Das Theaterstück, geschrieben 1913 – 14, ist veraltet, und, nach meiner Meinung, nicht lesenswert. Der Sohn ist lächerlich in seiner Naivität und sein Pathos. Gib, Stunde, mich der tiefen Wonne hin: / Dass ich im ungeheuersten Verbrennen / Auf dieser Welt erfahre wer ich bin, sagt er in der siebenten Szene, erster Akt. Die Lächerlichkeit des Freundes in seiner Revoluzzer-Rolle (Der Funke ist entzündet – schleudre ihn ins Pulverfass, zweite Szene, vierter Akt), macht seine Reden unglaubwürdig. Und der Vater ist ein Tyrann wie aus der Karikatur.
Die ganze anti-autoritäre Diskussion, so wie sie in Hasenclevers Text gebracht wird, ist veraltet, weil heute, im Gegensatz zu der wilhelminischen Zeit, die Figur der Autorität diffuser und abstrakter geworden ist. Heute ist die Vaterfigur eher metaphorisch zu verstehen. Heute, wenn ich an Autorität denke, so kommt mir Google in dem Sinn.
Die End-Rede des Sohns mit dem Vater ist unrealistisch. So redet kein Sohn mit dem Vater, so kaltblutig, besonders wenn er von klein auf von ihm misshandelt worden ist. Ja, ich weiß, dass das Pathos, die pompöse Phraseologie, dem Expressionismus, in dem das Stück eingestuft werden kann, zu verdanken ist. Aber das macht es deswegen noch nicht akzeptabel. Der Expressionismus, der natürlich in einem gewissen Gegensatz zu dem Naturalismus steht, rechtfertigt per se noch nicht die Künstlichkeit der Dialoge. Es muss etwas dahinter stecken. Das Herausstellen gewisser Züge, Charakteristika oder Verhaltensweise ist noch heute ein gängiges Hilfsmittel um Ideen hervorzuheben, aber in Hasenclevers Text wird, durch die Übertreibung, die Idee der Autorität eher unglaubwürdig gemacht. Die forcierten Reden empfand ich nur als Last. Die künstlichen literarischen Dialogen von hochgeschraubter Bilderdramatik wirken auf die Dauer ermüdend.
Nicht alles ist schlecht. Der Anfang der ersten Rede des Sohns mit dem Vater, zweite Szene, zweiter Akt, hat mir, in seiner kritischen Haltung, gefallen, obwohl der Sohn viel zu gescheit und der Vater viel zu dumm ist. Es spricht hier offensichtlich der Autor in der Stimme des Sohns und macht eine treffende Kritik der Strenge der wilhelminischen Erziehung. Das Zentrum ist der Generationskonflikt. Aus dem Sohn spricht die neue Zeit voller Fragen und Fragenstellungen. Aus dem Vater spricht die alte Ordnung voller Ehrfurcht und Pflichtbewusstsein.
Am Ende dieses Dialogs spitzt sich der Konflikt zu. Es ändern sich die Rollen und der Vater ist jetzt intelligenter als der Sohn, weil er das hohle Palaver erkennt, und nicht in die Falle reinfällt. Was willst du von mir? fragt der Vater. Und die Antwort des Sohns ist enttäuschend: Ich bin der Erbe, Papa! Dein Geld ist mein Geld, es ist nicht mehr dein. Du hast es erarbeitet aber du hast auch gelebt…Was du hast, gehört mir, ich bin geboren, es einst für mein Dasein zu besitzen. Mit dieser Idee verliert der Sohn die Glaubwürdigkeit.
Die Antiautoritäre Bewegung, der Kampf für Freiheit von den elterlichen Fesseln, muss nicht, notwendigerweise bestimmen, was mit der Freiheit gemacht werden soll. Aber es muss mindestens ein Konzept dieser Freiheit existieren, man muss eine Idee haben wie man den Kampf durchführt und wie man die Freiheit erreicht. Es kann sich dann alles als falsch erweisen. Macht nichts, ein Konzept muss es geben, selbst wenn es noch tausendmal verändert wird. Die Kritik an der alten Ordnung ist treffend, aber was hat man anstatt dessen zu bieten? Und da versagt das Stück völlig.
Dieses Dilemma verschärft sich noch im dritten Akt, als eine gesellschaftliche Variante des Sohnes Kampfes präsentiert wird. Der Klub Zur Erhaltung der Freude und dessen Mitglieder sind von einer Lächerlichkeit, die alle Grenzen des passablen überschreitet. Wer sind die Leute? Es scheinen nur Nutznießer zu sein, finanziert von einem adligen. Scheinbar versammeln sie sich nur um Orgien zu veranstalten. Plötzlich erscheint der Freund, spielt den Jakobiner, und stellt den Sohn vor, der eine pamphletarische Anklage gegen die väterliche Tyrannei macht.
Als ich die aufrührerischen Reden des Freundes, der aus dem Sohn ein Vatermörder machen will, um damit die ganze Gesellschaft anzuzünden, las, so kam mir Regis Debray und die Fokustheorie, deren Söhne die RAF-Gruppe in den siebziger Jahren war, in dem Sinn. Es überkam mich ein tristes Lächeln. Diese romantischen Vorstellungen eines revolutionären Prozesses laufen meistens katastrophal aus. Sie werden als Phantasie geboren und sollten auch als Phantasie enden. Politik und Voluntarismus passen nicht zueinander und die Verbindung hat meistens schwere Folgen.
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