Samstag, 6. Dezember 2014
DAS SIEBTE KREUZ – ANNA SEGHERS
Natürlich habe ich viele Bücher über die Nazizeit gelesen aber man wird nie zu oft vor dem Faschismus gewarnt, nie zuviel an dem Faschismus erinnert. Die Bücher die ich gelesen habe waren meistens über Juden, von Juden geschrieben und über die jüdische Sache: der Holocaust. Wer mehr darunter gelitten hat, ob es Deutsche waren oder Juden, dass ist ein scheusslicher Wettbewerb in dem ich gar nicht erst eingehen möchte. Jedenfalls war es mal gut ein Buch über die Nazizeit zu lesen in dem, ausser dem jüdischen Arzt, Dr. Löwenstein, in einer ganz nebensächlichen Rolle, kaum Juden auftreten.
Wenn so etwas wie der Faschismus erstmals Wurzeln schlägt, dann ist es kaum noch zu halten, ich meine, vom Inneren her, dass der eigne Körper die Abwehrkräfte produziert die das Übel überwinden kann. Dann muss man meistens auf einen Eingriff von Aussen abwarten, dann muss man warten bis zur letzten Niederlage, bis zur Vernichtung, bis es sich selbst zerstört. Dann muss man halt warten bis all dieser Strom von Hass und Gier, diese Roh- und Grobheit, diese geschmacklose Prahlerei, all diese scheussliche Dummheit, Unkultur und Barbarei, diese sture Sinnlosigkeit, dieser Wahn, bis es sich selbst ins Nichts stürzt. Und das ist vielleicht dass schlimmste, all dieses Warten, dieses furchtbare lange Warten bis zur Selbstzerstörung, bis zum Ende. Wie ein Schmarotzer der den Baum erwürgt der ihn nährt, bis zum Tode, bis der Baum völlig erschöpft, trocken, ausgesaugt und leer, sich selbst im Abgrund stürzt, samt Schmarotzer.
Meisterhaft geschildert wird von Anna Seghers die Art und Weise mit der sich der Terror des Faschismus verwurzelt, in der Szene des Verhörs des Herrn Mettenheimer (S. 91 ff). Herr Mettenheimer ist ein guter Bürger. Er ist gehörig, pünktlich und fleissig bei der Arbeit. Der Mann seiner ältesten Tochter ist sogar SS-Sturmbannführer. Nur hat Herr Mettenheimer einen Fehler. Der Mann seiner zweiten Tochter, Elli, ist Georg Heisler, ein politischer Insasse des Lagers Westhofen. Da er gerade geflüchtet ist, könnte er ja bei den Schwiegereltern auftauchen, das denkt sich wahrscheinlich die Gestapo. Den müssen wir einschüchtern, damit er es ja nicht wagt, dem Heisler Unterschlupf zu verschaffen. Und dann geht es los. Nein, keine Prügelei. Das ist ja gar nicht notwendig, dazu ist ja gar kein Anlass. Es genügen Fragen, unendlich viele Fragen. Und die Ausstellung des Wissens, unendlich viel Wissen, das allgegenwärtige, allmächtige Wissen.
„Die bei der Gestapo wissen alles von einem Menschen“ sagt die Freundin von Frau Wallau, die Gattin eines weiteren Flüchtlings aus Westhofen. „Alles ist übertrieben. Sie wissen, was man Ihnen sagt“ antwortet Frau Wallau (S. 143). Das Problem, würde ich hinzufügen, ist das mit Hilfe von Folterung, Angst und Terror, man alles ihnen sagt. Fast alles.
Das Buch handelt über die Abwehrkräfte die der Körper produziert und wie schwer es diese haben wenn solch ein Übel mal Fuss gefasst hat. Das Zentrum des Buches bildet die Flucht von sieben Menschen aus dem Lager Westhofen. Nur einer, Georg Heisler, überlebt es. Anna Seghers lässt einen spüren wie engmaschig das Netz war welches die Nazis mit peinlicher Sorgfalt aufgebaut haben und wie schwer es die hatten die versuchten dem zu entweichen. Georg versucht es und es gelingt ihm auch jedes Mal, aber nur um ein Haar, oder besser, sämtliche Haare, Fleisch und Haut bleiben zerfetzt an dem Stacheldraht, an den mit Scherben gesäten Mauern, an Krallen, Messern und sonstige Waffen des Systems.
Nur weil es so wenige waren die sich dagegen wehrten, war es überhaupt möglich das Netz so engmaschig zu bauen. Das wussten die Nazis von Anfang an und deswegen haben sie so stark zugeschlagen. Damit es bei den Wenigen bleibt. Trotzdem, wie es Anna Seghers so schön sagt, so engmaschig wie es auch sei, jedes Netz besteht aus Löchern. Das sollte man erinnern.
Anna Seghers bleibt nicht nur bei diesen Ideen. Sie führt einen auch zu anderen Gedanken. Z.B. versuch sie dass man die ganze Sache auch von der Seite der Nazis versteht. Dass alles Ungeheuer, Bestien und Psychopaten waren, das ist eine kindische und grobe Vereinfachung, die das wesentliche umgeht! Dass man daraus gute Geschäfte und viel Profit machen konnte, oder besser, glaubte machen zu können, das ist schon wahr, aber zu allgemein und zu abstrakt. Nehmen wir z.B. den Zillich, der SA-Scharführer in Westhofen (S. 346 ff). Ein ruinierter Bauer und eine matte Existenz. Aus Geldmangel und fehlender Alternative hat er bei den Nazis die Gelegenheit zu etwas Respekt, Ruhm und Glanz zu kommen. Ähnliche Motivationen ergeben sich für Fahrenberg, der Lagerkommandant.
Wichtiger scheint mir aber die begrenzte Rationalität (siehe auch Zweckrationalität oder Instrumentelle Vernunft) die bei den Faschisten so üblich ist. Es kennzeichnet Kurzsichtigkeit, es bedeutet dass die Rationalität nur bis zu einem gewissen Punkt geführt wird, bis zu einem Horizont, nicht in Frage stellend alles was dahinter steht und deswegen gehörig und gehorsam gegenüber der Obrigkeit die ja meistens dort steht.
Sehr gut dargestellt wird dieses Verhalten in dem Dialog der Gestapo Kommissare mit einem SS-Leutnant aus dem Lager Westhofen (S. 258 ff). „Lieber Freund, diese Welt – wie sie nun mal beschaffen ist – hat verhältnismassig wenig Möglichkeiten, entweder halten wir eine bestimmte Sorte Menschen hinter einem Stacheldraht und geben schön acht und viel besser als bisher, dass alle drin bleiben – oder wir sind drin und die anderen geben auf uns acht. Und weil der erste Zustand vernünftiger ist, muss man, damit er bleibt, verschiedene, manchmal ganz unangenehme Voraussetzungen erfüllt haben“ sagt der Gestapo Kommissar Overkamp.
Also, es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder man liegt drüber, oder man liegt drunter [1] . Und weil es vernünftiger ist drüber zu liegen, so liegt man sich auch so hin. Nun, warum gibt es nur diese zwei Möglichkeiten? Ist es nicht möglich auf gleicher Ebene zu liegen? Liegt es sich nicht besser so? Ich gebe wohl zu dass es wahrscheinlich bequemer ist drüber als drunter zu liegen, aber warum ist es vernünftiger? Welche Vernunft ist es denn, die des drüber liegenden oder die des drunter liegenden? Gibt es denn eine absolute Vernunft, auf die in der Ansprache Overkamps implizit angedeutet wird? Ferner, diese Welt und wie sie nun mal beschaffen ist und die wenigen Möglichkeiten, muss man das tatsächlich als gegeben annehmen? Dies sind Fragen die mit der begrenzten Rationalität unbeantwortet bleiben.
Tief bewegt hat mich auch der innere Kampf den Paul Röder, ein Jugendfreund von Georg Heisler, zwischen Familie und Freundschaft führen muss. Paul ist nicht politisch engagiert aber er gewehrt dem Freund Unterschlupf, ohne genau zu wissen um was es sich handelt. Auch seine Frau Liesel weiss von nichts. Als Paul es erfährt, überfällt ihn die Angst und er verschweigt sein Wissen seiner Frau. Er lässt aber seinen Freund nicht im Stich. Der Kern des inneren Kampfes zwischen Selbsterhaltung und Gewissen bildet der Dialog von Paul und Liesel (S. 317 ff). „Wenn wir dir alles gesagt hätten, wenn wir dich vorher gefragt hätten, ob er (Georg) bleiben kann, hättest du ja oder nein gesagt?“ fragt Paul seine Frau. „Da hätt ich sicher nein gesagt. Wie? Er ist nur einer! Und wir sind vier – fünf. Ja, sechs, mit dem, was wir erwarten…“
Es handelt sich hier sicherlich nicht um instrumentelle Vernunft. Hilft dabei Vernunft überhaupt? Und trotzdem, was soll man bei solchen Entscheidungen benutzen wenn nicht Vernunft? Sollte man alles den Gefühlen überlassen? Angst Gefühlen? Also Vernunft ja, aber Mathematik? Sechs gegen einen? Müssen diese Nummern nicht gewichtet werden mit dem Leiden der auf die Menschen zutrifft? Der eine wird sicherlich zu Tode gequält aber von den sechsen kommt einer auch ins Lager. Wie bleibt dann die Rechnung? Ist überhaupt eine Rechnung das angebrachte Mittel?
Sollte man da alles dem Gewissen und den Pflichtgefühlen überlassen? Steckt in denen mehr als Sitte und Moral? Ausserdem, Gewissen trifft doch auf beide Seiten zu, man hat doch auch Pflichten gegenüber der Familie, nicht nur gegenüber Freunden. Und dann kommt noch das Vorbild und die Selbstachtung dazu. Wie soll man dann ruhig in den Spiegel schauen, wenn man einen Freund, bei solch einer schwierigen Situation, so im Stich lässt? Und die Kinder, wie soll man ihnen dann, Auge ins Auge, gegenüberstehen? Wird man da je wieder Respekt vor einen selbst haben? Und was ist das Leben ohne Selbstrespekt? Aber auch von der Familie werden wir widerspiegelt, auch Respekt gegenüber der Familie ist Selbstrespekt. Ferner, kommt noch dazu die Trennung der Werte, unsere eignen Werte und die Werte der Gesellschaft, die öfters Epochen- und Zeitbedingt sind. Sollte man die Logik des Feindes übernehmen? Sollte man da genauso rechnen, handeln? Anderseits, wie hoch sind die Überlebenschancen wenn man sich ausserhalb der Gesellschaft stellt? Hilft es da den Held zu spielen? Wem hilft es wenn man den Held spielt?
Vierhundert Seiten voll von Spannung, die einen nicht loslassen, keine Sekunde. Dabei weiss man den Ausgang von Anfang an, d.h., man weiss dass es Georg Heisler überleben wird. Anna Seghers braucht die Ungewissheit gar nicht zu benutzen denn sie kann die Spannung auch ohne diesen Trick meistern. „Wer bespitzelt mich?“ denkt sich ständig Georg. Alle? Fast alle. Und dann immer wieder Erinnerungen, uralte Erinnerungen, und diese bedeuten vielleicht die Rettung, denn uralte Erinnerungen werden nicht bespitzelt, eventuell besteht da eine Möglichkeit der Zuflucht.
Ja ich weiss, ein altes Buch, geschrieben von 1937 bis 1939, und eine alte Geschichte, die wahrscheinlich keinen mehr interessiert. Mich hat es interessiert eine so alte Geschichte so lebendig und so spannend erzählt zu bekommen. Neu, für mich, waren die Details, neu, für mich, war die Perspektive. Ich bin auf neue Gedanken gekommen, oder besser, auf alte Gedanken in einer neuen Form und es war gut erneut daran erinnert zu werden.
[1] Drüber = draussen und drunter = drin, wenn man es wörtlich nehmen will!
Mittwoch, 6. August 2014
X und Y
Er sass bequem auf einem Sessel und glotzte auf den Bildschirm. Nun, so bequem war es wiederum nicht. Das kleine Zimmer, dunkel und spärlich beleuchtet, war nicht geheizt und er fror sichtlich, denn er hatte den Mantel an, den Kragen hochgezogen und noch eine Decke zugelegt. Ausser dem Sessel waren noch eine Kommode, ein Tisch auf dem man einen Spirituskocher sah, ein Stuhl und ein kleines Waschbecken.
Auf dem Bildschirm sah man Kinder auf einem Müllhaufen wühlend, wahrscheinlich aus einem Südamerikanischen oder Afrikanischen Land. Eine alte Frau betrat das Zimmer und der Mann sagte, auf das Bild deutend: „Siehst du, man sollte nicht klagen. Es gibt noch schlimmere Zustände als die unsrigen.“ Die Frau knurrte: „Deswegen bringen sie es ja auch.“ Und dann, gelassener: „Damit man ja nicht in sein Haus schaut, ja nicht sein Elend berücksichtigt, deswegen schaut man in das des Nachbars. Es gibt immer schlimmere Zustände als die unsrigen. Das ist kein Trost und auch kein Grund sich damit abzufinden!“
Um das was folgt zu sagen, liebe Leser, bräuchte ich eine weitere Figur, ein Erzähler vielleicht. Da dachte ich mir, warum nicht ich, der Autor? Ich will doch auch mal mitsprechen, ich meine, direkt, unvermittelt. Um nicht zu stark in die Geschichte einzugreifen stelle ich nur Fragen, die aber, wie jede Frage, auf mögliche Antworten andeuten.
Hat es überhaupt Sinn Probleme zu zeigen ohne auf dessen Ursachen zu deuten? Nur zu leicht führt dies zu Defätismus. Nur zu gerne bekräftigen sich damit unsere Vorurteile. Was ist dann der Sinn? Sind nicht Probleme dazu da um beseitigt zu werden? Brauch man dazu nicht die Ursachen? Sollte man nicht etwas dazulernen?
Das Land im Bildschirm, nennen wir es X. Das Land ausserhalb des Bildschirms, nennen wir es Y. Sind nicht X und Y Teile einer selben Einheit, und nicht, wie der Bildschirm es gerne glauben machen will, dass es da eine Kluft zwischen den beiden gibt? Ich tendiere zu sagen dass X und Y Teile einer selben Gleichung sind und dass je schlimmer X, je besser Y (oder ist es umgekehrt?). Da mache ich es mir aber doch zu einfach, denn was heisst hier schlimmer X und besser Y? X und Y sind ja nicht homogen und teilen sich wiederum in, sagen wir, XX, XY, YX und YY. Schlimmer X heisst dann wahrscheinlich schlimmer XX und besser XY und ähnliches ergibt sich mit Y, oder mache ich es mir wieder zu einfach? Jedenfalls sind hier Teilung und Verknüpfung so eng verbunden dass sich jede Einheit teilt und jede Teilung sich verknüpft. Oder, anders ausgedrückt, die Teilung ausserhalb, sie ergibt sich auch innerhalb der Einheit und spaltet sie somit. Gleichzeitig aber, durch Spaltung innerhalb und ausserhalb, bieten sich Möglichkeiten neuer Verknüpfungen und neuer Einheiten. Denn, sind nicht die Ursachen der Unterschiede zwischen X und Y, im Grunde, dieselben Ursachen der Unterschiede innerhalb jeder Einheit? Und sollte man die letzten nicht mitberücksichtigen wenn von X und Y die Rede ist?
Sonntag, 6. Juli 2014
Else Lasker-Schüler gelesen von Nina Hoger - Ein Hörbuch
Ich bin kein grosser Kenner der Lasker-Schülerischen Dichtung, auch konnte ich mich für die Gedichte an sich, nicht sehr begeistern, zu persönlich, zu Ich-bezogen, aber ich muss zugeben, das Hörbuch ist ein Genuss und ich habe es mir zehn, nein, zwanzig- oder noch mehr Mal angehört. Da ist erstmals das Biographische, das ja unentbehrlich ist, denn, wie Nina Hoger sagt, Else Lasker-Schüler lebte ihre Dichtung und dichtete ihr Leben. Dazu kommt noch die herrliche Klezmer Musik, die das leicht orientalische Klima der Dichterin wiedergibt. Und als drittes, die herrliche Aussprache, die ruhig pausierten Wörter und Sätze, jeder Klang, klipp und klar. Nie hätte ich geglaubt dass Deutsch so schön klingen kann!
Nun zum Inhalt, also zu Else Lasker-Schüler selbst und ihre Gedichte. Wenn mir ein Vergleich mit Rilke erlaubt ist, so entspricht bei Rilke die Transzendenz der Ideen einer Objektivierung der Bilder. Bei Lasker-Schüler, im Gegenteil, überwiegt das persönliche der Ideen und das subjektive der Bilder. Beides, sowohl das symbolische als auch das subjektive, sind oft schwer zu verstehen. Gottfried Benn äusserte sich wie folgt über das innerste Wesen der Lasker-Schülerischen Dichtung: diese hatte einen exhibitionistischen Zug, daran ist kein Zweifel. Sie exponierte ihre schrankenlose Leidenschaftlichkeit, bürgerlich gesehen, ohne Moral und ohne Scham. Anders ausgedrückt, sie nahm sich die grossartige und rücksichtslose Freiheit, über sich allein zu verfügen, ohne die es ja Kunst nicht gibt. Mit Benn bin ich einverstanden über die Notwendigkeit des Öffnen und Freistellen des Ichs damit Kunst entstehen kann, denn zum sich entfalten gehört das sich entbinden. Nur bin ich der Meinung das wirklich grosse Kunst das rein persönliche überwinden muss. Dem Ich sich geben um darüber hinwegzukommen und wieder beim Ich zu gelangen aber auf eine höhere Ebene, so läuft die dialektische Spirale. Einfacher ausgedrückt, man muss sich von der Subjektivität des Ichs befreien können um zurück zu einem objektiveren Ich zu gelangen.
Viel wäre noch zu sagen über Else Lasker-Schüler. Stichwortartig stelle ich folgende Punkte auf. Falls Interesse oder Unklarheit bestehen sollten könnte man da einiges erweitern und aufklären. Die ersten Punkte sind stark mit dem jüdischen verknüpft, so glaube ich mindestens, ohne da Vorurteile, d.h. Werturteile, erwecken zu wollen.
• Die bissige, schneidige, schneidende Ironie; Selbstironie.
• Das Selbstmitleid und die Klagemauer.
• Das kindlich verspielte; die Spielzeuge; die allgegenwärtige Mutter.
• Das Wühlen in den Gefühlen; das allzu spontane, impulsive, unbändige, leidenschaftliche und passionierte; das Dionysische; die allzu idealistische Konzeption der Liebe; das allzu sinnliche und das übersinnliche.
• Das schamlose, schrankenlose, skrupellose Öffnen der Gefühle, der inneren Welt, der Intimität; das Exhibitionistische (darüber wurde ja schon im obigen Paragraphen geschrieben).
Das Verhältnis von Else Lasker-Schüler zu Gottfried Benn verdient einen Abschnitt für sich. Else Lasker-Schüler versus Gottfried Benn, das deutsch-jüdische versus das deutsch-teutonische, das wäre zu gehässig! Natürlich war es Hass-Liebe, aber gerade deswegen doch auch Liebe. Ich werde also das versus mit dem und austauschen: der schwarze Schwan Israels und der Barbar; Prinz Jussuf von Theben und König Giselheer [1] ; die Jüdin mit den rabenschwarzen Augen ausweichenden Blicks und der Fromme Heide mit dem Leopardenherz und der Habichtnase; leidenschaftliche Gefühle und Todesträumerei; das Verspielte und das Herbe; die schweifende Hyäne, der Schmetterling und der Lanzenspeer, der Leopardenbiss und der Waldtiersprung; die Mücke und der Tiger. Zusammenfassend, der Weg und der Wegrand, oder ist es nicht genau umgekehrt?
[1] Aristokratie auf beiden Seiten, wohlgemerkt.
Mittwoch, 28. Mai 2014
Phantasie und Wirklichkeit III
„Wörter alles nur Wörter…Schön sollen sie sein und originell noch dazu. Da ist doch nichts dahinter. Zum Beispiel, das mit der Phantasie. Einmal ist es Flucht von der Wirklichkeit. Im nächsten Moment wird es aber zu Wirklichkeit. Das macht doch keinen Sinn.“ In der Aufregung hatte der Junge den Körper etwas nach vorne projiziert und sein Blick wandelte unruhig durch die Gegend.
Das merkte der Greis und ein leichtes Lächeln der Überlegenheit zeichnete sich auf seinen Lippen. „Genauso ist es. Du hast mich richtig verstanden“.
Die lächelnde Überlegenheit wurde dem Jüngling auch bewusst und machte ihn noch zorniger. Immer diese Tricks. Der Versuch zu überraschen, durch Unerwartendes Raum zu gewinnen. Aber er brachte die Gedanken nicht zur Aussprache.
Der Greis folgte ungestört: „Im Grunde, im Grunde ist ja eigentlich alles Wirklichkeit. Die Gedanken sind doch nur elektrische Impulse die durch das Hirn und die Nerven fliessen. Die Phantasien basieren sich auf tatsächlich erlebtes, Eindrücke und Erinnerungen, Tatsachen die man irgendwo gesehen oder gelesen hat. Es kann doch unsereiner nur denken wie er muss, hat schon Wilhelm Busch gesagt.“
Die Spannung im Gesicht des Junges begann sich langsam aufzulösen aber er stellte noch die Frage in einen leicht herausfordernden Ton: „Wenn alles Wirklichkeit ist warum dann Phantasie überhaupt?“
Der Alte hatte den professoralen Ton ergriffen der ihm so bequem war. „Wie so vieles in der Welt spielen sich die Sachen, trotz der grundlegenden Einheit, in verschiedenen Ebenen ab. Im Grunde fliessen Phantasie und Wirklichkeit ineinander und die Grenzen sind da sehr verschwommen. Aber es gibt schon Unterschiede zwischen dem Heute und dem Morgen der zu Heute wird oder werden kann, der Traum der auf ein Erlebtes beruht und das Erlebnis selbst oder was man von dem Erlebnis wahrnimmt.“
Nach einer langen Pause fuhr der Greis fort. „Die Sachen sind halt verschieden und gleich zugleich. Z.B. die Bäume. Von der Ferne sind sie nur Wald. Kommt man aber näher so unterscheidet man die Buche von der Birke und die Einheit spaltet sich in tausend Einheiten. Ändert man nochmals die Perspektive und es erscheinen Blätter, Blüten, Äste und Früchte.“
„Man könnte doch aber eine Perspektive festsetzen und dann von Unterschied und Gleichheit sprechen“ argumentierte der Junge.
„Die Perspektive ist Teil der Erkenntnis. Subjekt und Objekt fliessen ineinander und lassen sich da gar nicht unterscheiden. Durch die ständige Bewegung von Subjekt und Objekt ändert sich die Perspektive ständig. Würde man eine Perspektive festsetzen dann hätte das mit Wirklichkeit nichts mehr zu tun. “
„Das wäre dann Meta-Phantasie“ sagte der Junge und sie lachten alle beide.
„Ja. Phantasie wird zu Wirklichkeit und aus der Wirklichkeit bilden sich die Phantasien die wieder zu Wirklichkeit werden. Z.B. Träume und Wunschvorstellungen entstehen öfters weil man das Leben langweilig findet, einige davon lassen sich vielleicht konkretisieren, es entsteht dann neue Langeweile, neue Träume, usw. Von Traum zu Traum verbringt man dann das Leben…“
„Verschwendet, willst du sagen.“
„Das hängt alles vom Humor ab, von der Distanzierung mit der man Phantasie und Wirklichkeit lebt und erlebt und von der Kunst ein Ineinanderfliessen der beiden Ebenen zu erlauben. Zusätzlich kommt dann noch die Kunst des Abgrenzens. Wie du siehst gehört allerlei Kunst dabei. Trotz des Ineinanderfliessens von Phantasie und Wirklichkeit, trotz der ständigen Verschiebung der Grenzen gibt es da Unterschiede die man einhalten sollte. Es ist wie bei den Wellen im Meer. Es gibt sie, man kann sie sehen, es gibt auch Unterschiede von einer Welle zur anderen, nur kann man sie nicht festhalten.“
„Da gibt es doch die Fotographie.“
„Ja aber die ist dann nicht mehr das Meer. Die ist dann nur Papier, oder der Bildschirm eines Computers. Es ist halt alles in ständiger Bewegung. Wirklichkeit ist Bewegung, und das leugnen der Bewegung ist was du Meta-Phantasie nennst.“
„Mir wird schon schwindlig von so viel Bewegung“ bemerkte der Jüngling mit einem Lächeln.
„Genau das sollten wir nicht, ich meine, schwindlig als ein übel Gefühl, etwas Schlechtes. Wie ein Matrose sollten wir mit der Bewegung so vertraut sein, dass, im Gegenteil, uns übel wird mit der Bewegungslosigkeit. Natürlich müssen wir die Sachen in der Hand nehmen, sie untersuchen und anschauen und vielleicht ist da ein Moment des Stillstands notwendig. Aber gleich sollten wir den Sachen wieder ihren freien Lauf lassen, sie wieder der Freiheit übergeben. Ein Moment Stille, ja, das schon. Aber die grosse Stille die wird nur erreicht mit der grossen Bewegung, die Bewegung die alles im Gang setzt, die Bewegung des Ganzen.“
„Aber wenn die Grenzen in ständiger Bewegung sind, hat es da überhaupt noch Sinn Phantasie und Wirklichkeit gegenüberzustellen?“
„Siehe mal die Luft die du einatmest. Der Sauerstoff den sie enthält wird von deinem Blut aufgenommen und ernährt deinen Körper. Luft wird also zum Körper, Luft und Körper vermischen sich und doch unterscheidet man das eine vom anderen. Wir sind im täglichen Leben ständig mit der Auflösung und Festsetzung der Grenzen konfrontiert. Ich und du werden zu Wir, dann wieder zu Er und Sie, und doch das Es überlebt die Trennung um schliesslich alles vereint im Nichts zu verweilen. Ich versuche mich vom Kollektiv abzugrenzen und doch bestimmt letztlich das Kollektiv, denke man an Schule, Bildung und Erziehung, wie ich denken soll, also selbst der Gedanke der Abgrenzung vom Kollektiv ist ein Produkt des Kollektivs.“
„Was hat das mit Phantasie und Wirklichkeit zu tun?“
Der Greis fuhr weiter unverstört: „Ich bilde mir etwas ein, und doch diese blosse Einbildung ändert mein tägliches Leben, das Konkrete, das Materielle, das Greifbare. Selbst die absurdeste Phantasie ist eine Aussage über mein Leben, bringt also Licht über die Wirklichkeit. Phantasie entsteht aus Wirklichkeit und wird es wieder. Aber gerade weil Einbildung das Leben verändert und Phantasie die Wirklichkeit erklärt sollte man das eine vom anderen unterscheiden können.“
Greis und Jüngling sassen auf einer Bank. Das Licht kam von der Seite und schneidete die Silhouetten in der Dämmerung aus. Weit im Hintergrund sah man das Meer das mit dem letzten Sonnenstrahlen gelbrötlich schimmerte.
Sonntag, 11. Mai 2014
Phantasie und Wirklichkeit – II
Das Reiten auf den Phantasien
Das Reiten auf den Phantasien.
Eins sein, Reiter und Ross.
Wunschvorstellungen, Pläne, Ziele werden zu Wirklichkeit.
Ein Traum wird zu einem Text.
Eins sein,
Körper an Körper,
Die Beine umschlingend den Rumpf,
Die Wärme durchdringend den Becken,
Das Taumeln, das Schwanken, das Wanken,
Das Zuckeln und Zockeln,
Das Trippeln und Trotten,
Das Eilen und Jagen,
Das Sausen und Brausen,
Das Spurten, das Sprinten.
Das Rennen, das Springen.
Das Wallen der Wellen.
Überquerend schäumende Meere,
Fliegend durch Täler und Höhen,
Besuchend Himmel und Sterne.
Eins sein
Körper und Kopf,
Gefühl und Verstand,
Glut und Gleichmut
Sturm und Fassung,
Rausch und Ruhe,
Raserei und Haltung,
Spannung und Gelassenheit,
Sinnlichkeit und Besinnlichkeit.
Höhenflug und Tiefenschärfe.
Ein kleiner Schritt zur Seite und der Stacheldraht zerfetzt das Fleisch,
Ein halber Kopf höher und der hängende Ast wirft den Körper zu Boden,
Ein bisschen enger die Kurve und das Bein bleibt zerquetscht am Felsenrand.
Und doch das Gefühl der Macht, der vollen Beherrschung der Bewegung,
Die Zügel in der Hand, die Fersen in den Rippen, die völlige Bewältigung der Kraft.
Das Fliegen auf den Flügel der Phantasien,
Und doch die Zähmung der Gefühle.
Das Reiten auf den Träumen,
Aber das Bewusstsein der Möglichkeit des Aufwachens,
Jedes Moment wissend dass man zurückkommen kann.
Man treibt aber lässt sich treiben,
Man trägt aber lässt sich tragen.
Das Fliegen, aber die Möglichkeit des Niederlassens.
Der Rausch des Galopps,
Und doch die völlige Kontrolle.
Ein Millimeter kürzer die Zügel,
Und vom Galopp bleibt nur noch das schwere ein und ausatmen,
Das ausdehnen und schrumpfen der Rippen.
Vom wilden wallenden Wind bleibt nur die behutsame, besonnene Brise.
Ruhe.
Stillstand.
Schweigen.
Phantasie und Wirklichkeit - I
Ein Gedicht lag auf dem Tisch auf einem weissen Blatt Papier. Er rührte in seiner Tasse und schien verlegen zu sein. Sie ass ein Stück Käsetorte und schaute ihn etwas zugespitzt an.
„Das hat doch mit Wirklichkeit nichts zu tun“ sagte er und fuhr fort „Reine Phantasie. Es handelt sich doch nur um Literatur.“ Die Abwehrhaltung widerlegte aber die Worte.
„Was meinst mit nur Literatur? Meinst du, schlechte Literatur?“
„Nein, nein, das wieder nicht. Natürlich hat es mit Wirklichkeit zu tun, die Gefühle sind echt und in diesem Sinn Wirklichkeit, aber die Umstände sind reine Erfindung, lediglich Fiktion.“
„Die Gefühle sind echt? Du hast dich doch nicht in einen fiktiven Charakter verliebt. Das wäre doch der reinste Wahnsinn. Verwechslung von Wirklichkeit und Phantasie führt zur Irrenanstalt, weiss du denn das nicht? Reicht dir die Wirklichkeit nicht mehr?“
„Guck mal…“ diesmal hatten ihre Wörter ihn getroffen und er versuchte Zeit zu gewinnen um die Gedanken zu ordnen. „Wirklichkeit und Phantasie das ist so eine wechselseitige Beziehung. Reine Wirklichkeit das gibt es doch nicht. Jede Einbildung, jeder Zukunftsplan oder Erinnerung, jede Wunschvorstellung sind doch, strikt gesprochen, das verlassen des Bereiches der Wirklichkeit. Würde man sich genau an Wirklichkeit halten was bliebe denn übrig vom Leben ausser Öde und Langeweile? Natürlich gibt es da Grenzen aber diese sind sehr verschwommen. Das Schreiten auf der Grenze, wie ein Akrobat, ein Schritt zuviel und es folgt der Sturz und das Ende, dass ist doch der Reiz der ganzen Sache.“
Sie aber war mit der Käsetorte zu Ende, schaute zerstreut um sich und hörte nicht mehr zu.
Montag, 21. April 2014
Die Liebe und die Wolke
In dem Einem, das Viele;
In Marie A., die Wolke,
An Brecht denkend, dankend.
Ich nahm sie nicht in meinen Armen,
Doch waren die Gefühle stark.
In meinen Kopf die Phantasien,
Drangen bis zum Rückenmark.
Im Himmel sah ich keine Wolke,
Und doch, hoch oben, das Firmament,
Es schwebte, Hülle der Gefühle,
Die durchdrangen den Moment.
Ob ich sie je erneut erinnern werde,
Das weiss ich nicht und möchte es auch nicht wissen.
Was ich noch weiss und werde es auch vermissen,
Sind die Minuten schweren Atems die die Segel hissen.
Mittwoch, 9. April 2014
So und so
Die Welt ist ja so wie sie ist,
Und weil die Welt so ist,
Sind auch die Menschen halt so.
Und weil die Menschen so sind,
Und auch die Welt so ist,
So nützt es doch nichts mit der Welt,
Die lässt man so wie sie ist.
Dienstag, 1. April 2014
Dialektik
Nichts ist was nicht gleichzeitig Nichtsein ist:
Im Keime.
Denn,
Nichts ist was nicht Nichtsein werden kann:
Entkeime.
Donnerstag, 20. März 2014
Zen und Zeit
Wir saßen vis-a-vis, sie auf dem Sofa, ich auf dem Stuhl. Ich lächelte, sie lächelte. „Wie spät ist es?“ fragte sie. Ich schaute auf meiner Uhr und gab die Antwort. Es entstand eine lange Pause.
Plötzlich erhob sie sich und ging zum Fenster. Draußen ist eine Außenwerbung mit digitaler Zeit- und Temperaturanzeige. Sie blickte in dieser Richtung, blickte auf ihre Armbanduhr und nickte. Dann kehrte sie zurück und setzte sich wieder auf dem Sofa. Ich nahm ihre Hand und streichelte sie. Sie lächelte, ich lächelte. „Wie spät ist es?“ Antwort und Pause.
Wir saßen noch eine Weile so. Die Vorgänge wiederholten sich, und ich dachte: zum Zen sollte man die Frage, die Antwort und auch die Zeit noch fallen lassen. Nur das Lächeln, das sollte bleiben.
Mittwoch, 19. März 2014
Warum sind die Brecht/Weill Lieder so romantisch?
Was ist Romantik? Ich nehme z.B. Bills Ballhaus in Bilbao. Krach und Wonne gab es da für einen Dollar, das Grass wuchs auf dem Tanzboden und der rote Mond schien durch das Dach. Brandylachen waren wo man sass und die Musik war wie von damals. Eines Tages, kamen vier Herren mit einem Geldsack und man konnte sie schiessen hören mit ihren Brownings. Billsbao, es war das schönste auf der Welt.
Oder die Geschichte vom Surabaya Johnny die sich in Südostasien abspielt. Sie war erst sechzehn Jahre alt. Er sprach viel, aber kein Wort war wahr. Sie sah nur auf seinen Mund und gab sich. Aber schon nach zwei Wochen war ihm nichts mehr recht an ihr. Er wollte nur noch Geld. Da stand er nun und grinste mit der Pfeife in dem Maul!
Nannas Lied erzählt, melancholisch aber resigniert, vom alternden Leben auf dem Liebesmarkt. Böses gibt es viel aber es ist das Spiel. Gott sei Dank wird es leichter mit den Jahren, aber das Gefühl wird erstaunlich kühl, wenn man damit allzu wenig kargt. Lust in Kleingeld zu verwandeln wird doch niemals leicht. Nun, es wird erreicht, doch man wird auch älter unterdes. Gott sei Dank geht alles schell vorüber, die Liebe und der Kummer sogar. Wo sind die Tränen von gestern abend, wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?
Schliesslich, der See zuliebe, die Seeräuberjenny. Da ist sie in dem lumpigen Hotel, wäscht die Gläser und macht das Bett für einen Penny. Eines Tages kommt ein Schiff, beschiesst die Stadt und alle werden getötet. Nur Jenny nicht. Das Schiff mit acht Segeln und den fünfzig Kanonen entschwindet mit ihr.
Was ist denn da romantisch? Also erstmals die Szenerie. Einiges sind klassische Themen der Romantik: die See, das Schiff mit acht Segeln, ein Ballhaus, Bilbao, Südostasien, der rote Mond, die Tränen von gestern Abend und der Schnee vom vergangenen Jahr. Dann kommt aber noch Villon (Wedekind?) dazu, die derbe-herbe Romantik: Huren, Krach und Wonne, Brandy (oder Whisky, Wein und Schnaps), der Geldsack, Gangsters, Johnny und allerlei Ausgeschiedene. Sie brechen, sprengen den Rahmen der gutbürgerlichen Gesellschaft, da wo der normale, ordentliche Mensch sein Leben verbringt, unter Langeweile und verbrühte Milch [2]. In Frage gestellt werden das Frühstück mit Zeitung und gekochte Eier, die Sparbüchsen und Sonntagshosen [3] und die Abende vor dem Fernseher. Angezweifelt wird das Leben unter graue Wände, geschlossene Türen und muffige Luft erst wenn es mit Freiheit, Lust und Abenteuer konfrontiert wird. Eskapismus? Flucht in der Phantasie? Ja und nein. Natürlich ist Romantik die Flucht von der Wirklichkeit aber in dem Masse in dem man das ätherische mit dem derben-herben vermischt, deutet man da nicht auf die Möglichkeit Phantasien in Realität umzuwandeln [4]? Letztlich könnte man doch (ich meine es natürlich nur bildlich) mit seiner festen Partnerin (oder Partner) das treiben was mit einer Hure treibt, oder ist da etwas Grundlegendes im Wege [5]? Die acht Segeln bräuchte ja die Jenny gar nicht wenn sie mit den fünfzig Kanonen die Stadt auf einer anderen Weise erobern würde? Und vielleicht müsste sie dann nicht alle Einwohner der Stadt töten!
Die ständige Mischung von Realität und Phantasie wird auch in den Handlungen des Textes klar. Als Jenny die Gläser wäscht ist da ein Getös am Hafen und man fragt: Was ist das für ein Getös? Die Gläser und die Frage das sind hier und jetzt. Dann folgt aber das neunzehnte Jahrhundert mit dem Schiff und die acht Segeln. Deutlicher wird es noch in Bills Ballhaus. Ich will nicht mal die Brandylachen auf dem Sofa und das Grass auf dem Tanzboden erwähnen. Der Zuhörer wird aber mehrmals direkt angesprochen (z.B. ich weiss ja nicht ob ihnen so was grad gefällt) sodass er vom Ballhaus zurück zu seinen Wohnraum oder Theatersaal kehrt. Verfremdung?
Die Romantik das ist die Utopie, der Traum, die Wunschvorstellung ohne die die Wirklichkeit ja gar nicht in Frage gestellt wird. Sie soll den Antrieb zum handeln liefern. Aber keine reine Flucht ins Imaginäre sondern ständig den herben, derben Duft im ätherischen spüren [6].
Bemerkungen:
[1] Zwei Interpretationen bevorzuge ich. Erstmals Gisela May, edel Classics GmbH, 2006. Vom musikalischen her gesehen, besonders bei den sanft gedämpften Tönen ist Anne Sofie von Otter, Deutsche Grammophon GmbH, 1994 auch herrlich anzuhören besonders wenn begleitet von Bengt Forsberg (Klavier).
[2] Den letzten Ausdruck habe ich mir von Tucholsky geliehen.
[3] Gleichnis des Buddha vom Brennenden Haus, Bert Brecht.
[4] Auch die Musik von Weill alterniert ständig zwischen derbe-herbe Harmonien/Rhythmen und mild empfindsamen Melodien.
[5] Ich will zu diesem Thema in keine Einzelheiten gehen, denn es ist ja gar nicht so wichtig, aber das Entgegengesetzte wäre ja auch denkbar, nämlich dass man nach einige Hurerei zu dem Schluss kommt das dass ja zu nichts führt und das man da neue Wege (der Liebe) suchen sollte.
[6] Gewisse Anhaltspunkte zum Thema Wirklichkeit/Phantasie gibt es in zwei weitere Beiträge von mir, nämlich Das hohe Lied Salomos und Über Rilke: Liebe, Kunst und Schaffen unter. In Rilke nenne ich das Dilemma Wirklichkeit/Phantasie, Physik/Metaphysik. In Salomo nenne ich es Erotik/Schönheit.