Der Greis und der Jüngling
„Wörter alles nur Wörter…Schön sollen sie sein und originell noch dazu. Da ist doch nichts dahinter. Zum Beispiel, das mit der Phantasie. Einmal ist es Flucht von der Wirklichkeit. Im nächsten Moment wird es aber zu Wirklichkeit. Das macht doch keinen Sinn.“ In der Aufregung hatte der Junge den Körper etwas nach vorne projiziert und sein Blick wandelte unruhig durch die Gegend.
Das merkte der Greis und ein leichtes Lächeln der Überlegenheit zeichnete sich auf seinen Lippen. „Genauso ist es. Du hast mich richtig verstanden“.
Die lächelnde Überlegenheit wurde dem Jüngling auch bewusst und machte ihn noch zorniger. Immer diese Tricks. Der Versuch zu überraschen, durch Unerwartendes Raum zu gewinnen. Aber er brachte die Gedanken nicht zur Aussprache.
Der Greis folgte ungestört: „Im Grunde, im Grunde ist ja eigentlich alles Wirklichkeit. Die Gedanken sind doch nur elektrische Impulse die durch das Hirn und die Nerven fliessen. Die Phantasien basieren sich auf tatsächlich erlebtes, Eindrücke und Erinnerungen, Tatsachen die man irgendwo gesehen oder gelesen hat. Es kann doch unsereiner nur denken wie er muss, hat schon Wilhelm Busch gesagt.“
Die Spannung im Gesicht des Junges begann sich langsam aufzulösen aber er stellte noch die Frage in einen leicht herausfordernden Ton: „Wenn alles Wirklichkeit ist warum dann Phantasie überhaupt?“
Der Alte hatte den professoralen Ton ergriffen der ihm so bequem war. „Wie so vieles in der Welt spielen sich die Sachen, trotz der grundlegenden Einheit, in verschiedenen Ebenen ab. Im Grunde fliessen Phantasie und Wirklichkeit ineinander und die Grenzen sind da sehr verschwommen. Aber es gibt schon Unterschiede zwischen dem Heute und dem Morgen der zu Heute wird oder werden kann, der Traum der auf ein Erlebtes beruht und das Erlebnis selbst oder was man von dem Erlebnis wahrnimmt.“
Nach einer langen Pause fuhr der Greis fort. „Die Sachen sind halt verschieden und gleich zugleich. Z.B. die Bäume. Von der Ferne sind sie nur Wald. Kommt man aber näher so unterscheidet man die Buche von der Birke und die Einheit spaltet sich in tausend Einheiten. Ändert man nochmals die Perspektive und es erscheinen Blätter, Blüten, Äste und Früchte.“
„Man könnte doch aber eine Perspektive festsetzen und dann von Unterschied und Gleichheit sprechen“ argumentierte der Junge.
„Die Perspektive ist Teil der Erkenntnis. Subjekt und Objekt fliessen ineinander und lassen sich da gar nicht unterscheiden. Durch die ständige Bewegung von Subjekt und Objekt ändert sich die Perspektive ständig. Würde man eine Perspektive festsetzen dann hätte das mit Wirklichkeit nichts mehr zu tun. “
„Das wäre dann Meta-Phantasie“ sagte der Junge und sie lachten alle beide.
„Ja. Phantasie wird zu Wirklichkeit und aus der Wirklichkeit bilden sich die Phantasien die wieder zu Wirklichkeit werden. Z.B. Träume und Wunschvorstellungen entstehen öfters weil man das Leben langweilig findet, einige davon lassen sich vielleicht konkretisieren, es entsteht dann neue Langeweile, neue Träume, usw. Von Traum zu Traum verbringt man dann das Leben…“
„Verschwendet, willst du sagen.“
„Das hängt alles vom Humor ab, von der Distanzierung mit der man Phantasie und Wirklichkeit lebt und erlebt und von der Kunst ein Ineinanderfliessen der beiden Ebenen zu erlauben. Zusätzlich kommt dann noch die Kunst des Abgrenzens. Wie du siehst gehört allerlei Kunst dabei. Trotz des Ineinanderfliessens von Phantasie und Wirklichkeit, trotz der ständigen Verschiebung der Grenzen gibt es da Unterschiede die man einhalten sollte. Es ist wie bei den Wellen im Meer. Es gibt sie, man kann sie sehen, es gibt auch Unterschiede von einer Welle zur anderen, nur kann man sie nicht festhalten.“
„Da gibt es doch die Fotographie.“
„Ja aber die ist dann nicht mehr das Meer. Die ist dann nur Papier, oder der Bildschirm eines Computers. Es ist halt alles in ständiger Bewegung. Wirklichkeit ist Bewegung, und das leugnen der Bewegung ist was du Meta-Phantasie nennst.“
„Mir wird schon schwindlig von so viel Bewegung“ bemerkte der Jüngling mit einem Lächeln.
„Genau das sollten wir nicht, ich meine, schwindlig als ein übel Gefühl, etwas Schlechtes. Wie ein Matrose sollten wir mit der Bewegung so vertraut sein, dass, im Gegenteil, uns übel wird mit der Bewegungslosigkeit. Natürlich müssen wir die Sachen in der Hand nehmen, sie untersuchen und anschauen und vielleicht ist da ein Moment des Stillstands notwendig. Aber gleich sollten wir den Sachen wieder ihren freien Lauf lassen, sie wieder der Freiheit übergeben. Ein Moment Stille, ja, das schon. Aber die grosse Stille die wird nur erreicht mit der grossen Bewegung, die Bewegung die alles im Gang setzt, die Bewegung des Ganzen.“
„Aber wenn die Grenzen in ständiger Bewegung sind, hat es da überhaupt noch Sinn Phantasie und Wirklichkeit gegenüberzustellen?“
„Siehe mal die Luft die du einatmest. Der Sauerstoff den sie enthält wird von deinem Blut aufgenommen und ernährt deinen Körper. Luft wird also zum Körper, Luft und Körper vermischen sich und doch unterscheidet man das eine vom anderen. Wir sind im täglichen Leben ständig mit der Auflösung und Festsetzung der Grenzen konfrontiert. Ich und du werden zu Wir, dann wieder zu Er und Sie, und doch das Es überlebt die Trennung um schliesslich alles vereint im Nichts zu verweilen. Ich versuche mich vom Kollektiv abzugrenzen und doch bestimmt letztlich das Kollektiv, denke man an Schule, Bildung und Erziehung, wie ich denken soll, also selbst der Gedanke der Abgrenzung vom Kollektiv ist ein Produkt des Kollektivs.“
„Was hat das mit Phantasie und Wirklichkeit zu tun?“
Der Greis fuhr weiter unverstört: „Ich bilde mir etwas ein, und doch diese blosse Einbildung ändert mein tägliches Leben, das Konkrete, das Materielle, das Greifbare. Selbst die absurdeste Phantasie ist eine Aussage über mein Leben, bringt also Licht über die Wirklichkeit. Phantasie entsteht aus Wirklichkeit und wird es wieder. Aber gerade weil Einbildung das Leben verändert und Phantasie die Wirklichkeit erklärt sollte man das eine vom anderen unterscheiden können.“
Greis und Jüngling sassen auf einer Bank. Das Licht kam von der Seite und schneidete die Silhouetten in der Dämmerung aus. Weit im Hintergrund sah man das Meer das mit dem letzten Sonnenstrahlen gelbrötlich schimmerte.
Mittwoch, 28. Mai 2014
Sonntag, 11. Mai 2014
Phantasie und Wirklichkeit – II
Das Reiten auf den Phantasien
Das Reiten auf den Phantasien.
Eins sein, Reiter und Ross.
Wunschvorstellungen, Pläne, Ziele werden zu Wirklichkeit.
Ein Traum wird zu einem Text.
Eins sein,
Körper an Körper,
Die Beine umschlingend den Rumpf,
Die Wärme durchdringend den Becken,
Das Taumeln, das Schwanken, das Wanken,
Das Zuckeln und Zockeln,
Das Trippeln und Trotten,
Das Eilen und Jagen,
Das Sausen und Brausen,
Das Spurten, das Sprinten.
Das Rennen, das Springen.
Das Wallen der Wellen.
Überquerend schäumende Meere,
Fliegend durch Täler und Höhen,
Besuchend Himmel und Sterne.
Eins sein
Körper und Kopf,
Gefühl und Verstand,
Glut und Gleichmut
Sturm und Fassung,
Rausch und Ruhe,
Raserei und Haltung,
Spannung und Gelassenheit,
Sinnlichkeit und Besinnlichkeit.
Höhenflug und Tiefenschärfe.
Ein kleiner Schritt zur Seite und der Stacheldraht zerfetzt das Fleisch,
Ein halber Kopf höher und der hängende Ast wirft den Körper zu Boden,
Ein bisschen enger die Kurve und das Bein bleibt zerquetscht am Felsenrand.
Und doch das Gefühl der Macht, der vollen Beherrschung der Bewegung,
Die Zügel in der Hand, die Fersen in den Rippen, die völlige Bewältigung der Kraft.
Das Fliegen auf den Flügel der Phantasien,
Und doch die Zähmung der Gefühle.
Das Reiten auf den Träumen,
Aber das Bewusstsein der Möglichkeit des Aufwachens,
Jedes Moment wissend dass man zurückkommen kann.
Man treibt aber lässt sich treiben,
Man trägt aber lässt sich tragen.
Das Fliegen, aber die Möglichkeit des Niederlassens.
Der Rausch des Galopps,
Und doch die völlige Kontrolle.
Ein Millimeter kürzer die Zügel,
Und vom Galopp bleibt nur noch das schwere ein und ausatmen,
Das ausdehnen und schrumpfen der Rippen.
Vom wilden wallenden Wind bleibt nur die behutsame, besonnene Brise.
Ruhe.
Stillstand.
Schweigen.
Phantasie und Wirklichkeit - I
Ein Gedicht lag auf dem Tisch auf einem weissen Blatt Papier. Er rührte in seiner Tasse und schien verlegen zu sein. Sie ass ein Stück Käsetorte und schaute ihn etwas zugespitzt an.
„Das hat doch mit Wirklichkeit nichts zu tun“ sagte er und fuhr fort „Reine Phantasie. Es handelt sich doch nur um Literatur.“ Die Abwehrhaltung widerlegte aber die Worte.
„Was meinst mit nur Literatur? Meinst du, schlechte Literatur?“
„Nein, nein, das wieder nicht. Natürlich hat es mit Wirklichkeit zu tun, die Gefühle sind echt und in diesem Sinn Wirklichkeit, aber die Umstände sind reine Erfindung, lediglich Fiktion.“
„Die Gefühle sind echt? Du hast dich doch nicht in einen fiktiven Charakter verliebt. Das wäre doch der reinste Wahnsinn. Verwechslung von Wirklichkeit und Phantasie führt zur Irrenanstalt, weiss du denn das nicht? Reicht dir die Wirklichkeit nicht mehr?“
„Guck mal…“ diesmal hatten ihre Wörter ihn getroffen und er versuchte Zeit zu gewinnen um die Gedanken zu ordnen. „Wirklichkeit und Phantasie das ist so eine wechselseitige Beziehung. Reine Wirklichkeit das gibt es doch nicht. Jede Einbildung, jeder Zukunftsplan oder Erinnerung, jede Wunschvorstellung sind doch, strikt gesprochen, das verlassen des Bereiches der Wirklichkeit. Würde man sich genau an Wirklichkeit halten was bliebe denn übrig vom Leben ausser Öde und Langeweile? Natürlich gibt es da Grenzen aber diese sind sehr verschwommen. Das Schreiten auf der Grenze, wie ein Akrobat, ein Schritt zuviel und es folgt der Sturz und das Ende, dass ist doch der Reiz der ganzen Sache.“
Sie aber war mit der Käsetorte zu Ende, schaute zerstreut um sich und hörte nicht mehr zu.
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