„Er
hat meinen Vater ermordet und mich dann meiner Mutter beraubt.“ Ihre Stimme
zitterte, und ihre Augen funkelten.
Ich
saß etwas verlegen in dem kleinen Zimmer und beobachte sie seitlich. „Er hat
deinen Vater angezeigt, aber ermordet ...?“
„Jeder
wusste damals, was geschah, wenn einer als Nazi angezeigt wurde. Die Russen
spielten nicht. Er wurde nach Sibirien geschickt. Den Winter und die harte
Arbeit überlebte er nicht.“
Ich
versuchte, Karl in Schutz zu nehmen. Er war der Freund meiner Eltern. „Sybille,
überleg dir mal ganz nüchtern, was denn anders möglich gewesen wäre. Dein Vater
hat seinen Vater den Nazis ausgeliefert und jetzt war er an der Reihe. So sind
nun mal die Kriege!“
Mit
einem Ruck stand sie auf und hielt mir ihren ausgestreckten Zeigefinger ins
Gesicht. „Das wurde nie bewiesen. Mein Vater war nur einer unter vielen. Gerd
war halt ein Träumer, ein Idealist. Als Anwalt hätte er Geld verdienen sollen,
aber anstatt dessen verteidigte er Arbeiter, arme Teufel, die nichts bezahlen
konnten. Er hat sich dadurch viele Feinde in P. gemacht, und als Hitler an die
Macht kam, haben sie sich dann gerächt. Auch verständlich ...“
Auch
verständlich ... Das erreicht man mit Verstand. Gewalt ist gleich Gewalt, sei
es von links, sei es von rechts. Alles gleich. Man beachtet dann nur die Mittel
und lässt die Zwecke beiseite. Aber ... Mittel durch den Zweck zu rechtfertigen,
konnte man das heute noch glauben?
Es
war verständlich, schließlich war er der Vater. Das braune Hemd, das er trug
und die Pistole, die öfters auf dem Tisch lag, das waren eben Nebensachen.
Sybille war noch ein Kind, als er verschwand, und es blieben nur die guten
Erinnerungen.
Wir
schwiegen eine Zeit lang. Es hatte keinen Sinn, da weiter zu bohren. Sybille
war ein nervöser Typ. Die schrille, dünne Stimme passte zu der Figur, die fast
einer Linie glich, oben etwas nach vorne gekrümmt. „Ich habe es mit den Nerven ...“,
das war ihre geliebte Ausrede, wenn sie in Bedrängnis kam. Sie hatte es zu
nichts geschafft, weder Familie noch feste Arbeit. Hier und da einen Job. Die
Mutter half ihr ab und zu und es kamen dann noch Beruhigungstabletten und viel
Baldrian dazu. Sie flüchtete gerne in Selbstmitleid. Und schon fing sie wieder
an: „Nachdem er mir meinen Vater geraubt hatte, musste er mir noch meine Mutter
nehmen. Das war dann wirklich ein bisschen zu viel.“
Ich
hatte mit Karl nie darüber gesprochen. Er war zwanzig Jahre älter als ich und
so intim waren wir nicht, dass ich es gewagt hätte, mich in seine Gefühlswelt
einzumischen. Aber trotzdem, es war mir unverständlich. Ein Sozialist, der in
einem sozialistischen Staat Karriere machen wollte, und dann heiratete er die
Frau eines Nazis?
Wieder
führte der Verstand mich in eine Sackgasse. War denn Liebe zu verstehen?
Vielleicht war die Mutter schön, vielleicht war sie lieb oder intelligent oder
alles zusammen. Sicherlich war sie nicht reich, sicherlich hatte Geld dabei keine
Rolle gespielt, obwohl ...
Die
Mutter hatte den Mann verloren, der im Dritten Reich sicherlich Prestige hatte.
Nun saß sie da alleine mit einem kleinen Kind in einem feindlichen Staat. Nur
allzu verständlich, dass sie einen neuen Anfang machen wollte, mit einem, der
ihr auch dies ermöglichte.
Dies
war die Argumentationslinie, die ich einschlug. Ich versuchte, Sybille zu
erklären, dass ihre Mutter damals in einer verdammt schwierigen Lage gewesen war
und dass ihr gar nicht viel anderes übrig blieb. „Karl hatte das
Konzentrationslager überlebt und kam nach P. zurück. Wurde nicht als Held
empfangen, denn unter den Trümmern gab es keine Helden. Und sicherlich gab es noch
dazu Ressentiments bei der Bevölkerung. Aber die Russen brauchten Sozialisten,
das hat deine Mutter erkannt.“
Fehlschlag!
Sybille sprang wieder aus dem Stuhl. „Gerade das meine ich ja. Eine
Zweckbeziehung. Und wo bleibe ich dabei? Welcher war der Raum, der für mich
übrig blieb?“
Ich
schwieg am besten. Denn in der eingeschlagenen Linie weitere Einzelheiten
anzugeben, zu sagen, dass es Karl tatsächlich bis zum Bürgermeister von P.
geschafft hatte, würde Sybille nur noch weiter irritieren. Sybille liebte den
Vater, und Karl hatte sie zwei Mal verletzt. Erstens, schickte er den Vater
nach Sibirien. Zweitens, machte er ein Bündnis mit ihrer Mutter, wo ja diese
bekanntlich die große Konkurrentin in der Liebe zum Vater ist. Claudius? Zum
Hamlet fehlten leider bei Sybille die Sprachkunst und der Tiefsinn. Also
schwieg ich am besten, denn eine gute Rolle für mich in diesem Stück war kaum
zu erwarten.
Außerdem
war ich mir nicht ganz sicher, ob ich Karl weiter verteidigen sollte. Er war
immer sehr nett zu mir gewesen. Das erste Mal, noch zu Zeiten der DDR, hatte er
mir eine Einladung geschickt. Er war damals Bürgermeister des kleinen
Städtchens, und es war mutig von ihm gewesen, mich als Westler einzuladen. Nach
der Wende habe ich ihn öfters besucht. Er war natürlich dankbar, da meine
Eltern und Großeltern ihm und seiner Mutter bei der Einsperrung seines Vaters
und auch nach dem Krieg mehrmals geholfen hatten.
Aber,
irgendetwas gefiel mir nicht, an der Art und Weise, mit der er die Leute
anlächelte, als wir durch die Straßen von P. schlenderten. Jeder Dritte wurde
von ihm begrüßt, und das Lächeln war zu forciert, die Witze zu wenig witzig und
die Freundlichkeit zu allgemein. Als ich ihm nach etwas fragte, gab er mir
Empfehlungen, die eigentlich im Interesse des Empfehlenden lagen, und als ich,
stolz über meine Brecht-Kenntnisse, diese auch vorzeigen wollte, wurde ich mit
einem Grinsen abgewiesen und das Gespräch auf Johannes R. Becher umgestellt.
Aufgefallen war mir auch die Frisur, im Breschnew-Dreieck-Stil, seitlich an den
Ohren kurz und nach oben ausweitend.
Er
fuhr stolz einen Wartburg durch die
leeren Straßen von P., und ein paar Mal lud er mich zum Essen in einem
Restaurant ein, wo ich doch vorher die Erfahrung gemacht hatte, mit welcher
Schwierigkeit man dort einen Tisch bekam. „Man hat da eben seine Kenntnisse und
Vorrechte“, hat er dann mit einem Lächeln erklärt.
Nach
der Wende haben wir öfters über die DDR gesprochen. Ich war natürlich
vorsichtig, denn ich kannte seine Stellung und fand es unsinnig, da
Konfrontationen zu suchen. Eher versuchte ich das Positive, das Recht auf
Arbeit, das Gesundheitssystem der DDR, herauszustellen. Ich sprach dann gerne
über die Konsumhysterie, die Oberflächlichkeit und den falschen Glanz des
Westens. Der Schwindel über Freiheit und
Democracy, die Unaufrichtigkeit, die künstlich gebräunten Wangen, das immer
mehr im Schein sinkende Sein. Wie viel ehrlicher war dabei die bleiche Blässe
der DDR! Aber Karl hörte nicht mehr zu. Ein Westler bleibt eben ein Westler,
sei er noch so kritisch. Übrigens, Kritik ... das war gefährlich.
Weil
ich meistens diese Ideen vertrat, war ich erstaunt über seine abwehrende
Haltung. Ich hatte ihn doch nicht beschuldigt! Selbstverständlich wusste ich,
welche Aufgaben der Nomenklatura
gestellt wurden. Gerade deswegen fragte ich ihn nicht darüber. Aber es half
nichts. Er musste immer wieder betonen, wie vielen Menschen er geholfen hatte.
Ich
war in diesen Ideen versunken, und einige Zeit war vergangen. Mein Kopf hing,
der Rücken war gebeugt und ich guckte nach unten. Auch Sybille schwieg. Als ich
den Kopf hob, trafen sich unsere Augen. Sie nickte. „Ich werde nachforschen.
Jetzt, nach der Wende, sind alle Dokumente verfügbar.“ Sie hat nichts gefunden.
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