Bruno Bettelheim – Aufstand gegen die Masse,
Fischer Taschenbuch Verlag, 1995
ISBN 3-596-42217-5
(Die
amerikanische Originalausgabe mit dem Titel The
informed Heart; Autonomy in a Mass Age erschien 1960 im Verlag
The
Free Press of Glencoe/III.)
Ich
hatte mir viel von dem Buch versprochen. Im ersten Paragraphen des Vorworts
steht: Noch nie ist es so vielen Menschen
so gut gegangen wie jetzt. Wir zittern nicht mehr aus Furcht vor Krankheit und
Hunger, vor verborgenen Mächten der Finsternis, vor der Zauberkraft von Hexen.
... Aber obwohl wir jetzt größere Möglichkeiten haben, das Leben zu genießen,
sind wir unglücklich aus Enttäuschung darüber, dass Freiheit und Wohlstand
unserem Leben keinen Inhalt und kein Ziel geben. Das Vorwort schließt dann
mit der Bemerkung: Wir können uns nicht
mehr mit einem Leben zufriedengeben, in dem die Argumente des Herzens der
Vernunft fremd sind. Unser Herz muss die Welt der Vernunft kennen, und die
Vernunft muss sich von einem wissenden Herzen leiten lassen.
So
weit, so gut. Wie aber schreibt man ein Buch darüber? Im ersten Paragraphen des
ersten Kapitels, Vereinigung der
Gegensätze, erklärt Bettelheim seinen Plan: Ich habe in diesem Buch versucht, den Teil meines Denkens und meines
Werks vorzulegen, der sich mit der Situation des Menschen in der modernen
Massengesellschaft und den psychologischen Auswirkungen totalitärer
Bestrebungen auseinandersetzt.
Genau
das interessierte mich. Ich dachte, es würde Bettelheim gelingen, anhand seiner
Erfahrungen mit dem totalitären Deutschland - er war während 1938-39 in den KZs
Dachau und Buchenwald interniert – die Ängste, Unsicherheiten und
Entpersonalisierung in der modernen Massengesellschaf zu analysieren, und zwar
konkret. Nehmen wir z.B. die Angst und die Verunsicherung. Sie waren Teil des Naziterrors
und man findet sie auch, wenngleich in abgeschwächter Form, in den unsicheren Arbeitsbedingungen
der modernen Gesellschaft. Oder man nehme die Entpersonalisierung. Sie ist fast
ein Synonym der Massengesellschaft geworden. Aber auch der Faschismus arbeitet
gerne mit Massen, weil diese sich besser und einfacherer manipulieren lassen.
Die Einordnung des Individuums in die Masse ist dann eine Garantie, dass das
Individuum der Masse untergeordnet bleibt. Ein weiteres Beispiel liefert die
Rolle der Propaganda. Sie bekam ein eignes Ministerium unter Hitler. Aber auch
heute steht Werbung an erster Stelle. Nun, diese sind nur einige Punkte in
denen man Parallelen zwischen Faschismus und Massengesellschaft ziehen könnte.
Leider
ist aus dem ursprünglichen Plan nicht viel geworden. Bettelheim bleibt immer
konkret und sachlich, die Gedanken werden immer klar und anschaulich
formuliert, es wird Auskunft über den Prozess der Erniedrigung der KZ-Häftlinge
gegeben, aber die Verbindung mit dem Zermahlen des Menschen der industriellen und
postindustriellen Gesellschaft, fehlt fast vollkommend. Das Buch ist gut zu
lesen, einfach und unkompliziert, obwohl Bettelheim, von meinem Standpunkt, zu
sehr der naiven, idealistischen Perspektive neigt.
Die
Gründe für die fehlende Verbindung zwischen Faschismus und moderner
Massengesellschaft kann ich mir gut vorstellen. Bettelheim wurde durch
persönliche Einwirkung von amerikanischen Unterstützern (u.a. Eleanor Roosevelt)
aus dem KZ Buchenwald befreit und durfte
in die USA einreisen. Dort, wo es bereits eine große Freud-Anhängerschaft gab,
distanzierte der Psychoanalytiker Bettelheim sich von den mehr in dem
Unbewussten, der Libido und den individuellen Einflüssen herrschenden Vorstellungen.
Er versuchte ein größeres Gewicht der Umwelt und dem sozialen Milieu zu geben. Hätte
er zusätzlich noch eine scharfe Kritik an dem in den USA vorwiegenden System
gemacht, so hätte dies ihm noch mehr Feindschaften gebracht.
Es
folgt eine kurze Beschreibung des Buches, in der ich hauptsächlich die Punkte, die
mich interessieren, hervorhebe. In Kapitel 1 wird u.a. eine Kritik der Freud’schen
Psychoanalyse gemacht. Kern der Psychoanalyse ist die Neurose. Es wird wenig
geboten in Bezug auf die Art und Weise in denen man ein befriedigendes Leben
führen soll. Das Schwergewicht ist, wie man das Falschgemachte korrigieren
kann. Die Einstellung der Psychoanalyse entspricht dem Satz: Im Himmel herrscht mehr Freude über ein
Sünder, der Buße tut, als über zehn Gerechte (S. 32). Die Betonung liegt
also immer auf dem Tragischen, und übergeht die Dinge die Zufriedenheit
bringen. Die faszinierende Pathologie überschattet die positiven Kräfte des
Lebens. Ferner liegt das Hauptgewicht der Psychoanalyse auf der individuellen
Ebene. Libido, Triebe und Unbewussten werden immer von der persönlichen
Perspektive untersucht. Die Einflüsse der Umwelt und des Sozialen werden wenig berücksichtigt.
Auch wird bei Freud, die gewöhnliche Umwelt durch die des Sprechzimmers
eingetauscht.
In
Kapitel 2 und 3 wird eine Kritik der modernen Gesellschaft versucht. Die
meisten Ideen sind aber so allgemein und so unpräzis formuliert, dass ich damit
wenig anfangen konnte. Eine interessante Idee, die Bettelheim auf S. 69 erwähnt,
ist, dass die Wahnvorstellung, die Maschine könne uns beherrschen, zur
Wirklichkeit werden kann, wenn wir nichts dagegen tun. Wir projizieren nämlich unsere
Kräfte auf die Maschine. Wenn wir diese Kräfte nicht zurückgewinnen, dann wird
aus dem Alptraum, Wirklichkeit. Ein unterentwickeltes Ich ist wehrlos den
Angriffen des Es und des Überichs ausgesetzt. Wenn das Ich nicht seine
Entscheidungsfähigkeit nützt und stärkt, dann läuft es Gefahr von den
Instinkten und der Gesellschaft herumgestoßen zu werden (S. 79).
Laut
Bettelheim bedeutet Autonomie nicht, dass der Mensch absolute Freiheit hat oder
haben sollte. Jede Gesellschaft bedarf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen
den Ansprüchen des Individuums und dem Gemeinwohl. Werden die Instinkte des Einzelnen nicht beschränkt, so kann die
Gesellschaft nicht bestehen. Freiheit
bedeutet, die Fähigkeit, die Bestrebungen im Inneren des Menschen mit den Interessen der Gesellschaft,
auszugleichen (S. 80).
Kapitel
4, 5 und 6 beschäftigen sich mit dem Leben in den KZs. Das Positive an der
Bettelheimschen Analyse ist, dass sie sich nicht auf eine Beschreibung der
Gräueltaten beschränkt. Das Schwergewicht ist zu zeigen, dass es dahinter einen
Plan der Beherrschung durch Einschüchterung und Entmenschlichung gab. Durch das
Brechen von Selbstvertrauen und Selbstrespekt sollte auch der Widerstand
gebrochen werden. Bespitzelung, Vereinsamung, Hass und Misstrauen sollten jede
gemeinsame Aktion verhindern. Die Tatsache, dass die interne Verwaltung von den
Häftlingen selbst gemacht wurde, und dass es dadurch zu heftigen Gegensätzen
kam, hat die Spaltung noch bekräftigt. Ziel war das Individuum zu zerstören, und
es Teil einer folgsamen Masse zu machen. Der Widerstand wurde durch
traumatische Erlebnisse gebrochen, und die Selbsterniedrigung half der
Entpersonalisierung. Das wirksamste Mittel war Angst. Bekanntlich lähmt Angst,
und beraubt dem Menschen jede Möglichkeit der Reaktion. Die KZs hatten auch die
Einschüchterung der außenstehenden Bevölkerung als wichtiges Ziel (S. 121).
Ferner waren die KZs Ausbildungsstätten der SS. Dort lernten sie hart mit dem Feind umzugehen.
Zuletzt
werden in Kapitel 7 die Auswirkungen des Naziterrors auf die deutsche Bevölkerung
untersucht. Angst und Terror führten zu einer Entpersonalisierung. Wie ein Kind,
das sich den Eltern fügt, so fügte man sich dem Staat. Desto stärker die
Tyrannei, desto schwächer ist der Einzelne, und stärker die Versuchung die
Stärke, durch Beteiligung an der Tyrannei, wiederzugewinnen. Wenn das Sein eine
Gefahr bedeutet, weil es Selbstsein, also Unabhängigkeit, werden könnte, gibt
man es auf, und taucht in der Anonymität unter. Im Hitlerstaat konnte man sich
nicht erlauben nach seinen eigenen Überzeugungen zu leben.
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