Das Hohe Lied Salomos – Insel Verlag –Mit Übersetzungen von Luther, Martin Opitz, Goethe und Manfred Hausmann.
Als ich einige Tage in dem Haus meines Schweizer Freundes in der Umgebung von Zürich verbrachte, wurde mir ein Bett unter dem Dach zur Verfügung gestellt. Der Raum war gross, etwas verstaubt aber doch hell, denn es waren mehre grosse Fenster eingebaut. Die Dachkammer war voll gestopft mit Büchern. Bücher überall, gestapelt auf Tischen und gereiht in Regalen. Es waren zuviele Bücher ausgestellt als dass man sich eine Systematik des Erforschens oder des Ersuchens erlauben könnte. Die Untersuchung und Besichtigung der Bücher blieb also voll dem Zufall unterworfen. Zufall? Zufall gibt es nicht!
Hier und da nahm ich ein Buch, durchblätterte es flüchtig, las mal einen Satz auf einer Seite, ein Stück aus der Einführung oder einen Paragraphen aus dem Nachwort. So kam ich auf Das Hohe Lied Salomos, herausgegeben von Hermann Timm im Insel Verlag. Das Buch bestellte ich mir später bei einer Buchhandlung. Warum? Nun, die Verbindung von Erotik und Bibel, oder besser, Erotik in der Bibel, dass interessierte mich und ich hatte auch ein Text geschrieben über die Verbindung von Physik und Metaphysik bei Rilke (wobei ich mich stark an der Erotik der Sieben Gedichten hielte). Nur Erotik ist nur Zeitvertreib, also vertreibt sich mit der Zeit. Nur Bibel das ist zu Lebensfremd, also langweilig. Aber die Verbindung beider Themen ergibt die Spannung aus dem der Funke den man Leben nennt, entsteht.
Später als ich Das Hohe Lied Salomos las, war ich ein wenig enttäuscht. Die Erotik war etwas fade, die Bilder waren verstaubt und die Metaphern waren entweder verbraucht (z.B. Brüste als Gazellen, Hüften aus Elfenbein, Schenkeln wie Säulen aus Marmor, usw.) oder so fremd dass ich mir da nichts vorstellen konnte (z.B. die Frau als Wiese oder Anemone; Augen gleich zwei Tauben; Finger die von zarten Myrrhenöl tropfen; und auch sonstige Spezereien als Symbole des Sinnlichen).
Etwas blieb aber doch. Auch wenn die Bilder etwas verblichen und fremd sind ist das Gedicht zweifellos ein Lobgesang der Liebe, der Schönheit und Lebenslust, also kurz, Eros. Dass hervorheben von Liebe und Schönheit in dem Buch der Bücher, scheint mir umso wichtiger wenn man bedenkt dass in der Religion häufig Eros durch Thanatos und Lebenslust durch Schmerz und Leiden ersetzt werden. Es ist dann gut sich zu erinnern dass es auch andere Perspektiven gibt, z.B. die Kabbala, aber auch im frühen Christentum war das Feiern und die Lebensfreude wichtig (weiteres lese man in The Gnostic Gospels von Elaine Pagels, leider habe ich nur die englische Ausgabe aber scheinbar gibt es das Buch auch in deutsch unter dem Titel Die Gnostischen Evangelien im Insel Verlag). Das Hohe Lied lässt also deutlich erkennen dass Religion auch das Lebensbejahende und nicht nur das Lebensverneinende bedeuten kann. Dahinter steckt Pantheismus denn wenn alles Gottes Erscheinungen sind und wenn Gott Schönheit bedeutet, dann ist auch Liebe und Sinnlichkeit schön und das ist ja gerade was aus dem Buch hervorgeht. Es steckt aber auch Humanismus dahinter, denn wenn Schönheit das göttliche Attribut ist dann wird durch die Schönheit der Liebe der Mensch zum Gott gemacht.
Ein weiterer wichtiger Punkt in dem Buch ist die Infragestellung der Rationalität durch die nicht immer logische Handlung und Entwicklung des Gedichts. Z.B. in der Übersetzung von Hausmann endet das Gedicht mit Flieh Geliebter! Warum fliehen wenn das Gedicht ein Lobgesang der Liebe ist und eigentlich von der Liebe nur die schöne Seite erwähnt wird? Gerade deswegen! Weil es auch eine dunklere Seite gibt, weil Liebe ein sich entblössen ist und dahinter Gefahr und Risiko stecken. Sei es wie es sei, das Gedicht enthält keine klare, deutliche und logische Entwicklung, kein Anfang, kein Ende, keine logische Erklärung der Gefühle. Wer ist der Mann (Salomo?) der das Zentrum des Gedichts einnimmt? Wie heisst die Frau (Sulamit?)? Wo haben sie sich kennen gelernt? Warum lieben sie sich? Hier wird Liebe, Offenbarung. Hier spricht die Kabbala und nicht die Ratio des Christentums oder die Moral des Judentums. Es gibt kein Plan um den Himmel (der Liebe) zu erreichen es gibt auch kein Urteilen oder Beurteilen. Plötzlich ist die Liebe da in all ihrer Herrlichkeit, trotz Rationalität, oder vielleicht sollte die Rationalität von dieser Tatsache ausgehen.
Dienstag, 31. Dezember 2013
Samstag, 28. Dezember 2013
Klaus Manns Wendepunkt: Einsicht trotz oder wegen Widersprüche?
Die Widersprüche begannen als ich den Entschluss fasste das Buch zu Lesen. Nach der Lektüre des Vulkans, das so voller Klischees und so oberflächlich ist, so viele unoriginelle Gedanken, platte Allgemeinheiten und Verallgemeinerungen enthält und in einer so konventionellen Weise geschrieben ist, hatte ich mir versprochen nie wieder Klaus Mann.
Und doch zog es mich zu ihm! Warum? War es der Gegensatz zwischen Vater und Sohn, wobei ich für den ersten, mit seinem barocken Prunk, tatsächlich nicht mehr viel Geduld habe. Verglichen mit der Arroganz mit der der Vater seine Weisheiten produziert, wirkt doch der Sohn mit all seiner Unbeholfenheit, seine Zweifel und seine Fragilität viel, viel ehrlicher. Bei dem Hören der Schwere Stunde, von Thomas Mann selbst vorgetragen, habe ich mir mal notiert: zuviel Wörter und zu wenig Sinn! Hört man diesen Text so gewinnt man den Eindruck dass hinter den Zweifeln bei dem Bau eines Werkes nur Profilierung, Selbstverherrlichung und Narzissmus steckt. Klaus Mann konnte sich nie von diesem verdammten Erbe befreien. Der verfluchte Ehrgeiz ein grosses Werk zu schreiben, zu Erfolg und Ruhm zu gelingen, waren letzten Endes die Ursache der Unrast und Unruhe die ihn in dem Tod trieben.
Es könnte doch ganz anders sein. Man schreibt weil man etwas zu sagen hat. Schreibt man nicht, oder besser, gelingt einem nicht das zu schreiben was von anderen erwartet wird so hat man entweder nichts zu sagen, oder das was man sagen will interessiert den anderen nicht, möglicherweise nicht mehr oder noch nicht. Man legt dann am besten Papier und Bleistift, d.h. den Computer, beiseite und macht etwas anderes. Kann man das nicht, dann schreibt man halt weiter, und legt, anstatt dessen, die Erwartungen beiseite. Ganz einfach.
Klaus Mann hat beträchtliches geleistet. Im Kampf gegen den Faschismus hat er nicht nur direkt im Krieg mitgewirkt sondern hat verschiedene Versuche unternommen die Exilliteraten zu vereinen und ihnen eine gemeinsame Stimme zu geben. Er fand es wichtiger die schon vorhandenen antifaschistischen Tendenzen zu vereinen als noch eine neue dazu zu entwickeln. Genügt das nicht? Warum dann noch die Notwendigkeit ein grosses Werk zu schreiben [1]?
Teil des negativen Erben des Vaters war der Glaube dass ein grosses Werk nur Fiktion, d.h. ein Roman, sein kann. Das ist vielleicht dem Idealismus, der nicht nur Thomas Mann sondern auch einen grossen Teil unserer bürgerlichen Gesellschaft beherrscht, zuzuschreiben. Auf Idealismus werde ich später noch mal zu sprechen kommen. Hier möchte ich nur bemerken dass es vielleicht Klaus Mann nicht gelungen ist einen grossen Roman zu schreiben aber Lebensberichte wie der Wendepunkt liefern einen wichtigen Beitrag zur Kultur. Warum sich nicht damit zu begnügen?
Abwechselnde Anziehungskraft und Ablehnung der väterlichen Figur sind zentral in Klaus Manns Leben. Neben den bereits oben erwähnten Punkten, denke man nur an das Zähmen bei dem Vater im Gegensatz zu dem sich Hingeben und Ausliefern den Trieben und Gefühlen bei dem Sohn. An vielen Stellen des Buches wird die Bewunderung der väterlichen Disziplin erwähnt. Und doch gewinnt der Leser den Eindruck dass dem Sohn, Stabilität, Gleichgewicht und Ausgeglichenheit nur selten gelungen ist. Immer wieder wurde er von neuen Ideen, neuen Plänen und neuen Freundschaften angepeitscht.
Das Problem des Schattens der väterlichen Figur hätte gelöst werden können mit einer grundlegenden Kritik nicht nur am Werk Thomas Manns sondern auch am Menschen. Distanzierung bedeutet Abgrenzung und diese wird öfters erst durch Kritik möglich. Man denke z.B. an die zentrale Position die Thomas Mann in dem Familien Leben eingenommen hat. Um dem Auserwählten freie Fahrt zu gewähren war Mielein ständig mit der Ausräumung der Hindernisse beschäftigt. Man denke auch an die immer schwankende Position Thomas Manns zwischen Rechts und Links, die, trotz Fassade, Schwäche und Unsicherheit bezeugen. Noch wichtiger ist aber für Klaus Mann die Zurückweisung die der Vater bedeutete [2]. Diese Punkte werden von Klaus Mann im Wendepunkt erwähnt aber immer nur in sehr geschwächter Form, immer andeutungsweise und ziemlich unkritisch. Der Glanz der vom Vater ausstrahlte, die Faszination die Ruhm und Pracht ausübten, blendeten ihn in seiner Kritikfähigkeit und machten eine Distanzierung, auch in finanzieller Hinsicht, unmöglich. Auf der einen Seite unternahm er den Versuch sich vom Vater abzugrenzen, auf der anderen Seite bemühte er sich seine Grösse nachzuahmen. Diesen Widerspruch zu lösen, ihn zu überwinden und überbrücken, gelang Klaus Mann nicht. Er geriet in dem dadurch entstehenden Zwiespalt und wurde von ihm zermahlen.
Die verzweifelte und meistens verbitterte Suche nach einem Weg, das sich nicht Zufriedengeben mit den falschen Lösungen erweckt das Gefühl von Ehrlichkeit. Und doch stimmt das wieder nicht ganz! Man kann natürlich Verständnis haben für das Verschweigen der Familienverhältnisse denn ein Lebensbericht soll ja kein Familienklatsch werden, aber da ist doch der Eskapismus, der im Wendepunkt selten angesprochen wird, seltener noch die Sucht, der Rausch und die Wolllust, die sicherlich in Klaus Manns Leben eine wichtige Rolle gespielt haben [3]. Verschwiegen oder nur sehr schwach angedeutet wird im Wendepunkt auch das Homoerotische, das sicherlich zentral in Klaus Manns Leben war. Ist dies ethisch-moralischen Grundsätzen anzurechnen? Aber Klaus Mann macht wiederholte Versuche sich von Gewissensfragen zu distanzieren obwohl immer wieder moralische Begriffe im Buch auftauchen [4] [5]. Wieder gewinnt man den Eindruck dass er sich im Zwist der Gegensätzlichkeiten befindet.
Aber der wichtigste Widerspruch im Buch ist die schwankende Haltung zwischen Realismus und Idealismus die bei den Ereignissen des zweiten Weltkrieges besonders deutlich wird. Was den Realismus betrifft so ist es manchmal verblüffend mit welcher Klarheit Klaus Mann die Entwicklung des Nazismus vorausgesehen hat. Im Wendepunkt fängt dies mit der sittlichen und sozialen Anarchie der zwanziger Jahre an [6] [7]. Eins der Höhepunkte ist aber die Beschreibung des Nazitypus. Klaus Mann beschreibt einer seiner Freunde dieser Zeit [8]: Er kam aus jener Schicht des deutschen Kleinbürgertums, die durch die Inflation proletarisiert worden war; er hatte keinen Beruf, kein Heim, keine Ambition, keine Überzeugung. Man konnte ihn alles glauben machen, da er an gar nichts glaubte. Er war ein Nihilist, der alle philosophischen Systeme und moralische Postulate verwarf, ohne sie zu kennen. Begriffe wie ‘Kultur’, ‘Frieden’, ‘Freiheit’, ‘Menschenwürde’ waren ohne jede Bedeutung…Er lebte in den Tag hinein …War er glücklich? Kaum. Irgendwo…verlangte es ihn doch wohl nach einem Gesetz, einem Glauben der seinem Dasein Ziel und Inhalt geben würde. Auch werden die Machtübernahme Hitlers auf Seiten 387-390 und die ersten Nazi-Zeiten in München auf Seiten 391-398 vortrefflich geschildert. Alles sehr kurz und bündig, konkret, anhand von Tatsachen und Fakten beschrieben, alles sehr klar, deutlich, interessant und spannend und doch sachlich und treffend erzählt!
Aber…Klaus Mann verfällt immer wieder dem Idealismus. Ich will natürlich nicht den Gottes Beweis erwähnen auf Seiten 593 f. den ich lieber einer der vielen Existenzkrisen anrechnen möchte, aber seine Berichte sind überfüllt von Traum und Wunschvorstellungen [9]. Da ist z.B. das Verkennen jener wirtschaftlichen Interessen die sicherlich bei dem Aufstieg Hitlers eine Rolle gespielt haben. Manchmal gewinnt man den Eindruck dass der zweite Weltkrieg auf einen Kampf zwischen Gut und Böse reduziert wird [10]. Der Höhepunkt der Traumvorstellung ist aber der Glaube an einer unteilbare, universale Zivilisation [11]. Das Bündnis zwischen Ost und West, zwischen Sozialismus und Demokratie, noch besteht es und könnte von Dauer sein. Aus der Waffenbrüderschaft, die den zwei grossen Rivalen und Antagonisten – Russen und Angelsachsen - von Adolf Hitler aufgezwungen wurde, muss die Zusammenarbeit im Dienst des Friedens werden: und wir sind gerettet! [12]. Dem Traum der Weltbrüderschaft gesellt sich der Traum des Weltbürgers [13], jemand der über nationale Sitten und kulturelle Einflüsse steht. Sind wir solch einer Welt näher gekommen?
Idealismus wird auch deutlich als Klaus Mann die Einflüsse André Gides erwähnt [14]. Es ist möglich eine stupende Vielfalt widerspruchsvoller Impulse und Traditionen in sich zu vereinen, ohne deshalb in Anarchie abzugleiten; dass es eine Harmonie gibt, in der die Dissonanzen zueinanderfinden, ohne sich je zu lösen oder aufzuheben. Das hört sich doch ein bisschen wie Jenseits von Gut und Böse an. Wieder die moralische Frage. Amoralität heisst doch Gesetzlosigkeit, Auflösung von Sitten und Regeln. Ist ein Leben, eine Gesellschaft ohne jegliche Regeln und Sitten überhaupt denkbar? Harmonie in der sich die Dissonanzen zueinanderfinden ohne sich je zu lösen und aufzuheben, ist dies Klaus Mann gelungen?
Klaus Mann verkennt die Dialektik, d.h. die Idee der Bewegung, die die Widersprüche, die Vielfalt von Impulse, und Dissonanzen erklärt und Ihnen Sinn verleit und sie dadurch löst und aufhebt. Seine widerspruchsvollen Impulse, seine Dissonanzen sind gewissermassen statisch und darin besteht ja die Tragik: die Unfähigkeit die Vielfalt der widersprüchlichen Impulse aufzuheben und aufzulösen. Sich selber treu sein, gibt es denn so etwas, wenn man Bewegung und Entwicklung berücksichtigt [15]? Der Idealismus dient nur dies alles zu rechtfertigen, d.h. die Bewegung, die Dynamik und die Entwicklung auszuschliessen.
Zusammenfassend, auf der einen Seite ist eine treffende und manchmal schlagende Erkennung der Realität die auch bei der Beschreibung der vielen Berühmtheiten und Prominenzen die seinen Weg durchkreuzten, auffällt. Auf der anderen Seite tauchen immer wieder Traumvorstellungen auf. Ein ähnliches Zerwürfnis bietet bei Klaus Mann die Spannung zwischen sein immer wieder betonter Hang zum Individualismus und seine Suche nach einer Gemeinschaft [16] [17] [18] [19].
Kindliche Naivität, Unreife, Unausgeglichenheit, nicht Originalität der Gedanken, selbst die Ehrlichkeit, wie wir gesehen haben, ist nicht ganz echt, was bleibt da noch übrig, wieso hat mir das Buch gefallen? Weil es doch irgendwie ehrlich ist in seiner Unfähigkeit ehrlich zu sein. Weil es ein treues und gutes Bild einer Zeit gibt, eine Zeit die, wie er, zwischen Gegensätzlichkeiten schwankte, ohne sich für eine entscheiden zu können auch ohne eine Überbrückung oder Überwindung der Zwiespalt zu erreichen. Nie war eine Zeit in Deutschland, wie die Weimarer Republik, so reich an Kulturereignissen. Man denke nur an Bert Brecht, Tucholsky, das deutsche Kabarett, Kurt Weil, der deutsche Expressionismus, Kandinsky, Klee, Fritz Lang, das Bauhaus, Walter Gropius, die Frankfurter Schule, usw. Und doch war es nur Brutzeit des Schlangeneis. Das nur stimmt natürlich nicht! Man kann immer eine Zeit verdammen auf Grund derer Folgen, und schlimme Folgen kann ja jede Zeit haben. Es hängt ja nur ab in wie weit man geht! Damit beantworte ich die Frage des Titels [20].
Vieles könnte noch gesagt werden zu den interessanten Fragen die im Wendepunkt angesprochen werden. Da ist z.B. der ‘Wendepunkt’ der ja gar keiner geworden ist, denn die Konflikte die zum grossen Teil Hitler an der Macht brachten verblieben nach dem Ende des Dritten Reichs [21]. Wichtiger ist vielleicht im Wendepunkt die Beschreibung der Atmosphäre in der sich die verwöhnten Kinder des Bürgertums, dessen typisches Produkt Klaus Mann ist, bewegten. Während die Eltern mit wichtigeres beschäftigt waren, flatterten die Kinder Ziel und Zügellos unter der lockeren Bewachung der Kindermädchen. Ein obiger Paragraph parodierend könnte man fast sagen dass sie Heim und Ambitionen aber keine Überzeugungen hatten sodass man ihnen alles glauben machen konnte, weil sie im Grunde an gar nichts glaubten. Sie waren Nihilisten, und in dem dadurch entstehende Vakuum herrschte der Hedonismus. Sie lebten in den Tag hinein. Waren sie glücklich? Kaum. Irgendwo…verlangte es ihnen doch wohl nach einem Gesetz, einem Glauben der ihrem Dasein Ziel und Inhalt geben würde. Vor dem Nazismus, dem der Pöbel ausgesetzt war, rettete sie nur die Kultur [22]. Interessant ist zu bedenken dass Klaus Mann, trotz Realismus, völlig unkritisch blieb gegenüber diesen Tatsachen!
Um diesen Entwurf abzuschliessen möchte ich nur ein letztes Wort zu den letzten Satz des vorletzten Paragraphen sagen. Ruhe gibt es nicht, bis zum Schluss. Da haben wir es wieder! Trotz der Suche nach einer Gemeinschaft, nach einer Objektivität, siegt doch immer wieder der Individualismus, das Subjektive. Ruhe gibt es nicht? Wieso? Vielleicht hat Klaus Mann keine Ruhe und kein Frieden empfunden, dies kann man, unter den Umständen, verstehen. Aber diese Tatsache zu verallgemeinern indem man das ich zum es, bzw. zum All, werden lässt, geht doch ein bisschen zu weit. Ruhe, wie gesagt, ist eine Empfindung, eine Erfahrung. Manche können sie mal erlebt haben, einige können sie erleben, einige wenige vielleicht sogar täglich. Andere aber nicht. Ich übergebe das Wort an einem der es besser sagen kann als ich [23]:
Im bleichen Sommer, wenn die Winde oben
Nur in dem Laub der grossen Bäume sausen
Muss man in Flüssen liegen oder Teichen
Wie die Gewächse, worin Hechte hausen.
Der Leib wird leicht im Wasser. Wenn der Arm
Leicht aus dem Wasser in den Himmel fällt
Wiegt ihn der kleine Wind vergessen
Weil er ihn wohl für braunes Astwerk hält.
Bemerkungen
[1] Siehe z.B. Seiten 590-592, Wendepunkt, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2002.
[2] Auf Seiten 238 und 239 als von der Haltung des Vaters gegenüber dem Sohn die Rede ist, berichtet Klaus Mann: Es war eine Haltung von ironischen Wohlwollen und abwartender Reserviertheit, halb skeptisch, halb belustigt. Ich glaube nicht dass er sich jemals ernste Sorgen um mich gemacht hat. Ein paar Zeilen später als er von dem Vater spricht sagt er: indessen blieb er stets bei seinem alten pädagogischen Prinzip, welches darin bestand sich nicht einzumischen, sondern nur durch das Beispiel der eigenen Würde und Diszipliniertheit indirekt Einfluss zu üben. Wie fragwürdig und gewagt wir es auch treiben mochten, er schaute zu. Der Zauberer war nur ein Zuschauer, stets mit kalter Distanziertheit, kühler Abwesenheit, ironisches Wohlwollen und würdenvoller Zerstreutheit gegenüber dem irdischen; Zeit und Gedanken galten eigentlich nur den höheren Sphären mit dem Er sich beschäftigte (der letzte Satz ist von mir; siehe auch S. 106 f.).
[3] Siehe Seiten. 523 – 524.
[4] Siehe z.B. Seiten 166 f. und auch 511-12.
[5] Man siehe z.B. Sünde und Erleuchtung auf S. 507. Auf S. 171 bereut Klaus Mann die fehlende moralische Grundbegriffe und versucht sie zu rechtfertigen. Auf S. 595 geht es im Kriege um die moralischen Werte die nicht preisgegeben werden dürfen. Die Betonung moralischer Werte ist auch auf Seiten 706 und 707 zu spüren wenn von der Zukunft Deutschlands die Rede ist.
[6] Siehe Seiten 171-174.
[7] Sehr gut ist der Bericht über die Entlassung von Affa, das Kindermädchen, kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges. Nach Klaus Mann ist die Auflockerung der moralischen Grundsätze daran hauptsächlich Schuld. Ihr moralisches Gleichgewicht war nicht stark genug um der Woge von Korruption und Rohheit zu widerstehen, die über den Kontinent hinging und seine sittlichen Grundlagen unterminierte. Also wieder ist die Moral das Zentrum? (Siehe Seiten 93 ff.). Interessant ist auch zu bemerken dass Klaus Mann nicht imstande ist sich in die Rolle der Affa zu versetzen. Waren die ursprünglichen moralischen Grundsätzen bei dem Kindermädchen etwas Spontanes und Natürliches oder waren sie nur, Zwecks bessere Dienste, von der Gesellschaft ihr aufgezwungen worden. Die Auflockerung der sozialen Zustände brachte dann logischerweise die Auflockerung der damit zusammenhängenden Moral.
[8] Siehe Seiten 358-359.
[9] Idealismus wird auch auf S. 460 deutlich als Klaus Mann den Versuch macht sich vom Marxismus abzugrenzen und die Wichtigkeit der Metaphysik und des Transzendentalen betont.
[10]Siehe z.B. Seiten. 558 und 699-700. Z.B. auf S. 595 steht “man bleibt sich der moralischen Werte bewusst, um die es in diesem Kriege geht und die im Prozess des Kampfes nicht preisgegeben werden dürfen”. Siehe auch S. 706 wo die Rolle Deutschland nach dem Krieg angesprochen wird.
[11]Siehe S. 592.
[12]Siehe Seiten 705-6.
[13]Siehe S. 591. Siehe auch S. 604: die ganze Welt wird meine Heimat sein. Auf S. 605 steht das Vorläufer und Wegbereiter einer universalen Zivilisation werden entweder überall zu hause sein oder nirgends.
[14]Siehe Seiten 313 f.
[15]Siehe S. 316.
[16]Der Hang zum Individualismus wird z.B. schon deutlich bei der Überbewertung der Rolle Hitlers bei dem Aufstieg des Nazismus (siehe Seiten 352 ff.). Im Kampf gegen Hitler werden auch die Figuren Roosevelts und Churchill zu sehr hervorgehoben (siehe. Seiten 503, 555, 582 und 647).
[17]Individualismus wird bei Klaus Mann deutlich als er auf Seiten 315 f. von dem Einfluss der griechischen und christlichen Zivilisation bei André Gide spricht. Individualismus und soziale Verpflichtung, Freiheit und Disziplin; Individualismus serviable, der sich einordnet aber nicht unterordnet. So weit, so schön. Nur meine ich, dass ohne die Orientierung einer sehr starken und deutlichen Lebensphilosophie, es sehr schwierig ist die richtigen Grenzen zwischen diesen zwei Polen zu finden.
[18]Auf S. 592 schreibt Klaus Mann von den Plänen einer Autobiographie und sagt dabei, dass seine Geschichte die eines Individualisten, dem vor der Anarchie fast ebenso sehr graut wie vor der Standardisierung, der ‘Gleichschaltung’, der ‘Vermassung’. Ist Anarchie das richtige Wort oder meint er damit die innere Leere die durch Vereinsamung entsteht?
[19]Die Suche nach einer Gemeinschaft wird auf S. 591 explizit gemacht. Immer wieder versucht Klaus Mann seinen Platz zu finden, sei es unter den Exilliteraten, sei es in der amerikanischen Armee, usw.
[20]Die Tatsache dass die Weimarer Republik in der Nazi-Zeit mündete ist im Bezug auf die Bewertung des kulturellen Beitrages der ersteren, irrelevant. Die Kultur die das Hitler Deutschland produzierte liegt im Abfalleimer der Geschichte im Gegensatz zu der der Weimarer Republik. Die letzte ist eng verbunden mit den Widersprüchen die man in Klaus Manns Wendepunkt findet das somit eine gute Einsicht in dieser Zeit erlaubt.
[21]Was Klaus Mann unter Wendepunkt versteht wird deutlich im zwölften Kapitel, besonders Seiten 706 ff.
[22]Es wäre natürlich sehr, sehr boshaft von mir zu behaupten dass sie dem Nazismus nicht ausgesetzt waren weil dieser die Ideologie der Pöbels war, aber ein bisschen daran stimmt schon und man merkt es als Klaus Mann seine Begegnung mit Hitler berichtet (siehe z.B. die Nase Hitlers, d.h. die Vulgarität seiner Züge, bzw. die Bewertung dieser Tatsachen auf S. 354).
[23]Siehe erster Vers, Vom Schwimmen in Seen und Flüssen, Bertolt Brecht, Die Gedichte, Suhrkamp, 2000, S. 55.
Und doch zog es mich zu ihm! Warum? War es der Gegensatz zwischen Vater und Sohn, wobei ich für den ersten, mit seinem barocken Prunk, tatsächlich nicht mehr viel Geduld habe. Verglichen mit der Arroganz mit der der Vater seine Weisheiten produziert, wirkt doch der Sohn mit all seiner Unbeholfenheit, seine Zweifel und seine Fragilität viel, viel ehrlicher. Bei dem Hören der Schwere Stunde, von Thomas Mann selbst vorgetragen, habe ich mir mal notiert: zuviel Wörter und zu wenig Sinn! Hört man diesen Text so gewinnt man den Eindruck dass hinter den Zweifeln bei dem Bau eines Werkes nur Profilierung, Selbstverherrlichung und Narzissmus steckt. Klaus Mann konnte sich nie von diesem verdammten Erbe befreien. Der verfluchte Ehrgeiz ein grosses Werk zu schreiben, zu Erfolg und Ruhm zu gelingen, waren letzten Endes die Ursache der Unrast und Unruhe die ihn in dem Tod trieben.
Es könnte doch ganz anders sein. Man schreibt weil man etwas zu sagen hat. Schreibt man nicht, oder besser, gelingt einem nicht das zu schreiben was von anderen erwartet wird so hat man entweder nichts zu sagen, oder das was man sagen will interessiert den anderen nicht, möglicherweise nicht mehr oder noch nicht. Man legt dann am besten Papier und Bleistift, d.h. den Computer, beiseite und macht etwas anderes. Kann man das nicht, dann schreibt man halt weiter, und legt, anstatt dessen, die Erwartungen beiseite. Ganz einfach.
Klaus Mann hat beträchtliches geleistet. Im Kampf gegen den Faschismus hat er nicht nur direkt im Krieg mitgewirkt sondern hat verschiedene Versuche unternommen die Exilliteraten zu vereinen und ihnen eine gemeinsame Stimme zu geben. Er fand es wichtiger die schon vorhandenen antifaschistischen Tendenzen zu vereinen als noch eine neue dazu zu entwickeln. Genügt das nicht? Warum dann noch die Notwendigkeit ein grosses Werk zu schreiben [1]?
Teil des negativen Erben des Vaters war der Glaube dass ein grosses Werk nur Fiktion, d.h. ein Roman, sein kann. Das ist vielleicht dem Idealismus, der nicht nur Thomas Mann sondern auch einen grossen Teil unserer bürgerlichen Gesellschaft beherrscht, zuzuschreiben. Auf Idealismus werde ich später noch mal zu sprechen kommen. Hier möchte ich nur bemerken dass es vielleicht Klaus Mann nicht gelungen ist einen grossen Roman zu schreiben aber Lebensberichte wie der Wendepunkt liefern einen wichtigen Beitrag zur Kultur. Warum sich nicht damit zu begnügen?
Abwechselnde Anziehungskraft und Ablehnung der väterlichen Figur sind zentral in Klaus Manns Leben. Neben den bereits oben erwähnten Punkten, denke man nur an das Zähmen bei dem Vater im Gegensatz zu dem sich Hingeben und Ausliefern den Trieben und Gefühlen bei dem Sohn. An vielen Stellen des Buches wird die Bewunderung der väterlichen Disziplin erwähnt. Und doch gewinnt der Leser den Eindruck dass dem Sohn, Stabilität, Gleichgewicht und Ausgeglichenheit nur selten gelungen ist. Immer wieder wurde er von neuen Ideen, neuen Plänen und neuen Freundschaften angepeitscht.
Das Problem des Schattens der väterlichen Figur hätte gelöst werden können mit einer grundlegenden Kritik nicht nur am Werk Thomas Manns sondern auch am Menschen. Distanzierung bedeutet Abgrenzung und diese wird öfters erst durch Kritik möglich. Man denke z.B. an die zentrale Position die Thomas Mann in dem Familien Leben eingenommen hat. Um dem Auserwählten freie Fahrt zu gewähren war Mielein ständig mit der Ausräumung der Hindernisse beschäftigt. Man denke auch an die immer schwankende Position Thomas Manns zwischen Rechts und Links, die, trotz Fassade, Schwäche und Unsicherheit bezeugen. Noch wichtiger ist aber für Klaus Mann die Zurückweisung die der Vater bedeutete [2]. Diese Punkte werden von Klaus Mann im Wendepunkt erwähnt aber immer nur in sehr geschwächter Form, immer andeutungsweise und ziemlich unkritisch. Der Glanz der vom Vater ausstrahlte, die Faszination die Ruhm und Pracht ausübten, blendeten ihn in seiner Kritikfähigkeit und machten eine Distanzierung, auch in finanzieller Hinsicht, unmöglich. Auf der einen Seite unternahm er den Versuch sich vom Vater abzugrenzen, auf der anderen Seite bemühte er sich seine Grösse nachzuahmen. Diesen Widerspruch zu lösen, ihn zu überwinden und überbrücken, gelang Klaus Mann nicht. Er geriet in dem dadurch entstehenden Zwiespalt und wurde von ihm zermahlen.
Die verzweifelte und meistens verbitterte Suche nach einem Weg, das sich nicht Zufriedengeben mit den falschen Lösungen erweckt das Gefühl von Ehrlichkeit. Und doch stimmt das wieder nicht ganz! Man kann natürlich Verständnis haben für das Verschweigen der Familienverhältnisse denn ein Lebensbericht soll ja kein Familienklatsch werden, aber da ist doch der Eskapismus, der im Wendepunkt selten angesprochen wird, seltener noch die Sucht, der Rausch und die Wolllust, die sicherlich in Klaus Manns Leben eine wichtige Rolle gespielt haben [3]. Verschwiegen oder nur sehr schwach angedeutet wird im Wendepunkt auch das Homoerotische, das sicherlich zentral in Klaus Manns Leben war. Ist dies ethisch-moralischen Grundsätzen anzurechnen? Aber Klaus Mann macht wiederholte Versuche sich von Gewissensfragen zu distanzieren obwohl immer wieder moralische Begriffe im Buch auftauchen [4] [5]. Wieder gewinnt man den Eindruck dass er sich im Zwist der Gegensätzlichkeiten befindet.
Aber der wichtigste Widerspruch im Buch ist die schwankende Haltung zwischen Realismus und Idealismus die bei den Ereignissen des zweiten Weltkrieges besonders deutlich wird. Was den Realismus betrifft so ist es manchmal verblüffend mit welcher Klarheit Klaus Mann die Entwicklung des Nazismus vorausgesehen hat. Im Wendepunkt fängt dies mit der sittlichen und sozialen Anarchie der zwanziger Jahre an [6] [7]. Eins der Höhepunkte ist aber die Beschreibung des Nazitypus. Klaus Mann beschreibt einer seiner Freunde dieser Zeit [8]: Er kam aus jener Schicht des deutschen Kleinbürgertums, die durch die Inflation proletarisiert worden war; er hatte keinen Beruf, kein Heim, keine Ambition, keine Überzeugung. Man konnte ihn alles glauben machen, da er an gar nichts glaubte. Er war ein Nihilist, der alle philosophischen Systeme und moralische Postulate verwarf, ohne sie zu kennen. Begriffe wie ‘Kultur’, ‘Frieden’, ‘Freiheit’, ‘Menschenwürde’ waren ohne jede Bedeutung…Er lebte in den Tag hinein …War er glücklich? Kaum. Irgendwo…verlangte es ihn doch wohl nach einem Gesetz, einem Glauben der seinem Dasein Ziel und Inhalt geben würde. Auch werden die Machtübernahme Hitlers auf Seiten 387-390 und die ersten Nazi-Zeiten in München auf Seiten 391-398 vortrefflich geschildert. Alles sehr kurz und bündig, konkret, anhand von Tatsachen und Fakten beschrieben, alles sehr klar, deutlich, interessant und spannend und doch sachlich und treffend erzählt!
Aber…Klaus Mann verfällt immer wieder dem Idealismus. Ich will natürlich nicht den Gottes Beweis erwähnen auf Seiten 593 f. den ich lieber einer der vielen Existenzkrisen anrechnen möchte, aber seine Berichte sind überfüllt von Traum und Wunschvorstellungen [9]. Da ist z.B. das Verkennen jener wirtschaftlichen Interessen die sicherlich bei dem Aufstieg Hitlers eine Rolle gespielt haben. Manchmal gewinnt man den Eindruck dass der zweite Weltkrieg auf einen Kampf zwischen Gut und Böse reduziert wird [10]. Der Höhepunkt der Traumvorstellung ist aber der Glaube an einer unteilbare, universale Zivilisation [11]. Das Bündnis zwischen Ost und West, zwischen Sozialismus und Demokratie, noch besteht es und könnte von Dauer sein. Aus der Waffenbrüderschaft, die den zwei grossen Rivalen und Antagonisten – Russen und Angelsachsen - von Adolf Hitler aufgezwungen wurde, muss die Zusammenarbeit im Dienst des Friedens werden: und wir sind gerettet! [12]. Dem Traum der Weltbrüderschaft gesellt sich der Traum des Weltbürgers [13], jemand der über nationale Sitten und kulturelle Einflüsse steht. Sind wir solch einer Welt näher gekommen?
Idealismus wird auch deutlich als Klaus Mann die Einflüsse André Gides erwähnt [14]. Es ist möglich eine stupende Vielfalt widerspruchsvoller Impulse und Traditionen in sich zu vereinen, ohne deshalb in Anarchie abzugleiten; dass es eine Harmonie gibt, in der die Dissonanzen zueinanderfinden, ohne sich je zu lösen oder aufzuheben. Das hört sich doch ein bisschen wie Jenseits von Gut und Böse an. Wieder die moralische Frage. Amoralität heisst doch Gesetzlosigkeit, Auflösung von Sitten und Regeln. Ist ein Leben, eine Gesellschaft ohne jegliche Regeln und Sitten überhaupt denkbar? Harmonie in der sich die Dissonanzen zueinanderfinden ohne sich je zu lösen und aufzuheben, ist dies Klaus Mann gelungen?
Klaus Mann verkennt die Dialektik, d.h. die Idee der Bewegung, die die Widersprüche, die Vielfalt von Impulse, und Dissonanzen erklärt und Ihnen Sinn verleit und sie dadurch löst und aufhebt. Seine widerspruchsvollen Impulse, seine Dissonanzen sind gewissermassen statisch und darin besteht ja die Tragik: die Unfähigkeit die Vielfalt der widersprüchlichen Impulse aufzuheben und aufzulösen. Sich selber treu sein, gibt es denn so etwas, wenn man Bewegung und Entwicklung berücksichtigt [15]? Der Idealismus dient nur dies alles zu rechtfertigen, d.h. die Bewegung, die Dynamik und die Entwicklung auszuschliessen.
Zusammenfassend, auf der einen Seite ist eine treffende und manchmal schlagende Erkennung der Realität die auch bei der Beschreibung der vielen Berühmtheiten und Prominenzen die seinen Weg durchkreuzten, auffällt. Auf der anderen Seite tauchen immer wieder Traumvorstellungen auf. Ein ähnliches Zerwürfnis bietet bei Klaus Mann die Spannung zwischen sein immer wieder betonter Hang zum Individualismus und seine Suche nach einer Gemeinschaft [16] [17] [18] [19].
Kindliche Naivität, Unreife, Unausgeglichenheit, nicht Originalität der Gedanken, selbst die Ehrlichkeit, wie wir gesehen haben, ist nicht ganz echt, was bleibt da noch übrig, wieso hat mir das Buch gefallen? Weil es doch irgendwie ehrlich ist in seiner Unfähigkeit ehrlich zu sein. Weil es ein treues und gutes Bild einer Zeit gibt, eine Zeit die, wie er, zwischen Gegensätzlichkeiten schwankte, ohne sich für eine entscheiden zu können auch ohne eine Überbrückung oder Überwindung der Zwiespalt zu erreichen. Nie war eine Zeit in Deutschland, wie die Weimarer Republik, so reich an Kulturereignissen. Man denke nur an Bert Brecht, Tucholsky, das deutsche Kabarett, Kurt Weil, der deutsche Expressionismus, Kandinsky, Klee, Fritz Lang, das Bauhaus, Walter Gropius, die Frankfurter Schule, usw. Und doch war es nur Brutzeit des Schlangeneis. Das nur stimmt natürlich nicht! Man kann immer eine Zeit verdammen auf Grund derer Folgen, und schlimme Folgen kann ja jede Zeit haben. Es hängt ja nur ab in wie weit man geht! Damit beantworte ich die Frage des Titels [20].
Vieles könnte noch gesagt werden zu den interessanten Fragen die im Wendepunkt angesprochen werden. Da ist z.B. der ‘Wendepunkt’ der ja gar keiner geworden ist, denn die Konflikte die zum grossen Teil Hitler an der Macht brachten verblieben nach dem Ende des Dritten Reichs [21]. Wichtiger ist vielleicht im Wendepunkt die Beschreibung der Atmosphäre in der sich die verwöhnten Kinder des Bürgertums, dessen typisches Produkt Klaus Mann ist, bewegten. Während die Eltern mit wichtigeres beschäftigt waren, flatterten die Kinder Ziel und Zügellos unter der lockeren Bewachung der Kindermädchen. Ein obiger Paragraph parodierend könnte man fast sagen dass sie Heim und Ambitionen aber keine Überzeugungen hatten sodass man ihnen alles glauben machen konnte, weil sie im Grunde an gar nichts glaubten. Sie waren Nihilisten, und in dem dadurch entstehende Vakuum herrschte der Hedonismus. Sie lebten in den Tag hinein. Waren sie glücklich? Kaum. Irgendwo…verlangte es ihnen doch wohl nach einem Gesetz, einem Glauben der ihrem Dasein Ziel und Inhalt geben würde. Vor dem Nazismus, dem der Pöbel ausgesetzt war, rettete sie nur die Kultur [22]. Interessant ist zu bedenken dass Klaus Mann, trotz Realismus, völlig unkritisch blieb gegenüber diesen Tatsachen!
Um diesen Entwurf abzuschliessen möchte ich nur ein letztes Wort zu den letzten Satz des vorletzten Paragraphen sagen. Ruhe gibt es nicht, bis zum Schluss. Da haben wir es wieder! Trotz der Suche nach einer Gemeinschaft, nach einer Objektivität, siegt doch immer wieder der Individualismus, das Subjektive. Ruhe gibt es nicht? Wieso? Vielleicht hat Klaus Mann keine Ruhe und kein Frieden empfunden, dies kann man, unter den Umständen, verstehen. Aber diese Tatsache zu verallgemeinern indem man das ich zum es, bzw. zum All, werden lässt, geht doch ein bisschen zu weit. Ruhe, wie gesagt, ist eine Empfindung, eine Erfahrung. Manche können sie mal erlebt haben, einige können sie erleben, einige wenige vielleicht sogar täglich. Andere aber nicht. Ich übergebe das Wort an einem der es besser sagen kann als ich [23]:
Im bleichen Sommer, wenn die Winde oben
Nur in dem Laub der grossen Bäume sausen
Muss man in Flüssen liegen oder Teichen
Wie die Gewächse, worin Hechte hausen.
Der Leib wird leicht im Wasser. Wenn der Arm
Leicht aus dem Wasser in den Himmel fällt
Wiegt ihn der kleine Wind vergessen
Weil er ihn wohl für braunes Astwerk hält.
Bemerkungen
[1] Siehe z.B. Seiten 590-592, Wendepunkt, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2002.
[2] Auf Seiten 238 und 239 als von der Haltung des Vaters gegenüber dem Sohn die Rede ist, berichtet Klaus Mann: Es war eine Haltung von ironischen Wohlwollen und abwartender Reserviertheit, halb skeptisch, halb belustigt. Ich glaube nicht dass er sich jemals ernste Sorgen um mich gemacht hat. Ein paar Zeilen später als er von dem Vater spricht sagt er: indessen blieb er stets bei seinem alten pädagogischen Prinzip, welches darin bestand sich nicht einzumischen, sondern nur durch das Beispiel der eigenen Würde und Diszipliniertheit indirekt Einfluss zu üben. Wie fragwürdig und gewagt wir es auch treiben mochten, er schaute zu. Der Zauberer war nur ein Zuschauer, stets mit kalter Distanziertheit, kühler Abwesenheit, ironisches Wohlwollen und würdenvoller Zerstreutheit gegenüber dem irdischen; Zeit und Gedanken galten eigentlich nur den höheren Sphären mit dem Er sich beschäftigte (der letzte Satz ist von mir; siehe auch S. 106 f.).
[3] Siehe Seiten. 523 – 524.
[4] Siehe z.B. Seiten 166 f. und auch 511-12.
[5] Man siehe z.B. Sünde und Erleuchtung auf S. 507. Auf S. 171 bereut Klaus Mann die fehlende moralische Grundbegriffe und versucht sie zu rechtfertigen. Auf S. 595 geht es im Kriege um die moralischen Werte die nicht preisgegeben werden dürfen. Die Betonung moralischer Werte ist auch auf Seiten 706 und 707 zu spüren wenn von der Zukunft Deutschlands die Rede ist.
[6] Siehe Seiten 171-174.
[7] Sehr gut ist der Bericht über die Entlassung von Affa, das Kindermädchen, kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges. Nach Klaus Mann ist die Auflockerung der moralischen Grundsätze daran hauptsächlich Schuld. Ihr moralisches Gleichgewicht war nicht stark genug um der Woge von Korruption und Rohheit zu widerstehen, die über den Kontinent hinging und seine sittlichen Grundlagen unterminierte. Also wieder ist die Moral das Zentrum? (Siehe Seiten 93 ff.). Interessant ist auch zu bemerken dass Klaus Mann nicht imstande ist sich in die Rolle der Affa zu versetzen. Waren die ursprünglichen moralischen Grundsätzen bei dem Kindermädchen etwas Spontanes und Natürliches oder waren sie nur, Zwecks bessere Dienste, von der Gesellschaft ihr aufgezwungen worden. Die Auflockerung der sozialen Zustände brachte dann logischerweise die Auflockerung der damit zusammenhängenden Moral.
[8] Siehe Seiten 358-359.
[9] Idealismus wird auch auf S. 460 deutlich als Klaus Mann den Versuch macht sich vom Marxismus abzugrenzen und die Wichtigkeit der Metaphysik und des Transzendentalen betont.
[10]Siehe z.B. Seiten. 558 und 699-700. Z.B. auf S. 595 steht “man bleibt sich der moralischen Werte bewusst, um die es in diesem Kriege geht und die im Prozess des Kampfes nicht preisgegeben werden dürfen”. Siehe auch S. 706 wo die Rolle Deutschland nach dem Krieg angesprochen wird.
[11]Siehe S. 592.
[12]Siehe Seiten 705-6.
[13]Siehe S. 591. Siehe auch S. 604: die ganze Welt wird meine Heimat sein. Auf S. 605 steht das Vorläufer und Wegbereiter einer universalen Zivilisation werden entweder überall zu hause sein oder nirgends.
[14]Siehe Seiten 313 f.
[15]Siehe S. 316.
[16]Der Hang zum Individualismus wird z.B. schon deutlich bei der Überbewertung der Rolle Hitlers bei dem Aufstieg des Nazismus (siehe Seiten 352 ff.). Im Kampf gegen Hitler werden auch die Figuren Roosevelts und Churchill zu sehr hervorgehoben (siehe. Seiten 503, 555, 582 und 647).
[17]Individualismus wird bei Klaus Mann deutlich als er auf Seiten 315 f. von dem Einfluss der griechischen und christlichen Zivilisation bei André Gide spricht. Individualismus und soziale Verpflichtung, Freiheit und Disziplin; Individualismus serviable, der sich einordnet aber nicht unterordnet. So weit, so schön. Nur meine ich, dass ohne die Orientierung einer sehr starken und deutlichen Lebensphilosophie, es sehr schwierig ist die richtigen Grenzen zwischen diesen zwei Polen zu finden.
[18]Auf S. 592 schreibt Klaus Mann von den Plänen einer Autobiographie und sagt dabei, dass seine Geschichte die eines Individualisten, dem vor der Anarchie fast ebenso sehr graut wie vor der Standardisierung, der ‘Gleichschaltung’, der ‘Vermassung’. Ist Anarchie das richtige Wort oder meint er damit die innere Leere die durch Vereinsamung entsteht?
[19]Die Suche nach einer Gemeinschaft wird auf S. 591 explizit gemacht. Immer wieder versucht Klaus Mann seinen Platz zu finden, sei es unter den Exilliteraten, sei es in der amerikanischen Armee, usw.
[20]Die Tatsache dass die Weimarer Republik in der Nazi-Zeit mündete ist im Bezug auf die Bewertung des kulturellen Beitrages der ersteren, irrelevant. Die Kultur die das Hitler Deutschland produzierte liegt im Abfalleimer der Geschichte im Gegensatz zu der der Weimarer Republik. Die letzte ist eng verbunden mit den Widersprüchen die man in Klaus Manns Wendepunkt findet das somit eine gute Einsicht in dieser Zeit erlaubt.
[21]Was Klaus Mann unter Wendepunkt versteht wird deutlich im zwölften Kapitel, besonders Seiten 706 ff.
[22]Es wäre natürlich sehr, sehr boshaft von mir zu behaupten dass sie dem Nazismus nicht ausgesetzt waren weil dieser die Ideologie der Pöbels war, aber ein bisschen daran stimmt schon und man merkt es als Klaus Mann seine Begegnung mit Hitler berichtet (siehe z.B. die Nase Hitlers, d.h. die Vulgarität seiner Züge, bzw. die Bewertung dieser Tatsachen auf S. 354).
[23]Siehe erster Vers, Vom Schwimmen in Seen und Flüssen, Bertolt Brecht, Die Gedichte, Suhrkamp, 2000, S. 55.
Abonnieren
Kommentare (Atom)