Sonntag, 11. Mai 2014

Phantasie und Wirklichkeit - I



Ein Gedicht lag auf dem Tisch auf einem weissen Blatt Papier. Er rührte in seiner Tasse und schien verlegen zu sein. Sie ass ein Stück Käsetorte und schaute ihn etwas zugespitzt an.
„Das hat doch mit Wirklichkeit nichts zu tun“ sagte er und fuhr fort „Reine Phantasie. Es handelt sich doch nur um Literatur.“ Die Abwehrhaltung widerlegte aber die Worte.
„Was meinst mit nur Literatur? Meinst du, schlechte Literatur?“
„Nein, nein, das wieder nicht. Natürlich hat es mit Wirklichkeit zu tun, die Gefühle sind echt und in diesem Sinn Wirklichkeit, aber die Umstände sind reine Erfindung, lediglich Fiktion.“
Die Gefühle sind echt? Du hast dich doch nicht in einen fiktiven Charakter verliebt. Das wäre doch der reinste Wahnsinn. Verwechslung von Wirklichkeit und Phantasie führt zur Irrenanstalt, weiss du denn das nicht? Reicht dir die Wirklichkeit nicht mehr?“
„Guck mal…“ diesmal hatten ihre Wörter ihn getroffen und er versuchte Zeit zu gewinnen um die Gedanken zu ordnen. „Wirklichkeit und Phantasie das ist so eine wechselseitige Beziehung. Reine Wirklichkeit das gibt es doch nicht. Jede Einbildung, jeder Zukunftsplan oder Erinnerung, jede Wunschvorstellung sind doch, strikt gesprochen, das verlassen des Bereiches der Wirklichkeit. Würde man sich genau an Wirklichkeit halten was bliebe denn übrig vom Leben ausser Öde und Langeweile? Natürlich gibt es da Grenzen aber diese sind sehr verschwommen. Das Schreiten auf der Grenze, wie ein Akrobat, ein Schritt zuviel und es folgt der Sturz und das Ende, dass ist doch der Reiz der ganzen Sache.“
Sie aber war mit der Käsetorte zu Ende, schaute zerstreut um sich und hörte nicht mehr zu.

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