Dienstag, 31. Dezember 2013

Das Hohe Lied Salomos

Das Hohe Lied Salomos – Insel Verlag –Mit Übersetzungen von Luther, Martin Opitz, Goethe und Manfred Hausmann.

Als ich einige Tage in dem Haus meines Schweizer Freundes in der Umgebung von Zürich verbrachte, wurde mir ein Bett unter dem Dach zur Verfügung gestellt. Der Raum war gross, etwas verstaubt aber doch hell, denn es waren mehre grosse Fenster eingebaut. Die Dachkammer war voll gestopft mit Büchern. Bücher überall, gestapelt auf Tischen und gereiht in Regalen. Es waren zuviele Bücher ausgestellt als dass man sich eine Systematik des Erforschens oder des Ersuchens erlauben könnte. Die Untersuchung und Besichtigung der Bücher blieb also voll dem Zufall unterworfen. Zufall? Zufall gibt es nicht!

Hier und da nahm ich ein Buch, durchblätterte es flüchtig, las mal einen Satz auf einer Seite, ein Stück aus der Einführung oder einen Paragraphen aus dem Nachwort. So kam ich auf Das Hohe Lied Salomos, herausgegeben von Hermann Timm im Insel Verlag. Das Buch bestellte ich mir später bei einer Buchhandlung. Warum? Nun, die Verbindung von Erotik und Bibel, oder besser, Erotik in der Bibel, dass interessierte mich und ich hatte auch ein Text geschrieben über die Verbindung von Physik und Metaphysik bei Rilke (wobei ich mich stark an der Erotik der Sieben Gedichten hielte). Nur Erotik ist nur Zeitvertreib, also vertreibt sich mit der Zeit. Nur Bibel das ist zu Lebensfremd, also langweilig. Aber die Verbindung beider Themen ergibt die Spannung aus dem der Funke den man Leben nennt, entsteht.

Später als ich Das Hohe Lied Salomos las, war ich ein wenig enttäuscht. Die Erotik war etwas fade, die Bilder waren verstaubt und die Metaphern waren entweder verbraucht (z.B. Brüste als Gazellen, Hüften aus Elfenbein, Schenkeln wie Säulen aus Marmor, usw.) oder so fremd dass ich mir da nichts vorstellen konnte (z.B. die Frau als Wiese oder Anemone; Augen gleich zwei Tauben; Finger die von zarten Myrrhenöl tropfen; und auch sonstige Spezereien als Symbole des Sinnlichen).

Etwas blieb aber doch. Auch wenn die Bilder etwas verblichen und fremd sind ist das Gedicht zweifellos ein Lobgesang der Liebe, der Schönheit und Lebenslust, also kurz, Eros. Dass hervorheben von Liebe und Schönheit in dem Buch der Bücher, scheint mir umso wichtiger wenn man bedenkt dass in der Religion häufig Eros durch Thanatos und Lebenslust durch Schmerz und Leiden ersetzt werden. Es ist dann gut sich zu erinnern dass es auch andere Perspektiven gibt, z.B. die Kabbala, aber auch im frühen Christentum war das Feiern und die Lebensfreude wichtig (weiteres lese man in The Gnostic Gospels von Elaine Pagels, leider habe ich nur die englische Ausgabe aber scheinbar gibt es das Buch auch in deutsch unter dem Titel Die Gnostischen Evangelien im Insel Verlag). Das Hohe Lied lässt also deutlich erkennen dass Religion auch das Lebensbejahende und nicht nur das Lebensverneinende bedeuten kann. Dahinter steckt Pantheismus denn wenn alles Gottes Erscheinungen sind und wenn Gott Schönheit bedeutet, dann ist auch Liebe und Sinnlichkeit schön und das ist ja gerade was aus dem Buch hervorgeht. Es steckt aber auch Humanismus dahinter, denn wenn Schönheit das göttliche Attribut ist dann wird durch die Schönheit der Liebe der Mensch zum Gott gemacht.

Ein weiterer wichtiger Punkt in dem Buch ist die Infragestellung der Rationalität durch die nicht immer logische Handlung und Entwicklung des Gedichts. Z.B. in der Übersetzung von Hausmann endet das Gedicht mit Flieh Geliebter! Warum fliehen wenn das Gedicht ein Lobgesang der Liebe ist und eigentlich von der Liebe nur die schöne Seite erwähnt wird? Gerade deswegen! Weil es auch eine dunklere Seite gibt, weil Liebe ein sich entblössen ist und dahinter Gefahr und Risiko stecken. Sei es wie es sei, das Gedicht enthält keine klare, deutliche und logische Entwicklung, kein Anfang, kein Ende, keine logische Erklärung der Gefühle. Wer ist der Mann (Salomo?) der das Zentrum des Gedichts einnimmt? Wie heisst die Frau (Sulamit?)? Wo haben sie sich kennen gelernt? Warum lieben sie sich? Hier wird Liebe, Offenbarung. Hier spricht die Kabbala und nicht die Ratio des Christentums oder die Moral des Judentums. Es gibt kein Plan um den Himmel (der Liebe) zu erreichen es gibt auch kein Urteilen oder Beurteilen. Plötzlich ist die Liebe da in all ihrer Herrlichkeit, trotz Rationalität, oder vielleicht sollte die Rationalität von dieser Tatsache ausgehen.

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