Günter Grass – Die Blechtrommel
Hermann Luchterhand Verlag – 5. Und 6. Auflage – 1960
Erster Teil
Hier unter Freunden, kann ich es ja sagen: Ich hatte die Blechtrommel nie gelesen, obwohl ich mich ganz klar erinnern kann, mit welcher Begeisterung mein Vater das Buch, kurz nach der Erscheinung, kommentiert hat. Ich weiß wirklich nicht warum, ob es die über siebenhundert Seiten, oder ob es die Begeisterung meines Vaters waren, die mich von dem Buch abschreckten.
Ich lese eigentlich sehr wenig Nachkriegsliteratur. Erstens, weil ich der Meinung bin, dass der Zeitfilter maßgebend ist in der Unterscheidung von was gut, und was nur Mode ist. Zweitens, weil meine Wurzeln eher in der Weimarer Republik als in der Bundesrepublik liegen.
Trotzdem habe ich mich später, es wird wahrscheinlich während der neunziger Jahre gewesen sein, entschieden etwas von Grass zu lesen. Die Wahl fiel auf Die Rättin, allerdings in einer portugiesischen Übersetzung. So etwas von primitiv, vom Konzept bis zur Ausführung, das war mein Gesamteindruck! Und ich entschied mich jedes weitere Buch von Grass ganz am Ende der Warteschlange zu setzen.
Nun ist es so, dass die Warteschlange sich sehr langsam vorwärtsbewegt, aber trotzdem, sie bewegt sich. Und so kam der Tag, wo die Blechtrommel an der Reihe war. Es ist genau dasselbe Buch, dass mein Vater gelesen hat. Der Deckel, aus Leinen gebunden, war morsch, blätterte ab, ich habe das Buch selber restauriert, den Deckel mit Japanpapier überzogen.
Nach der Lektüre der ersten Seiten des Buches war ich glücklich festzustellen, dass ich mich über Grass geirrt hatte. Wie gut, dass man sich irren darf! Sonst würde nämlich die Gewissheit uns in der Irre führen mit all ihren Irrtümern. Die Blechtrommel ist ein Meisterwerk! Das war mein erster Eindruck, als ich die ersten Seiten des ersten Buches las. Und die Schuld an allem, ich meine natürlich Die Rättin, habe ich der Übersetzung zugeschoben.
Das war natürlich ein weiterer Irrtum! Zwar sind einige, sehr wenige Stellen, besonders am Anfang, besonders im ersten Buch, Meisterwerke. Aber das Meiste in dem Buch ist von sehr fraglichem Sinn und noch fraglicheren Geschmack, und konnte mich nicht überzeugen.
Ein Zwerg, der die Welt als Außenseiter betrachtet, und wichtige Epochen deutscher Geschichte und deutscher Gesellschaftsordnung kritisch auswertet, das wäre das Buch das ich geschrieben hätte (ich hätte dafür natürlich kein Nobelpreis bekommen!). Das ist aber nicht das Buch das Grass geschrieben hat.
Grass‘ Zwerg ist etwas ganz anderes. Maria, Oskars (das ist der Zwerg) erste Liebe, in Sondermeldungen, zweites Buch, nennt ihn eine verfluchte Drecksau, einen Giftzwerg, einen übergeschnappten Gnom, den man in einer Klappsmühle (Irrenanstalt) stecken müsse und ich stimme mit ihr völlig überein. Ich empfinde es als eine Zumutung, Zeit mit einer Geschichte eines pervertierten und meschuggenen Gnoms zu verschwenden.
In den nächsten Paragraphen will ich mal etwas von diesen Ideen verdeutlichen. Ich bringe erst die Stellen, die mir besonders gefallen haben, und dann das was ich an dem Roman ziemlich mies fand. Ich hoffe, dass es somit deutlich wird, dass das Miese das Schöne stark übertrifft.
(Obwohl dies mein ursprünglicher Plan war, ist es mir leider nicht gelungen das Gute/Schöne ganz von dem Schlechten/Miesen zu trennen. Am Ende dieses Textes mische ich beide Ebenen. Die Sachen sind eben nicht so einfach wie man sie gern machen möchte, und das Positive lässt sich nicht immer von dem Negativen trennen.)
Begeistert war ich von der Idee der vier Röcke Anna Bronskis, unter denen Oskars Mutter Agnes, gezeugt wurde, als der Großvater Joseph Koljaiczek dort Zuflucht von der Polizei suchte.
Koljaiczeks Flucht, in Unterm Floss, erstes Buch, ist ein Meisterwerk. Diesmal taucht der Großvater nicht in den Gewässern der Großmutter, sondern in die Weichsel. Er ist ein Flößer geworden, hat seine Identität gewechselt, heißt jetzt Joseph Wranka, es hilft aber alles nicht, und er wird endlich von der Polizei entdeckt.
Ich habe die Szene zusammengefasst, leicht verändert, aber im Grunde benutze ich Grass‘ Worte. Es spricht Oskar: Erst als mein Großvater den Holzhafen voller blau Uniformierter sah, spukte er den sanften Wranka aus und floh, floh über die Flöße, floh über weite, schwankenden Flächen, barfuß über ein ungehobeltes Parkett, von Langholz zu Langholz, barfuß, die Rundhölzer kaum noch berührend, von Floß zu Floß. Da schneiden zwei Barkassen ihm den Weg ab und machen den Spielverderber, so dass er stoppen muss, wo er so schön im Schwung war, und steht ganz einsam auf einem Floß. Er muss sich abstoßen und schwimmend sah man ihn, und auf ein Floß schwamm er zu, musste aber tauchen wegen Barkassen, und unten bleiben wegen Barkassen, und das Floß schob sich über ihn und wollte nicht mehr aufhören, gebar immer ein neues Floß: Floß von deinen Floß, in aller Ewigkeit: Floß.
Diese Geschichte erinnert mich ein bisschen an magischen Realismus, ein Literaturstil den ich sehr schätze, weil er die Wirklichkeit mit dem magisch-poetischen, der ja zur Phantasie gehört, verbindet.
Auch zum magischen Realismus würde ich die Szene zählen, wo Oskar versucht Jesus, in bemalten Gips und auf goldenen Sockel, das Trommeln beizubringen (Kein Wunder, erstes Buch). Selbstverständlich gelingt es ihm nicht, und er bekommt einen Wutanfall.
Als Oskars Mutter Agnes, im dritten Schwangerschaftsmonat stirbt, gibt es ein paar Sätze die die widersprüchliche und konfliktvolle Beziehung zwischen Mutter und Sohn sehr gut widerspiegeln. Ich will so einiges in Oskars Worten (leicht verändert) bringen, weil es so schön und treffend ist: Mama konnte sehr lustig sein. Mama konnte sehr ängstlich sein. Mama konnte schnell vergessen. Mama hatte dennoch ein gutes Gedächtnis. Mama schüttete mich aus und saß dennoch mit mir in einer Badewanne. Auch wenn Mama sich zuknöpfte, blieb sie mir aufschlussreich. Als Mama starb, verblassten die roten Flammen auf der Einfassung meiner Trommel. Auch das Begräbnis von Agnes ist ein Meisterwerk des Poetischen (Die Verjüngung zum Fußende, erstes Buch).
Das Kapitel Die Polnische Post im zweiten Buch, dass sich auf Ereignisse des Überfalls auf Polen, 01.09.1939, basiert, ist sehr gut, und zeigt wie eine Handvoll schlechtbewaffnete Polen imstande waren, den ganzen großen und hochtechnisierten deutschen Kriegsapparat für ein paar Stunden aufzuhalten.
Liebe gibt es in dem Buch leider zu wenig, leider zu kurz. Besonders fehlen die liebvollen Seiten einer Liebe. Eine Ausnahme ist Oskars Verhältnis zu Signora Roswitha Raguna, die Somnambule, auch eine Liliputanerin (Bebras Fronttheater, zweites Buch). Eine sehr schöne Stelle am Ende des Kapitels bringe ich hier, leicht verändert und stark zusammengefasst (es spricht Oskar): Sie aber, Roswitha, lag bei mir und ängstigte sich. Oskar aber ängstigte sich nicht und lag dennoch bei ihr. Ihre Angst und mein Mut fügten unsere Hände zusammen. Ich suchte ihre Angst ab, sie suchte meinen Mut ab. Schließlich wurde ich etwas ängstlich, sie aber bekam Mut. Und als ich ihr das erste Mal die Angst vertrieben, ihr Mut gemacht hatte, erhob sich mein männlicher Mut schon zum zweiten Mal. Währen mein Mut herrliche achtzehn Jahre zählte, verfiel sie, ich weiß nicht, im wievielten Lebensjahr stehend, zum wievieltenmal liegend ihrer geschulten, mir Mut machenden Angst. Gesagt werden muss, dass diese Szene sich während eines Luftangriffs abspielt. Es mischen sich also die Angst einer sexuellen Begegnung mit der Angst des Angriffs. Ganz große Klasse!
Im Gegensatz zu dem oben gesagten, konnte mich die Szene, wo Oskar einen Unfall simuliert, und sich von der Treppe schmeißt, um einen Grund zu haben, nicht mehr wachsen zu müssen, und für sein Leben lang ein Zwerg zu bleiben, nicht überzeugen (Glas, Glas Gläschen, erstes Buch). Wie ein Junge von drei Jahren auf diese Idee kommt, wäre nicht so wichtig, wenn Grass das Magische mehr herausgestellt hätte. Aber nein, die poetische Ebene fehlt völlig, und es bleibt eben nur der Realismus.
Nicht einmal der Realismus, geschweige die magisch-poetische Ebene gibt es in der Szene wo Oskar eine Nazikundgebung mit seiner Trommel sprengt, und in ein Walzer umgestaltet. Es ist alles viel zu unglaubwürdig, zu forciert und zu künstlich (Die Tribüne, erstes Buch).
Das teuflisch-sadistische an Oskar erweckt bei mir nur Ablehnung. Zwar habe ich nichts gegen den Teufel, eher das Gegenteil. Als Außenseiter ist er mir höchst sympathisch, aber er muss nicht gleich der Held der Geschichte sein. Außerdem bin ich der Meinung, dass es dahinter ein Ziel geben muss. Der Teufel ist eine Art Parodie, eine Karikatur des Bösen im Menschen. Man will etwas damit zeigen, und nicht nur so, des teuflischen wegen. Diese letzte Alternative grenzt an Sadismus und dafür habe ich wenig Verständnis.
Mit seiner Stimme zersprengt Oskar Schaufenster, um Leute zum Stehlen anzulocken. An einigen Diebstählen nimmt er zusammen mit seinen Freund Herbert selbst Teil. Sogar seinen mutmaßlichen Vater Jan Bronski lockt er zum Stehlen eines Rubinencolliers, der dann der Mutter geschenkt wird. Das alles passt nicht ganz zu dem Profil eines Vierzehnjährigen und liefert den Verdacht, dass Grass gar kein richtiges Konzept für seinen Oskar hatte. Es ging ihm vielmehr, ein paar Geschichten zu erzählen.
Der Höhepunkt des Abscheus wird aber, meiner Meinung nach, in Brausepulver, zweites Buch, erreicht. Die Erotik mit dem Speichel / Spucke plus Brausepulver ist mir unverständlich. Es kann sogar auf Komik zielen, aber die erotische Symbolik ist forciert, es fehlt die Ästhetik und die Szene wirkt plump und abstoßend. Dass diese Idee in Zusammenhang mit Liebe gebracht wird, kann ich Grass nicht verzeihen. Die Auseinandersetzung zwischen Oskar und den elften Finger (oder den dritten Trommelstock) kann so einiges erklären, aber rechtfertigen kann es nicht.
Die Geschichte um Marias Schwangerschaft und ihre Beziehung zu Oskars Vater, Alfred Matzerath (siehe Sondermeldungen, zweites Buch), ist auch sehr hässlich. Ob Matzerath oder Oskar der Vater von Kurt ist, wird nicht klar. Jedenfalls das Thema ist der Geschlechtsverkehr zwischen Maria, Oskar und Matzerath. Der letzte kann es nur schnell machen. Der erste kann es nur mit Brausepulver. So etwas dummes!
Auch Oskars Versuch Marias Schwangerschaft zu unterbrechen, indem er es mit der Schere probiert, d.h., er will, aber es gelingt ihm nicht, die Schere in Marias Bauch stechen, würde ich dem teuflischen zuordnen. Oskars Flucht in Frau Greffs (das ist die Frau des Gemüsehändlers) Schoss und in ihren säuerlichen Ausdünstungen ist gleichfalls tief abstoßend und unappetitlich. Welche Reize sieht Oskar an einer stinkigen alten Frau? Ist es die Perversität einer Enttäuschung, oder ist es die Enttäuschung einer Perversität? Immer wieder findet man das prätentiös Witzige, das in meiner Sicht nur aus miesen abschreckenden Grobheiten besteht.
Günter Grass – Die Blechtrommel
Zweiter Teil
Es ist sehr verwirrend, dass Grass‘ Geschichte sich so wenig mit den Schrecken des Krieges befasst. Eine Episode Bebras Frontheater spielt sich in Metz während eines Luftangriffs ab. Oben gab es Bomben, unten im Keller nur Gelächter. Ist dies glaubhaft? (Bebras Fronttheater, zweites Buch).
Der vernünftige sogar fleißige Oskar, bzw. Oskarnello, während der Frankreich Fahrt mit dem Fronttheater, hat nichts gemeinsames mit dem teuflisch-rebellisch-anarchistischen Oskar nach seiner Rückkehr, Juni 1944, nach Danzig . Hier verfehlt Grass die Geschichte uns glaubhaft zu machen. Ist es plausibel, dass ein Einzelgänger, ein Sonderling wie Oskar Führer einer Jugendbande wird (Die Stäuber, zweites Buch)? Er zersingt Scheiben und die Burschen brechen ein.
Grass‘ Versuch eine Verbindung von Oskar und seine Bande mit Jesus und die Jünger zu machen, ist ein Fehlschlag. Wahrscheinlich hat ihm der Mut dazu gefehlt. Es wird in Kirchen eingebrochen, um Kunstgegenstände zu stehlen. Der Höhepunkt des Grotesken und Farcenhaften ist aber die Parodie einer Messe. Oskar sitzt auf den Knien der Jungfrau, ersetzt den Jesusknaben und trommelt. Die anderen Knaben singen die Messe. Plötzlich tritt die Kriminalpolizei ein und alle Stäuber werden verhaftet. Die ganze Szene ist viel zu dick aufgetragen. Auch das Springen in ein wasserloses Bassin, als Metapher für ein gerichtliches Verfahren während der Nazizeit, ist nicht überzeugend und zu gewollt. Nur Oskar springt nicht und kann das Gerichtsgebäude lebend verlassen.
Danzig wird bombardiert und die sowjetischen Truppen rücken ein. Das Teuflische in Oskar erscheint wieder als er Matzerath (Alfred), sein mutmaßlicher Vater und Pfleger, das NSDAP Parteiabzeichen vor den Russen zuschiebt. Matzerath versucht die Brosche zu schlucken, sie bleibt ihm aber im Halse stecken und er wird erschossen. Das Ganze wird auf eine zynische Art erzählt und man fragt sich, was der Sinn der ganzen Szene ist. Soll es komisch sein? Soll es geistreich sein? Oder nur ekelhaft grotesk?
Der Krieg wird beendet aber das Teuflische lebt in Oskar weiter. Interessant ist die Verbindung mit dem Tod (Thanatos). Oskar kokettiert öfters mit dem Mord, auch Selbstmord: auf der Treppe, in der Post, beim ersten Treffen mit den Stäubern, usw. Hier ist es im Karussell. Auf dem Begräbnis von Matzerath wird er von einem Stein, den ihm sein Sohn Kurt wirft, getroffen und ist krank. Im Krankenhaus, unter Fieber, phantasiert er: Das Karussell dreht sich wie üblich. Wer die Runde bezahlt ist der himmlische Vater und Oskar, der sich im Karussell mit anderen Kindern befindet, denkt: Ach Vaterunser, wir wissen ja, daß du viel Kleingeld hast, daß es Dir Spaß macht, uns das Runde dieser Welt zu beweisen. Steck bitte Deine Börse ein, sag stop, halt, fertig, Feierabend, basta, aussteigen, Ladenschluß …(Desinfektionsmittel, zweites Buch).
Nach dem Krieg, schon in Düsseldorf, besucht Oskar Friedhöfe. Wieder liebäugelt er mit dem Tod. Endlich findet er eine Stellung bei einem Steinmetz, der Grabsteine und Grabdenkmäler produziert (Feuersteine und Grabsteine, drittes Buch).
Er will ein guter Bürger werden, hat das teuflische vergessen und arbeitet hart. Der Steinmetz Korneff ist ein guter Arbeitgeber. Oskar bringt Geld nach Hause und macht Maria einen Heiratsantrag, der aber nicht angenommen wird. Er wird also kein Biedermeier, kündigt beim Korneff und wird Modell an der Kunstakademie. War seine Revolte nichts mehr als fehlende Gelegenheit? Ist es Oskar, der nicht weiß was er will, oder ist es Grass, der nicht weiß was er mit Oskar anfangen soll?
Parallel zu Oskars unbeständige Lebenseinstellung wird auch etwas von der Nachkriegsatmosphäre in Deutschland erzählt. Es wird hauptsächlich getauscht, Geld ist wenig im Umgang. Genau wie vorher das Völkische, wird jetzt das Amerikanische praktiziert. Die Überzeugungen ändern sich, aber das schön Mitmachen bleibt. Man muss sich den Zeiten anpassen, egal in welcher Richtung.
In Oskar erhebt sich wieder der Narr. Seine Liebe zu (Kranken-) Schwester Dorothea, die er nie gesehen hat, besteht aus einer Mischung von Fetischismus und Metaphysik. Das Weiße und die Schwestern, im doppelten Sinn, also Ordensfrau und / oder Krankenschwester, deuten auf Unschuld und Reinheit hin. Die Liebe dazu, d.h., die Verbindung von Liebe und Reinheit, ist ein allzu bekanntes Thema der Psychoanalyse und bedarf hier keine detaillierte Interpretation (Im Kleiderschrank, drittes Buch).
Oskar zieht aus Marias Wohngemeinschaft aus, und trifft in seiner neuen Wohnung, wo auch Schwester Dorothea wohnt, Klepp, der bettlägerig ist. Es gibt eine wundervolle Szene, die ich, stark zusammengefasst, widerzugeben versuche. Oskar auf der Trommel und Klepp auf der Flöte fangen mit der Musik an und es wird seine Wiederauferstehung als Trommler gefeiert: Es war wie am Jüngsten Tag all meiner alten, zerschlagenen, erledigten Blechtrommeln. Die tausend Bleche, die ich zum Schrott geworfen hatte und das eine Blech, das auf dem Friedhof Saspe begraben lag, sie standen auf, erstanden aufs Neue, feierten heil und ganz Auferstehung… Und Oskar trommelt seinen ganzen Lebensgang. Wir spielten mehrere Stunden lang. Als wir die Flucht meines Großvaters über die Holzflöße hinreichend variiert hatten, beendeten wir leicht erschöpft aber auch glücklich das Konzert … Oskars Trommel war auferstanden, auch Klepp war ein Auferstandener – und wir beglückwünschten uns gegenseitig und küßten uns die Wangen. Oskar und Klepp gründen eine Jazz-Band in der Oskar Schlagzeuger wird.
Im Zwiebelkeller (drittes Buch), wo Oskar und seine Band auftreten, wird so einiges über die Nachkriegsgesellschaft gesagt. Zwiebeln werden geschält und die Tränen fließen. Man will das Ausleben innere Konflikte ermöglichen, und verdrängten Gedanken und Gefühlen freien Auslauf gewähren. Aber… man versuchte, ins Gespräch zu kommen, schaffte es aber nicht, redete, trotz bester Absicht, an den eigentlichen Problemen vorbei …
Bei Nacht, auf dem Kokosteppich (drittes Buch), in seiner neuen Wohnung, trifft Oskar Schwester Dorothea. Hier sollte es eigentlich einen Akt geben, aber nein, Oskar spielt lieber den Teufel, und er versagt, wahrscheinlich durch satanische Einflüsse. Ist Schwester Dorotheas Anziehungskraft, das damit zusammenhängende Sexuelle, und die Verbindung mit dem Teufel nicht übelstes Vorurteil und Klischee, selbst wenn man die Zeit bedenkt, in der das Buch geschrieben wurde?
Die Geschichten von Fräulein Pioch / Herrn Vollmer und Gerhard / Gudrun sind dem Horror zuzuschreiben. Der Erste kann nur lieben, wenn er die Zweite tritt. Der Dritte liebt die Vierte nur, weil diese den Bart hat, den er nicht haben kann. Auch Schmuh, Inhaber des Zwiebelkellers, sein Sperlingschießen und das Weinen der Toilettenfrau, die Schmuh immer anschnauzt, sind Gruselgeschichten oder, besser gesagt, gröbster Scherz (Im Zwiebelkeller, drittes Buch).
Es wird immer schlimmer mit der Narrheit. Die Rache der Sperlinge, die Schmuhs Unfall verursachen und sein Leben kosten, oder Oskars Reise nach der Normandie, wo er Schwester Agnetta trifft, können nur der Spinnerei zugeordnet werden.
Oskar verlässt die Jazz-Band und schlägt eine Sololaufbahn ein. Sein Auftritt als Trommler wird zu einem Erfolg und Tournee folgt Tournee. Dabei gelingt es Grass nicht uns klar zu machen, aus was seine Anziehungskraft besteht. Er trommelt Episoden aus seinem Leben. Ideen, ein Klima oder Atmosphäre werden zu Paukenschläge. OK, einverstanden. Aber konkret, wie vollzieht sich so etwas?
Am Ende gibt es wieder etwas makabres. Oskars Hund findet ein Ringfinger mit Ring. Wie sich später herausstellt gehört der Finger Schwester Dorothea, die ermordet wurde. Oskar wird verhaftetet und kommt in eine Heil- und Pflegeanstalt. Endlich! (Der Ringfinger, drittes Buch).
Ja was soll ich noch mehr dazu sagen? Eine Zusammenfassung? Hier ist sie in Grass‘ Worten: Unter Glühbirnen geboren, im Alter von drei Jahren vorsätzlich das Wachstum unterbrochen, Trommel bekommen, Glas zersungen, Vanille gerochen (Maria duftet nach Vanille), in Kirchen gehustet, Luzie gefüttert (sie gehört der Stäuber Bande), Ameisen beobachtet, zum Wachstum entschlossen, Trommel begraben, nach Westen gefahren, den Osten verloren, Steinmetzt gelernt und Modell gestanden, zur Trommel zurück, und Beton besichtigt, Geld verdient und den Finger gehütet, den Finger verschenkt und lachend geflüchtet, aufgefahren, verhaftet, verurteilt, eingeliefert, demnächst freigesprochen, feiere ich heute meinen dreißigsten Geburtstag und fürchte mich immer noch vor der Schwarzen Köchin (Ist die schwarze Köchin da? ist ein Kinderlied, bzw. Kinderspiel) – Amen (Dreißig, drittes Buch).
Fazit: Das Buch ist eine Sammlung gedankenloser Gedanken. An der Seite gröbster Grobheiten, reihen sich einige, wenige geistreiche Einfälle, die aber kein Gesamtbild ergeben. Es fehlt das Ganze, es fehlt die Einheit, die Gesamtheit, die ein großes Werk ausmachen. Die Einheit in der Verschiedenheit das ist ein wesentliches Merkmal eines Meisterwerks. Die Zeiten in denen sich das Buch abspielt, Weimarer Republik, Drittes Reich und Nachkriegszeit ist so reich an wichtigen Ereignissen, dass man wirklich etwas mehr als Spaßmacherei erwarten könnte.
Immer wieder wird heftig übertrieben, aus Ironie wird Spott, aus dem Magisch-poetischen wird grobe Karikatur. Grass flüchtet sich zu oft und zu sehr ins Anekdotische und tauscht das Treffende gegen das Witzige ein. Einiges ist geistreich aber zu vieles ist zu gewollt geistreich. Oskar ist eine Art Hofnarr, nur dass der wirkliche Hofnarr den Hof vernarrt, und das ist in Oskar nicht zu spüren.
Einen dritten Günter Grass in meinem Leben wird es nicht geben. Dafür ist das Leben zu kurz.
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