Samstag, 3. März 2018

Wir sind Gefangene – Oskar Maria Graf – List Taschenbuch, 2013


Ja...

In fünfzehn Tage habe ich das Buch gelesen, dreissig Seiten pro Tag (im Durchschnitt). Spannend, fesselnd. Als der Rausch des Lesens vorüber war, als ich das Buch schloss, blieb mir ein bitterer Geschmack im Mund. Als ich versuchte diesen aufzuspüren erinnerte ich mich an das Buch Kleiner Mann, was nun? von Hans Fallada, das ich vor einigen Jahren gelesen habe und das mir damals sehr gefallen hat. Falladas Roman spielt in der Weimarer Republik und Grafs Autobiographie spielt in der Zeit  von 1905 bis 1919, also ungefähr zehn Jahre Unterschied. Ähnliche Zeiten. Schwierige Zeiten für die Arbeiterklasse. Die Helden beider Bücher sind sozusagen Versager. Beide Texte sind sachlich, schildern Tatsachen, Fakten, machen keine Analyse, keine tiefen Gedanken, keine Theorie, keine Verallgemeinerungen, keine Abstraktion. Es wird die Praxis geschildert, das tägliche Leben.

Fallada schildert die Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse in der Weimarer Republik zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. Pinneberg ist Büroangestellter, nachdem er entlassen wird kriegt er eine Stelle als Verkäufer in einen Herrenbekleidungsgeschäft. Seine Frau macht Näharbeiten. Es gibt Liebe, es gibt Freundschaft. Ich habe mich in Pinneberg und sein Lämmchen verliebt, ich habe mich in der Liebe der zwei verliebt, ich konnte sie fühlen, mitfühlen.

Wobei, was schildert eigentlich Graf? Die Schicksale eines Trottels, ein Vernarrter, ein völlig aus dem Gleichgewicht Geratener, der so unbeholfen liegt im Leben dass man nicht einmal Mitleid mit ihm empfinden kann. Wie kann einer so dumm sein und kauft Bücher auf Raten um sie dann sofort, für billiges Geld, im Antiquariat zu verkaufen? Natürlich bleibt er dann Monate versunken in Schulden und muss zu neuen Schiebereien zugreifen.

Er veräussert sein Erbteil von 2000 Mark und kriegt dafür nur 1400, weil er 300 an diejenigen die ihm das Geld vorschiessen und 300 an denjenigen der das Geschäft vermittelt, zu zahlen hat. Dann gibt er das ganze Geld in eleganter Kleidung aus, um den feinen Mann zu spielen. Und dann kommt alles ins Leihhaus um zu essen. Und 24 Jahr ist er schon, und gelebt und erlebt hat er einiges, musste also vom Leben etwas gelernt haben!

Aus Mitleid heiratet er dann Selma Igl und selbstverständlich zerbricht die Ehe nach kurzer Zeit. Oder er versucht ein Buch zu veröffentlichen, muss eine höhere Summe dem Verlag vorauszahlen die von den Geschwistern ausgeliehen wird. Selbstverständlich geht der Verlag pleite und das Geld verloren. Gibt es ein Wort der Dankbarkeit gegenüber den Geschwistern? Nein, nur Vorwürfe.

Übrigens, das Buch ist voll von Hass, Streit und Unliebe. Mit Max, der älteste Bruder, ein Grobian, der ihn ständig verprügelt, ist es selbstverständlich. Aber auch mit Maurus der ihm behilflich ist, gibt es Streit. Und auch mit der Schwester Theres die sich um ihn kümmert. Aber er verkracht sich auch mit seinen Freund Schorsch mit dem er nach der Schweiz reisst, er verkracht sich mit allen Anarchisten die er dort besucht. Später reisst er nach Berlin zu seinen Freund Jung. Auch mit ihm geriet er in Streitigkeiten, sowie mit Richard Öhring den er in Berlin kennen lernt. Zwischen Schweiz und Berlin arbeitet OMG in München bei einem Bäcker. Da geriet er in Streit mit den Gesellen und dem Lehrling, schlägt alles kurz und klein. Und das soll ein Pazifist sein? Soll einer werden? Wir sind Gefangene? Oder ist Graf ein Gefangener seiner Neurosen?

Da gibt es z.B. den Versuch eine Zeitung zu gründen (S. 281 ff.) der natürlich ins Wasser fällt, oder die Versammlung für den Pazifismus (S. 390-395), gerade während der Novemberrevolution. Mensch, du bist doch der reinste Gegenrevolutionär, sagt Grafs Freund Pegu. Ah!...Im Gegenteil! Es muss jetzt wieder anarchistisch gearbeitet werden. Nur mit dem Einzelnen...antwortet Graf. Selbstverständlich ist die Versammlung ein vollkommener Reinfall u.a. weil Graf vergisst seine Rede vorzubereiten und überhaupt kein Programm und kein klares Bild hat.

So etwas will Schriftsteller werden. Warum denn? Wegen des Ruhms, um gross und reich zu werden? Nur schnell zu Geld kommen, nur das zählt, und nur der Rausch der diesen Traum begleitet scheint ihn zu bewegen. Wozu? Wofür? Um seine Brüder und Schwestern zu imponieren? Was schreibt er? Alles. Gedichte, Aphorismen, Witze, Geschichten, Dramen, Kurzgeschichten.

Warum will er denn Anarchist werden? Weil sein Nachbar einer ist (S. 72 ff.). Dann frägt er die Polizei wo die Versammlung ist, wird natürlich festgenommen und gibt dann bei der Wache alles an.
Kurz vor einer Versammlung der Unabhängigen (USPD) denkt sich Graf: Das ist ja alles dummes Zeug, Friede, Brot und Freiheit!...Einfach losgehen und abrechnen mit allen, die dir jemals wehgetan haben im Leben...Nieder...Einfach alles nieder (S. 289-90). Ja, nun....Und?

Auf S. 385 gibt er ja selber zu: Komisch, bis jetzt war ich eigentlich immer nur überall mitgelaufen, schon dabei, aber doch als Aussenstehender, jetzt auf einmal wollte ich wirklich mitmachen. Programm hatte ich mir zwar noch keines zurechtgedacht, desto mehr jedoch schwirrten fixe Ideen tagtäglich durch meinen Kopf. Er gesteht auch ein, dass seine Anti-Kriegs, Anti-Staats Haltung nicht viel mehr als Erbe, Neurose ist. Ich muss zugeben, dass ich davon sehr viel geerbt habe: als dann Max seine Erziehung bei mir begann, gesellte sich zu dieser Abneigung noch der Hass. Ein unausrottbarer Hass. Und seit dieser Zeit konnte ich mit Dinge wie Vaterland, Militär, Soldaten, Krieg und Patriotismus mit dem besten Willen nicht mehr anders vorstellen als so, wie ich meinen Bruder in Erinnerung hatte (S. 306).

Grafs Autobiographie ist vollgestopft mit widerlichen Details einer widerlichen Existenz für die ich wirklich wenig übrig habe. Für was muss ich so etwas lesen? Weil das Leben voll ist mit solchen Idioten, weil es der Wirklichkeit entspricht?

Der Mensch ist ein ideologischer Wirrwarr. Tagsüber geht er zum Professor der ihm ein Stipendium bezahlt und zum Rote-Kreuz-Mann, alles Kriegsanhänger, und Abends geht er zur anarchistischen Versammlung und schreit: Den Befehl verweigern beim Militär! Einfach nicht mehr mitmachen! (S.291, siehe auch Teil II, Kapitel XII). Man sollte es seinen 24 Jahren zuschreiben. Aber 1958 (aus der Wikipedia, natürlich nicht im Buch enthalten) erscheint er im Cuvilliés Theater in München in kurzen Lederhosen um dem guten Münchner Bürger eine Lesung zu halten. Wem dient so etwas ausser um wieder einmal Aufmerksamkeit zu erregen, um wieder einmal den Hofnarr zu spielen? Als er 1933 seine Bücher auf der nationalsozialistische Liste der empfohlenen Literatur findet, veröffentlicht er den Protestbrief Verbrennt mich (Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren). Hat er sich mal gefragt warum seine Bücher auf der Liste standen?

Mehr ideologischer Irrgarten: Auf S. 386 verspottet er die Revolution, auf S. 439ff. spielt er dann den ganz radikalen und will die reaktionäre Presse einschüchtern. Auf S. 386-7 kriegt er wieder ein Macht-Rausch. Auf S. 390 soll Frieden in allen Schichten geschaffen werden, aber auf S. 395 hasst er jeden Mensch der Besitz und Geld hat, sucht sie aber ständig auf, lebt von ihnen, ist ein Schmarotzer (siehe z.B. S. 413-417). Ein Pazifist will er sein aber mit welcher Virulenz verspottet er den harmlosen, vernarrten Friedensapostel Gräser (S. 423). In Kapitel XIII und XIV (Teil II) ist Graf ein Revoluzzer. Ab S. 429 fängt wieder die Sauferei an. In Kapitel XV schreibt er ein Buch, ein jämmerliches, voller Klischees und Heldentum. Nach seinen eigenen Worten ein idealistischer Versuch in Versform nur um den Professor zu gefallen. Aber ab S. 337 ist er wieder Schieber, kauft und verkauft Delikatessen (Schleichhandel), hat wieder den Geldrausch.

Während der revolutionären Ereignisse in München schwankt Graf ständig zwischen der Sauferei bei seinen holländischen Freund, ein Millionär, bei dem er den Unterhalter, den Hofnarr spielt, die Gönnerin, eine reiche Mäzenin die ihn unterstützt und den revolutionären Versammlungen.

Ein Bäcker ist er, wie ein Bauer denkt er, ein Einzelgänger, immer misstrauisch, keinen glaubend. Keinen traut er etwas zu, keiner Linie ist er treu. Und ein Intellektueller will er sein. Ein Renommier-Proletarier wird er in den Münchner Salons damit auch mal die Talente des Volkes an der Reihe kommen (S. 383).

Es wird kaum etwas über den ersten Weltkrieg, dessen Motivationen, Umstände, usw. gesagt. Es wird auch kaum oder schlecht die Atmosphäre vermittelt in der so etwas zustande gekommen ist. Ein Krieg erweckt starke Gefühle aber nichts, ausser der üblichen Rauferei mit Kollegen und Vorgesetzten wird davon von Graf vermittelt. Auf einmal ist Graf in Russland. Wie kam er dazu? Über die Kämpfe an der russischen Front, Schmerzen, Leiden, Angst und Terror wird nichts berichtet. Nur der ganz persönliche Streit mit seinen Vorgesetzten. Er kommt mehrmals in Arrest und es gefällt ihm, anscheinend wergen der Ruhe und Pause in der Rauferei. Auf einmal, als er wieder mal Arrest kriegt macht er Hungerstreik (Teil I, Kapitel XVIII). Warum, wieso? Was hat ihm dazu motiviert? So etwas ist doch bekanntlich voll von Schwankungen und tiefen Empfindungen in körperlichen sowie auch in seelischer Hinsicht. Nichts. Keine psychologische Tiefe aber auch keine politische oder philosophische Tiefe. Auch die Sprache ist flach, unschön. Es hört sich alles mehr als Skizzen, Notizen an.

Er treibt es unmöglich und erregt lachen und Kopfschütteln; aber er gewinnt dabei unser Herz, soll Thomas Mann geschrieben haben. Lachen konnte ich nicht, nur grinsen. Und mein Herz das blieb meilenweit entfernt.


Aber....

Ich habe natürlich übertrieben. Die Schilderung Grafs entspricht nicht meiner Weltanschauung, das ist es. Der Held ist ein Hitzkopf, ein Draufgänger, einer der sich nicht beherrschen kann, der nur durch Wutausbrüche getrieben wird und das passt mir nicht, das passt nicht in mein idealisiertes Menschenbild.

Natürlich gibt es schöne Stellen. Teil II, Kapitel IX, wo der Tod seiner Schwester Emma geschildert wird, ist z.B. einer dieser Stellen. Im selben Teil, Kapitel XIII und XIV, bei der Festnahme Pegus wird sowohl die Festnahme als auch das Verhör, Ideen, Klima und Atmosphäre gut beschrieben. Auch verhält sich diesmal Graf ganz geschickt und kann seine Wutausbrüche beherrschen. Er wächst, wird reifer und auch das Buch wird reifer mit ihm. Ferner sind die Arbeitsverhältnisse am Anfang des XX. Jahrhunderts, Überstunden, das Tragen schwerer Last, Lärm und Staub, gefährliche Maschinen und wenig Schutz, Geldmangel, Schmutz und Feuchtigkeit, Glut und dann wieder schneidende Kälte (siehe Kapitel I und II, Teil II) lesenswert.

Aber das weit wichtigste im Buch ist die Beschreibung der Ereignisse nach dem ersten Weltkrieg, besonders die Novemberrevolution und die Münchner Räterepublik. Ich hatte das Buch von Ernst Toller, Eine Jugend in Deutschland, gelesen aber ich muss sagen dass die Ereignisse viel lebendiger und ich würde sogar sagen, echter, in Grafs Autobiographie geschildert werden. Das ideologische Chaos in Oskars Kopf, spiegelte sich auch in der Gesellschaft (oder ist es umgekehrt?). Mehrheits-SPD, Unabhängige (USPD), Kommunisten (KPD), Spartakisten, Anarchisten, Pazifisten um nur von den wichtigsten linken Tendenzen zu sprechen, alles durcheinander, kopfüber und fusswärts. Ständig schwankte die Macht zwischen den verschiedenen Linien, ständig neue Anordnungen die die alten widerlegten. Keiner wusste genau wie und, noch schlimmer, wohin. Dieser ideologische Wirrwarr wird von Graf magistral beschrieben. Nichts wird beschönigt weil man aus Geschichte ein Lehrbuch machen will. Sollte es eine wertneutrale Beschreibung der Ereignisse geben, so entspricht sie der Perspektive Grafs.

Meisterhaft kurz und treffend wird der pazifistische Kampf mit Hilfe des Generalstreiks (Rosa Luxemburg?) auf Seite 382 gebracht. Keine Gewaltanwendung. Einfach einen ganz radikalen Generalstreik. Wenn es nichts mehr gibt, dann gibt es auch keine Macht, dann braucht man keine Gewalt mehr, sagt Graf. Ja, ja, das stimmt schon, aber...so etwas muss von allen gemacht werden, antwortet ein Arbeiter der sich gerade mit ihm unterhält. Und beim schiessen, da machen alle mit? fragt Graf. Ja, da schon. Dann sind wir verloren, schliesst Graf.

Das ideologische Durcheinander, die Unschlüssigkeit, die Ziellosigkeit, der Vorwärts-Rückwärts Marsch der keinen Fortschritt ermöglichte und der dann endlich zu der Niederlage der Revolution beigetragen hat, wird meisterhaft beschrieben und sollte uns als Warnung für die Zeiten die noch kommen werden, dienen, denn, der Versuch neue Wege zu finden, die die Welt unbedingt nötig hat, darf nichts mit diesen Chaos gemeinsam haben. Man sollte daraus lernen und in dieser Hinsicht liefert das Buch ein wichtiges und aktuelles Dokument. (Also doch ein Lehrbuch, oder, ich habe eines daraus gemacht!) (siehe hauptsächlich, Teil II, Kapitel XVIII und XIX).

Die fehlende Theorie, das nicht imstande sein ein Programm zu entwickeln, eine Linie zu definieren, die in Oskars Kopf herrschte, war auch die fehlende Theorie der Führung der Revolution. Die fehlende Praxis, das nicht imstande sein klar zu unterscheiden zwischen nahe und ferne Zukunft, was jetzt schon möglich ist und was hinausgeschoben werden muss (aber nicht ins unendliche!!!!!), was richtig und was möglich ist, die Grafs Schritte ins Wanken führten, führten auch die Revolution ins Schwanken.

Das Buch ist ein wichtiges Bekenntnis für diejenigen die (noch) meinen dass das Chaos produktiv, das es ein Schmelztiegel neuer Ideen ist und dass daraus sich etwas Neues entwickeln kann. Es muss/wird daraus schon etwas werden meinen leider die meisten nur. Genügt diese Einstellung um dies zu garantieren? Muss/wird es dann auch wirklich?

Natürlich muss man berücksichtigen dass der erste Teil (weitaus der Schlechteste) schon 1920 beendet wurde, als Graf nur 26 Jahre alt war. Der zweite Teil wurde sechs Jahre später fertig. Scheinbar blieb aber die etwas trübe Sicht bis zum Ende, denn in einen Vorwort, 1965, für die Neuauflage des Buches, schreibt Graf: Ist der Schriftsteller nur da, um die höchste Sprachmeisterschaft zu erreichen, um mit subtilster Kenntnis der Psychologie irgendwelche Fälle des wirklichen Lebens verständlich zu machen und seine Leserschaft durch die Kunst seines Erzählertums zu faszinieren, oder besteht seine Aufgabe nicht vielmehr darin, mit seinen Schreiben das Unrecht auf der Welt, wo immer es sich auch zeigt, zu bekämpfen, die Menschen für soziale und moralische Einsichten empfänglich und für sich selbst verantwortlich zu machen, jeden Krieg als Verbrechen zu brandmarken, und auf die Gefahr hin, ein Leben lang verkannt und verdächtig zu werden, stets einer Gesellschaftsordnung das Wort zu reden, in welcher gleiches Recht für jeden gilt und Freiwilligkeit zur Einordnung in das Ganze schliesslich zur sittlichen Regel wird? Ob die Aufgabe der Literatur das Bekämpfen des Unrechts auf der Welt ist, darüber kann man sich streiten, aber ich habe nicht genau gesehen wo das Buch für ein gleiches Recht für jeden und Freiwilligkeit zu Einordnung in das Ganze eintritt.



Fazit

Das Buch ist sicherlich lesenswert. Noch dazu spannend, fesselnd. Der Mensch..., naja...man sollte Autor und Werk trennen können. Leider ist dies in diesen Fall schwierig.

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