Montag, 7. Dezember 2015

Das Andere, das Verschiedene: Exklusion, Inklusion oder Integration?



Dieser Text ist ein Beitrag zum Thema „Pegida ist Toll“ den ich zwischen Oktober und Dezember 2015 im Literaturforum (www.literaturforum.de) veröffentlicht habe. Der Beitrag wurde in fünf Teile geteilt die hier durch die Abschnitte angedeutet werden. PEGIDA (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) ist eine obskure rechte Organisation die in Dresden seit 2014 gegen die Einwanderungs- und Asylpolitik Deutschlands und Europas, Demonstrationen organisiert hat. Zentral zum Thema ist das Andere, das Verschiedene und wie man damit umzugehen soll/kann. Das Thema wurde von einen Gedicht von Strickdichter eingeführt auf welches hier mehrmals Bezug genommen wird. Innerhalb der Diskussion wurde auch das „Stottern“ eingeführt, eine persönliche Erfahrung Strickdichters das auch mit dem Anderen, dem Verschiedenen, liiert ist.


Einführung

Folgende Gedanken haben als Auslöser einen Beitrag von Strickdichter, alias Michael, vom 20.10.2015. Dort heisst es: wollen wir Immigranten integrieren oder inkludieren?

In einen darauf folgenden Beitrag vom 21.10 hat dann Michael eine Verbindung mit dem Stottern gemacht und dadurch den Unterschied zwischen Inklusion und Integration verdeutlicht:

Doch genau da ist es wie bei PEGIDA oder der Integration oder dem Sprache lernen ... Menschen sind unterschiedlich und einen Königsweg (er bezieht sich auf den Film The King's Speech) gibt es nicht. In den 1940er Jahren und bis heute noch, wird bestenfalls Integration vermittelt, statt Inklusion ... alles in allem: wenn jemand stottert, so what? Ist es wichtig - nein, ist es nicht.
Es gibt sicher Berufe, wo es schwierig ist, doch selbst da verändern sich Menschen während des Tuns ... ich habe seit 2001 Dutzende Fachvorträge gehalten und stand seit 2009 ebenfalls Dutzende Male auf Kleinkunstbühnen ... ja, klar kommt da mal ein Hänger bzw. Block .... klar, kann das den Vortrag beeinflussen, doch das so weit ich das einschätzen kann, ist das 90% der Zuhörer nicht so wichtig, denn primär zählt, was da jemand von sich gibt.
Und mitunter kann das Stottern auch ein Alleinstellungsmerkmal sein. Die Leute werden sich definitiv an mich erinnern. Stottern polarisiert auch ein Stückweit ... da gibt es Leute, die vielleicht eher wie Hucke ticken und dann gibt es jene, die auch andere Sichtweisen einnehmen können. Das hat allerdings oft mit einem gewissen Erfahrungsspektrum zu tun ... und da ist eben jeder an dem Stand, wo er (oder sie) ist.

Ich finde das trifft den Kern des Problems der Flüchtlinge von der menschlich/psychologischen Seite (natürlich gibt es noch andere Seiten), nämlich, wie sollte man mit dem Verschiedensein umgehen: Repression/Exklusion, Inklusion oder Integration? Da ich dies wichtig finde will ich einige Bemerkungen dazu machen.

Mit Inklusion meint Michael scheinbar die Tatsache dass einer akzeptiert wird so wie er ist und das man ihn nicht drängt sich an der Mehrheit anzupassen um aufgenommen zu werden. Das wäre dann Integration. Habe ich das richtig verstanden?

Dieses Thema zu vertiefen fällt mir nicht leicht. Es soll keine Abhandlung werden. Anderseits, eine Vereinfachung bringt nicht viel. Es gibt auch einen zeitlichen Druck. Wir sind hier ein Diskussions-Forum und es soll keine Reflexions-Übung werden. Der Kompromiss sieht wie folgt aus. Ich verzichte auf jeden stilistischen Kniff (soweit ich dies überhaupt kann). Kurze Sätze, abgehakt. Nicht immer wird der Übergang von einer Idee zur nächsten sanft und abgerundet sein. Splitter. Scharfe Kanten. Auch verzichte ich auf Reife. Ideen müssen eigentlich ausgereift werden. Die Kost wird hier roh an dem Tisch gebracht. Einiges wird nicht schmecken, anderes wird nicht stimmen. Ich bitte um Verständnis und, vor allem, um Korrektion! Da es keine Abhandlung sein sollte, verzichte ich auf langwierige und komplizierte Denkansätze. Ich will mehr Beispiele benutzen, also bevorzuge ich das spezielle, besondere, anstatt das allgemeine, generelle. Ein Risiko ist die dadurch verzerrte Einsichtigkeit. Auf Klarheit will ich nicht verzichten, aber Kurz und Klar, gelingt mir das?

Ich verzichte auch auf die moralisch-ethische Perspektive. Ich will von der humanistischen Perspektive ausgehen, d.h., was nutzt dem Menschen mehr? Mensch wir hier im weitmöglichsten Sinne verwendet, sowohl zeitlich als auch räumlich. Das es andere Perspektiven gibt, d.h. dass etwas anderes für eine kleine Gruppe Menschen, eine Nation, ein Volk, während eine kurze Zeitspanne, besser sein könnte, das bezweifele ich nicht.


Reinheit und Diversität

Ich habe nicht lange nachgeforscht aber was man normalerweise als Reine Rasse unter Tieren versteht ist das langjährige Produkt von gezielter Kreuzung sodass einige gewünschte Merkmale sich verstärken und stabilisieren.

Nehmen wir z.B. eine reinrassige deutsche Holstein Kuh. Sie ergibt durchschnittlich 9000 kg Milch im Jahr, das sind fast 25 Liter am Tag. Es handelt sich um ein Hochleistungstier das natürlich sehr anspruchsvoll ist in Bezug auf Nahrung, Wasser, Klima und sonstige Bedingungen. Hochwertiges Futter, Stallhaltung sind notwendig. Bei einer Temperatur von 15°C sind schon 80 Liter, bei 30°C sogar 100 Liter Wasser pro Tag notwendig. Die ganzjährige Stallhaltung belastet die Tiere sodass Erkrankungen wie Euterentzündungen, Zitzenverletzungen, Entgleisungen des Stoffwechsels, Lahmheiten und Fruchtbarkeitsstörungen häufig sind. Folglich werden die Milchkühe durchschnittlich in einem Alter von weniger als fünf Jahren geschlachtet. Die Anpassung des Holstein-Rindes an ein warmes Klima ist schlecht (die optimale Temperatur liegt zwischen 5 und 20°C) und sie sind für eine extensive Haltung nicht geeignet.

Ich will mal ein weniger radikales Beispiel nehmen: der Labrador-Retriever, eine Hunderasse. Kräftig gebaut, breiten Schädel, breiter und tiefer Brustkorb. Freundliche Natur, gutmütig, wenig aggressiv, geduldig, menschenfreundlich. Liebt das Wasser. Allerdings neigt der Hund zu Hüftgelenkproblemen, Augenkrankheiten und Myopathie.

Diese zwei Beispiele genügen um das zu zeigen worauf ich hin will. Nämlich dass die Sachen immer von verschiedenen Seiten betrachtet werden müssen. Alles hat seine Vor- und Nachteile, sein Für und Wider. Auch die Reinheit. Trinkt einer viel Milch und will nicht viel dafür bezahlen dann ist wahrscheinlich das Holstein-Rind eine mögliche Lösung. Will er einen gutmütigen, freundlichen Hund, dann soll er (meinetwegen) sich ein Labrador kaufen. Würde man Kühe und Hunde (und deren Freunde) fragen so würden wahrscheinlich Forschungs- und Kreuzungstechniken in einer radikal anderen Richtung gehen.

Was wir von der Kuh oder von dem Labrador wollen das müsste jetzt klar sein. Was wollen wir aber vom Menschen? Kann das jemand sagen? Wenn man mich fragen würde, dann hätte ich grosse Schwierigkeiten. Nach vielen Nachdenken, würde ich wahrscheinlich zu solchen vagen und nichts sagenden Formulierungen kommen wie Glücklichsein oder Zufriedenheit. Aber, wie kommt man dazu?

Michael, alias Strickdichter, schlägt das Lachyoga vor. Ich kenne aber dutzend andere Richtungen innerhalb des Yogas. Und, ist Yoga der einzige Weg?

Ich gebe gerne zu das Lachen wichtig ist. Ich, persönlich, lache gern und viel. Aber…wie bringt man damit das essen auf dem Tisch? Und wenn das weinen dazu notwendig sein sollte? Ausserdem lachen ohne Grund und Motivation (siehe Video von Strickdichter), das überzeugt mich nicht. Es scheint mehr ein Krampf, oder ist es Hysterie, Massen Hysterie? Katharsis? Oder ist es eine Variante des keep smiling?

Ich will mal ein Beispiel nehmen für die Schwierigkeiten die beim Menschen auftauchen. Da hier von Reinheit die Rede ist will ich mich daran halten. Reine/saubere Strassen und unreine/schmutzige Körper oder schmutzige Strassen und saubere Körper, was ist besser? Vielleicht sind saubere Strassen und saubere Körper das Beste aber auch das würde ich bezweifeln. Ich habe da meine Erfahrungen und bin der Meinung dass allzu viel Sauberkeit eher schaden kann.

Glücklicherweise gibt es keine strikte und eindeutige Weise glücklich zu sein. Wenn es das gäbe dann wäre das Leben ein Rezept, ein enger Pfad und könnte gerade deswegen nicht zu Glücklichkeit führen. Es wäre so etwas wie schlechte Kulinarik, denn sogar gute Kulinarik lebt von der Möglichkeit des Anderssein, der Variation, der Verschiedenheit der Zutaten, der Vielfalt der Formen und der Zubereitungsmöglickeiten.

Gäbe es ein Mensch ohne Kopf, dann gäbe es auch die Möglichkeit ohne den Kopf glücklich zu sein. Diese Idee, die mir gerade durch den Kopf gegangen ist und die ich erst als Scherz aufgenommen hatte, habe ich dann ernst genommen. Wollte die Birne sogar abschrauben aber so leicht geht das nicht (ausserdem könnte ich dann diesen Text nicht beenden). Jedenfalls werde ich die Idee mal durch den Kopf gehen lassen, denn Kopflos lässt sich vielleicht besser leben.

Das Gegenteil, d.h., dass einer nur Kopf ist, das gibt es (oder fast). Da ist doch der Stephen Hawking, der dem Ideal des reinen Geistes (siehe brain in a vat) nahe kommt. Scheint doch glücklich zu sein!

Ich kenne Menschen ohne Beine, ohne Arme die nicht unglücklicher zu sein scheinen als perfekte Menschen. Gibt es das überhaupt, die Perfektion? Ich habe nie eine engere Beziehung mit einem Blinden gehabt aber ich kann mir gut vorstellen dass auch das, seine Vorteile haben kann. U.a. die Introspektion, d.h. die Entwicklung einer inneren Welt, die Möglichkeit der Entwicklung andere Sensibilitätsformen, die Erweiterung des Empfindungsvermögens, usw. Ähnliches gilt wahrscheinlich auch für das Stottern. Hat man da gewisse Schwierigkeiten beim Sprechen, so hört man wahrscheinlich besser zu, passt mehr auf auf was man sagt, sagt es dann vielleicht synthetischer und überlegt es sich besser.

Leben ist Vielheit, Verschiedenheit, Diversität. Wäre die genetische Streuung eng, so gäbe es Leben schon seit langen nicht mehr. Die Breite der genetischen Streuung und die damit verbundene Schnelligkeit der Anpassungsfähigkeit sind sicherlich wichtige Merkmale der Überlebenschancen.


Andere Wege, andere Kulturen: Afrika

Wenn ich mal Selbstkritik machen darf so würde ich sagen dass der obige Abschnitt zu allgemein und zu breit ist. Andere Menschensorten zu akzeptieren auf der Basis ihrer individuellen Eigenschaften, Blinde, Lachende, Stotternde, ohne Kopf, nur Kopf, usw. fällt uns relativ leicht, obwohl wir nicht vergessen sollten dass die NSDAP die Homosexuellen und die Prostituierten in den KZs eingesperrt hat (nicht nur Juden und Zigeuner).

Wie sollte man aber mit anderen Kulturen umgehen? Das ist doch das wesentlich im Fall Pegida. Um konkret und anschaulich zu bleiben (siehe Einführung) so will ich über einige persönliche Erfahrungen berichten was mir aber, ehrlich gesagt, nicht sehr angenehm ist. Nicht dass ich unpersönlich bleiben möchte, aber Argumente auf persönliche Erfahrungen zu basieren scheint mir nicht das Angebrachteste.

Bevor ich aber über einiger meiner Erfahrungen mit anderen Kulturen berichte, möchte ich noch etwas Allgemeines sagen, nämlich über die Angst vor dem Fremden und ihre Ursachen. Auf der ersten Seite von Pegida ist Toll habe ich das Wort Angst fünfmal gefunden (natürlich nicht immer mit dem Sinn den ich hier benutzen werde). Im Gedicht dass das Thema eröffnet steht: Doch wo die Angst in Herde schwirrt, sich so mancher halt verirrt und das ist ungefähr was ich meine (so glaube ich es mindestens). Man wird mich mit psychologisieren beschuldigen aber, ich kann nicht anders. Ausserdem bin ich fest überzeugt dass man nicht den Kern der Problematik erfassen kann, wenn man nicht die psychologische Komponente mitberücksichtigt.

Die psychologische Komponente des Fremdenhasses ist, nach meiner Meinung, die Angst. Die Angst vor dem Anderen, vor dem Verschiedenen. Dies wiederum ist eine Folge des Traumas der Geburt (siehe Otto Rank). Solange man im Schoss der Mutter war, war man geborgen, eins im Einen. Sobald man von diesem Einsein ausgestossen wurde, sobald man zum Anderen, zum Verschiedenen wurde, fingen die Probleme an. Die Angst ist also seit dem Anfang unserer Existenz mit dem Verschiedenen eng verbunden.

Diese Urangst wird man niemals ganz los. Man kann aber lernen damit umzugehen. Der erste Schritt ist das Bewusstsein. Man muss die Angst verstehen und nicht leugnen oder verdrängen. Man muss verstehen dass Leben Verschiedenheit ist und dass die damit verbundene Lebens-Breite und Freiheit auch ihre Reize hat. Man muss lernen diese Freiheit und Breite zu lieben und erkennen dass der Weg zurück zum Schoss der Mutter (Erde) den Tod bedeutet.

Ich würde sagen dass auch Hochmut die gleichen Wurzeln hat. Aus Angst vor dem Anderen, schliesst man sich in sich selber ein (vielleicht mit seine Freunde und Kumpel). Man wird zum Mass, zur einzigen Referenz, zum Allwissenden, zum Allherrschenden.

Um nicht nur beim psychologisieren zu bleiben, um auch die politisch- gesellschaftliche Komponente zu erwähnen, muss natürlich gesagt werden dass diese Angst, von den Schlauen (es gibt derer sehr viele) gerne benutzt wird um Eigennutzen daraus zu schlagen (siehe z.B. die Versicherungen). Besonders der Faschismus benutzt die Angst vor dem Fremden zur Mobilmachung der Massen. Es wird ein Sündenbock kreiert der alle Aufmerksamkeit auf sich lenkt und somit erlaubt dass in seinen Schatten die dunklen Machenschaften ausgeführt werden, die eigentlich das wirkliche Ziel des Faschismus (Macht und Privilegien) sind.

In Wirklichkeit muss man lernen zu erkennen dass die Angst vor dem Anderen, vor dem Verschiedenen, so etwas wie eine Angst vor ein Gespenst ist. Macht man die Augen (der Empfindung) auf und das Licht (der Erkenntnis) an, so verschwindet das Gespenst.

Um die Reize der Verschiedenheit anschaulich zu machen will ich über einige meiner Erfahrungen berichten. Im Jahr 2007, also gar nicht so lange her, war ich für ein paar Wochen in Ouidah, Benin, Westafrika. Habe dort ein Kurs gegeben. Anschliessend war ich noch ein paar Tage in Johannesburg, Südafrika. Durch den Kurs habe ich Kontakte mit mehren Einwohnern gemacht und wurde ein paar Mal eingeladen. Die Leute sind sehr offen und sehr gastfreundlich. Bei sehr einfachen Leuten habe ich oft auf dem einzigen Stuhl im Haus gesessen. Der Boden war aus Lehm. Wasser wurde mir angeboten und ich musste es auch trinken (oder so machen als ob).

Wir haben auch einen ganzen Vormittag (oder war es ein Nachmittag?) bei einen Babalawo (Priester) verbracht der uns einiges über die Voodoo Religion erklärt hat (für mich war nicht alles fremd da wir hier in Brasilien das Candomblé und die Umbanda haben die dem Voodoo ähnlich sind). Natürlich kann man dazu Aberglaube, Hexerei, Unwissenheit, Unkultur sagen. Damit ist die Sache erledigt. Ich finde aber dass in einigen Sachen die Voodoo Religion den westlichen Religionen weit überlegen ist.

Nehmen wir z.B. den Umgang mit dem Tod. Der Tod ist etwas besonders wichtiges. Lernt man mit dem Tod gut und friedlich umzugehen so gewinnt das Leben an Harmonie und Entspannung. Der Tod ist der Rückkehr in dem Schoss der Mutter (Erde). Vom Schoss (der leiblichen Mutter) zurück zum Schoss (der Mutter Erde), das ist das Leben. Von Leib zu Lehm. Sowohl der Anfang als auch das Ende sind, bei den meisten Menschen, mit Schmerz verbunden. Aus dem Schmerz entspringt die Angst. Der Schmerz des Anfangs ist, wie bereits schon erwähnt, der Schmerz der Geburt, des Abstossens, der Ankunft in einer fremden Welt voller Überraschungen (nicht alle angenehm). Der Schmerz des Endes ist Krankheit, Verlust der körperlichen und geistigen Fähigkeiten, Einsamkeit, usw. Zu der Angst vor dem eignen Tod kommt dann noch die Angst vor dem Tod der Menschen die wir lieben und von denen wir abhängig sind.

Natürlich gilt es, diese Angst zu überwinden. Angst bedeutet Spannung und Verklemmtheit. Wie gelingt einem das? Wir haben einiges über die Angst der Geburt gesehen. Wie kann man aber die Angst des Todes überwinden lernen? In den meisten westlichen Kulturen ist der Tod, „The End“ und es gilt dieses Ende mit allen möglichen und manchmal unmöglichen Mitteln hinauszuschieben. Natürlich gibt es die Auferstehung, den Himmel (und die Hölle), die unsterbliche Seele, usw. die den Übergang von Leben zu Tod sanfter machen sollen. Es handelt sich aber hier um sehr abstrakte und weit entfernte Instanzen. Man kann sie weder fühlen noch erfahren. Es gibt natürlich auch das Werk, aber nicht allen gelingt das. Es gibt die Kinder, aber im Westen wird die Bindung zur Familie immer schwächer und lockerer.

Wie ganz anders ist es bei dem Voodoo oder dem Spiritismus. Wenn man die Wünsche eines Verstorbenen erfahren, sein Wohlbefinden befragen und mit ihm Kontakt aufnehmen kann, dann entschwindet ein grosser Teil der Tragik des Todes. Durch die Mediums ergibt sich auch der konkrete Kontakt mit dem Jenseits, man schlägt eine Brücke zur Metaphysik. Ich habe mehrere Häuser in Ouidah besichtigt wo ein Zimmer für die Toten bestimmt war. Dort waren die Gegenstände die die Verstorbenen am meisten liebten, Andachts-Bilder, ein kleines Altar, usw. Dadurch ergibt sich, in einer gewissen Weise, ihr Weiterleben. Ähnliches wird im Hinduismus und Buddhismus durch die Reinkarnation ermöglicht, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte. Alle diese Kunstgriffe, nennen wir es mal so von der westlichen Perspektive, dienen sehr gut um der Tragik (des Todes) und somit der Angst davon, den Boden unter den Füssen zu nehmen. Zusätzlich, gewinnt das Leben an Kontinuität, denn wenn die Ahnen mit uns weiterleben dann fliesst das Leben sanfter. Die zeitliche Perspektive erweitert sich dadurch denn wenn das Sein nicht nur Leben bedeutet aber auch was danach kommt (gilt auch für die Reinkarnation) dann erweitert sich der Lebenshorizont.

Es gäbe viel weiteres Schöne über afrikanische Kulturen zu erzahlen. Stichartig, u.a.:
a) Die geringe Wichtigkeit moralischer Aspekte. Die Halbgottheiten (orixás oder loas) haben Fehler wie jeder Mensch (wie bei den Griechen): töten, stehlen, haben Neid, Eiferssucht, usw. Es gibt kein Modell.
b) Das Fehlen von Moral und Regeln wird ersetzt durch die Gemeinschaft. Man ist nur in dem Mass in dem man zu einer Gemeinschaft gehört und sich dieser anpasst. Der Individualismus verliert Boden.
c) Die physische Metaphysik die aus den humanen Gottheiten entspringt. Der daraus folgende Humanismus.
d) Das Lebensbejahende. Religion ist immer ein Fest, und entsteht aus Tänze, Musik, Essen und Trinken. Körper und Sinnlichkeit sind immer dabei. Es ist nicht Verbot, Schmerz und Sünde wie in den meisten mosaisch-christlichen Religionen.
e) Die Opfergabe bedeutet symbolisch ein sich Lossagen von materiellen Gütern.
Hätte einer Interesse daran so könnte man einiges davon erweitern, erklären, usw. Aber man wird sicherlich auch viel Literatur dazu finden können.

Ich kenne Leute die nur reisen um sich selber zu überzeugen wieviel besser sie es zu Hause haben. Andere Menschen und andere Kulturen dienen nur um ihre Überlegenheit zu beweisen. Schade! Mit dieser Perspektive werden sie wenig Neues lernen. Aber, vielleicht wollen sie es ja auch gar nicht. Vielleicht wollen sie sich nur ein bisschen amüsieren. Schade! Mit dieser Perspektive werden sie sich wenig verändern und wer sich nicht verändern will, der will auch nicht die Welt verändern. Verändern kommt nämlich vom Anderen, vom Verschiedenen.


Andere Wege, andere Kulturen: London und die Grenzen der Aufnahme des Verschiedenen

Da ich keine Kritik bekommen habe (macht nichts, ich habe mich damit schon abgefunden und es hat auch, wie alles im Leben, seine Vorteile) bin ich gezwungen wieder einmal Selbstkritik auszuüben. Ich würde dann sagen dass, obwohl ich in dem obigen Abschnitt über andere Kulturen berichtet habe, es Erfahrungen waren die zu weit entfernt von dem Alltagsleben eines normalen europäischen Bürgers sind. Ich will also versuchen dies hier zu korrigieren und schreibe über London, wo ich fast zwei Jahre gelebt habe. London ist eine multikulturelle Stadt. Es liefert also ein gutes Beispiel für eine ganz nahe und konkrete Gelegenheit einer Interaktion mit dem Anderen und die Möglichkeit der Verschmelzung verschiedener Kulturen.

Ich liebe London, obwohl, ehrlich gesagt, es keine besonders schöne Stadt, wie z.B. Paris, ist. Warum liebe ich London? Weil ich mich dort fast wie zu Hause fühle. Weil inmitten der Verschiedenheit ich mich zugehörig fühle, denn auch die Diversität kann Einheit bedeuten. Man fällt nicht auf, man ist kein Sonderling, weil ja alle (oder fast alle) Sonderlinge sind. Wenn alle Verschieden sind (das ist jetzt natürlich übertrieben) dann ist man eben ein Verschiedener unter Verschiedene.

In London fühle ich nicht die Angst vor anderen Kulturen und die englische Lebensart hat durch die Mischung nicht viel einbüssen müssen. Vielleicht sind die Strassen nicht so sauber wie anderswo in Europa und vielleicht ist es heute schwieriger englisch zu speisen, aber ich glaube dass sogar der traditionelle Engländer damit zufrieden ist.

Man läuft durch die Menge, Inder, Afrikaner, Muslime und fühlt sich irgendwie zur Menschheit zugehörig. In einem Supermarkt treffe ich einen Scheich mit seinem halben Dutzend Frauen. Was stört mich das? Ich habe nur eine Frau, oder besser, sie hat mich, oder noch besser, wir haben uns gegenseitig und ich will auch nicht mehr. Andere Kulturen, andere Sitten. Es gilt sie zu respektieren und nicht zu klassifizieren oder einzuordnen in Gut und Böse oder, noch schlimmer, besser und schlechter. Im neunzehnten Jahrhundert gab es die Kurtisanen in Paris. Was ist da so grundsätzlich unterschiedlich von den Sitten des Scheichs? Heute gibt es die multisexuelle Gesellschaft, Mann mit Mann, Frau mit Frau, Gruppensex, usw. Was wird uns das nächste Jahrhundert (wenn wir dort ankommen) für Überraschungen bieten? Überhaupt kein Sex mehr? Nur noch Pillen und Maschinen? Ist das besser?

Ich will London nicht idealisieren. Sicherlich trifft man in der City weniger Afrikaner, Inder und Asiaten und an der Spitze der Banken sitzen, sicherlich, meistens, weisse Europäer. Sicherlich gibt es Diskriminierung und Vorurteile, sicherlich herrscht Ungleichheit und Ungerechtigkeit und sicherlich herrsch über allem, die englische Verstellungskunst. Aber auf der Oberfläche scheint eine gewisse Harmonie zu herrschen und das easy-going und coolness hat die harten Kanten abgerundet. Leben ist halt nicht nur Tiefe und Aufrichtigkeit.

Natürlich ist es wichtig zu beachten dass bei der englischen Erfahrung der Einbruch anderer Kulturen sich in gewissen Grenzen gehalten hat. Werden diese Grenzen nicht eingehalten so löst sich das Selbst in der Verschiedenheit auf sodass das Verschiedene es gar nicht mehr zu sein schafft. Was ich damit sagen will ist dass es gewisse Grenzen für die Aufnahme auswärtigen Einflusses gibt ohne die die eigene Kultur aufgelöst wird. Genau wo diese Grenze liegen soll, ist unterschiedlich von Kultur zu Kultur. Engländer vermögen vielleicht die Grenze der Toleranz etwas höher als Deutsche anzusetzen. Wesentlich ist aber nicht wer höher und wer niedriger ist, wesentlich ist der Respekt der Unterschiede. Die Grenzen müssen sich auf einen natürlichen Weg ergeben und dürfen nicht aufgezwungen werden.

Ich bin kein grosser Freund von Gewalt, obwohl ich zugeben muss dass es Momente im Leben gibt wo man sie anwenden muss. Gewalt verursacht fast immer eine Reaktion die meistens an Härte und Schärfe der Aktion entspricht. Wendet man Gewalt an so wird man sie wahrscheinlich auch ernten. Gewalt führt zu Gewalt, manchmal sogar zu mehr Gewalt. Es zeugt meistens von einer gewissen Eile zu Ergebnissen zu kommen. Hätte man länger gewartet, hätte man intensiver versucht, hätte man mehr oder bessere Argumente benutzt, dann wäre wahrscheinlich weniger Gewalt notwendig gewesen. Das ideelle ist natürlich der Konsens. Ist er unmöglich, dann sollte man versuchen so viele wie möglich auf unsere Seite zu bekommen. Je mehr es sind, desto kleiner ist die notwendige Gewalt.

Gewalt ist ein Sammelbegriff hinter dem viel zu finden ist, auch viel Heuchelei. Der Bombenanschlag, die Ermordung eines Zivilisten nennt man Gewalt, aber Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit und die Irreführung der öffentlichen Meinung, die viel mehr Menschen und manchmal härter trifft, nicht. Jedenfalls, auch die Aufnahme von Flüchtlingen, ohne die notwendige Diskussion, ohne den gesellschaftlichen Konsens, ohne dass kulturelle Grenzen, Rhythmus und Anpassungsgeschwindigkeit respektiert werden, kann zu Gewalt führen.

Die Gesellschaft funktioniert wie ein Körper und die Folgen des Aufzwingen gewisser Massnahmen, kann man auch an sich selbst beobachten. Auch das Individuum besteht aus der Zusammenspiel vieler Instanzen: Bewusstsein, Unbewusstsein, Instinkte, Gefühle, Verstand, Triebe, usw. Nicht immer verläuft das Spiel dieser Instanzen harmonisch. Oft versucht z.B. der Kopf sich durchzusetzen und zwingt dem Körper etwas auf. Aus verschiedenen Gründen, will der Körper aber nicht. Selbstverständlich wird so etwas nicht funktionieren wenn man den Ursachen der Ablehnung nicht auf den Grund geht, wenn man die damit zusammenhängenden Probleme nicht zu lösen versucht. Der Versuch einfach mit Gewalt sich durchzusetzen hat geringe Chancen erfolgreich abzulaufen.


Inklusion oder Integration?

Die Konsequenzen der Exklusion wurden hier schon mehrmals untersucht, d.h. ich habe mehrmals versucht zu zeigen dass das Andere, das Verschiedene auch seine Reize/Vorteile haben kann, sodass es nicht ausgeschlossen werden sollte. Was noch zu behandeln übrig bleibt ist der feinere Unterschied zwischen Inklusion und Integration. Dies war ja der Ausgangspunkt der ganzen Diskussion (siehe erste Abschnitt). Wir sollten uns erinnern dass mit Inklusion hier die Aufnahme eines Fremden oder Verschiedenen so wie er ist, gemeint wird. Das gegenseitige kennen und verstehen lernen gehört dann dazu. Im Gegensatz, bedeutet Integration das Aufzwingen der herrschenden Maßstäbe. Natürlich wird man diese zwei entgegengesetzten Pole selten in ihrer Reinheit treffen, d.h. in der Praxis gibt es immer eine Mischung beider Tendenzen. Was hier mit Inklusion/Integration gemeint wird ist der prädominierende Hang.

In Beitrag 117 von Pegida ist Toll habe ich gesagt dass das Innen und das Aussen, d.h. die psychologische- und die politisch/gesellschaftliche Komponente nicht getrennt behandelt werden können. Das ist etwas radikal ausgedrückt. Was ich sagen wollte ist das man öfters die gleichen Verhältnissen ausserhalb und innerhalb des Ichs findet, sodass es häufig nützlich ist auf beiden Ebenen zu arbeiten.

Weil das Innen manchmal leichter, weil konkreter und geläufiger, zu behandeln ist, will ich damit anfangen und nehme das Stottern als Beispiel. Das Stottern wurde zum ersten Mal in Beitrag 58 erwähnt. Es liefert ein gutes Beispiel wie man mit dem Anderen/Verschiedenen umzugehen kann/soll.

Nehmen wir mal an dass das Stottern sich auf eine traumatische Erfahrung der Kindheit zurückführen lässt. Dieses Trauma, dass natürlich mit Schmerz verbunden ist, kann zu einem Atemfehler führen, der wiederum das Stottern verursachen kann. Nehmen wir weiter an dass, als Erwachsener, ein Druck von der Gesellschaft ausgeübt wird um das Stottern zu überwinden. Dieser Druck wird internalisiert und es entsteht ein Kampf innerhalb des Ichs zwischen den Teil der das Stottern überwinden will und den anderen Teil des Ichs, der Angst davon hat und deswegen eher für eine Akzeptierung ist. Um das Problem noch komplizierter zu machen muss noch gesagt werden, dass der Druck der Gesellschaft Teil des Problems sein kann, d.h., dieser Druck kann einen Zusammenhang mit den schmerzlichen Ursachen des Stotterns haben. Dazu ein kleines Beispiel aus eigner Erfahrung. Mein Vater hat mich ganz selten verprügelt, vielleicht fünf, sechs Mal in mein ganzes Leben. Aber ab und zu bekam er Wutanfälle (wahrscheinlich aus guten Grund) die ganz schlimm waren. Ich bekam dann Atemkrämpfe, mir ging die Luft aus und ich konnte nicht mehr sprechen. Es hat in meinem Fall nicht zum Stottern geführt, aber das ist nebensächlich. Wichtig ist zu bemerken dass die Ursache des Problems mit der autoritäre Haltung des Vaters zusammenhängt und dass auch der Druck der Gesellschaft diese Autorität widerspiegeln kann (Projektion). Zusätzlich muss noch gesagt werden dass das Bewusst-Werden der Ursachen des Stotterns nicht notwendigerweise das Problem löst, und eine Umerziehung der Atemgewohnheiten kann ein langwieriger und komplizierter Prozess sein. Umso mehr wird also die Position des Teils des Ichs, das sich mit der Situation abfinden möchte und sie akzeptieren will, verständlich.

Die Spannung die mit dem Stottern verbunden ist spielt sich also auf zwei Ebenen ab. Innerhalb des Ichs gibt es ein Kampf zwischen den Teil der sich in die Gesellschaft integrieren möchte, d.h., das Stottern überwinden will, und einen anderen Teil der um Inklusion kämpft, d.h., er will angenommen werden so wie er ist. Dieser Kampf internalisiert eine Spannung die sich natürlich auch ausserhalb des Ichs abspielt, denn auch in der Gesellschaft gibt es Kräfte die mehr für die Überwindung des Stotterns sind (meistens Familie, Beruf, usw.). Andere Kräfte sind mehr für Toleranz und Inklusion. Im normalen Fall ergibt sich ein Kompromiss zwischen den zwei Tendenzen, d.h. eine gewisse Anpassung findet statt, man überwindet die hinderlichsten Hänger und Blockierungen und der Rest wird angenommen und man lernt damit umzugehen.

Wie dieser Kompromiss im allgemeinen Fall genau aussieht hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Im Extremfall ist es sogar möglich dass es gar keinen Kompromiss gibt. Die Ursachen dieser Ablehnung können mehr am Individuum liegen, wenn die Integrierung als eine persönliche Bedrohung empfunden wird, oder, sie können mehr an der Gesellschaft liegen, wenn die herrschenden Moral und Sitten oder die Struktur in Frage gestellt werden. Meistens gibt es eine Mischung dieser zwei Tendenzen. Bei dem Stottern wird der Extremfall wenig üblich sein aber ich denke z.B. an Alan Turing und seine Zwangsbehandlung mit Hormonen wegen seiner Homosexualität in England in den fünfziger Jahren. Eine Begnadigung wegen sein „Verbrechen“ wurde erst 2013 ausgesprochen! Ein weiteres Beispiel für die Schwierigkeiten einer Anpassung liefern die extrem religiösen Gemeinschaften wie z.B. die ultraorthodoxen Juden in den USA. Eine Integration wird durch fest verankerte Sitten und Gebräuche, die von Generation auf Generation übertragen werden, sehr erschwert. In meiner Sicht hilft da nur die Toleranz seitens der Mehrheit, die ein Einvernehmen, Einverständnis und eine Bereitschaft der Aufnahme anderer Bräuche und Kultur bedeutet.

Wie aber würde diese Toleranz im (sehr unwahrscheinlichen) Fall eines Konflikts zwischen den USA und Israel aussehen? Was würde aus diesem Verhältnis, wenn man bedenkt dass wahrscheinlich ein grosser Teil dieser ultraorthodoxen Juden pro Israel sein würde? Eine allgemeine Antwort auf diese Frage kann nicht gegeben werden, denn es hängt von ganz konkreten Faktoren ab die von Fall zu Fall verschieden sein können. Z.B. wie verhält sich die Gemeinschaft, passiv oder aktiv? Wie ergibt sich die Unterstützung, werden konkrete Massnahmen genommen, usw. usf.? Man sollte sich erinnern dass am Anfang des IIWK, deutsche (meist jüdische) Flüchtlinge in England ins Lager kamen, weil der Verdacht lag dass sich darunter Spitzel und Kollaborateure befanden. Die Absurdität dieser Massnahme wurde später erkannt, die Einsperrung wurde aufgehoben und es wurden selektivere Verfahren eingeführt.

All diese Fälle zeigen die Schwierigkeiten die mit einer Integration verbunden sind. Dazu kommt noch dass der Druck einer Anpassung häufig als eine unannehmbare Zumutung empfunden wird und deswegen wenig zur tatsächlichen Integrierung beiträgt. Gewalt führt nämlich meistens zu Blockierungen und diese führen selten zu Veränderungen der Gewohnheiten die zu einer Integration gehören.

Ich habe oben zwei Ebene erwähnt in denen sich die Sachen abspielen. Die psychologische Ebene, wo sich ein Kampf der verschiedenen Kräfte innerhalb des Individuums ergibt und die zweite Ebene die das Verhältnis des Individuums zu der Gesellschaft untersucht. In dem Fall der ultraorthodoxen Juden sind wir aber schon bei der dritten Ebene die das Verhältnis verschiedener Kulturen zueinander behandelt. Um dies geht es ja auch im Fall Pegidas. Wie sollte sich das Verhältnis einer kulturellen Minderheit innerhalb einer anderen herrschend Gesellschaft abspielen? Um konkret zu bleiben nehme ich das Beispiel der Indianer in Brasilien, ein Fall dass ich ganz gut kenne.

Die Indianer liefern ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten einer Inklusion. Dieser Alternative wurde bis jetzt wenig Platz eingeräumt und sie soll hier näher untersucht werden. Im Fall der Indianer handelt es sich um eine Kultur die kaum fähig ist einer Assimilation zu widerstehen. Die Integration bedeutet meistens das Auflösen ihrer Kultur, sodass die Inklusion die bessere Lösung zu sein scheint. Schon rein physisch hat der Kontakt der Indianer mit der Zivilisation starke Folgen, denn sie haben keine Abwehrkräfte gegen Viren und Bakterien die durch die Beziehung mit dem Weissen eingeführt werden. Aber auch sonst hat der Kontakt mit der Zivilisation starke Folgen für die Lebensart der Indianer. Um es ganz kurz zu machen würde ich sagen dass es sich um eine Kultur handelt die sehr empfindlich gegenüber den Konsumgewohnheiten unserer Gesellschaft ist. Konsum ist immer mit Geld verbunden und dieses ist den Indianern fremd. Dem glitzernden Glanz der technischen Spielereien kann die kindische Naivität der Indianer nicht widerstehen und das bedeutet den Anfang des Endes ihrer Kultur. Im sechzehnten Jahrhundert waren es Spiegel und bunte Perlen die für Gold und Diamanten umgetauscht wurden, heute sind es Handys, Waffen und Alkohol.

Inklusion heisst dann meistens Indianerreservate (Ghettos?). Dort können sie ihre Sitten und Gebräuche weiterführen, dort leben sie in einer Gemeinschaft mit den gewohnten Strukturen, praktizieren ihre Kulte und Tänze. Hauptwirtschaftliche Tätigkeit ist dann weiter die Jagd und das Fischen, wobei jetzt allerdings nicht mehr Pfeil und Bogen benutzt werden sondern die Feuerwaffe. Weitere Konzessionen der Zivilisation werden natürlich auch gemacht. Da ein Kontakt mit dem Weissen nicht auszuschliessen ist, werden sie meistens geimpft und bekommen Unterricht in der dominierenden Sprache. Die traditionelle Kleidung wird nur an Festtage getragen, sonst benutzen sie Stoff und Plastik wie jeder andere normale Bürger. Zigaretten gehören meistens auch dazu und natürlich Alkohol und Handys. Die Boote kriegen ein Motor und auch Autos gehören oft dazu, obwohl es kaum fahrbare Strassen gibt.

Woher kommt aber das dazugehörige Geld um diese Konsumgüter zu kaufen? Nun, einige Landwirtschaft wird getrieben und gehört auch zu der traditionellen Tätigkeit der Indianer (meistens von den Frauen geführt). Handarbeit, wie z.B. Keramik, Weberei, Schmuck, usw. wird auch produziert. Extraktive Landwirtschaft, wie z.B. Nüsse und Kastanien werden an Zwischenhändler verkauft. Auch dienen die Indianer als billige Arbeitskraft für die Bauern ausserhalb des Reservats. Es gibt aber auch lukrativere Tätigkeiten. Z.B. durch Abholzung des Waldes, meistens illegal, wird edles teures Holz an Händler verkauft. Einiges Geld fliesst auch durch Absprachen und Vereinbarungen mit Politikern und Firmen um den notwendigen Zugang zu den Bodenschätzen zu gewährleisten. Man darf nicht vergessen dass die Reservate meistens sehr gross sind denn die ursprüngliche Aktivität der Indianer, die Jagd, verlangt viel Land. Oft enthalten diese Ländereien wertvolle Rohmaterialien. Es entsteht dann eine Spannung zwischen den Indianern und die umgebenden wirtschaftlichen Interessen wie z.B. Bergbau, extensive Viehwirtschaft, Sojaplantagen usw.

Wie aus der oben kurzen Skizze klar wird, sieht eine Inklusion im Grunde gar nicht so viel anders aus als eine Integration. Es ergeben sich allerlei Anpassungen und Konzessionen um das Leben einer Minderheit in einer herrschenden Gesellschaft möglich zu machen. Zugeständnisse müssen immer gemacht werden um ein harmonisches Miteinander verschiedener Kulturen zu ermöglichen. Kommen diese Zugeständnisse zum grössten Teil von der Minderheit so nennt man dies Integration. Werden die Konzessionen von der dominierenden Mehrheit gemacht so nennt man es Inklusion. Wie bereits schon erwähnt, besteht meistens eine Mischung beider Tendenzen.

Die Indianer liefern ein krasses Beispiel für den Fall wo die Erhaltung, Seite an Seite, zweier verschiedener Kulturen sehr schwierig ist. Die Lebensgewohnheiten der Indianer sind kaum mit der modernen Zivilisation vereinbar und werden von dieser überrannt. In der Praxis bedeutet sowohl die Integration als auch die Inklusion, letztere in Form der Indianerreservate, ein Auflösen der Indianer Kultur. Der Unterschied zwischen Integration und Inklusion ist dann nur die Geschwindigkeit mit der dies geschieht. Die einzige Möglichkeit der völligen Erhaltung der Indianer Kultur ist die strenge Isolierung. Diese ist aber schwer zu rechtfertigen, es sei denn aus anthropologisch-wissenschaftlichen Gründen.

Natürlich hat die Indianer Kultur positive Seiten. Um es kurz zu machen will ich nur den Gemeinschaftssinn und die harmonische Einordnung in der Natur nennen, beides Eigenschaften die für die moderne westliche Zivilisation sehr nützlich sein würden. Aber, wie viele von uns sind davon überzeugt? Wie viele sind geneigt etwas von ihrer eignen Kultur abzugeben um diese Qualitäten aufzunehmen?

Natürlich wäre eine bessere Inklusion in den Indianerreservaten möglich. Man könnte z.B. die Reservate besser abschirmen gegen das Eindringen der wirtschaftlichen Interessen, Waffen, Alkohol, usw. Man könnte versuchen die Werte der Indianer zu festigen, durch Bildung, Diskussion, usw. sodass diese den auswärtigen Einflüssen besser widerstehen könnten. Einige der Ideen der Indianer könnten auch auf anderen Ebenen formuliert werden die dann näher der modernen Zivilisation wären. Aber würde uns dies gelingen, dann hätte sich bei uns etwas sehr grundsätzliches verändert. Eine ganz andere Geschichte wäre dann hier zu erzählen. Z.B. die Idee der Gemeinschaft, ist sie kompatibel mit der Idee der Gesellschaft die bei uns herrscht? Und die Natur? In wie weit sind wir bereit etwas von unserem Wohlstand und Komfort ihr abzugeben? Ausserdem, wir sind nun mal eine exkludierende Gesellschaft. Arme werden nicht inkludiert, warum sollten es Indianer sein?

Zusammenfassend würde ich sagen dass die Wahl zwischen Inklusion und Integration ein falsches Dilemma zu sein scheint. Erstmals, wie wir gesehen haben, findet fast immer einer Mischung beider Alternativen statt. Zweitens handelt es sich hier nicht um Optionen die der normale Bürger im normalen Fall machen kann. Wäre ich ein homosexueller im Dritten Reich so wäre ein Inklusion gar nicht möglich. Es bliebe nichts weiter übrig als mich zu integrieren. In wie weit man sich der Gesellschaft anpasst, und in welchen Ausmass man seine Gewohnheiten behalten kann, hängt dann meistens von ganz konkreten Gegebenheiten ab deren Änderung in einer höheren Sphäre der Politik liegen. Die führt uns zum dritten Argument. In wie weit Inklusion oder Integration ausgeübt werden kann ist streng abhängig von der Gesellschaft in der man lebt, ob sie mehr oder weniger inkludierend ist. Etwas daran zu ändern bedeutet dann auch bereit zu sein etwas an den Strukturen dieser Gesellschaft zu ändern und meistens auch an einiger ihrer Pfeiler zu rütteln.

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Hochmut und Totalitarismus

Die Psychologische Komponente des Totalitarismus, sei es von Rechts, sei es von Links, entwickelt sich aus Arroganz und Hochmut. Denn wenn nur man selbst, seine Freunde und Anhänger es richtig wissen dann ist es weil die anderen zu unwissend sind. Wenn die Anderen zu unwissend sind, dann kann man sie ersetzen durch eine kleine Elite von Auserwählten/Aufgeklärten, eine Partei, oder ein Verband.

Montag, 28. September 2015

Syrien und das Problem der Flüchtlinge


Die Situation in Syrien ist so verwickelt, die ganze Welt hat sich da eingemischt, jeder versucht da sein Brocken rauszuholen. Die Weltmächte haben ein paar Mal Ihre Position gewechselt, scheinbar Fehleinschätzungen gemacht (ich weiss nicht ob die Fehleinschätzungen nicht auch geplant waren). Als Laie blickt man da einfach nicht mehr durch!

Ja die Frucht ist bitter! Aber bevor man versuchen sollte die Bitterkeit mit Zucker schmackhafter zu machen, sollte man nicht besser mal die Ursachen untersuchen? Woher kommt denn dieser Bitterer Geschmack? Ist da etwas faul oder liegt es am Wesen der Frucht? Vielleicht hätte man lieber eine andere Frucht-Sorte anpflanzen sollen. Vielleicht aber liegt es nur am Anbau und an der Art der Pflege.

Ich will nicht immer in Metaphern flüchten. Ich will auch nicht von der Wirklichkeit fliehen, selbst wenn ich sie nicht immer ganz verstehe. Bevor ich aber ans Werk gehe, sollen einige Bemerkungen gemacht werden. Erstmals muss ich zugestehen dass ich schon mehrmals Berichte über Syrien gelesen habe. Die Quellen anzugeben vorher mein Wissen, besser gesagt, mein Unwissen stammt, würde einige Forschung verlangen, dazu bin ich zu faul und es ist mir zuviel Arbeit. Ganz auf mein Gedächtnis aufzubauen dazu traue ich mich nicht, dazu fehlt mir die Sicherheit. Zweitens, obwohl ich die Angelegenheit nicht immer ganz durchblicke habe ich einen Standpunkt. Neutralität und reine Objektivität gibt es nicht und ich will sie auch nicht vortäuschen. Drittens soll es hier keine Abhandlung werden und die Leser sollen nicht mit Daten und Quellenangaben überflutet werden. Es soll kurz und einfach sein. Anderseits will ich nicht alles vereinfachen, denn damit entfernt man sich von der Wirklichkeit. Also, wieder Widersprüche... Folglich habe ich versucht ein Kompromiss zwischen Quellenangaben und übermässiges Selbstvertrauen, Fakten und Meinung, Komplexität und Vereinfachung zu machen. Ob es mir gelungen ist, das wird man sehen. Jedenfalls was die Auffrischung des Gedächtnis betrifft, so habe ich mich auf die deutsche Wikipedia beschränkt (besonders die Artikel Islamischer Staat und Bürgerkrieg in Syrien). Ich wähle hier und da einiges das in mein Konzept passt.

Was in Syrien stattfindet ist, nach meiner Meinung, nichts weiter als eine Fortsetzung des alten Kalten Krieges. Auf der einen Seite sind die Westmächte geführt von den USA. Auf der anderen Seite sind Russland und der Iran. Nach dem Bruch der Sowjetunion hat, nach einiger Zeit, Russland, durch Putin, einen Weg zu einer selbständigen Aussenpolitik gefunden. Der Preis ist der Konflikt. Das der Konflikt sich gerade in Syrien abspielt, das man nicht ein Land ausgewählt hat das vielleicht näher von den USA und entfernter von Europa wäre, dass liegt wahrscheinlich an der Stärke der Machtpositionen im Westen. Europa, immer unterwürfig den USA, daran wird sich wahrscheinlich, auch in Zukunft, nichts ändern.

Assad ist natürlich kein Heiliger. Auch ist die Tatsache dass, vor dem Bürgerkrieg, unter seiner Führung (ich meine natürlich den Vater) eine gewisse Stabilität im Lande herrschte, kein Beweis dass die Zustände besser waren. Auch im Friedhof herrscht (meistens) Ruhe und die Lage in den Gefängnissen ist (meistens) stabil. Aber die Einmischung der Westmächte in Syrien den verletzten Menschenrechte und den Eingriffen auf die Zivilbevölkerung zuzuschreiben, wo der Aufstand der Rebellen meist von der CIA und den Westmächten reichlich mit Waffen, Experten und Geldmittel gefördert wurde, wo tagtäglich in Afrika gleiche oder schlimmere Ereignisse geschehen ohne dass irgend etwas passiert und wo unter den arabischen Verbündeten gleiche oder schlimmere Tyranneien/Autokratien als die syrische bestehen (siehe z.B. Artikel in der Wikipedia über Saudi-Arabien), dass einer so naiv ist so ein Märchen zu glauben, das ist schwierig zu verstehen. Erklären kann ich mir diese Haltung nur durch die Tatsache dass nicht sehen meistens auf nicht sehen wollen beruht.

Auch Russland versucht natürlich Machtpositionen zu verstärken und nach der Zerstörung von Libyen und den Irak, den Vormarsch der Interessen der Westmächte aufzuhalten. Das Bündnis mit Iran ist natürlich nur taktisch zu verstehen denn weder Kultur noch Politik verbinden beide Staaten. Gesagt muss auch dass die lange autokratische Herrschung der Familie Assad und das Baath Einparteiensystem nur möglich waren durch die damalige/heutige Unterstützung der Sowjetunion/Russland.

Ein Wort zu dem Islamischen Staat (IS), einer der wichtigsten Akteuren bei dem syrischen Bürgerkrieg und der viel dazu beigetragen hat um das Flüchtlingsproblem zu verschärfen. In der Wikipedia lese ich in der ersten Zeile (Islamischer Staat / Finanzierung) dass die Gruppe wahrscheinlich durch Spenden superreicher Privatleute, religiöse Stiftungen und Moscheevereine vor allem aus Saudi-Arabien und Katar, in geringeren Umfang auch aus Kuwait und den Vereinigten Emiraten, finanziert wird. Alles Verbündete der USA!!! Wenn man bedenkt dass seit 2014 die USA Angriffe gegen Stellungen des IS fliegen, dann ist es schwer zu verstehen dass es der CIA nicht gelungen ist rauszukriegen wer in Katar (ähnliches gilt für Kuwait und den Vereinigten Emiraten), eine absolute Monarchie, Fläche von 11.606 km², 2.155.446 Einwohner, für diese Spenden zuständig ist. An so viel Inkompetenz kann ich nicht glauben. Es könnte natürlich alles nur Heuchelei sein, d.h. die Angriffe auf den IS werden nur vorgetäuscht, in Wirklichkeit aber unterstützt man ihn durch Waffenlieferung und Gelder. Vergessen sollte man nicht dass der IS einer der stärksten Gruppen gegen Assad bildet. Lieber aber glaube ich dass dahinter ein sagenhaftes Geschäft liegt das schon mehrmals in der Weltgeschichte benutzt wurde. Auf der einen Seite liefert man Waffen an einer Gruppe. Auf der anderen Seite zerstört man sie. Die Waffenfabrikanten bedanken sich natürlich sehr!

Interessant ist auch die Rolle Israels in dem syrischen Bürgerkrieg zu untersuchen. Folgend derselben oben angegebenen Quelle, unterstützt Israel, laut Bericht der Vereinten Nationen, insbesondere die al-Nusra Front. Diese, der al-Qaida nahe stehender Gruppierung, hat sich zeitweilig als die zweitgrösste Oppositionsgruppe neben der Freien Syrische Armee etabliert und bekämpft somit das Assad Regime. Auch der IS, deren Ursprung im irakischen Widerstand liegt, bekannte sich am Anfang zu der al-Qaida von dessen Führung er sich etwa Mitte 2013 löste. Um die Position Israels besser zu verstehen sollte man beachten dass an Assads Seite die islamitische Organisation Hisbollah befindet, die Israel bekämpft. Wichtig scheint mir zu beachten dass durch die grosse Zersplitterung der Oppositionsgruppen und die ineinander fliessenden und ständige wechselnde Grenzen dieser Gruppen, es gar nicht möglich ist zu vermeiden das Mittel (Gelder und Waffen) die einer Organisation zugedacht sind in andere Hände fällt, d.h., eine präzise Abgrenzung der Oppositionsgruppen ist kaum möglich.

Um die Sache noch komplizierter zu machen muss noch gesagt werden dass der Syrische Bürgerkrieg auch eine Gelegenheit für den langjähriger Kampf zwischen Sunniten und Schiiten bietet. Saudi-Arabien und Katar würden gerne die Verstärkung der Sunniten in dieser Gegend sehen. Auf der anderen Seite ist der Iran. Die Kurden kommen auch noch dazu um alles noch komplizierter zu machen.

Nach dem oben gesagten geht eigentlich klar hervor dass die Westmächte eine grosse Verantwortung für die heutigen Zustände in Syrien haben. Wie ist dann die Haltung der Merkel in Hinsicht auf die Aufnahme der Flüchtlinge aus Syrien zu verstehen? Was hat sie dazu bewegt? Als erstes muss ich sagen dass ich diese Frage für völlig belanglos halte. In welchem trüben Wasser sie fischt, das ist, nach meiner Meinung, völlig irrelevant. Zweitens kann ich einfach nicht glauben dass Politik mit schlechtes Gewissen und Schuld Gefühle gemacht wird. Ausserdem sehe ich kein Druck weder von innen, noch von aussen, um Rückzieher zu machen. Da ich nicht so machiavellistisch sein möchte um den Verdacht auszusprechen dass es sich hier nur um leere Formulierungen handelt, dass sie, einerseits, schöne Worte für die Flüchtlinge hat und, anderseits, die Grenzübergänge verschärfen lässt, kann ich nur vermuten dass es sich hier um ein publizistischen Streich handelt um die Image, reichlich gestört durch die Härte der Griechenland Verhandlungen, aufzuputzen. Wir sind zu einer Gesellschaft des Spektakels geworden und das Bild von dem toten Jungen am Strand konnte den richtigen Zeitpunkt liefern. The right time for the right idea.

In Wirklichkeit werden, durch diese Massnahmen, die Zustände für Ausländer in Deutschland nur noch verschlechtern. Nur wer an Märchen glaubt kann annehmen dass ein Bild und ein paar nette Worte tief verankerte Gefühle und Interessen ändern können. Später oder früher kommt jedes Spektakel zu einem Ende. Vorhang geschlossen, dann sitzt man wieder bei seinen Siebensachen, seinen Gram und Bitterkeit. Darunter gehört natürlich auch Pegida. Jetzt kommen noch einige Syrier dazu.

Dienstag, 1. September 2015

Gespräch mit einem Papagei


Die Kinder waren noch klein und wir gingen öfters mit ihnen in dem Zoologischen Garten. Gegenüber einem kleinen Spielplatz war ein grosser Käfig mit verschiedenen Sorten Vögeln. Während die Kinder spielten ging ich dort hin. Ein kleiner Papagei kam geflogen, klammerte sich an dem Gitter und musterte mich gründlich und genau mit dem seitlichen Blick der den Vögeln so eigen ist. Dann pfiff er einige Töne. Ich pfiff zurück genau dieselbe Melodie. Nach einer Pause wiederholte sich der Vorgang mit kleinen Variationen in Rhythmus und Ton. Ich versuchte, soweit meine Musikalität und Pfeif-Künste es erlaubten, genau dieselben Änderungen in der Antwort zu berücksichtigen. Das ging so einige Minuten lang bis eine kleine Pause in der Konversation mir die Gelegenheit bot auch mal aktiv zu werden. Jetzt führte ich die Variationen in der Melodie ein, die dann von dem Vogel wiederholt wurden, oder mindestens, so glaubte ich es damals, besser gesagt, so glaube ich es heute dass ich es damals glaubte, noch besser, so passt es richtiger in meine Geschichte.

Egal wie, das wesentlich ist dass wir uns köstlich amüsierten, ich und er. Was mich betrifft so bin ich mir darüber sicher, denn die Zeit verging wie der Wind. Seitens des Vogels kann ich es nur vermuten, aber wenn es nicht so gewesen wäre, warum blieb er, warum flog er nicht weg? Ausserdem, wenn man es genau überlegt, was kann denn schöner sein als ein Gespräch zu zweit, wo das Gesprochene auch angehört, das Gesagte auch verstanden wird, bis in die Details, und noch dazu, in beiden Richtungen?

Donnerstag, 21. Mai 2015

Über die Sexualität...der Katzen



Im Prinzip bin ich gegen Haustiere. Ich liebe die Natur aber ich bin der Meinung sie gehört dahin wo sie hin gehört und ich finde es fehlender Respekt, wenn man einem Hund Schuhe anzieht, ihn frisiert und parfümiert und einer Katze den Raum verbietet den sie benötigt um neue Bekanntschaften zu machen.

Nun, das ist die Theorie, eine mögliche Rechtfertigung und Begründung der Konzepte die man hat. In Wirklichkeit muss man berücksichtigen was hinter den Anschauungen steckt. Meine Eltern haben Tiere, zu Hause, nie erlaubt. Nicht einmal ein Aquarium hatten wir und so weit ich mich erinnere hat es bei uns, als Tiere, nur kleine Schildkröten gegeben die, sobald sie etwas grösser wurden, im Zoologischen Garten kamen. Wahrscheinlich war es meiner Mutter zu viel Arbeit und auch haben wir, während meiner Kindheit, immer in Apartments gewohnt.

Anders bei meiner Frau. Auch sie ist in einer Etagenwohnung aufgewachsen aber die Familie hatte ein Ferienhaus und ihre Mutter liebte Katzen und hat auch immer Katzen zu Hause gehabt.

Als wir zusammenzogen und dann die Kinder kamen wurde ich schnell, zusammen mit meiner Theorie, zu Minderheit. Wir haben erst einen schwarzen Kater adoptiert und später kam dazu ein Weibchen, auch schwarz, Berinjela (in Deutsch, Aubergine). Wo ich mich aber durchsetzen konnte, d.h. nur anfänglich, war im Bereich der Sexualität. Kastrierung, nein, niemals! Liebe und Leben dass gehört doch zusammen und wenn dieser Gedanke bei Menschen wahr sein soll, warum nicht bei den Katzen?

Nun, wie der Leser sicherlich schon erraten hat, war das wieder einmal Theorie. Die Wirklichkeit sah dann ganz anders aus. Nach den grünen Jahren, als seine Sexualität ausreifte, trieb es Ivan, das ist der Kater, erst in der Nachbarschaft herum, dann ging es weiter und immer weiter. Er kehrte verletzt zurück, wurde dann mit allen Ehren als Held empfangen, hielt es einige Tage bei uns aus und dann ging es zurück in den Rummel.

Nur als Bemerkung, um die ganze Sache verständlicher zu machen, muss noch gesagt werden dass zu dieser Zeit Berinjela noch nicht geboren war und dass wir in einen Haus wohnen, die Katzen also freien Zugang zu dem Dach und von dort aus zu der ganzen Welt haben, leicht und schnell.

Eines Tages kehrte Ivan so verletzt zurück, dass wir den Tierarzt rufen mussten. Der Arzt diagnostizierte Katzenleukämie und empfahl nachdrücklich eine Kastration indem er mich an meine sozialen Pflichten ermahnte. Die kranke Katze könnte nämlich die Tiere der Nachbarschaft infizieren und die Kastration würde dieses Risiko sehr einschränken.

Ich bin im allgemein von skeptischer Natur aber besonders bin ich skeptisch in Bezug auf Ärzte. Sie mischen sich zu sehr in unsere Angelegenheiten ein und ich bin der Meinung dass es meine Aufgabe ist zu wissen was für mich das Richtige ist. Das mit den sozialen Pflichten überzeugte mich nicht denn, erstens, die Krankheit bekam Ivan doch nur durch schon infizierte Katzen der Nachbarschaft, also hatte wahrscheinlich der Virus die Grenzen der Ausbreitung schon erreicht und, zweitens, obwohl ich schon ein Zusammenhang zwischen der Kastrierung und den Bewegungsradius sah, war ich mir nicht so sicher über den Zusammenhang zwischen diesen letzten und den sozialen Schaden. Die Katze würde ja weiter ihren Auslauf haben, daran war nichts zu ändern, sie würde weiter ihre Bekanntschaften machen, das war nicht zu vermeiden und das gab der Tierarzt auch zu, aber alles in kleineren Ausmass. War da das quantitative so ausschlaggebend um qualitative Änderungen im Leben des Tiers zu rechtfertigen?

Brücksichtigen musste man auch die Tatsache dass der Tierarzt sich natürlich ein gutes Geschäft mit der Kastrierung versprach und dass dies möglicherweise der Grund des ganzen Räsonierens war.

Trotz dieser relativierenden Gedanken war aber die Niederlage nicht zu übersehen. Zwei mal hintereinander hatte es mit meinen festen Überzeugungen nicht geklappt. Zwei mal hatten sich meine Auffassungen als falsch erwiesen. Ich war erledigt und zugrunde gerichtet durch die niederschmetternden Fakten. Ich war zu allem bereit. Vor allem war ich bereit meine proaktive Einstellung zu ändern um lediglich passiver Beobachter zu werden. Ich konnte dann meine Theorien aufstellen ohne die Notwendigkeit sie in Praxis umzusetzen. Mit diesem Gedanken wurde mein emotionelles Gleichgewicht teilweise wieder hergestellt.

Ivan wurde also kastriert. Später, als wir Berinjela aufnahmen wurde auch sie, ohne viel räsonieren, sterilisiert. Der Bauch wurde aufgeschnitten und sämtliche Reproduktionsorgane wurden entfernt.

Nun, was meinten dazu die Katzen? Katzen sind sehr sinnliche Tiere, d.h. man kann auf Grund von Beobachtungen und physischen Kontakts leicht eine Verständnisbasis mit ihnen aufbauen. Sie lassen einen ganz klar spüren was ihnen passt und was ihnen nicht passt und man kann, wenn man will, viel mit ihnen lernen über die Notwendigkeit des Respekts gegenüber andere Formen des Empfindungsvermögens.

Ich, jetzt nur Beobachter, musste feststellen dass die Verhaltensweise von Ivan sich langsam änderte. Als er noch zeugungsfähig war, hat er das Streicheln nur erduldet, ein paar Minuten lang. Dann wurde es ihm zu langweilig und er ging wieder weg auf der Suche nach stärkeren Empfindungen. Knuddeln, nie im Leben! Dies wurde auf keinen Fall erlaubt und mit Empörung, scharfe Krallen und Knurren zurückgewiesen. Nach der Kastration aber wurde er empfänglicher für Liebkosungen. Er wurde auch häuslicher. Jetzt geschah es öfters dass er meine Beine streifte um gestreichelt zu werden. Man konnte ihn sogar, ab und zu, in gemässigten Abständen und mit entsprechender Vorsicht und Zurückhaltung, auf den Schoss nehmen. Ja, die (sexuelle) Hörigkeit, die Gefügigkeit, die Gehorsamkeit, die Zähmung!

Dann kam Berinjela. Das war für Ivan ein weiterer Schock. Was machte dieser kleine Eindringling in seinem Haus, warum ass er von seinem Futter? Was sahen die Menschen an dieser kleinen Maus, dass sie so entzückt waren? Warum nahmen sie sich so viel Zeit mit ihr zu spielen? Er war beleidigt und ging ein paar Mal aus dem Haus für längere Perioden.

Berinjela wuchs und wurde, trotz fehlender Innereien, eine charmante, kleine, niedliche und zärtliche Katze. Sogar Ivan, trotz fehlender Aussereien, blieb nicht unempfänglich für so viele Reize. Er näherte sich ihr und langsam begannen die Liebesspiele. Er leckte sie von oben bis unten, er leckte sie so viel und so lange bis es ihr zu viel wurde und sie sich wehrte. Dann begann der ernstere Teil des Spiels. Sie rannten durch das Haus, er fang sie, sie kämpften und endlich beherrschte er sie. Sie unterlag und lag unten. Er unternahm sichtlich den Versuch zu kopulieren, doch zeigte sie fehlendes Interesse, ihm fehlten die technischen Voraussetzungen. Also gaben sie es auf, oder besser, nach einer Pause, begann alles noch einmal, bis beide, ermüdet, das Spiel einstellten.

Ich, zurück von dem versinkenden Voyeurismus, konnte nun weiter theorisieren. Die Sexualität, trotz fehlender Ausser- und Innereien war doch, scheinbar, nicht ausgestorben. Sie suchte nur andere Wege, andere Formen sich auszudrücken. Liebe und Leben gehörten also doch zusammen. So war auch der noch fehlende Teil meines verlorenen Gleichgewichts wieder hergestellt.



Nachwort

Was habe ich gegen das Happy End? Eigentlich nichts, ausser der Tatsache dass es meistens nicht stimmt. Erstens, haben die Sachen kein Ende, und zweitens, wenn es happy sein sollte, dann meistens nicht für sehr lange Zeit. Dies trifft auch hier zu, bei den Katzen. Ivan ist natürlich nicht sehr glücklich in der Rolle eines abgeworfenen Reiters. Er ist öfters missgestimmt, faucht häufig, ab und zu kommt es sogar zum knurren und er vermeidet sichtlich die Innenwohnung wo sich meistens Berinjela aufhält. Er kommt zum essen und dann geht er wieder weg, zu den Dächern seiner alten Bekanntschaften und rauft ein bisschen zum Zeitvertreib. So, nun ist die Wirklichkeit wieder hergestellt!



Nachwort des Nachwortes

Kaum sind sechs Monate vergangen und es ergibt sich ein ganz anderes Bild. Berinjela hat sich an die etwas ungeschickten Annäherungsversuche von Ivan gewöhnt, hat gelernt sie zu akzeptieren und scheinbar sogar ihre Reize entdeckt. Sie kommt jetzt öfters provozierend auf Ivan zu, den Körper schwankend in weiche, geschmeidige Bewegungen. Damit hat sich die Lage zwischen beide entspannt, sie sind jetzt öfters Seite an Seite und spielen zusammen. Auch ist Ivan häuslicher geworden und sogar uns gegenüber ist er sanfter, freundlicher und akzeptiert besser unsere Liebkosungen. Damit ist das Ende wieder happy. Für wie lange?




Samstag, 18. April 2015

Zwischen Leben und Tod, ein Spiel für Fortgeschrittene (nicht nur)


Haben Sie schon mal versucht das Leben von der Perspektive eines Verstorbenen zu betrachten? Nein? Noch nicht? Dann versuchen Sie es mal. Es ist ganz einfach. Alles ist Übungssache, Gewohnheit, wie die Abendgymnastik oder das Zähneputzen am frühen Morgen.

Nein, ich glaube nicht an Seelenwanderung, ich glaube auch nicht an die Rückkehr der Toten oder andere solche Geschichten. Ich meine hier nur die Einbildungskraft, das Sich-verstellen, die Möglichkeit die Sachen von einer ganz anderen Sicht zu sehen.

Nehmen wir an Sie sind gestorben und sind gerade wieder kurz zurückgekehrt um mal ein Blick auf die gute alte Erde zu werfen. Sie sind unsichtbar für die anderen, oder auch nicht, das ist nicht so wichtig. Wie es auch sei, was Sie sagen wird nicht gehört, was Sie machen wird nicht bemerkt. Das ist doch fast genauso als wie Sie noch am Leben waren, nicht wahr?

Jedenfalls, es geht Ihnen alles nichts mehr an, es ist einfach nicht mehr Ihre Sache, Sie haben damit nichts mehr zu tun. Sie laufen durch die Menge und lächeln erleichtert. Sie sind entlastet, frei von allen Verantwortungen. Sie kennen keine Sorge mehr. Die Beiden die da streiten, was ist denn da so wichtig, dass sie sich so aufregen? Die Zeitungen und Zeitschriften am Kiosk liegen ausgebreitet hinter Glas und Sie merken, zum ersten Mal, wie schön die bunten Farben der Bilder sich vermischen. Der Wind, das himmlische Kind, spielt verzückt mit Haaren und Frisuren, mit den Grashalmen der Wiese die sich wellenförmig wogt und Sie denken nicht an den Regenschirm den Sie zu Hause vergessen haben. Verstanden?

Verstanden! Das mit der Perspektive und der Einbildungskraft mag ja sogar stimmen. Das mit den Zeitungen und den Wind mag ja sogar schön klingen. Und das mit dem Verstorbenen mag ja sogar witzig sein. Aber…Da ist doch die Arbeit, da ist der Chef der wieder einmal schlechter Stimmung ist und gerade verlangt dass ich die Arbeit nochmals schreibe. Da sind die Kinder die essen wollen und der Nachbar telefoniert gerade wegen dem Krach.

Hallo bitte, ein Moment! Langsam mit der Sache! Sie sind Anfänger. Es handelt sich hier nur um eine kleine Übung. Sie machen das alles nur einige Stunden am Tag, nur in besonderen Umständen, wenn Sie mal gerade in der Strassenbahn sitzen und die ernsten Mienen die vor Ihnen liegen durchlaufen, wenn Sie mal gerade wieder Besuch von der alten Tante bekommen, oder am Abend, vor dem Schlafengehen. Das mit der Arbeit und den Sorgen zu Hause, das ist nur für Fortgeschrittene.

Mittwoch, 8. April 2015

Reime (finden) im Ungereimten


Damals,
Siebziger Jahre,
München, Zirkus Krone Bau.

Charlie Rivel, der Clown.
Nach vielen auf und ab der Stühle, die zerbrachen,
Gitarren die verstimmten,
Stimmen die entschwanden,
Finger die einklemmten,
Und Klemme die entfingerten,
Kam das Spiel zu einen Ende.

Mit weit zurückgelegtem Kopf erhob der Clown die Stimme,
Zum Himmel.
Ein langes, tiefes Geheul entstand.
Wie bei Wölfen,
Die Einsamkeit klagend,
Das Rudel rufend.

Später,
Viele Jahre später,
Sah ich den Grock, natürlich nur als Aufnahme.

Der Meister aller Meister.
Der Künstler aller Künste:
Tänzer, Zauberer, Mimiker,
Jongleur und Akrobatiker,
Poet und Musiker.

Grazie im Ungeschick,
Harmonie im Zerwürfnis,
Humor in der Blamage.

Montag, 23. Februar 2015

Das deutsche Brasilien – Eindrücke 2015



Der Besuch bei meiner Tochter in Florianópolis, die Hauptstadt des Staates Santa Catarina, im Süden Brasiliens, war etwas anstrengend. Strände, Strände, und wieder Strände, und was dazu gehört: Menschen, Massen und Maschinen. Stundenlanges sitzen in der Verkehrsstauung, in einer höllischen Mischung von schneidend kalter Luft die aus der Klimaanlage strömt und dampfende Wärme die aus der, durch die prallende Sonne stark erhitzten Polsterung des Autos fliesst.

Ich war also erleichtert als wir die Hauptstadt verliessen und, im Gegenstrom des Tourismus, ins Landesinnere gingen. Der erste Halt war die Gegend von Pomerode. Das kleine Städtchen, ca. 30.000 Einwohner, soll, laut Touristen Prospekt, die deutscheste Stadt Brasiliens sein. Achtzig Prozent der Bevölkerung soll deutsch sprechen, was natürlich nicht viel mehr als Sauerkraut und Apfelmus bedeuten muss.

Warum zog es mich dahin? Mit den Bauern, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts, meistens aus Pommern, nach langer Seefahrt, das Landesinnere erforschten, hat meine Geschichte kaum etwas zu tun. Auch ist mir Entenbraten mit Rotkohl und Eisbein mit Sauerkraut zu fett, Kassler mit Kartoffelsalat kriege ich leicht in Rio und die Käsetorte bäckt meine Frau, nach dem Rezept meiner Mutter, besser. Bierhallen Musik sagt mir nichts, auch sind mir Dirndl, Trachten, traditionelle Tänze und die dazu gehörige Biersauferei fremd.

Und doch….Ich kann mir sehr gut vorstellen mit welchen Schwierigkeiten diese deutschen Einwanderer konfrontiert wurden. Ein völlig fremdes Land, fremde Menschen, fremde Kultur. Hitze, Feuchte und Ungeziefer. Eine erschreckende Üppigkeit die einen ständig überrennt, die ständig alles durchwächst und überflutet mit seiner Opulenz. Bei der Natur die Wucherung von Pflanzen und Insekten. Bei den Menschen der Überfluss an Wörter und Gesten und, hauptsächlich, der Übermass an Versprechen und Vereinbarungen, Behauptungen und Überzeugungen, Schwure und Abmachungen, die dann wieder rückgängig gemacht werden und sich ins Nichts auflösen. Dies alles kann ich mir sehr gut vorstellen und dies hat sehr vieles gemeinsam mit meiner Geschichte, oder besser, mit der Geschichte meiner Eltern.

Der kleine Bauer hat es sehr schwierig in Brasilien, hat es immer sehr schwierig gehabt. Das Land ist fruchtbar aber fruchtbar sind auch Unkraut und Ungeziefer. Wenn es schliesslich zur Ernte kommt, wo bleiben dann die Absatzmärkte? Transport ist schwierig und teuer, der Asphalt kommt nicht überall hin. Grosse Konzerne die Korn und Getreide kaufen (Reis, Mais, Weizen und Sojabohnen) und auch der kleinere Zwischenhändler drücken die Preise nach unten [1]. Die schwierigen Lebensbedingungen haben den Bauer zu Isolierung und Zurückgezogenheit geführt. Ohne Zugang zu dem Absatzmarkt war es kaum möglich zu Geld und somit zu den Konsumgütern und zu moderne Technologie zu kommen. Die Produktion diente meistens dem Eigenkonsum.

Vielleicht helfen diese Tatsachen die Verschlossenheit und Zurückhaltung des Menschen in dieser Gegend zu verstehen. Auch der letzte Krieg und die daraus folgende Ablehnung alles dessen was sich weitläufig als Deutsch anhörte, haben sicherlich eine wichtige Rolle gespielt. Nicht zu vergessen ist natürlich auch die Vergangenheit in Europa. Pommern wurde ständig von Dänen, Schweden, Polen und Preussen umringt. Die Lebensbedingungen der Bauern waren schwierig und Zustände wir Leibeigenschaft und Bauernlegen herrschten lange Zeit.

Wenn ich versuche die Wortkargheit und die düsteren und verschlossenen Mienen in Pomerode mit den Überschwang des Gesprächs dass ich in Florianópolis mit der Gossmama, wahrscheinlich italienischer Abstammung, führte, dann werden mir die Unterschiede klar. Zu meiner Verlegenheit schwenkte sie ihre üppigen Brüste unter meiner Nase, während sie meine Hand streichelte und, mit den kleinsten Einzelheiten, mir die Schikanen die ihre Nachbarin bereitete, erzählte.

Ein paar Mal bin ich in der Bauern Gegend von Pomerode gelaufen. Habe kaum Menschen getroffen, kaum Menschen begrüsst, kaum Gelegenheit gehabt Menschen begrüssen zu können. Der Eindruck den ich gewann war dass die Menschen ins Hausinnere flüchteten sobald sie mich erblickten. Die Fenster waren offen denn die Hitze war gross. Aber die Gardinen waren geschlossen, was eigentlich für Brasilien nicht üblich ist, und ich hatte das Gefühl hinter den Vorhängen beobachtet zu werden. Die Hunde bellten aggressiv und manchmal überschritten sie die Grenzen des Eigentums und kamen auf die Strasse was mich ein paar Mal gezwungen hat zu Stock und Stein zuzugreifen.

Ich habe versucht Gespräche, angeblich in Deutsch, anzuhören. Sobald ich mich aber annäherte verschwiegen die Leute. In Deutsch die Leute anzusprechen war mir zu dumm, und so zu machen als ob ich Deutscher wäre, dazu fehlt mir das schauspielerische Talent. Also gab ich es auf. Was aber sicher ist, ist dass in dieser Gegend Portugiesisch mit sehr starken deutschen Akzent gesprochen wird.

Ich will dies alles lieber der Reserviertheit und Scheuheit zuschreiben. Schliesslich will man ja ein normaler Mensch sein, man möchte sich nicht als Sonderfall auszeichnen und die Exotik lieben meistens nur diese die davon leben müssen. Ich habe kaum Touristen auf dem Land gesehen aber sicherlich kommen Leute von überall um das deutsche Brasilien kennen zu lernen. Auch deutsche. Ein Geschmack davon bekam ich als ich in Pomerode eines Tages am Strassenrand ein kleines Kiosk mit Produkten der Bauern erblickte. Ein junger Deutscher unterhielt sich mit einem alten Verkäufer. „Woher stammen sie?“ fragte der Junge. In seinem fast zweihundert Jahre alten Deutsch, voller portugiesischer Ausdrücke, versuchte der Bauer sechs, sieben Generationen zu überspringen und nannte eine Gegend die wahrscheinlich heute nicht mehr so heisst. Jedenfalls die Augen des Jungen erleuchteten sich nicht. Dann kam die strategische Frage: „In der Weltmeisterschaft für wen waren Sie, für Deutschland oder Brasilien?“ Ich war verlegen, für den Alten und für den Jungen, für die ganze Menschheit, für die fehlende Subtilität, für die Taktlosigkeit und für das geringe Verständnis des Dramas das sich hinter dieser Frage abspielt. Ich wollte mich schon entschuldigen, ich, der nur lauschte, der mit der Geschichte wirklich nichts zu tun hatte, aber ich hatte keine Zeit dazu. Der Alte war anscheinend gewohnt solche Fragen zu antworten, oder war es nur Bauern Schlauheit? Er sagte prompt „Ich bin immer für den Gewinner.

Später, zurück in Rio, habe ich etwas nachgeforscht. Scheinbar sprechen die Leute in der Gegend von Pomerode meistens das Ostpommersche Dialekt, das Pomerano, das stark mit dem Plattdeutsch verwandt ist. Habe mir ein paar Proben davon angehört und es ist tatsächlich schwierig zu verstehen. Im YouTube habe ich mir das Video Die Kolonisten – Deutschbrasilianer im Süden Brasiliens von Ralph Debusmann angehört. Das dort gesprochene Deutsch ist leicht verständlich aber es spielt sich in einer anderen Gegend, im Staat Rio Grande do Sul, ab.

In Treze Tilias (Dreizehn Linden), im Osten des Staates Santa Catarina, ein noch viel kleinere Ort (ca. 6000 Einwohner) als Pomerode, habe ich die Dame bei der wir gewohnt haben gefragt ob sie sich mit mir in Deutsch unterhalten würde. Sie lächelte verlegen und sagte dass ihr deutsch sehr schlecht sei. Wir unterhielten uns in Portugiesisch aber ab und zu kamen deutsche Wörter dazu. Das Städtchen wurde 1933 von Andreas Thaler, der in Österreich Landwirtschaftsminister war, gegründet. Angeblich wollte er den Bauern, aus ihre wirtschaftliche Not, helfen. Ob es da Differenzen mit dem Austrofaschismus, besonders Dollfuss und Schuschnigg gab, konnte ich leider nicht erfahren aber es ist schwer zu glauben dass Thaler nur aus visionären Idealismus so einen gewagten Schritt machte.

Jedenfalls stammen die meisten Einwohner von Treze Tilias aus dem Tirol und sind meistens eine Mischung aus italienischer und österreichischer Abkunft. Auch die Bauten die man im Stadtkern sieht entsprechen den Häusern die man in der Alpengegend findet, im Gegensatz zu den Fachwerkhäuser in Pomerode.

Ich gebe gerne zu dass es reiner Vorurteil sein mag aber ich fand die Menschen in der Gegend von Treze Tilias viel aufgeschlossener und die Atmosphäre viel abgespannter. Auch habe ich dort ein paar Mal deutsch auf der Strasse gehört. Der Rechtfertigung halber muss ich sagen dass Treze Tilias einer ganz anderen Zeit gehört, dass eine andere Geschichte und andere Kolonisationsbedingungen zu Grunde legen.

Dies alles sind nur Teile einer Geschichte, die traditionsreicheren, die nostalgischeren, die eigentümlicheren. Viele der Söhne, Enkel oder Urenkel der deutschen Einwanderer des neunzehnten Jahrhunderts haben schon seit langer Zeit das Land und die Landwirtschaft mit ein städtischeres Leben umgetauscht und arbeiten heute in Industrie und Handel. Die Gegend um Blumenau und Joinville gehört heute zu einer der stärksten industriellen Gebieten Brasiliens. Selbst in Pomerode strömten zur Mittagszeit, die Träger von Identifikations- und Kreditkarten die Kaffees und Speisesäle und am Wochenende exponierten einige von ihnen stolz, anstatt den Karten, ihre zu Glanz aufgeputzten Mätressen. Ganz normal, ganz wie üblich, ganz wie überall!

Als wir im Wunderwald in Pomerode wieder einmal Entenbraten essen wollten, hielt am Parkplatz, Visavis von mir ein grosser schwarzer Mercedes aus Blumenau von einen dicklichen, älteren Herrn geführt. Auch im Restaurant sassen wir Visavis und so konnte ich ihn genau beobachten. Im Speisesaal spielte ein Mann mit runden roten Gesicht, blondes kurzes Haar und eine Metallbrille, deutsche Volksmusik auf einer Ziehharmonika. Wenige hörten zu. Der Herr mit dem Mercedes war aber scheinbar nur gekommen wegen der Musik. Ständig erhob er sich, verlies Messer und Gabel und ging zu dem Runden Roten und flüsterte einiges, nahm das grosse Heft das vor ihm lag und wählte etwas daraus. Zurück zu seinen Tisch sang er lebhaft und begeistert mit. Seine Frau schaute gelangweilt und gelassen um sich und war scheinbar solche Szenen gewohnt. Ich folgte etwas distanziert das ganze Schauspiel und war eigentlich mehr am visuellen als am akustischen interessiert, denn die deutschen Lieder die meine Mutter sang, hatten mit der Musik die aus der Ziehharmonika kam, wenig gemeinsames. Und doch…Auf einmal war es da. Der Rote mit den runden Gesicht spielte Horch, was kommt von draussen rein. Ich vergas natürlich nicht den Entenbraten, sang natürlich nicht mit, aber auch ich erhob mich und ging zu den Runden Roten und warf ein paar Münzen in seinen Hut.


Bemerkung:

[1] Dies hat sich in der letzten Zeit etwas verbessert, denn die Bauern haben Vereine gegründet die dann Produkte wie Wurst, Gelee, Konserven und allerlei Eingemachtes in den Städten absetzen können. Wir haben den Anbau von Palmen aus denen man das Palmenherz gewinnt aber auch Schweine und Rinderzucht gesehen. Auch wird Tabak und Maniok angepflanzt. Trotzdem ist das Leben des Kleinbauers schwierig.