"Das Siebte Kreuz" von Anna Seghers, Aufbau Taschenbuch Verlag, 11. Auflage, 1999, ISBN 3-7466-5151-4
Natürlich habe ich viele Bücher über die Nazizeit gelesen aber man wird nie zu oft vor dem Faschismus gewarnt, nie zuviel an dem Faschismus erinnert. Die Bücher die ich gelesen habe waren meistens über Juden, von Juden geschrieben und über die jüdische Sache: der Holocaust. Wer mehr darunter gelitten hat, ob es Deutsche waren oder Juden, dass ist ein scheusslicher Wettbewerb in dem ich gar nicht erst eingehen möchte. Jedenfalls war es mal gut ein Buch über die Nazizeit zu lesen in dem, ausser dem jüdischen Arzt, Dr. Löwenstein, in einer ganz nebensächlichen Rolle, kaum Juden auftreten.
Wenn so etwas wie der Faschismus erstmals Wurzeln schlägt, dann ist es kaum noch zu halten, ich meine, vom Inneren her, dass der eigne Körper die Abwehrkräfte produziert die das Übel überwinden kann. Dann muss man meistens auf einen Eingriff von Aussen abwarten, dann muss man warten bis zur letzten Niederlage, bis zur Vernichtung, bis es sich selbst zerstört. Dann muss man halt warten bis all dieser Strom von Hass und Gier, diese Roh- und Grobheit, diese geschmacklose Prahlerei, all diese scheussliche Dummheit, Unkultur und Barbarei, diese sture Sinnlosigkeit, dieser Wahn, bis es sich selbst ins Nichts stürzt. Und das ist vielleicht dass schlimmste, all dieses Warten, dieses furchtbare lange Warten bis zur Selbstzerstörung, bis zum Ende. Wie ein Schmarotzer der den Baum erwürgt der ihn nährt, bis zum Tode, bis der Baum völlig erschöpft, trocken, ausgesaugt und leer, sich selbst im Abgrund stürzt, samt Schmarotzer.
Meisterhaft geschildert wird von Anna Seghers die Art und Weise mit der sich der Terror des Faschismus verwurzelt, in der Szene des Verhörs des Herrn Mettenheimer (S. 91 ff). Herr Mettenheimer ist ein guter Bürger. Er ist gehörig, pünktlich und fleissig bei der Arbeit. Der Mann seiner ältesten Tochter ist sogar SS-Sturmbannführer. Nur hat Herr Mettenheimer einen Fehler. Der Mann seiner zweiten Tochter, Elli, ist Georg Heisler, ein politischer Insasse des Lagers Westhofen. Da er gerade geflüchtet ist, könnte er ja bei den Schwiegereltern auftauchen, das denkt sich wahrscheinlich die Gestapo. Den müssen wir einschüchtern, damit er es ja nicht wagt, dem Heisler Unterschlupf zu verschaffen. Und dann geht es los. Nein, keine Prügelei. Das ist ja gar nicht notwendig, dazu ist ja gar kein Anlass. Es genügen Fragen, unendlich viele Fragen. Und die Ausstellung des Wissens, unendlich viel Wissen, das allgegenwärtige, allmächtige Wissen.
„Die bei der Gestapo wissen alles von einem Menschen“ sagt die Freundin von Frau Wallau, die Gattin eines weiteren Flüchtlings aus Westhofen. „Alles ist übertrieben. Sie wissen, was man Ihnen sagt“ antwortet Frau Wallau (S. 143). Das Problem, würde ich hinzufügen, ist das mit Hilfe von Folterung, Angst und Terror, man alles ihnen sagt. Fast alles.
Das Buch handelt über die Abwehrkräfte die der Körper produziert und wie schwer es diese haben wenn solch ein Übel mal Fuss gefasst hat. Das Zentrum des Buches bildet die Flucht von sieben Menschen aus dem Lager Westhofen. Nur einer, Georg Heisler, überlebt es. Anna Seghers lässt einen spüren wie engmaschig das Netz war welches die Nazis mit peinlicher Sorgfalt aufgebaut haben und wie schwer es die hatten die versuchten dem zu entweichen. Georg versucht es und es gelingt ihm auch jedes Mal, aber nur um ein Haar, oder besser, sämtliche Haare, Fleisch und Haut bleiben zerfetzt an dem Stacheldraht, an den mit Scherben gesäten Mauern, an Krallen, Messern und sonstige Waffen des Systems.
Nur weil es so wenige waren die sich dagegen wehrten, war es überhaupt möglich das Netz so engmaschig zu bauen. Das wussten die Nazis von Anfang an und deswegen haben sie so stark zugeschlagen. Damit es bei den Wenigen bleibt. Trotzdem, wie es Anna Seghers so schön sagt, so engmaschig wie es auch sei, jedes Netz besteht aus Löchern. Das sollte man erinnern.
Anna Seghers bleibt nicht nur bei diesen Ideen. Sie führt einen auch zu anderen Gedanken. Z.B. versuch sie dass man die ganze Sache auch von der Seite der Nazis versteht. Dass alles Ungeheuer, Bestien und Psychopaten waren, das ist eine kindische und grobe Vereinfachung, die das wesentliche umgeht! Dass man daraus gute Geschäfte und viel Profit machen konnte, oder besser, glaubte machen zu können, das ist schon wahr, aber zu allgemein und zu abstrakt. Nehmen wir z.B. den Zillich, der SA-Scharführer in Westhofen (S. 346 ff). Ein ruinierter Bauer und eine matte Existenz. Aus Geldmangel und fehlender Alternative hat er bei den Nazis die Gelegenheit zu etwas Respekt, Ruhm und Glanz zu kommen. Ähnliche Motivationen ergeben sich für Fahrenberg, der Lagerkommandant.
Wichtiger scheint mir aber die begrenzte Rationalität (siehe auch Zweckrationalität oder Instrumentelle Vernunft) die bei den Faschisten so üblich ist. Es kennzeichnet Kurzsichtigkeit, es bedeutet dass die Rationalität nur bis zu einem gewissen Punkt geführt wird, bis zu einem Horizont, nicht in Frage stellend alles was dahinter steht und deswegen gehörig und gehorsam gegenüber der Obrigkeit die ja meistens dort steht.
Sehr gut dargestellt wird dieses Verhalten in dem Dialog der Gestapo Kommissare mit einem SS-Leutnant aus dem Lager Westhofen (S. 258 ff). „Lieber Freund, diese Welt – wie sie nun mal beschaffen ist – hat verhältnismassig wenig Möglichkeiten, entweder halten wir eine bestimmte Sorte Menschen hinter einem Stacheldraht und geben schön acht und viel besser als bisher, dass alle drin bleiben – oder wir sind drin und die anderen geben auf uns acht. Und weil der erste Zustand vernünftiger ist, muss man, damit er bleibt, verschiedene, manchmal ganz unangenehme Voraussetzungen erfüllt haben“ sagt der Gestapo Kommissar Overkamp.
Also, es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder man liegt drüber, oder man liegt drunter [1] . Und weil es vernünftiger ist drüber zu liegen, so liegt man sich auch so hin. Nun, warum gibt es nur diese zwei Möglichkeiten? Ist es nicht möglich auf gleicher Ebene zu liegen? Liegt es sich nicht besser so? Ich gebe wohl zu dass es wahrscheinlich bequemer ist drüber als drunter zu liegen, aber warum ist es vernünftiger? Welche Vernunft ist es denn, die des drüber liegenden oder die des drunter liegenden? Gibt es denn eine absolute Vernunft, auf die in der Ansprache Overkamps implizit angedeutet wird? Ferner, diese Welt und wie sie nun mal beschaffen ist und die wenigen Möglichkeiten, muss man das tatsächlich als gegeben annehmen? Dies sind Fragen die mit der begrenzten Rationalität unbeantwortet bleiben.
Tief bewegt hat mich auch der innere Kampf den Paul Röder, ein Jugendfreund von Georg Heisler, zwischen Familie und Freundschaft führen muss. Paul ist nicht politisch engagiert aber er gewehrt dem Freund Unterschlupf, ohne genau zu wissen um was es sich handelt. Auch seine Frau Liesel weiss von nichts. Als Paul es erfährt, überfällt ihn die Angst und er verschweigt sein Wissen seiner Frau. Er lässt aber seinen Freund nicht im Stich. Der Kern des inneren Kampfes zwischen Selbsterhaltung und Gewissen bildet der Dialog von Paul und Liesel (S. 317 ff). „Wenn wir dir alles gesagt hätten, wenn wir dich vorher gefragt hätten, ob er (Georg) bleiben kann, hättest du ja oder nein gesagt?“ fragt Paul seine Frau. „Da hätt ich sicher nein gesagt. Wie? Er ist nur einer! Und wir sind vier – fünf. Ja, sechs, mit dem, was wir erwarten…“
Es handelt sich hier sicherlich nicht um instrumentelle Vernunft. Hilft dabei Vernunft überhaupt? Und trotzdem, was soll man bei solchen Entscheidungen benutzen wenn nicht Vernunft? Sollte man alles den Gefühlen überlassen? Angst Gefühlen? Also Vernunft ja, aber Mathematik? Sechs gegen einen? Müssen diese Nummern nicht gewichtet werden mit dem Leiden der auf die Menschen zutrifft? Der eine wird sicherlich zu Tode gequält aber von den sechsen kommt einer auch ins Lager. Wie bleibt dann die Rechnung? Ist überhaupt eine Rechnung das angebrachte Mittel?
Sollte man da alles dem Gewissen und den Pflichtgefühlen überlassen? Steckt in denen mehr als Sitte und Moral? Ausserdem, Gewissen trifft doch auf beide Seiten zu, man hat doch auch Pflichten gegenüber der Familie, nicht nur gegenüber Freunden. Und dann kommt noch das Vorbild und die Selbstachtung dazu. Wie soll man dann ruhig in den Spiegel schauen, wenn man einen Freund, bei solch einer schwierigen Situation, so im Stich lässt? Und die Kinder, wie soll man ihnen dann, Auge ins Auge, gegenüberstehen? Wird man da je wieder Respekt vor einen selbst haben? Und was ist das Leben ohne Selbstrespekt? Aber auch von der Familie werden wir widerspiegelt, auch Respekt gegenüber der Familie ist Selbstrespekt. Ferner, kommt noch dazu die Trennung der Werte, unsere eignen Werte und die Werte der Gesellschaft, die öfters Epochen- und Zeitbedingt sind. Sollte man die Logik des Feindes übernehmen? Sollte man da genauso rechnen, handeln? Anderseits, wie hoch sind die Überlebenschancen wenn man sich ausserhalb der Gesellschaft stellt? Hilft es da den Held zu spielen? Wem hilft es wenn man den Held spielt?
Vierhundert Seiten voll von Spannung, die einen nicht loslassen, keine Sekunde. Dabei weiss man den Ausgang von Anfang an, d.h., man weiss dass es Georg Heisler überleben wird. Anna Seghers braucht die Ungewissheit gar nicht zu benutzen denn sie kann die Spannung auch ohne diesen Trick meistern. „Wer bespitzelt mich?“ denkt sich ständig Georg. Alle? Fast alle. Und dann immer wieder Erinnerungen, uralte Erinnerungen, und diese bedeuten vielleicht die Rettung, denn uralte Erinnerungen werden nicht bespitzelt, eventuell besteht da eine Möglichkeit der Zuflucht.
Ja ich weiss, ein altes Buch, geschrieben von 1937 bis 1939, und eine alte Geschichte, die wahrscheinlich keinen mehr interessiert. Mich hat es interessiert eine so alte Geschichte so lebendig und so spannend erzählt zu bekommen. Neu, für mich, waren die Details, neu, für mich, war die Perspektive. Ich bin auf neue Gedanken gekommen, oder besser, auf alte Gedanken in einer neuen Form und es war gut erneut daran erinnert zu werden.
[1] Drüber = draussen und drunter = drin, wenn man es wörtlich nehmen will!
Samstag, 6. Dezember 2014
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