Sieh jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen
Aus einem Leben in ein andres Leben.
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Daß also keines länger hier verweile
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
Und keines andres sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen.
So mag der Wind sie in das Nichts entführen;
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie beide nichts berühren
So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin, ihr?
Nirgendhin.
Von wem entfernt?
Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit kurzem.
Und wann werden sie sich trennen?
Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.
(Kopiert von http://www.einladung-zur-literaturwissenschaft.de am 16.10.2019)
Jede Erkenntnis ist immer eine Mischung aus
Objektivität und Subjektivität. Ich, das Subjekt, erkenne das Objekt, das Gedicht.
Die Ideen, die folgen, sind also imprägniert von Subjektivität. Sicherlich sind
es nicht die Ideen, die Brecht dazu geführt haben, das Gedicht zu schreiben. Was
weiß ich über Brecht? Was geht es mich an, was Brecht sagen wollte?
Es handelt sich um Liebe. Verstrickt in der Liebe sind
Kraniche, Himmel, Wolke und Wind. Wie genau die Verhältnisse laufen, ist
schwierig zu erkennen. Aber die Liebe, in der die Liebenden ganz einander
verfallen sind, wo man den schönen Himmel teilt, den man befliegt, sie ist
schwierig. Das beiderseitige Wiegen in den Wind den beide spüren, in gleicher
Höhe und mit gleicher Eile; das dabei und doch nur daneben sein; es ist halt nicht
leicht. So mag es in das Nichts entführen, wenn man sich an dem anderen vergeht,
anstatt zu bleiben, und sich zu berühren. Fliegen soll man, einander ganz
verfallen. Wohin? Nirgendhin. Wie lange? Nicht lange. Wofür? Für nichts. Die
Liebe ist den Liebenden ein Halt.
Die Wolke, sie
ist das Flüchtige, das sich Auflösende. Auch der Wind, er geht/weht vorüber.
Die Liebe, sie vergeht wie der Wind. Aber... Wind und Wolke sind das
vergängliche, das bleibt... in der Erinnerung.
Es gibt noch einen letzten Grund, warum ich dieses
Gedicht so liebe: den Rhythmus. Die Reime sind unregelmäßig verstreut. Es gibt
kein Maß, keinen Maßstab. Genau wie die Liebe tanzt alles nach Belieben, ganz nach
Lust und Laune. Nichts scheint geplant zu sein; alles ist Willkür und
Ordnungswidrigkeit.
Ich weiß, es handelt sich um Terzinen-Reime. Aber da ist Bogen,
zogen und entflogen; verweile und teile folgt nicht dem Schema der Terzinen-Reime; da ist das Nichts, das mit dem nichts und dem nicht in
der fünften Strophe spielt; dann gibt es noch Schüsse schallen und verfallen.
Zuletzt gibt es das Bald und das Halt, die, wie zwei Schüsse, ich würde besser
sagen, zwei Paukenschläge, die Liebesgeschichte beenden. Bald und Halt sind eine
schöne Zusammenfassung der Liebe. Trotz des baldigen Endes gibt sie den
Liebenden einen Halt.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen