Sonntag, 6. Juli 2014

Else Lasker-Schüler gelesen von Nina Hoger - Ein Hörbuch

Else Lasker-Schüler – Tiefer beugen sich die Sterne. Gelesen von Nina Hoger. Klezmer von Ensemble Noisten. Griot Hörbuch Verlag GmbH, 2008, 2009.

Ich bin kein grosser Kenner der Lasker-Schülerischen Dichtung, auch konnte ich mich für die Gedichte an sich, nicht sehr begeistern, zu persönlich, zu Ich-bezogen, aber ich muss zugeben, das Hörbuch ist ein Genuss und ich habe es mir zehn, nein, zwanzig- oder noch mehr Mal angehört. Da ist erstmals das Biographische, das ja unentbehrlich ist, denn, wie Nina Hoger sagt, Else Lasker-Schüler lebte ihre Dichtung und dichtete ihr Leben. Dazu kommt noch die herrliche Klezmer Musik, die das leicht orientalische Klima der Dichterin wiedergibt. Und als drittes, die herrliche Aussprache, die ruhig pausierten Wörter und Sätze, jeder Klang, klipp und klar. Nie hätte ich geglaubt dass Deutsch so schön klingen kann!

Nun zum Inhalt, also zu Else Lasker-Schüler selbst und ihre Gedichte. Wenn mir ein Vergleich mit Rilke erlaubt ist, so entspricht bei Rilke die Transzendenz der Ideen einer Objektivierung der Bilder. Bei Lasker-Schüler, im Gegenteil, überwiegt das persönliche der Ideen und das subjektive der Bilder. Beides, sowohl das symbolische als auch das subjektive, sind oft schwer zu verstehen. Gottfried Benn äusserte sich wie folgt über das innerste Wesen der Lasker-Schülerischen Dichtung: diese hatte einen exhibitionistischen Zug, daran ist kein Zweifel. Sie exponierte ihre schrankenlose Leidenschaftlichkeit, bürgerlich gesehen, ohne Moral und ohne Scham. Anders ausgedrückt, sie nahm sich die grossartige und rücksichtslose Freiheit, über sich allein zu verfügen, ohne die es ja Kunst nicht gibt. Mit Benn bin ich einverstanden über die Notwendigkeit des Öffnen und Freistellen des Ichs damit Kunst entstehen kann, denn zum sich entfalten gehört das sich entbinden. Nur bin ich der Meinung das wirklich grosse Kunst das rein persönliche überwinden muss. Dem Ich sich geben um darüber hinwegzukommen und wieder beim Ich zu gelangen aber auf eine höhere Ebene, so läuft die dialektische Spirale. Einfacher ausgedrückt, man muss sich von der Subjektivität des Ichs befreien können um zurück zu einem objektiveren Ich zu gelangen.

Viel wäre noch zu sagen über Else Lasker-Schüler. Stichwortartig stelle ich folgende Punkte auf. Falls Interesse oder Unklarheit bestehen sollten könnte man da einiges erweitern und aufklären. Die ersten Punkte sind stark mit dem jüdischen verknüpft, so glaube ich mindestens, ohne da Vorurteile, d.h. Werturteile, erwecken zu wollen.
• Die bissige, schneidige, schneidende Ironie; Selbstironie.
• Das Selbstmitleid und die Klagemauer.
• Das kindlich verspielte; die Spielzeuge; die allgegenwärtige Mutter.
• Das Wühlen in den Gefühlen; das allzu spontane, impulsive, unbändige, leidenschaftliche und passionierte; das Dionysische; die allzu idealistische Konzeption der Liebe; das allzu sinnliche und das übersinnliche.
• Das schamlose, schrankenlose, skrupellose Öffnen der Gefühle, der inneren Welt, der Intimität; das Exhibitionistische (darüber wurde ja schon im obigen Paragraphen geschrieben).

Das Verhältnis von Else Lasker-Schüler zu Gottfried Benn verdient einen Abschnitt für sich. Else Lasker-Schüler versus Gottfried Benn, das deutsch-jüdische versus das deutsch-teutonische, das wäre zu gehässig! Natürlich war es Hass-Liebe, aber gerade deswegen doch auch Liebe. Ich werde also das versus mit dem und austauschen: der schwarze Schwan Israels und der Barbar; Prinz Jussuf von Theben und König Giselheer [1] ; die Jüdin mit den rabenschwarzen Augen ausweichenden Blicks und der Fromme Heide mit dem Leopardenherz und der Habichtnase; leidenschaftliche Gefühle und Todesträumerei; das Verspielte und das Herbe; die schweifende Hyäne, der Schmetterling und der Lanzenspeer, der Leopardenbiss und der Waldtiersprung; die Mücke und der Tiger. Zusammenfassend, der Weg und der Wegrand, oder ist es nicht genau umgekehrt?


[1] Aristokratie auf beiden Seiten, wohlgemerkt.