Ja...
In fünfzehn Tage
habe ich das Buch gelesen, dreissig Seiten pro Tag (im Durchschnitt). Spannend,
fesselnd. Als der Rausch des Lesens vorüber war, als ich das Buch schloss,
blieb mir ein bitterer Geschmack im Mund. Als ich versuchte diesen aufzuspüren
erinnerte ich mich an das Buch Kleiner
Mann, was nun? von Hans Fallada, das ich vor einigen Jahren gelesen habe und
das mir damals sehr gefallen hat. Falladas Roman spielt in der Weimarer
Republik und Grafs Autobiographie spielt in der Zeit von 1905 bis 1919, also ungefähr zehn Jahre
Unterschied. Ähnliche Zeiten. Schwierige Zeiten für die Arbeiterklasse. Die
Helden beider Bücher sind sozusagen Versager. Beide Texte sind sachlich,
schildern Tatsachen, Fakten, machen keine Analyse, keine tiefen Gedanken, keine
Theorie, keine Verallgemeinerungen, keine Abstraktion. Es wird die Praxis
geschildert, das tägliche Leben.
Fallada schildert
die Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse in der Weimarer Republik zur Zeit der
Weltwirtschaftskrise. Pinneberg ist Büroangestellter, nachdem er entlassen wird
kriegt er eine Stelle als Verkäufer in einen Herrenbekleidungsgeschäft. Seine Frau
macht Näharbeiten. Es gibt Liebe, es gibt Freundschaft. Ich habe mich in
Pinneberg und sein Lämmchen verliebt, ich habe mich in der Liebe der zwei
verliebt, ich konnte sie fühlen, mitfühlen.
Wobei, was
schildert eigentlich Graf? Die Schicksale eines Trottels, ein Vernarrter, ein
völlig aus dem Gleichgewicht Geratener, der so unbeholfen liegt im Leben dass
man nicht einmal Mitleid mit ihm empfinden kann. Wie kann einer so dumm sein
und kauft Bücher auf Raten um sie dann sofort, für billiges Geld, im Antiquariat
zu verkaufen? Natürlich bleibt er dann Monate versunken in Schulden und muss zu
neuen Schiebereien zugreifen.
Er veräussert
sein Erbteil von 2000 Mark und kriegt dafür nur 1400, weil er 300 an diejenigen
die ihm das Geld vorschiessen und 300 an denjenigen der das Geschäft vermittelt,
zu zahlen hat. Dann gibt er das ganze Geld in eleganter Kleidung aus, um den
feinen Mann zu spielen. Und dann kommt alles ins Leihhaus um zu essen. Und 24
Jahr ist er schon, und gelebt und erlebt hat er einiges, musste also vom Leben
etwas gelernt haben!
Aus Mitleid
heiratet er dann Selma Igl und selbstverständlich zerbricht die Ehe nach kurzer
Zeit. Oder er versucht ein Buch zu veröffentlichen, muss eine höhere Summe dem
Verlag vorauszahlen die von den Geschwistern ausgeliehen wird. Selbstverständlich
geht der Verlag pleite und das Geld verloren. Gibt es ein Wort der Dankbarkeit
gegenüber den Geschwistern? Nein, nur Vorwürfe.
Übrigens, das
Buch ist voll von Hass, Streit und Unliebe. Mit Max, der älteste Bruder, ein
Grobian, der ihn ständig verprügelt, ist es selbstverständlich. Aber auch mit
Maurus der ihm behilflich ist, gibt es Streit. Und auch mit der Schwester
Theres die sich um ihn kümmert. Aber er verkracht sich auch mit seinen Freund
Schorsch mit dem er nach der Schweiz reisst, er verkracht sich mit allen
Anarchisten die er dort besucht. Später reisst er nach Berlin zu seinen Freund
Jung. Auch mit ihm geriet er in Streitigkeiten, sowie mit Richard Öhring den er
in Berlin kennen lernt. Zwischen Schweiz und Berlin arbeitet OMG in München bei
einem Bäcker. Da geriet er in Streit mit den Gesellen und dem Lehrling, schlägt
alles kurz und klein. Und das soll ein Pazifist sein? Soll einer werden? Wir
sind Gefangene? Oder ist Graf ein Gefangener seiner Neurosen?
Da gibt es z.B.
den Versuch eine Zeitung zu gründen (S. 281 ff.) der natürlich ins Wasser
fällt, oder die Versammlung für den Pazifismus (S. 390-395), gerade während der
Novemberrevolution. Mensch, du bist doch
der reinste Gegenrevolutionär, sagt Grafs Freund Pegu. Ah!...Im Gegenteil! Es muss jetzt wieder anarchistisch gearbeitet
werden. Nur mit dem Einzelnen...antwortet Graf. Selbstverständlich ist die
Versammlung ein vollkommener Reinfall u.a. weil Graf vergisst seine Rede
vorzubereiten und überhaupt kein Programm und kein klares Bild hat.
So etwas will
Schriftsteller werden. Warum denn? Wegen des Ruhms, um gross und reich zu
werden? Nur schnell zu Geld kommen, nur das zählt, und nur der Rausch der
diesen Traum begleitet scheint ihn zu bewegen. Wozu? Wofür? Um seine Brüder und
Schwestern zu imponieren? Was schreibt er? Alles. Gedichte, Aphorismen, Witze,
Geschichten, Dramen, Kurzgeschichten.
Warum will er
denn Anarchist werden? Weil sein Nachbar einer ist (S. 72 ff.). Dann frägt er
die Polizei wo die Versammlung ist, wird natürlich festgenommen und gibt dann
bei der Wache alles an.
Kurz vor einer
Versammlung der Unabhängigen (USPD)
denkt sich Graf: Das ist ja alles dummes
Zeug, Friede, Brot und Freiheit!...Einfach losgehen und abrechnen mit allen,
die dir jemals wehgetan haben im Leben...Nieder...Einfach alles nieder (S.
289-90). Ja, nun....Und?
Auf S. 385 gibt
er ja selber zu: Komisch, bis jetzt war
ich eigentlich immer nur überall mitgelaufen, schon dabei, aber doch als
Aussenstehender, jetzt auf einmal wollte ich wirklich mitmachen. Programm hatte ich mir zwar noch keines
zurechtgedacht, desto mehr jedoch schwirrten fixe Ideen tagtäglich durch meinen
Kopf. Er gesteht auch ein, dass seine Anti-Kriegs, Anti-Staats Haltung
nicht viel mehr als Erbe, Neurose ist. Ich
muss zugeben, dass ich davon sehr viel geerbt habe: als dann Max seine
Erziehung bei mir begann, gesellte sich zu dieser Abneigung noch der Hass. Ein
unausrottbarer Hass. Und seit dieser Zeit konnte ich mit Dinge wie Vaterland,
Militär, Soldaten, Krieg und Patriotismus mit dem besten Willen nicht mehr
anders vorstellen als so, wie ich meinen Bruder in Erinnerung hatte (S.
306).
Grafs Autobiographie
ist vollgestopft mit widerlichen Details einer widerlichen Existenz für die ich
wirklich wenig übrig habe. Für was muss ich so etwas lesen? Weil das Leben voll
ist mit solchen Idioten, weil es der Wirklichkeit entspricht?
Der Mensch ist
ein ideologischer Wirrwarr. Tagsüber geht er zum Professor der ihm ein
Stipendium bezahlt und zum Rote-Kreuz-Mann, alles Kriegsanhänger, und Abends
geht er zur anarchistischen Versammlung und schreit: Den Befehl verweigern beim Militär! Einfach nicht mehr mitmachen! (S.291,
siehe auch Teil II, Kapitel XII). Man sollte es seinen 24 Jahren zuschreiben.
Aber 1958 (aus der Wikipedia, natürlich nicht im Buch enthalten) erscheint er
im Cuvilliés Theater in München in kurzen Lederhosen um dem guten Münchner
Bürger eine Lesung zu halten. Wem dient so etwas ausser um wieder einmal Aufmerksamkeit
zu erregen, um wieder einmal den Hofnarr zu spielen? Als er 1933 seine Bücher
auf der nationalsozialistische Liste der empfohlenen Literatur findet,
veröffentlicht er den Protestbrief Verbrennt
mich (Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren). Hat er sich mal
gefragt warum seine Bücher auf der Liste standen?
Mehr
ideologischer Irrgarten: Auf S. 386 verspottet er die Revolution, auf S. 439ff.
spielt er dann den ganz radikalen und will die reaktionäre Presse
einschüchtern. Auf S. 386-7 kriegt er wieder ein Macht-Rausch. Auf S. 390 soll
Frieden in allen Schichten geschaffen werden, aber auf S. 395 hasst er jeden
Mensch der Besitz und Geld hat, sucht sie aber ständig auf, lebt von ihnen, ist
ein Schmarotzer (siehe z.B. S. 413-417). Ein Pazifist will er sein aber mit
welcher Virulenz verspottet er den harmlosen, vernarrten Friedensapostel Gräser
(S. 423). In Kapitel XIII und XIV (Teil II) ist Graf ein Revoluzzer. Ab S. 429
fängt wieder die Sauferei an. In Kapitel XV schreibt er ein Buch, ein
jämmerliches, voller Klischees und Heldentum. Nach seinen eigenen Worten ein
idealistischer Versuch in Versform nur um den Professor zu gefallen. Aber ab S.
337 ist er wieder Schieber, kauft und verkauft Delikatessen (Schleichhandel),
hat wieder den Geldrausch.
Während der
revolutionären Ereignisse in München schwankt Graf ständig zwischen der
Sauferei bei seinen holländischen Freund, ein Millionär, bei dem er den
Unterhalter, den Hofnarr spielt, die Gönnerin, eine reiche Mäzenin die ihn
unterstützt und den revolutionären Versammlungen.
Ein Bäcker ist
er, wie ein Bauer denkt er, ein Einzelgänger, immer misstrauisch, keinen
glaubend. Keinen traut er etwas zu, keiner Linie ist er treu. Und ein Intellektueller
will er sein. Ein Renommier-Proletarier wird er in den Münchner Salons damit
auch mal die Talente des Volkes an der Reihe kommen (S. 383).
Es wird kaum
etwas über den ersten Weltkrieg, dessen Motivationen, Umstände, usw. gesagt. Es
wird auch kaum oder schlecht die Atmosphäre vermittelt in der so etwas zustande
gekommen ist. Ein Krieg erweckt starke Gefühle aber nichts, ausser der üblichen
Rauferei mit Kollegen und Vorgesetzten wird davon von Graf vermittelt. Auf
einmal ist Graf in Russland. Wie kam er dazu? Über die Kämpfe an der russischen
Front, Schmerzen, Leiden, Angst und Terror wird nichts berichtet. Nur der ganz
persönliche Streit mit seinen Vorgesetzten. Er kommt mehrmals in Arrest und es
gefällt ihm, anscheinend wergen der Ruhe und Pause in der Rauferei. Auf einmal,
als er wieder mal Arrest kriegt macht er Hungerstreik (Teil I, Kapitel XVIII).
Warum, wieso? Was hat ihm dazu motiviert? So etwas ist doch bekanntlich voll
von Schwankungen und tiefen Empfindungen in körperlichen sowie auch in
seelischer Hinsicht. Nichts. Keine psychologische Tiefe aber auch keine
politische oder philosophische Tiefe. Auch die Sprache ist flach, unschön. Es
hört sich alles mehr als Skizzen, Notizen an.
Er treibt es unmöglich und erregt lachen und
Kopfschütteln; aber er gewinnt dabei unser Herz, soll Thomas Mann geschrieben haben. Lachen konnte
ich nicht, nur grinsen. Und mein Herz das blieb meilenweit entfernt.
Aber....
Ich habe
natürlich übertrieben. Die Schilderung Grafs entspricht nicht meiner
Weltanschauung, das ist es. Der Held ist ein Hitzkopf, ein Draufgänger, einer
der sich nicht beherrschen kann, der nur durch Wutausbrüche getrieben wird und
das passt mir nicht, das passt nicht in mein idealisiertes Menschenbild.
Natürlich gibt es
schöne Stellen. Teil II, Kapitel IX, wo der Tod seiner Schwester Emma geschildert
wird, ist z.B. einer dieser Stellen. Im selben Teil, Kapitel XIII und XIV, bei
der Festnahme Pegus wird sowohl die Festnahme als auch das Verhör, Ideen, Klima
und Atmosphäre gut beschrieben. Auch verhält sich diesmal Graf ganz geschickt
und kann seine Wutausbrüche beherrschen. Er wächst, wird reifer und auch das
Buch wird reifer mit ihm. Ferner sind die Arbeitsverhältnisse am Anfang des XX.
Jahrhunderts, Überstunden, das Tragen schwerer Last, Lärm und Staub,
gefährliche Maschinen und wenig Schutz, Geldmangel, Schmutz und Feuchtigkeit,
Glut und dann wieder schneidende Kälte (siehe Kapitel I und II, Teil II)
lesenswert.
Aber das weit
wichtigste im Buch ist die Beschreibung der Ereignisse nach dem ersten
Weltkrieg, besonders die Novemberrevolution und die Münchner Räterepublik. Ich
hatte das Buch von Ernst Toller, Eine
Jugend in Deutschland, gelesen aber ich muss sagen dass die Ereignisse viel
lebendiger und ich würde sogar sagen, echter, in Grafs Autobiographie
geschildert werden. Das ideologische Chaos in Oskars Kopf, spiegelte sich auch
in der Gesellschaft (oder ist es umgekehrt?). Mehrheits-SPD, Unabhängige (USPD),
Kommunisten (KPD), Spartakisten, Anarchisten, Pazifisten um nur von den
wichtigsten linken Tendenzen zu sprechen, alles durcheinander, kopfüber und
fusswärts. Ständig schwankte die Macht zwischen den verschiedenen Linien,
ständig neue Anordnungen die die alten widerlegten. Keiner wusste genau wie
und, noch schlimmer, wohin. Dieser ideologische Wirrwarr wird von Graf magistral
beschrieben. Nichts wird beschönigt weil man aus Geschichte ein Lehrbuch machen
will. Sollte es eine wertneutrale Beschreibung der Ereignisse geben, so
entspricht sie der Perspektive Grafs.
Meisterhaft kurz
und treffend wird der pazifistische Kampf mit Hilfe des Generalstreiks (Rosa
Luxemburg?) auf Seite 382 gebracht. Keine Gewaltanwendung. Einfach einen ganz
radikalen Generalstreik. Wenn es nichts mehr gibt, dann gibt es auch keine
Macht, dann braucht man keine Gewalt mehr, sagt Graf. Ja, ja, das stimmt schon,
aber...so etwas muss von allen gemacht werden, antwortet ein Arbeiter der sich
gerade mit ihm unterhält. Und beim schiessen, da machen alle mit? fragt Graf.
Ja, da schon. Dann sind wir verloren, schliesst Graf.
Das ideologische
Durcheinander, die Unschlüssigkeit, die Ziellosigkeit, der Vorwärts-Rückwärts
Marsch der keinen Fortschritt ermöglichte und der dann endlich zu der
Niederlage der Revolution beigetragen hat, wird meisterhaft beschrieben und
sollte uns als Warnung für die Zeiten die noch kommen werden, dienen, denn, der
Versuch neue Wege zu finden, die die Welt unbedingt nötig hat, darf nichts mit
diesen Chaos gemeinsam haben. Man sollte daraus lernen und in dieser Hinsicht
liefert das Buch ein wichtiges und aktuelles Dokument. (Also doch ein Lehrbuch,
oder, ich habe eines daraus gemacht!) (siehe hauptsächlich, Teil II, Kapitel
XVIII und XIX).
Die fehlende
Theorie, das nicht imstande sein ein Programm zu entwickeln, eine Linie zu
definieren, die in Oskars Kopf herrschte, war auch die fehlende Theorie der
Führung der Revolution. Die fehlende Praxis, das nicht imstande sein klar zu
unterscheiden zwischen nahe und ferne Zukunft, was jetzt schon möglich ist und
was hinausgeschoben werden muss (aber nicht ins unendliche!!!!!), was richtig
und was möglich ist, die Grafs Schritte ins Wanken führten, führten auch die
Revolution ins Schwanken.
Das Buch ist ein
wichtiges Bekenntnis für diejenigen die (noch) meinen dass das Chaos produktiv,
das es ein Schmelztiegel neuer Ideen ist und dass daraus sich etwas Neues
entwickeln kann. Es muss/wird daraus
schon etwas werden meinen leider die meisten nur. Genügt diese Einstellung
um dies zu garantieren? Muss/wird es dann auch wirklich?
Natürlich muss
man berücksichtigen dass der erste Teil (weitaus der Schlechteste) schon 1920 beendet
wurde, als Graf nur 26 Jahre alt war. Der zweite Teil wurde sechs Jahre später
fertig. Scheinbar blieb aber die etwas trübe Sicht bis zum Ende, denn in einen
Vorwort, 1965, für die Neuauflage des Buches, schreibt Graf: Ist der Schriftsteller nur da, um die
höchste Sprachmeisterschaft zu erreichen, um mit subtilster Kenntnis der
Psychologie irgendwelche Fälle des wirklichen Lebens verständlich zu machen und
seine Leserschaft durch die Kunst seines Erzählertums zu faszinieren, oder
besteht seine Aufgabe nicht vielmehr darin, mit seinen Schreiben das Unrecht
auf der Welt, wo immer es sich auch zeigt, zu bekämpfen, die Menschen für
soziale und moralische Einsichten empfänglich und für sich selbst
verantwortlich zu machen, jeden Krieg als Verbrechen zu brandmarken, und auf
die Gefahr hin, ein Leben lang verkannt und verdächtig zu werden, stets einer
Gesellschaftsordnung das Wort zu reden, in welcher gleiches Recht für jeden
gilt und Freiwilligkeit zur Einordnung in das Ganze schliesslich zur sittlichen
Regel wird? Ob die Aufgabe der Literatur das Bekämpfen des Unrechts auf der
Welt ist, darüber kann man sich streiten, aber ich habe nicht genau gesehen wo
das Buch für ein gleiches Recht für jeden und Freiwilligkeit zu Einordnung in
das Ganze eintritt.
Fazit
Das Buch ist
sicherlich lesenswert. Noch dazu spannend, fesselnd. Der Mensch..., naja...man sollte
Autor und Werk trennen können. Leider ist dies in diesen Fall schwierig.
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