsächlich als Frau.
Etwas ähnliches geschieht in Lady Chatterley. Clifford ist upper aber Mellors ist lower class. Clifford ist der typische sterile Intellektuelle, der nur mit dem Kopf lebt, nur an abstrakte, wirklichkeitsfremde Formulierungen, nur an dem Respekt der Konventionen interessiert ist. Mellors, im Gegenteil, verbindet Sinnlichkeit mit Pragmatismus und Vitalität. Hier befinden Kopf und Körper auf entgegengesetzten Seiten, und Connie entscheidet sich für den Körper. Dies geht in mancher Gegenströmung der emanzipatorischen Kämpfe der Frau der Gegenwart.
Selbstverständlich nagt der Zahn der Zeit an jeder Liebe, und die unvermeidliche Abnutzung durch Routine und Wiederholung lässt ihre Spuren. Dazu kommen noch die unausweichlichen Konflikten des Alltags. Persönlichkeiten prallen aufeinander und Interessen weichen ab. Dem muss man natürlich entgegenwirken und Zärtlichkeit, Zuneigung, Respekt, Bewunderung, Gemeinsamkeit, Solidarität, Freund- und Partnerschaft, aber auch und warum denn nicht, Gewohnheit und Abhängigkeit, können helfen die Spannungen des Alltags abzubauen. Nicht jede Gepflogenheit ist etwas schlechtes, und Abhängigkeit kann auch ihre guten Seiten haben. Macht man etwas zusammen, dann ist man von dem anderem abhängig.
Hier sind wir also wieder bei der alten, konventionellen Ehe angelangt? Ja und Nein, denn, wie bei jeder Mischung, hängt alles von der Gewichtung ab. Sind viele Faktoren am Spiel, dann ist die Balance fundamental. Sicher ist nur eins: fehlt der physische bzw. sexuelle Teil der Liebe, dann fehlt etwas ganz Wesentliches.
Liebe ist multidimensional und Sex ist eine, vielleicht die Wichtigste aber sicherlich nicht die einzige Komponente, hauptsächlich wenn von einer dauernden Verbindung die Rede sein sollte. Es gibt glücklicherweise zu viele Arten von Beziehungen, zu viel Sorten Menschen und zu viele Formen der Liebe, als dass man da Normen vorschreiben könnte.
Auch in Bezug auf die zeitliche Entwicklung der Liebe war D.H. Lawrence sehr geschickt. Er zeigt nur den Anfang des neuen Verhältnisses. Der Anfang ist fast immer der schönste Teil einer Liebe und das Buch endet als Connie nach Schottland zieht, um mit Mellors ein neues Leben anzufangen.
Vielleicht liegt das Happy End mehr dem Angelsächsischen, denn sowohl Madame Bovary als auch Effi Briest enden mit einer Tragödie. Vielleicht ist es auch nur wegen des Anstandes und der Moral, denn, verständlicherweise, bekommen in älteren Werken diese Aspekte eine größere Bedeutung. Das tragische Ende hat natürlich immer etwas moralisierendes. Die Absicht war wahrscheinlich zu zeigen, dass derjenige der die Ehe bricht, insbesondere wenn es eine Frau ist, daran zu Grunde gehen muss.
Wichtig ist zu erkennen, dass alle drei Werke ein Libell für das Recht der Frau auf sexuelle Befriedigung sind. Sowohl Ema als auch Effi und Connie wagen die Ehe, diese Kette die ihre Freiheit fesselt, zu brechen. Dieser Kampf ist heute noch so wichtig wie gestern, denn sowohl gestern als auch heute wird die Frau noch häufig als Objekt sexueller Befriedigung des Mannes angesehen. Man muss nicht von weibliche Genitalverstümmelung sprechen, um dies zu verdeutlichen, denn es gibt subtilere Methoden, um zu ähnlichen Ergebnissen zu kommen. Solche Zustände sind nicht nur gemein, diskriminierend und ungerecht, sondern sie sind noch dazu dumm, denn nichts ist schöner als der Genuss zu zweit, nichts ist befriedigender als der Genuss des anderen zu genießen.
Nur wer dies erlebt hat, weiß von was ich spreche und kann es auch verstehen. Gefühle sind dazu da, um gefühlt zu werden. Die Kraft der Liebe erkennt nur der, der sie erlebt hat. Wieviel Elend in der Welt ist nicht der fehlende Liebe und die dadurch entstehende Bitterkeit zu verdanken? Es entsteht ein Engels- bzw. ein Teufelskreis, gemäß den Erfahrungen. Wer nie geliebt hat, leugnet die Kraft der Liebe. Hingegen, wer die Liebe kennt, ist gewollt ihr alles zu opfern.
Hier scheiden sich zwei Welten und ich glaube kaum, dass es da eine Übereinkunft geben kann. Auf der einen Seite ist Eros, auf der anderen ist Thanatos. Es gibt nur diese zwei Alternativen. Vielleicht geht die Menschheit daran zu Grunde. Vielleicht siegt Eros. In diesem Sinn, ist Liebe revolutionär.
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