Mittwoch, 6. August 2014
X und Y
Er sass bequem auf einem Sessel und glotzte auf den Bildschirm. Nun, so bequem war es wiederum nicht. Das kleine Zimmer, dunkel und spärlich beleuchtet, war nicht geheizt und er fror sichtlich, denn er hatte den Mantel an, den Kragen hochgezogen und noch eine Decke zugelegt. Ausser dem Sessel waren noch eine Kommode, ein Tisch auf dem man einen Spirituskocher sah, ein Stuhl und ein kleines Waschbecken.
Auf dem Bildschirm sah man Kinder auf einem Müllhaufen wühlend, wahrscheinlich aus einem Südamerikanischen oder Afrikanischen Land. Eine alte Frau betrat das Zimmer und der Mann sagte, auf das Bild deutend: „Siehst du, man sollte nicht klagen. Es gibt noch schlimmere Zustände als die unsrigen.“ Die Frau knurrte: „Deswegen bringen sie es ja auch.“ Und dann, gelassener: „Damit man ja nicht in sein Haus schaut, ja nicht sein Elend berücksichtigt, deswegen schaut man in das des Nachbars. Es gibt immer schlimmere Zustände als die unsrigen. Das ist kein Trost und auch kein Grund sich damit abzufinden!“
Um das was folgt zu sagen, liebe Leser, bräuchte ich eine weitere Figur, ein Erzähler vielleicht. Da dachte ich mir, warum nicht ich, der Autor? Ich will doch auch mal mitsprechen, ich meine, direkt, unvermittelt. Um nicht zu stark in die Geschichte einzugreifen stelle ich nur Fragen, die aber, wie jede Frage, auf mögliche Antworten andeuten.
Hat es überhaupt Sinn Probleme zu zeigen ohne auf dessen Ursachen zu deuten? Nur zu leicht führt dies zu Defätismus. Nur zu gerne bekräftigen sich damit unsere Vorurteile. Was ist dann der Sinn? Sind nicht Probleme dazu da um beseitigt zu werden? Brauch man dazu nicht die Ursachen? Sollte man nicht etwas dazulernen?
Das Land im Bildschirm, nennen wir es X. Das Land ausserhalb des Bildschirms, nennen wir es Y. Sind nicht X und Y Teile einer selben Einheit, und nicht, wie der Bildschirm es gerne glauben machen will, dass es da eine Kluft zwischen den beiden gibt? Ich tendiere zu sagen dass X und Y Teile einer selben Gleichung sind und dass je schlimmer X, je besser Y (oder ist es umgekehrt?). Da mache ich es mir aber doch zu einfach, denn was heisst hier schlimmer X und besser Y? X und Y sind ja nicht homogen und teilen sich wiederum in, sagen wir, XX, XY, YX und YY. Schlimmer X heisst dann wahrscheinlich schlimmer XX und besser XY und ähnliches ergibt sich mit Y, oder mache ich es mir wieder zu einfach? Jedenfalls sind hier Teilung und Verknüpfung so eng verbunden dass sich jede Einheit teilt und jede Teilung sich verknüpft. Oder, anders ausgedrückt, die Teilung ausserhalb, sie ergibt sich auch innerhalb der Einheit und spaltet sie somit. Gleichzeitig aber, durch Spaltung innerhalb und ausserhalb, bieten sich Möglichkeiten neuer Verknüpfungen und neuer Einheiten. Denn, sind nicht die Ursachen der Unterschiede zwischen X und Y, im Grunde, dieselben Ursachen der Unterschiede innerhalb jeder Einheit? Und sollte man die letzten nicht mitberücksichtigen wenn von X und Y die Rede ist?
Abonnieren
Kommentare (Atom)