Montag, 23. Februar 2015

Das deutsche Brasilien – Eindrücke 2015



Der Besuch bei meiner Tochter in Florianópolis, die Hauptstadt des Staates Santa Catarina, im Süden Brasiliens, war etwas anstrengend. Strände, Strände, und wieder Strände, und was dazu gehört: Menschen, Massen und Maschinen. Stundenlanges sitzen in der Verkehrsstauung, in einer höllischen Mischung von schneidend kalter Luft die aus der Klimaanlage strömt und dampfende Wärme die aus der, durch die prallende Sonne stark erhitzten Polsterung des Autos fliesst.

Ich war also erleichtert als wir die Hauptstadt verliessen und, im Gegenstrom des Tourismus, ins Landesinnere gingen. Der erste Halt war die Gegend von Pomerode. Das kleine Städtchen, ca. 30.000 Einwohner, soll, laut Touristen Prospekt, die deutscheste Stadt Brasiliens sein. Achtzig Prozent der Bevölkerung soll deutsch sprechen, was natürlich nicht viel mehr als Sauerkraut und Apfelmus bedeuten muss.

Warum zog es mich dahin? Mit den Bauern, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts, meistens aus Pommern, nach langer Seefahrt, das Landesinnere erforschten, hat meine Geschichte kaum etwas zu tun. Auch ist mir Entenbraten mit Rotkohl und Eisbein mit Sauerkraut zu fett, Kassler mit Kartoffelsalat kriege ich leicht in Rio und die Käsetorte bäckt meine Frau, nach dem Rezept meiner Mutter, besser. Bierhallen Musik sagt mir nichts, auch sind mir Dirndl, Trachten, traditionelle Tänze und die dazu gehörige Biersauferei fremd.

Und doch….Ich kann mir sehr gut vorstellen mit welchen Schwierigkeiten diese deutschen Einwanderer konfrontiert wurden. Ein völlig fremdes Land, fremde Menschen, fremde Kultur. Hitze, Feuchte und Ungeziefer. Eine erschreckende Üppigkeit die einen ständig überrennt, die ständig alles durchwächst und überflutet mit seiner Opulenz. Bei der Natur die Wucherung von Pflanzen und Insekten. Bei den Menschen der Überfluss an Wörter und Gesten und, hauptsächlich, der Übermass an Versprechen und Vereinbarungen, Behauptungen und Überzeugungen, Schwure und Abmachungen, die dann wieder rückgängig gemacht werden und sich ins Nichts auflösen. Dies alles kann ich mir sehr gut vorstellen und dies hat sehr vieles gemeinsam mit meiner Geschichte, oder besser, mit der Geschichte meiner Eltern.

Der kleine Bauer hat es sehr schwierig in Brasilien, hat es immer sehr schwierig gehabt. Das Land ist fruchtbar aber fruchtbar sind auch Unkraut und Ungeziefer. Wenn es schliesslich zur Ernte kommt, wo bleiben dann die Absatzmärkte? Transport ist schwierig und teuer, der Asphalt kommt nicht überall hin. Grosse Konzerne die Korn und Getreide kaufen (Reis, Mais, Weizen und Sojabohnen) und auch der kleinere Zwischenhändler drücken die Preise nach unten [1]. Die schwierigen Lebensbedingungen haben den Bauer zu Isolierung und Zurückgezogenheit geführt. Ohne Zugang zu dem Absatzmarkt war es kaum möglich zu Geld und somit zu den Konsumgütern und zu moderne Technologie zu kommen. Die Produktion diente meistens dem Eigenkonsum.

Vielleicht helfen diese Tatsachen die Verschlossenheit und Zurückhaltung des Menschen in dieser Gegend zu verstehen. Auch der letzte Krieg und die daraus folgende Ablehnung alles dessen was sich weitläufig als Deutsch anhörte, haben sicherlich eine wichtige Rolle gespielt. Nicht zu vergessen ist natürlich auch die Vergangenheit in Europa. Pommern wurde ständig von Dänen, Schweden, Polen und Preussen umringt. Die Lebensbedingungen der Bauern waren schwierig und Zustände wir Leibeigenschaft und Bauernlegen herrschten lange Zeit.

Wenn ich versuche die Wortkargheit und die düsteren und verschlossenen Mienen in Pomerode mit den Überschwang des Gesprächs dass ich in Florianópolis mit der Gossmama, wahrscheinlich italienischer Abstammung, führte, dann werden mir die Unterschiede klar. Zu meiner Verlegenheit schwenkte sie ihre üppigen Brüste unter meiner Nase, während sie meine Hand streichelte und, mit den kleinsten Einzelheiten, mir die Schikanen die ihre Nachbarin bereitete, erzählte.

Ein paar Mal bin ich in der Bauern Gegend von Pomerode gelaufen. Habe kaum Menschen getroffen, kaum Menschen begrüsst, kaum Gelegenheit gehabt Menschen begrüssen zu können. Der Eindruck den ich gewann war dass die Menschen ins Hausinnere flüchteten sobald sie mich erblickten. Die Fenster waren offen denn die Hitze war gross. Aber die Gardinen waren geschlossen, was eigentlich für Brasilien nicht üblich ist, und ich hatte das Gefühl hinter den Vorhängen beobachtet zu werden. Die Hunde bellten aggressiv und manchmal überschritten sie die Grenzen des Eigentums und kamen auf die Strasse was mich ein paar Mal gezwungen hat zu Stock und Stein zuzugreifen.

Ich habe versucht Gespräche, angeblich in Deutsch, anzuhören. Sobald ich mich aber annäherte verschwiegen die Leute. In Deutsch die Leute anzusprechen war mir zu dumm, und so zu machen als ob ich Deutscher wäre, dazu fehlt mir das schauspielerische Talent. Also gab ich es auf. Was aber sicher ist, ist dass in dieser Gegend Portugiesisch mit sehr starken deutschen Akzent gesprochen wird.

Ich will dies alles lieber der Reserviertheit und Scheuheit zuschreiben. Schliesslich will man ja ein normaler Mensch sein, man möchte sich nicht als Sonderfall auszeichnen und die Exotik lieben meistens nur diese die davon leben müssen. Ich habe kaum Touristen auf dem Land gesehen aber sicherlich kommen Leute von überall um das deutsche Brasilien kennen zu lernen. Auch deutsche. Ein Geschmack davon bekam ich als ich in Pomerode eines Tages am Strassenrand ein kleines Kiosk mit Produkten der Bauern erblickte. Ein junger Deutscher unterhielt sich mit einem alten Verkäufer. „Woher stammen sie?“ fragte der Junge. In seinem fast zweihundert Jahre alten Deutsch, voller portugiesischer Ausdrücke, versuchte der Bauer sechs, sieben Generationen zu überspringen und nannte eine Gegend die wahrscheinlich heute nicht mehr so heisst. Jedenfalls die Augen des Jungen erleuchteten sich nicht. Dann kam die strategische Frage: „In der Weltmeisterschaft für wen waren Sie, für Deutschland oder Brasilien?“ Ich war verlegen, für den Alten und für den Jungen, für die ganze Menschheit, für die fehlende Subtilität, für die Taktlosigkeit und für das geringe Verständnis des Dramas das sich hinter dieser Frage abspielt. Ich wollte mich schon entschuldigen, ich, der nur lauschte, der mit der Geschichte wirklich nichts zu tun hatte, aber ich hatte keine Zeit dazu. Der Alte war anscheinend gewohnt solche Fragen zu antworten, oder war es nur Bauern Schlauheit? Er sagte prompt „Ich bin immer für den Gewinner.

Später, zurück in Rio, habe ich etwas nachgeforscht. Scheinbar sprechen die Leute in der Gegend von Pomerode meistens das Ostpommersche Dialekt, das Pomerano, das stark mit dem Plattdeutsch verwandt ist. Habe mir ein paar Proben davon angehört und es ist tatsächlich schwierig zu verstehen. Im YouTube habe ich mir das Video Die Kolonisten – Deutschbrasilianer im Süden Brasiliens von Ralph Debusmann angehört. Das dort gesprochene Deutsch ist leicht verständlich aber es spielt sich in einer anderen Gegend, im Staat Rio Grande do Sul, ab.

In Treze Tilias (Dreizehn Linden), im Osten des Staates Santa Catarina, ein noch viel kleinere Ort (ca. 6000 Einwohner) als Pomerode, habe ich die Dame bei der wir gewohnt haben gefragt ob sie sich mit mir in Deutsch unterhalten würde. Sie lächelte verlegen und sagte dass ihr deutsch sehr schlecht sei. Wir unterhielten uns in Portugiesisch aber ab und zu kamen deutsche Wörter dazu. Das Städtchen wurde 1933 von Andreas Thaler, der in Österreich Landwirtschaftsminister war, gegründet. Angeblich wollte er den Bauern, aus ihre wirtschaftliche Not, helfen. Ob es da Differenzen mit dem Austrofaschismus, besonders Dollfuss und Schuschnigg gab, konnte ich leider nicht erfahren aber es ist schwer zu glauben dass Thaler nur aus visionären Idealismus so einen gewagten Schritt machte.

Jedenfalls stammen die meisten Einwohner von Treze Tilias aus dem Tirol und sind meistens eine Mischung aus italienischer und österreichischer Abkunft. Auch die Bauten die man im Stadtkern sieht entsprechen den Häusern die man in der Alpengegend findet, im Gegensatz zu den Fachwerkhäuser in Pomerode.

Ich gebe gerne zu dass es reiner Vorurteil sein mag aber ich fand die Menschen in der Gegend von Treze Tilias viel aufgeschlossener und die Atmosphäre viel abgespannter. Auch habe ich dort ein paar Mal deutsch auf der Strasse gehört. Der Rechtfertigung halber muss ich sagen dass Treze Tilias einer ganz anderen Zeit gehört, dass eine andere Geschichte und andere Kolonisationsbedingungen zu Grunde legen.

Dies alles sind nur Teile einer Geschichte, die traditionsreicheren, die nostalgischeren, die eigentümlicheren. Viele der Söhne, Enkel oder Urenkel der deutschen Einwanderer des neunzehnten Jahrhunderts haben schon seit langer Zeit das Land und die Landwirtschaft mit ein städtischeres Leben umgetauscht und arbeiten heute in Industrie und Handel. Die Gegend um Blumenau und Joinville gehört heute zu einer der stärksten industriellen Gebieten Brasiliens. Selbst in Pomerode strömten zur Mittagszeit, die Träger von Identifikations- und Kreditkarten die Kaffees und Speisesäle und am Wochenende exponierten einige von ihnen stolz, anstatt den Karten, ihre zu Glanz aufgeputzten Mätressen. Ganz normal, ganz wie üblich, ganz wie überall!

Als wir im Wunderwald in Pomerode wieder einmal Entenbraten essen wollten, hielt am Parkplatz, Visavis von mir ein grosser schwarzer Mercedes aus Blumenau von einen dicklichen, älteren Herrn geführt. Auch im Restaurant sassen wir Visavis und so konnte ich ihn genau beobachten. Im Speisesaal spielte ein Mann mit runden roten Gesicht, blondes kurzes Haar und eine Metallbrille, deutsche Volksmusik auf einer Ziehharmonika. Wenige hörten zu. Der Herr mit dem Mercedes war aber scheinbar nur gekommen wegen der Musik. Ständig erhob er sich, verlies Messer und Gabel und ging zu dem Runden Roten und flüsterte einiges, nahm das grosse Heft das vor ihm lag und wählte etwas daraus. Zurück zu seinen Tisch sang er lebhaft und begeistert mit. Seine Frau schaute gelangweilt und gelassen um sich und war scheinbar solche Szenen gewohnt. Ich folgte etwas distanziert das ganze Schauspiel und war eigentlich mehr am visuellen als am akustischen interessiert, denn die deutschen Lieder die meine Mutter sang, hatten mit der Musik die aus der Ziehharmonika kam, wenig gemeinsames. Und doch…Auf einmal war es da. Der Rote mit den runden Gesicht spielte Horch, was kommt von draussen rein. Ich vergas natürlich nicht den Entenbraten, sang natürlich nicht mit, aber auch ich erhob mich und ging zu den Runden Roten und warf ein paar Münzen in seinen Hut.


Bemerkung:

[1] Dies hat sich in der letzten Zeit etwas verbessert, denn die Bauern haben Vereine gegründet die dann Produkte wie Wurst, Gelee, Konserven und allerlei Eingemachtes in den Städten absetzen können. Wir haben den Anbau von Palmen aus denen man das Palmenherz gewinnt aber auch Schweine und Rinderzucht gesehen. Auch wird Tabak und Maniok angepflanzt. Trotzdem ist das Leben des Kleinbauers schwierig.

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