Dienstag, 15. Januar 2019

Der Schlangenmörder




Mein Vater war eigentlich unsportlich. Weder Schwimmen, noch Turnen, noch Tennis oder irgendeine Mannschaftssportart. Aber Laufen und Spazierengehen waren Leidenschaften. Ging es im Urlaub auf Land oder Berge, so wurde regelmässig, am Morgen und am späteren Nachmittag, gelaufen. War der Weg steil, gab es Steine, Löcher, Baumstämme, Wurzeln, dann nahm er sich einen Stock dazu. Er fand ihn meistens am Wegrand, arbeitete mit dem Taschenmesser daran, bis ihm die Form gefiel. Nach dem Spaziergang versteckte er den Stock in einer Ecke bis zum nächsten Morgen. Sehr treu war er aber nicht, denn seine Verbindung mit dem Stock überlebte nicht  das Ende der Ferien. Im nächsten Urlaub fand er  wieder einen neuen Stock. So stark werden Sitten und Gebräuche in der Kindheit eingeprägt, dass auch ich, heute noch, wenn ich auf Urlaub in die Berge fahre, den Stock nicht vergesse. Mit drei Beinen läuft es sich besser, finde auch ich heute.

Mein Vater war ein friedlicher Mensch. Selten sah ich ihn die Stimme erheben, und Streitereien vermied er mit Geschick. Sah er aber auf einem Spaziergang eine Schlange, dann vollzog sich eine Wandlung in ihm, und er ruhte nicht, bis er die Schlange, meistens mit dem Stock, tötete. Dann nahm er die Beute mit dem Stab auf und setze sie auf einen hohen Ast eines naheliegenden Baumes, sodass jeder, der den Weg ging, seine Tat bewundern konnte. Ich nehme an, es waren meistens harmlose und ungiftige Schlangen. Es gibt nämlich Exemplare, die, wenn angegriffen, sehr aggressiv werden, und sich mit dem Stock einer solchen Schlange ein bis anderthalb Meter anzunähern, könnte gefährlich sein. Heute gilt solch eine Tat als unökologisch. Sieht man eine Schlange, dann lässt man sie ihren Weg gehen und wartet geduldig, bis sie außer Sicht ist. Schlangen greifen Menschen nur an, wenn sie sich angegriffen fühlen.

Warum fällt mir diese Geschichte jetzt ein? Was ist denn daran so wichtig oder, besser gesagt, interessant? Ich lese zurzeit die Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse von Freud, eine Ausgabe von 1935, Gustav Kiepenheuer Verlag, eines der wenigen Bücher, die meine Mutter aus Deutschland in die Emigration mitgenommen hat. Ich vermute, sie hat nur den Anfang gelesen, denn Sätze der ersten fünfzig Seiten sind mit rotem Bleistift unterstrichen, aber dann gibt es keine weiteren Spuren mehr. Freud, der von der Sexualität Besessene, identifiziert in der Schlange ein Symbol des Phallus, der Männlichkeit. Und da, gerade da, fällt mir mein Vater als Schlangenmörder ein.
 



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