Samstag, 2. November 2024

Miguilim – João Guimarães Rosa

Livraria José Olympio Editora, Rio de Janeiro, 1976

 

Im Zuge meiner erneuten Begeisterung für Guimarães Rosa habe ich Miguilim gelesen. In Deutsch wurde die Arbeit vom Wagenbach Verlag, ISBN 978-3-8031-2705-1, 2013 veröffentlicht. Laut www.wagenbach.de ist die Publikation für 9.90 Euros sofort lieferbar. Die Übersetzung ist von Curt Meyer-Clason, derselbe der auch die anderen Arbeiten von Guimarães Rosa übersetzt hat. Meyer-Clason hat lange in Brasilien gelebt, war Leiter des Goethe-Instituts in Lissabon, ist also sicherlich mit der Sprache und der Kultur gut vertraut. Wie ich in Sagarana gesagt habe, habe ich eine seiner Übersetzungen gelesen, und fand dass, angesichts der Schwierigkeiten, das Ergebnis zufriedenstellend ist. Es ist ihm gelungen ein bisschen von der Atmosphäre des Sertão (das Innere des Nordosten Brasiliens) wiederzugeben. Das ist schon sehr viel.

 

Miguilim ist eine größere Novelle oder kleinerer Roman, ca. 98 Seiten in der portugiesischen, 144 Seiten in der deutschen Version. In der mir hier vorliegenden Fassung, bildet die Geschichte, unter dem Titel Campo Geral, zusammen mit Uma estória de Amor, den ersten Band von Corps de Ballet. Dieser Band enthält die Überschrift Manuelzão e Miguilim. Die Geschichte wurde erstmals in Brasilien, 1956, veröffentlicht.

 

Was ich über Guimarães Rosa zu sagen hatte, habe ich bereits in Sagarana gesagt, und ich will mich nicht wiederholen. Unter anderem betone ich die Wichtigkeit der Sprache.

 

Erzählt wird das tägliche Leben eines kleinen Jungens, namens Miguilim (kleiner Michael). Es geschieht eigentlich wenig. Der tyrannische Vater, die immer von Männern umworbene schöne Mutter und der heißgeliebte, vernünftige kleinere Bruder Dito (Expedito) sind die Hauptfiguren der Geschichte, es erscheinen aber viele andere Charakter, wie z.B. die Viehtreiber Saluz und Jé und allerlei Angehörige des Guts, die in der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts noch in einer Art von Hörigkeitsbeziehung standen. Kein Arzt, keine Schule, nicht einmal der Pater kommt in solch eine abgelegene Ortschaft. Keine Apotheke, keine Kirche, nicht einmal eine Kneipe gibt es dort. Miguilims Spielzeuge sind die Tiere, die Pflanzen, Bäume, der Fluss, ein Stück Holz oder ein schöner Stein.

 

Etwas über die Wichtigkeit der Sprache muss ich aber doch noch sagen. Die Sprache ist die Form in der unsere Gedankenwelt sich ausdrückt. Auch wenn man schweigt, auch wenn sich alles nur in unserem Kopf, unsere Einbildung und Phantasie abspielt, so wird doch das Denken in einer Sprache formuliert. Denkt man anders, so wird wahrscheinlich auch die Ausdrucksform eine andere sein.

 

In einer Zeit wo wir in einer Sackgasse geraten sind, wo wir uns dem Abgrund immer mehr nähern, sollten wir mal überlegen, ob es nicht auch wegen unsere Art zu denken ist. Wir glauben uns sehr rational, versinken aber immer tiefer in Irrationalität; meinen sehr ausgewogen zu sein, unsere Welt gerät aber immer mehr ins Schwanken. Zweckrationalität hat Rationalität ersetzt. In diesen finsteren Zeiten ist es vielleicht interessant eine andere Denkungsart, die sich auch in eine andere Sprache und Sprechart (es muss nicht portugiesisch sein; es genügt vielleicht die deutsche Übersetzung) ausdrückt, kennen zu lernen.

 

 

 

Kommentar 1:

 

Hier geht es hauptsächlich um die Sprache, und Miguilim liefert eigentlich nur den Vorwand,  um dies herauszustellen. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass bei Guimarães Rosa tatsächlich die Sprache das Wichtigste ist.

 

Nun zu der Henne und das Ei. Was kommt an erster Stellung: die Sprache oder das Denken? Diese Frage ist eine metaphysische Verstellung, denn in  der Wirklichkeit gibt es bei der Entstehung solch ein Federvieh weder Henne noch Ei, sondern nach einige Millionen Jahren gibt es dann so etwas wie fast-eine-Henne oder fast-ein-Ei.

 

Ganz falsch mit meinem Sprache > Denken (Sprache führt zu Denken) bin ich nicht, nur habe ich, um kurz und bündig zu sein, das Denken > Sprache ausgelassen. Es gibt dann so etwas wie  …> Sprache > Denken.> Sprache > …. Einfacher ausgedrückt, es gibt da eine wechselseitige Beziehung zwischen das Denken und das Sprechen. Am Anfang gab es eine Art von Sprache, die auch zu eine Art von Denken führte, und dann, schrittweise, haben sich Sprache und Denken entwickelt. Genau wie bei der Henne und das Ei. Hier wird es anschaulicher: … > weder Henne noch Ei > ein ganz klein bisschen Henne und Ei > ein bisschen Henne und Ei > ….

 

 

Kommentar 2:

 

Sollte in unser Planet eine Zukunft möglich sein, so ist sie sicherlich offline… (Jonathan Crary, Scorched Earth, Kapitel 1).

 

 

Kommentar 3:

 

Um einiges über eine andere Denkungsart zu sagen, werde ich mich mit der Zweckrationalität befassen. Dabei beziehe ich mich stark auf das Material, dass ich in https://lehrerfortbildung-bw.de gefunden habe.

 

Üblicherweise bildet der Syllogismus (logische Folgerung) die Grundlage der Zweckrationalität. Er besteht aus zwei Prämissen (1) und (2) und eine Schlussfolgerung (3). Die erste Prämisse ist meistens ein normativer Obersatz, und die zweite Prämisse ist häufig ein deskriptiver, nicht normativer Untersatz, der öfters aus der Erfahrung stammt.

 

Beispiel:

(1)   Ich will Arzt werden.

(2)   Um Arzt zu werden braucht man ein gutes Abitur.

(3)   Ich muss also pauken.

 

Was läuft da falsch? Nichts läuft falsch, man sollte sich aber ein paar Fragen stellen: Will ich wirklich Arzt werden? Kenne ich die Gefahren, Stress und Frustrationen, die mit diesem Beruf verbunden sind? Lohnt es sich Arzt zu werden, wenn man so viel pauken muss? Was heißt hier pauken? Für welche Fächer und wann muss ich pauken? Führt das Pauken notwendigerweise zu einem guten Abitur? Gibt es da nicht andere Möglichkeiten?

 

Das hier ist natürlich ein ganz kleines Beispiel. Was ich aber sagen wollte, ist das ein Gedankengang, der anscheinend völlig rational ist, weil er einem logischen Schema folgt, zu völlig falschen Schlüssen führen kann. Sind die Prämissen falsch, so ist auch die Konklusion falsch. Krasser ausgedrückt: Die Wahrheit der Aussage jeder logische Folgerung, basiert auf die Wahrheit der Prämissen. Ist man Umsichtig in der Folgerung, aber nachlässig in der Bestimmung der Prämissen, so grenzt dieses Verhalten an Irrationalität (im weiteren Sinn).

 

Zurück zu Miguilim. Dort wo er lebt gibt es weder Arzt, Schule, Pater, Apotheke, Kirche, Kneipe, noch Logik, Schlussfolgerungen oder Prämissen. Wer aber schließt, dass es dort keine Rationalität gibt, der reduziert diesen Begriff auf Logik.

 

Miguilim lebt umgeben von Natur. Die Tiere mit denen es sich anfreundet, die Pflanzen, Bäume und Steine die den Schauplatz seiner Spiele bilden, der Fluss in dem er badet, sie lernen ihm über die Gefahren und Risiken des täglichen Lebens; wie die Beziehungen sich entwickeln; was aus einen Verhältnis werden kann; das Für und Wieder einer Zuneigung und vieles anderes mehr.

 

Aber auch Menschen sind dabei und mit ihnen lernt Miguilim mit Rache umzugehen, wie man liebt und lieben kann. Er lernt Undankbarkeit, Betrug, Lüge und Schwindel, aber auch Güte, Wärme, Zärtlichkeit, Mitleid, Hilfe, Treue, Aufrichtigkeit und Solidarität kennen zu lernen.

 

Verknüpfungen und Assoziationen lehren Miguilim aus dem Speziellen, Besonderen, das Generelle, Allgemeine zu machen. Er lernt seine Gefühle und Empfindungen der Wirklichkeit anzupassen, und das Ergebnis ist, dass er kein Syllogismus braucht um zu wissen was richtig und was falsch, was angebracht und was nicht angebracht ist.

 

Miguilim lernt z.B., dass man Mensch, Tier und Pflanze, aber auch Steine und Holz nicht unnötigerweise verletzen sollte, da es da sonst Rückschläge geben kann.

 

Alles ist mit allem verbunden, und so wie man in den Wald hineinruft, so schallt es wieder heraus. Never mistreat your woman / cause it’s gonna bounce back on you (Back O’Town Blues). Louis Armstrong und Miguilim, was hat das eine mit dem anderen zu tun? Ja, auch ich habe etwas mit Miguilim gelernt, auch ich habe hier den Bereich der Logik verlassen und gebe mich den Assoziationen.

 

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