Mittwoch, 19. März 2014

Warum sind die Brecht/Weill Lieder so romantisch?

Warum sind die Brecht/Weill Lieder so romantisch [1]?

Was ist Romantik? Ich nehme z.B. Bills Ballhaus in Bilbao. Krach und Wonne gab es da für einen Dollar, das Grass wuchs auf dem Tanzboden und der rote Mond schien durch das Dach. Brandylachen waren wo man sass und die Musik war wie von damals. Eines Tages, kamen vier Herren mit einem Geldsack und man konnte sie schiessen hören mit ihren Brownings. Billsbao, es war das schönste auf der Welt.

Oder die Geschichte vom Surabaya Johnny die sich in Südostasien abspielt. Sie war erst sechzehn Jahre alt. Er sprach viel, aber kein Wort war wahr. Sie sah nur auf seinen Mund und gab sich. Aber schon nach zwei Wochen war ihm nichts mehr recht an ihr. Er wollte nur noch Geld. Da stand er nun und grinste mit der Pfeife in dem Maul!

Nannas Lied erzählt, melancholisch aber resigniert, vom alternden Leben auf dem Liebesmarkt. Böses gibt es viel aber es ist das Spiel. Gott sei Dank wird es leichter mit den Jahren, aber das Gefühl wird erstaunlich kühl, wenn man damit allzu wenig kargt. Lust in Kleingeld zu verwandeln wird doch niemals leicht. Nun, es wird erreicht, doch man wird auch älter unterdes. Gott sei Dank geht alles schell vorüber, die Liebe und der Kummer sogar. Wo sind die Tränen von gestern abend, wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?

Schliesslich, der See zuliebe, die Seeräuberjenny. Da ist sie in dem lumpigen Hotel, wäscht die Gläser und macht das Bett für einen Penny. Eines Tages kommt ein Schiff, beschiesst die Stadt und alle werden getötet. Nur Jenny nicht. Das Schiff mit acht Segeln und den fünfzig Kanonen entschwindet mit ihr.

Was ist denn da romantisch? Also erstmals die Szenerie. Einiges sind klassische Themen der Romantik: die See, das Schiff mit acht Segeln, ein Ballhaus, Bilbao, Südostasien, der rote Mond, die Tränen von gestern Abend und der Schnee vom vergangenen Jahr. Dann kommt aber noch Villon (Wedekind?) dazu, die derbe-herbe Romantik: Huren, Krach und Wonne, Brandy (oder Whisky, Wein und Schnaps), der Geldsack, Gangsters, Johnny und allerlei Ausgeschiedene. Sie brechen, sprengen den Rahmen der gutbürgerlichen Gesellschaft, da wo der normale, ordentliche Mensch sein Leben verbringt, unter Langeweile und verbrühte Milch [2]. In Frage gestellt werden das Frühstück mit Zeitung und gekochte Eier, die Sparbüchsen und Sonntagshosen [3] und die Abende vor dem Fernseher. Angezweifelt wird das Leben unter graue Wände, geschlossene Türen und muffige Luft erst wenn es mit Freiheit, Lust und Abenteuer konfrontiert wird. Eskapismus? Flucht in der Phantasie? Ja und nein. Natürlich ist Romantik die Flucht von der Wirklichkeit aber in dem Masse in dem man das ätherische mit dem derben-herben vermischt, deutet man da nicht auf die Möglichkeit Phantasien in Realität umzuwandeln [4]? Letztlich könnte man doch (ich meine es natürlich nur bildlich) mit seiner festen Partnerin (oder Partner) das treiben was mit einer Hure treibt, oder ist da etwas Grundlegendes im Wege [5]? Die acht Segeln bräuchte ja die Jenny gar nicht wenn sie mit den fünfzig Kanonen die Stadt auf einer anderen Weise erobern würde? Und vielleicht müsste sie dann nicht alle Einwohner der Stadt töten!

Die ständige Mischung von Realität und Phantasie wird auch in den Handlungen des Textes klar. Als Jenny die Gläser wäscht ist da ein Getös am Hafen und man fragt: Was ist das für ein Getös? Die Gläser und die Frage das sind hier und jetzt. Dann folgt aber das neunzehnte Jahrhundert mit dem Schiff und die acht Segeln. Deutlicher wird es noch in Bills Ballhaus. Ich will nicht mal die Brandylachen auf dem Sofa und das Grass auf dem Tanzboden erwähnen. Der Zuhörer wird aber mehrmals direkt angesprochen (z.B. ich weiss ja nicht ob ihnen so was grad gefällt) sodass er vom Ballhaus zurück zu seinen Wohnraum oder Theatersaal kehrt. Verfremdung?

Die Romantik das ist die Utopie, der Traum, die Wunschvorstellung ohne die die Wirklichkeit ja gar nicht in Frage gestellt wird. Sie soll den Antrieb zum handeln liefern. Aber keine reine Flucht ins Imaginäre sondern ständig den herben, derben Duft im ätherischen spüren [6].


Bemerkungen:

[1] Zwei Interpretationen bevorzuge ich. Erstmals Gisela May, edel Classics GmbH, 2006. Vom musikalischen her gesehen, besonders bei den sanft gedämpften Tönen ist Anne Sofie von Otter, Deutsche Grammophon GmbH, 1994 auch herrlich anzuhören besonders wenn begleitet von Bengt Forsberg (Klavier).
[2] Den letzten Ausdruck habe ich mir von Tucholsky geliehen.
[3] Gleichnis des Buddha vom Brennenden Haus, Bert Brecht.
[4] Auch die Musik von Weill alterniert ständig zwischen derbe-herbe Harmonien/Rhythmen und mild empfindsamen Melodien.
[5] Ich will zu diesem Thema in keine Einzelheiten gehen, denn es ist ja gar nicht so wichtig, aber das Entgegengesetzte wäre ja auch denkbar, nämlich dass man nach einige Hurerei zu dem Schluss kommt das dass ja zu nichts führt und das man da neue Wege (der Liebe) suchen sollte.
[6] Gewisse Anhaltspunkte zum Thema Wirklichkeit/Phantasie gibt es in zwei weitere Beiträge von mir, nämlich Das hohe Lied Salomos und Über Rilke: Liebe, Kunst und Schaffen unter. In Rilke nenne ich das Dilemma Wirklichkeit/Phantasie, Physik/Metaphysik. In Salomo nenne ich es Erotik/Schönheit.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen