Donnerstag, 12. März 2020

Bruno Bettelheim – Aufstand gegen die Masse


Bruno Bettelheim – Aufstand gegen die Masse, Fischer Taschenbuch Verlag, 1995

ISBN 3-596-42217-5
(Die amerikanische Originalausgabe mit dem Titel The informed Heart; Autonomy in a Mass Age erschien 1960 im Verlag The Free Press of Glencoe/III.)

Ich hatte mir viel von dem Buch versprochen. Im ersten Paragraphen des Vorworts steht: Noch nie ist es so vielen Menschen so gut gegangen wie jetzt. Wir zittern nicht mehr aus Furcht vor Krankheit und Hunger, vor verborgenen Mächten der Finsternis, vor der Zauberkraft von Hexen. ... Aber obwohl wir jetzt größere Möglichkeiten haben, das Leben zu genießen, sind wir unglücklich aus Enttäuschung darüber, dass Freiheit und Wohlstand unserem Leben keinen Inhalt und kein Ziel geben. Das Vorwort schließt dann mit der Bemerkung: Wir können uns nicht mehr mit einem Leben zufriedengeben, in dem die Argumente des Herzens der Vernunft fremd sind. Unser Herz muss die Welt der Vernunft kennen, und die Vernunft muss sich von einem wissenden Herzen leiten lassen.

So weit, so gut. Wie aber schreibt man ein Buch darüber? Im ersten Paragraphen des ersten Kapitels, Vereinigung der Gegensätze, erklärt Bettelheim seinen Plan: Ich habe in diesem Buch versucht, den Teil meines Denkens und meines Werks vorzulegen, der sich mit der Situation des Menschen in der modernen Massengesellschaft und den psychologischen Auswirkungen totalitärer Bestrebungen auseinandersetzt.

Genau das interessierte mich. Ich dachte, es würde Bettelheim gelingen, anhand seiner Erfahrungen mit dem totalitären Deutschland - er war während 1938-39 in den KZs Dachau und Buchenwald interniert – die Ängste, Unsicherheiten und Entpersonalisierung in der modernen Massengesellschaf zu analysieren, und zwar konkret. Nehmen wir z.B. die Angst und die Verunsicherung. Sie waren Teil des Naziterrors und man findet sie auch, wenngleich in abgeschwächter Form, in den unsicheren Arbeitsbedingungen der modernen Gesellschaft. Oder man nehme die Entpersonalisierung. Sie ist fast ein Synonym der Massengesellschaft geworden. Aber auch der Faschismus arbeitet gerne mit Massen, weil diese sich besser und einfacherer manipulieren lassen. Die Einordnung des Individuums in die Masse ist dann eine Garantie, dass das Individuum der Masse untergeordnet bleibt. Ein weiteres Beispiel liefert die Rolle der Propaganda. Sie bekam ein eignes Ministerium unter Hitler. Aber auch heute steht Werbung an erster Stelle. Nun, diese sind nur einige Punkte in denen man Parallelen zwischen Faschismus und Massengesellschaft ziehen könnte.

Leider ist aus dem ursprünglichen Plan nicht viel geworden. Bettelheim bleibt immer konkret und sachlich, die Gedanken werden immer klar und anschaulich formuliert, es wird Auskunft über den Prozess der Erniedrigung der KZ-Häftlinge gegeben, aber die Verbindung mit dem Zermahlen des Menschen der industriellen und postindustriellen Gesellschaft, fehlt fast vollkommend. Das Buch ist gut zu lesen, einfach und unkompliziert, obwohl Bettelheim, von meinem Standpunkt, zu sehr der naiven, idealistischen Perspektive neigt.

Die Gründe für die fehlende Verbindung zwischen Faschismus und moderner Massengesellschaft kann ich mir gut vorstellen. Bettelheim wurde durch persönliche Einwirkung von amerikanischen Unterstützern (u.a. Eleanor Roosevelt) aus dem KZ Buchenwald befreit und durfte in die USA einreisen. Dort, wo es bereits eine große Freud-Anhängerschaft gab, distanzierte der Psychoanalytiker Bettelheim sich von den mehr in dem Unbewussten, der Libido und den individuellen Einflüssen herrschenden Vorstellungen. Er versuchte ein größeres Gewicht der Umwelt und dem sozialen Milieu zu geben. Hätte er zusätzlich noch eine scharfe Kritik an dem in den USA vorwiegenden System gemacht, so hätte dies ihm noch mehr Feindschaften gebracht.

Es folgt eine kurze Beschreibung des Buches, in der ich hauptsächlich die Punkte, die mich interessieren, hervorhebe. In Kapitel 1 wird u.a. eine Kritik der Freud’schen Psychoanalyse gemacht. Kern der Psychoanalyse ist die Neurose. Es wird wenig geboten in Bezug auf die Art und Weise in denen man ein befriedigendes Leben führen soll. Das Schwergewicht ist, wie man das Falschgemachte korrigieren kann. Die Einstellung der Psychoanalyse entspricht dem Satz: Im Himmel herrscht mehr Freude über ein Sünder, der Buße tut, als über zehn Gerechte (S. 32). Die Betonung liegt also immer auf dem Tragischen, und übergeht die Dinge die Zufriedenheit bringen. Die faszinierende Pathologie überschattet die positiven Kräfte des Lebens. Ferner liegt das Hauptgewicht der Psychoanalyse auf der individuellen Ebene. Libido, Triebe und Unbewussten werden immer von der persönlichen Perspektive untersucht. Die Einflüsse der Umwelt und des Sozialen werden wenig berücksichtigt. Auch wird bei Freud, die gewöhnliche Umwelt durch die des Sprechzimmers eingetauscht.

In Kapitel 2 und 3 wird eine Kritik der modernen Gesellschaft versucht. Die meisten Ideen sind aber so allgemein und so unpräzis formuliert, dass ich damit wenig anfangen konnte. Eine interessante Idee, die Bettelheim auf S. 69 erwähnt, ist, dass die Wahnvorstellung, die Maschine könne uns beherrschen, zur Wirklichkeit werden kann, wenn wir nichts dagegen tun. Wir projizieren nämlich unsere Kräfte auf die Maschine. Wenn wir diese Kräfte nicht zurückgewinnen, dann wird aus dem Alptraum, Wirklichkeit. Ein unterentwickeltes Ich ist wehrlos den Angriffen des Es und des Überichs ausgesetzt. Wenn das Ich nicht seine Entscheidungsfähigkeit nützt und stärkt, dann läuft es Gefahr von den Instinkten und der Gesellschaft herumgestoßen zu werden (S. 79).

Laut Bettelheim bedeutet Autonomie nicht, dass der Mensch absolute Freiheit hat oder haben sollte. Jede Gesellschaft bedarf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Ansprüchen des Individuums und dem Gemeinwohl. Werden die Instinkte des Einzelnen nicht beschränkt, so kann die Gesellschaft nicht bestehen. Freiheit bedeutet, die Fähigkeit, die Bestrebungen im Inneren des Menschen mit den Interessen der Gesellschaft, auszugleichen (S. 80).

Kapitel 4, 5 und 6 beschäftigen sich mit dem Leben in den KZs. Das Positive an der Bettelheimschen Analyse ist, dass sie sich nicht auf eine Beschreibung der Gräueltaten beschränkt. Das Schwergewicht ist zu zeigen, dass es dahinter einen Plan der Beherrschung durch Einschüchterung und Entmenschlichung gab. Durch das Brechen von Selbstvertrauen und Selbstrespekt sollte auch der Widerstand gebrochen werden. Bespitzelung, Vereinsamung, Hass und Misstrauen sollten jede gemeinsame Aktion verhindern. Die Tatsache, dass die interne Verwaltung von den Häftlingen selbst gemacht wurde, und dass es dadurch zu heftigen Gegensätzen kam, hat die Spaltung noch bekräftigt. Ziel war das Individuum zu zerstören, und es Teil einer folgsamen Masse zu machen. Der Widerstand wurde durch traumatische Erlebnisse gebrochen, und die Selbsterniedrigung half der Entpersonalisierung. Das wirksamste Mittel war Angst. Bekanntlich lähmt Angst, und beraubt dem Menschen jede Möglichkeit der Reaktion. Die KZs hatten auch die Einschüchterung der außenstehenden Bevölkerung als wichtiges Ziel (S. 121). Ferner waren die KZs Ausbildungsstätten der SS. Dort lernten sie hart mit dem Feind umzugehen.

Zuletzt werden in Kapitel 7 die Auswirkungen des Naziterrors auf die deutsche Bevölkerung untersucht. Angst und Terror führten zu einer Entpersonalisierung. Wie ein Kind, das sich den Eltern fügt, so fügte man sich dem Staat. Desto stärker die Tyrannei, desto schwächer ist der Einzelne, und stärker die Versuchung die Stärke, durch Beteiligung an der Tyrannei, wiederzugewinnen. Wenn das Sein eine Gefahr bedeutet, weil es Selbstsein, also Unabhängigkeit, werden könnte, gibt man es auf, und taucht in der Anonymität unter. Im Hitlerstaat konnte man sich nicht erlauben nach seinen eigenen Überzeugungen zu leben.

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