Samstag, 19. März 2022

Meine Reise in Heines deutsches Wintermärchen - Teil 6

 

CAPUT XIII

 

Die Sonne ging auf bei Paderborn,
Mit sehr verdroßner Gebärde.
Sie treibt in der Tat ein verdrießlich Geschäft -
Beleuchten die dumme Erde!

 

Hat sie die eine Seite erhellt,
Und bringt sie mit strahlender Eile
Der andern ihr Licht, so verdunkelt schon
Sich jene mittlerweile.                                          (XIII-8)

 

Der Stein entrollt dem Sisyphus,
Der Danaiden Tonne
Wird nie gefüllt, und den Erdenball
Beleuchtet vergeblich die Sonne! –

 

Und als der Morgennebel zerrann,
Da sah ich am Wege ragen,
Im Frührotschein, das Bild des Manns,
Der an das Kreuz geschlagen.                             (XIII-16)

 

Mit Wehmut erfüllt mich jedesmal
Dein Anblick, mein armer Vetter,
Der du die Welt erlösen gewollt,
Du Narr, du Menschheitsretter!

 

Sie haben dir übel mitgespielt,
Die Herren vom hohen Rate.
Wer hieß dich auch reden so rücksichtslos
Von der Kirche und vom Staate!                               (XIII-24)

 

Zu deinem Malheur war die Buchdruckerei
Noch nicht in jenen Tagen
Erfunden; du hättest geschrieben ein Buch
Über die Himmelsfragen.

 

Der Zensor hätte gestrichen darin,
Was etwa anzüglich auf Erden,
Und liebend bewahrte dich die Zensur
Vor dem Gekreuzigtwerden.                                    (XIII-32)

 

Ach! hättest du nur einen andern Text
Zu deiner Bergpredigt genommen,
Besaßest ja Geist und Talent genug,
Und konntest schonen die Frommen!

 

Geldwechsler, Bankiers, hast du sogar
Mit der Peitsche gejagt aus dem Tempel -
Unglücklicher Schwärmer, jetzt hängst du am Kreuz
Als warnendes Exempel!                                            (XIII-40)

 

 

 

  •  Immer wieder bringt Heine Figuren die gegen die herrschende Ordnung kämpfen. Hier ist es Christus, der Menschheitsretter. Er will die Welt erlösen. Mit der Peitsche jagte er die Bankiers und Geldwechsler aus dem Tempel (XIII-37).

 

  • Aber die Sonne geht an der einen Seite der Erde auf, um an der anderen Seite niederzugehen. So ist die Welt ein Wechselspiel zwischen Licht und Finsternis. Obwohl die Erde von der Sonne der Aufklärung erleuchtet wird, verdunkelt sie immer wieder. Die Welt verändern zu wollen bedeutet Sisyphusarbeit. In der griechischen Sage, rollt der Held den Stein hoch, nur um ihn wieder herunterrollen zu lassen. Auch die Danaiden sind Figuren der griechischen Mythologie. Da sie ihre Ehemänner getötet haben, müssen sie als Strafe ein durchlöchertes Fass mit Wasser füllen. Heine deutet auf die Schwierigkeit einer revolutionären Tätigkeit, da sie immer wieder von der Reaktion rückgängig gemacht wird. Auf Revolution folgt Restauration.

 

  • Ich wollte nochmals ausdrücklich betonen, wie wichtig die historische Perspektive ist. Was für Heine Sisyphusarbeit war, erscheint uns heute ein konsequenter Kampf deren Früchte, wie z.B. die Republik und die Entmachtung der Aristokratie, dank der Hartnäckigkeit des Kampfes Heines Generation, wir heute imstande zu genießen sind.

 

  • Interessant ist die Umkehrung der Gedanken in XIII -25 u. ff.. Hätte Christus einen Text geschrieben, anstatt mit Taten zu kämpfen, dann wäre ihm nichts passiert. Der Zensor hätte dann nur ein paar Seiten gestrichen. Natürlich ist hier Ironie am Spiel. In der Skala der Gewalt ist Zensur ein nur. Man muss ihr also sogar noch dankbar sein. Es wird auch die Dualität Theorie und Praxis angesprochen. Wäre Christus ein Theoretiker, der nur Texte schreiben würde, dann wäre ihm nichts passiert, außer ein paar gestrichene Seiten. Es ist auch Selbstironie, denn Heine schreibt ja hauptsächlich. Nicht nur die Zensur ist ein nur, sondern auch das Schreiben ist nur Schreiben.

 

  • Sowohl mit der obigen Idee, als auch mit der Sisyphusarbeit wird eine gewisse Skepsis der revolutionären Tätigkeit, also der revolutionären Praxis, ausgedrückt. Heine wirkt in einer Gegenströmung des Marxismus, der ja Theorie und Praxis verbindet. Nur Theorie und keine Praxis wird wenig gestraft, da es ja wenig Folgen hat. Und Praxis ist Sisyphusarbeit.

 

  • In XIII-34 ist eine mögliche Andeutung auf die Bergpartei. Cordeliers und Jakobiner bildeten, auf Grund der Sitzordnung im Parlament, die Montagne, die zum linken Flügel der französische Revolution zählt.

 

  • Der Versuch einer gewissen Identifizierung von Heine mit Christus werden wir in Kapitel XXIV (siehe XXIV-65 u. ff.) sehen.

 

  • Das Kreuz wird als warnendes Symbol für die Gefahren einer revolutionären Tätigkeit benutzt (XIII 37-40) 

 

 

 

CAPUT XIV

 

 Ein feuchter Wind, ein kahles Land,
Die Chaise wackelt im Schlamme;
Doch singt es und klingt es in meinem Gemüt:
»Sonne, du klagende Flamme!«

 Das ist der Schlußreim des alten Lieds,
Das oft meine Amme gesungen -
»Sonne, du klagende Flamme!« Das hat
Wie Waldhornruf geklungen.                            (XIV-8)

Es kommt im Lied ein Mörder vor,
Der lebt' in Lust und Freude;
Man findet ihn endlich im Walde gehenkt
An einer grauen Weide.

 Des Mörders Todesurteil war
Genagelt am Weidenstamme;
Das haben die Rächer der Feme getan -
»Sonne, du klagende Flamme!«                        (XIV-16)

 Die Sonne war Kläger, sie hatte bewirkt,
Daß man den Mörder verdamme.
Ottilie hatte sterbend geschrien:
»Sonne, du klagende Flamme!«

 Und denk ich des Liedes, so denk ich auch
Der Amme, der lieben Alten;
Ich sehe wieder ihr braunes Gesicht,
Mit allen Runzeln und Falten.                           (XIV-24)

Sie war geboren im Münsterland,
Und wußte, in großer Menge,
Gespenstergeschichten, grausenhaft,
Und Märchen und Volksgesänge.

 Wie pochte mein Herz, wenn die alte Frau
Von der Königstochter erzählte,
Die einsam auf der Heide saß
Und die goldnen Haare strählte.                        (XIV-32)

Die Gänse mußte sie hüten dort
Als Gänsemagd, und trieb sie
Am Abend die Gänse wieder durchs Tor,
Gar traurig stehen blieb sie.

Denn angenagelt über dem Tor
Sah sie ein Roßhaupt ragen,
Das war der Kopf des armen Pferds,
Das sie in die Fremde getragen.                         (XIV-40)

 Die Königstochter seufzte tief:
»O Falada, daß du hangest!«
Der Pferdekopf herunterrief:
»O wehe! daß du gangest!«

 Die Königstochter seufzte tief:
»Wenn das meine Mutter wüßte!«
Der Pferdekopf herunterrief:
»Ihr Herze brechen müßte!«                           (XIV-48)

 Mit stockendem Atem horchte ich hin,
Wenn die Alte ernster und leiser
Zu sprechen begann und vom Rotbart sprach,
Von unserem heimlichen Kaiser.

 Sie hat mir versichert, er sei nicht tot,
Wie da glauben die Gelehrten,
Er hause versteckt in einem Berg
Mit seinen Waffengefährten.                           (XIV-56)

 Kyffhäuser ist der Berg genannt,
Und drinnen ist eine Höhle;
Die Ampeln erhellen so geisterhaft
Die hochgewölbten Säle.

 Ein Marstall ist der erste Saal,
Und dorten kann man sehen
Viel tausend Pferde, blankgeschirrt,
Die an den Krippen stehen.                             (XIV-64)

Sie sind gesattelt und gezäumt,
Jedoch von diesen Rossen
Kein einziges wiehert, kein einziges stampft,
Sind still, wie aus Eisen gegossen.

Im zweiten Saale, auf der Streu,
Sieht man Soldaten liegen,
Viel tausend Soldaten, bärtiges Volk,
Mit kriegerisch trotzigen Zügen.                       (XIV-72)

 Sie sind gerüstet von Kopf bis Fuß,
Doch alle diese Braven,
Sie rühren sich nicht, bewegen sich nicht,
Sie liegen fest und schlafen.

Hochaufgestapelt im dritten Saal
Sind Schwerter, Streitäxte, Speere,
Harnische, Helme, von Silber und Stahl,
Altfränkische Feuergewehre.                             (XIV-80)

 Sehr wenig Kanonen, jedoch genug,
Um eine Trophäe zu bilden.
Hoch ragt daraus eine Fahne hervor,
Die Farbe ist schwarzrotgülden.

 Der Kaiser bewohnt den vierten Saal.
Schon seit Jahrhunderten sitzt er
Auf steinernem Stuhl, am steinernen Tisch,
Das Haupt auf den Armen stützt er.                   (XIV-88)

Sein Bart, der bis zur Erde wuchs,
Ist rot wie Feuerflammen,
Zuweilen zwinkert er mit dem Aug',
Zieht manchmal die Braunen zusammen.

Schläft er oder denkt er nach?
Man kann's nicht genau ermitteln;
Doch wenn die rechte Stunde kommt,
Wird er gewaltig sich rütteln.                            (XIV-96)

 Die gute Fahne ergreift er dann
Und ruft: »Zu Pferd! zu Pferde!«
Sein reisiges Volk erwacht und springt
Lautrasselnd empor von der Erde.

 Ein jeder schwingt sich auf sein Roß,
Das wiehert und stampft mit den Hufen!
Sie reiten hinaus in die klirrende Welt,
Und die Trompeten rufen.                                 (XIV-104)

 Sie reiten gut, sie schlagen gut,
Sie haben ausgeschlafen.
Der Kaiser hält ein strenges Gericht,
Er will die Mörder bestrafen –

 Die Mörder, die gemeuchelt einst
Die teure, wundersame,
Goldlockichte Jungfrau Germania -
»Sonne, du klagende Flamme!«                        (XIV-112)

 Wohl mancher, der sich geborgen geglaubt,
Und lachend auf seinem Schloß saß,
Er wird nicht entgehen dem rächenden Strang,
Dem Zorne Barbarossas! - - -

 Wie klingen sie lieblich, wie klingen sie süß,
Die Märchen der alten Amme!
Mein abergläubisches Herze jauchzt:
»Sonne, du klagende Flamme!«                          (XIV-120)

 

 

 

  • Kapitel XIV bildet der Mittelpunkt des Wintermärchens. Der Kern des Gedichts bildet die Barbarossa Sage. Sie besetzt die Kapitel XIV, XV, XVI und XVII. Hier die Einführung.

 

  • Heine bewegt sich immer wieder metaphorisch in der Welt der Sagen und Märchen. Er mischt mehrere Geschichten. Da ist das Märchen von der Gänsemagd, das sich mit dem alten Lied der Amme verknüpft. Dann kommen noch Kaiser Barbarossa und Germania dazu. Die Sonne soll Aufklärung bringen. Aufklärung in Bezug auf dem Mord, der in dem Lied der alten Amme vorkommt. Aufklärung in Bezug auf der Königstochter, die jetzt als Magd die Gänse hüten muss. Oder ist es Germania, das Nationalsymbol? Sowohl das Lied der Amme, wie das Märchen von der Gänsemagd und die Barbarossa Sage zeugen von der Suche nach Gerechtigkeit.

 

  • Zu Heines Zeit war die Barbarossa Sage sehr bekannt und eng mit Nationalismus, Burschenschaften und deutscher Einheit verknüpft. Krüger nennt auf S. 320 Dichter wie Friedrich Rückert, Julius Sturm, Paul Pfizer, Georg Herwegh, Hoffmann von Fallersleben und Emanuel Geibel, die Werke mit dieser Thematik geschrieben haben. Nur um ein Geschmack davon zu bekommen ein Auszug aus Geibels Friedrich Rotbart: Tief im Schoße des Kyffhäusers / Bei der Ampel rotem Schein / Sitzt der alte Kaiser Friedrich / An dem Tisch von Marmorstein. [...] Bis der Adler stolzen Fluges / Um des Berges Gipfel zieht, / Daß von seines Fittichs Rauschen / Dort der Rabenschwarm entflieht / // Aber dann wie ferner Donner / Rollt es durch den Berg herauf, / Und der Kaiser greift zum Schwerte, / Und die Ritter wachen auf.

 

  • Obwohl ich im Internet und in Bücher mit Volksliedern sehr gesucht habe, konnte ich das Lied aus dem der Satz Sonne, du klagende Flamme entstammt, nicht finden. Sonne ist ein Symbol des Lichts, und steht für Aufklärung.

 

  • Ein Femegericht (wahrscheinlich vom niederländischem veem, Vereinigung oder Zunft) ist ein Notgericht (Selbsthilfe oder Freigericht). In dem Lied der Amme wird ein Mörder vom Femegericht gehenkt, und von seiner Geliebten Ottilie mit dem Ruf Sonne du klagende Flamme beweint (Pfister).

 

  • XIV-29 bis 48 wird vom Grimm’schen Märchen Die Gänsemagd gesprochen (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Die_G%C3%A4nsemagd). Das sprechende Pferd heißt Falada.

 

  • In diesem Kapitel hält sich die Barbarossa Sage wesentlich an der Version der Brüder Grimm. Kaiser Barbarossa symbolisiert die Hoffnungen auf ein neues Reich. Heine knüpft an die Volkstradition, wo der Kaiser als Symbol von Einigkeit und Gerechtigkeit steht.

 

  • Die Hoffnungen die mit Barbarossa verbunden sind, werden in XIV-105-16 erwähnt. Der Kaiser hält ein strenges Gericht und wird die Mörder, die die Jungfrau Germania gemeuchelt haben, bestrafen. Mancher, der sich geborgen in seinen Schloss glaubt, wird nicht entgehen dem rächenden Strang. Es sind etwas moralistische und alttestamentarische Hoffnungen und Drohungen.

 

  • Der Kyffhäuser, ca. 473 m hoch, ist ein kleines Mittelgebirge, südlich des Harzes, zwischen Magdeburg und Erfurt. Dort befindet sich das 81 m hohe Kyffhäuserdenkmal, von Bruno Schmitz entworfen, derselbe der später das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig gebaut hat. Das genannte Barbarossadenkmal, zwischen 1890 und 1896 gebaut, zeigt oben Kaiser Wilhelm I auf einen Ross und unten Barbarossa. Die Verbindung ist sicherlich nicht zufällig, denn beide sind mit der Idee eines vereinten Deutschland verbunden. Wilhelm I war von 1861 bis zu seinen Tod 1888 König von Preußen, und seit der Reichsgründung 1871, deutscher Kaiser. Im Kyffhäuser befindet sich auch die 1865 entdeckte, ca. 2 km lange Barbarossahöhle. Alle diese Tatsachen geschehen lange nach Heines Reise. Sie bestätigen einiges was im Gedicht gesagt wird, u.a. auch die Vereinigung Deutschlands unter preußischer Herrschaft.

 

  • In Bezug auf Kaiser Barbarossa siehe auch Sebastianismus in Portugal. König Sebastian ist eine idealisierte Figur, die das Land befreien soll. Genau wie Rotbart soll er gestorben sein, aber der Körper wurde nie gefunden. Dies sind Archetypen (von Freud auch genannten Urphantasien), die wahrscheinlich in den meisten Kulturen zu finden sind. Die Vater Figur, die das Land retten soll, ist (leider) ein häufig verwendetes Mittel um von der Verantwortlichkeit seines eignen Einsatzes zu flüchten. Die Tatsache dass der Körper nie gefunden wurde, deutet auf Immaterialität, also auf ein übernatürliches Wesen. All dies ist Teil des Idealismus (als Gegensatz zu dem Realismus).

 

  • In XIV-84 wird von den Farben schwarz-rot-gold, die mit den Burschenschaften verbunden waren, gesprochen. Die Burschenschaften spielten eine wichtige Rolle in der Märzrevolution. Studentenverbindungen und Burschenschaften waren Träger des liberalen Gedankens, die öfter eine Mischung aus Nationalismus, Demokratie, bürgerliche Freiheit und Rechte waren.

 

  • Sagen, Märchen verbinden sich mit Traum. In dem folgenden Kapitel XV (siehe XV-9-10) ist die Begegnung mit Kaiser Rotbart nur ein Traum. Hoffnung, Einigkeit und Gerechtigkeit sind also nur Träume. 
 
 
 
 

CAPUT XV

 

Ein feiner Regen prickelt herab,
Eiskalt, wie Nähnadelspitzen.
Die Pferde bewegen traurig den Schwanz,
Sie waten im Kot und schwitzen.

 Der Postillion stößt in sein Horn,
Ich kenne das alte Getute -
»Es reiten drei Reiter zum Tor hinaus!«
Es wird mir so dämmrig zumute.                       (XV-8)

 Mich schläferte und ich entschlief,
Und siehe! mir träumte am Ende,
Daß ich mich in dem Wunderberg
Beim Kaiser Rotbart befände.

 Er saß nicht mehr auf steinernem Stuhl,
Am steinernen Tisch, wie ein Steinbild;
Auch sah er nicht so ehrwürdig aus,
Wie man sich gewöhnlich einbildt.                    (XV-16)

 Er watschelte durch die Säle herum
Mit mir im trauten Geschwätze.
Er zeigte wie ein Antiquar
Mir seine Kuriosa und Schätze.

 Im Saale der Waffen erklärte er mir,
Wie man sich der Kolben bediene,
Von einigen Schwertern rieb er den Rost
Mit seinem Hermeline.                                        (XV-24)

 Er nahm ein Pfauenwedel zur Hand,
Und reinigte vom Staube
Gar manchen Harnisch, gar manchen Helm,
Auch manche Pickelhaube.

Die Fahne stäubte er gleichfalls ab,
Und er sprach: »Mein größter Stolz ist,
Daß noch keine Motte die Seide zerfraß,
Und auch kein Wurm im Holz ist.«                    (XV-32)

 Und als wir kamen in den Saal,
Wo schlafend am Boden liegen
Viel tausend Krieger, kampfbereit,
Der Alte sprach mit Vergnügen:

»Hier müssen wir leiser reden und gehn,
Damit wir nicht wecken die Leute;
Wieder verflossen sind hundert Jahr',
Und Löhnungstag ist heute.«                            (XV-40)

Und siehe! der Kaiser nahte sich sacht
Den schlafenden Soldaten,
Und steckte heimlich in die Tasch'
Jedwedem einen Dukaten.

Er sprach mit schmunzelndem Gesicht,
Als ich ihn ansah verwundert:
»Ich zahle einen Dukaten per Mann,
Als Sold, nach jedem Jahrhundert.«                  (XV-48)

 Im Saale, wo die Pferde stehn
In langen, schweigenden Reihen,
Da rieb der Kaiser sich die Händ',
Schien sonderbar sich zu freuen.

 Er zählte die Gäule, Stück vor Stück,
Und klätschelte ihnen die Rippen;
Er zählte und zählte, mit ängstlicher Hast
Bewegten sich seine Lippen.                             (XV-56)

»Das ist noch nicht die rechte Zahl« -
Sprach er zuletzt verdrossen -,
»Soldaten und Waffen hab ich genung,
Doch fehlt es noch an Rossen.

Roßkämme hab ich ausgeschickt
In alle Welt, die kaufen
Für mich die besten Pferde ein,
Hab schon einen guten Haufen.                          (XV-64)

 Ich warte, bis die Zahl komplett,
Dann schlag ich los und befreie
Mein Vaterland, mein deutsches Volk,
Das meiner harret mit Treue.«

So sprach der Kaiser, ich aber rief:
»Schlag los, du alter Geselle,
Schlag los, und hast du nicht Pferde genug,
Nimm Esel an ihrer Stelle.«                                  (XV-72)

Der Rotbart erwiderte lächelnd: »Es hat
Mit dem Schlagen gar keine Eile,
Man baute nicht Rom an einem Tag,
Gut Ding will haben Weile.

 Wer heute nicht kommt, kommt morgen gewiß,
Nur langsam wächst die Eiche,
Und chi va piano, va sano, so heißt
Das Sprüchwort im römischen Reiche.«                (XV-80)

 

 

·         Im Kapitel XV wendet sich die Stimmung. Barbarossa ist nicht mehr die sagenumwobene Legende, sondern ein gemütlicher und geschwätziger alter Herr, der durch die Säle watschelt. Er ist eine etwas altmodische anachronistische Gestalt. Sein größter Stolz ist dass die Motten noch nicht die Seide und die Würmer noch nicht das Holz der Fahne gefressen haben.

 

·         Die erste Version der Barbarossa Figur in Kapitel XIV ist die der Brüder Grimm. Dort wird er durch die Amme und ihre Lieder, durch Märchen und Mythen präsentiert. Er will die Mörder bestrafen und für Gerechtigkeit kämpfen. In Kapitel XV ist er ein alter Herr der von Rom spricht, was die Absicht imperialer Machtstrebungen andeutet.

 

·         Es reiten drei Reiter zum Tor hinaus! ist ein Volkslied (siehe z.B. https://ingeb.org/Lieder/esritten.html) (XV-7).

 

·         Das Hermelin, aus der Familie der Marder, ist besonders für sein im Winter weißen Fells bekannt, und spielte in der Pelzindustrie eine bedeutende Rolle (Wikipedia.de) (siehe XV-24).

 

·         In XV-28 wird die Pickelhaube mit dem mittelalterlichen Barbarossa assoziiert.

 

·         In etwas ist/sitzt der Wurm bedeutet das etwas nicht in Ordnung ist. Hier behauptet Rotbart das Gegenteil, dass bei ihm alles in Ordnung ist.

 

·         Ein Dukat ist eine Goldmünze die ungefähr 3,4 g Gold entspricht (XV-47). Das Gramm Gold ist im Moment ca. 56 EUR Wert, schwankt aber ständig. 200 EUR für hundert Jahre Arbeit ist nicht gerade viel, bedenkt man aber, dass die Arbeit im schlafenden Zustand geleistet wird, dann kann man vielleicht den Rotbart entschuldigen.

 

·         Heine zeigt wenig Respekt vor dem König, als er ihm rät Esel anstatt Pferde zu nehmen (XV-72). Seine imperialen Machtstrebungen werden nicht ernst genommen. Wie wir sehen werden, steigert sich die Frechheit in Kapitel XVI. Sie soll wahrscheinlich zu einer Distanzierung von der Mythos Figur führen.

 

·         Roßkämme sind Pferdehändler (XV-61).

 

·         Einige Sprichwörter bekräftigen das Volkstümliche und dienen der Entmystifizierung Barbarossas (XV-73 u. ff.).

 

·         Der Kaiser erwähnt Rom, was seine Machtansprüche verdeutlicht. Auch die Eiche in XV-78 ist ein Symbol für Ewigkeit und steht für Deutschland (seit des 18. Jahrhunderts war sie ein typischer deutscher Wappenbaum und spielte eine wichtige Rolle in der Heraldik). Eichenlaub ist Bestandteil von militärischen Rang, Ehrenzeichen und deutsche Münzen (siehe Eiche in Wikipedia.de).

 

·         Chi va piano, va sano ist ein italienisches Sprichwort und bedeutet wer langsam geht, geht sicher (XV-79).

 

·         Die rostigen Waffen, die fehlenden Pferde, die schlafende Soldaten, die verstaubte Fahne alles deutet auf Dekadenz. Und so etwas will das Vaterland befreien?

 

 

 



 

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