Donnerstag, 21. Mai 2015

Über die Sexualität...der Katzen



Im Prinzip bin ich gegen Haustiere. Ich liebe die Natur aber ich bin der Meinung sie gehört dahin wo sie hin gehört und ich finde es fehlender Respekt, wenn man einem Hund Schuhe anzieht, ihn frisiert und parfümiert und einer Katze den Raum verbietet den sie benötigt um neue Bekanntschaften zu machen.

Nun, das ist die Theorie, eine mögliche Rechtfertigung und Begründung der Konzepte die man hat. In Wirklichkeit muss man berücksichtigen was hinter den Anschauungen steckt. Meine Eltern haben Tiere, zu Hause, nie erlaubt. Nicht einmal ein Aquarium hatten wir und so weit ich mich erinnere hat es bei uns, als Tiere, nur kleine Schildkröten gegeben die, sobald sie etwas grösser wurden, im Zoologischen Garten kamen. Wahrscheinlich war es meiner Mutter zu viel Arbeit und auch haben wir, während meiner Kindheit, immer in Apartments gewohnt.

Anders bei meiner Frau. Auch sie ist in einer Etagenwohnung aufgewachsen aber die Familie hatte ein Ferienhaus und ihre Mutter liebte Katzen und hat auch immer Katzen zu Hause gehabt.

Als wir zusammenzogen und dann die Kinder kamen wurde ich schnell, zusammen mit meiner Theorie, zu Minderheit. Wir haben erst einen schwarzen Kater adoptiert und später kam dazu ein Weibchen, auch schwarz, Berinjela (in Deutsch, Aubergine). Wo ich mich aber durchsetzen konnte, d.h. nur anfänglich, war im Bereich der Sexualität. Kastrierung, nein, niemals! Liebe und Leben dass gehört doch zusammen und wenn dieser Gedanke bei Menschen wahr sein soll, warum nicht bei den Katzen?

Nun, wie der Leser sicherlich schon erraten hat, war das wieder einmal Theorie. Die Wirklichkeit sah dann ganz anders aus. Nach den grünen Jahren, als seine Sexualität ausreifte, trieb es Ivan, das ist der Kater, erst in der Nachbarschaft herum, dann ging es weiter und immer weiter. Er kehrte verletzt zurück, wurde dann mit allen Ehren als Held empfangen, hielt es einige Tage bei uns aus und dann ging es zurück in den Rummel.

Nur als Bemerkung, um die ganze Sache verständlicher zu machen, muss noch gesagt werden dass zu dieser Zeit Berinjela noch nicht geboren war und dass wir in einen Haus wohnen, die Katzen also freien Zugang zu dem Dach und von dort aus zu der ganzen Welt haben, leicht und schnell.

Eines Tages kehrte Ivan so verletzt zurück, dass wir den Tierarzt rufen mussten. Der Arzt diagnostizierte Katzenleukämie und empfahl nachdrücklich eine Kastration indem er mich an meine sozialen Pflichten ermahnte. Die kranke Katze könnte nämlich die Tiere der Nachbarschaft infizieren und die Kastration würde dieses Risiko sehr einschränken.

Ich bin im allgemein von skeptischer Natur aber besonders bin ich skeptisch in Bezug auf Ärzte. Sie mischen sich zu sehr in unsere Angelegenheiten ein und ich bin der Meinung dass es meine Aufgabe ist zu wissen was für mich das Richtige ist. Das mit den sozialen Pflichten überzeugte mich nicht denn, erstens, die Krankheit bekam Ivan doch nur durch schon infizierte Katzen der Nachbarschaft, also hatte wahrscheinlich der Virus die Grenzen der Ausbreitung schon erreicht und, zweitens, obwohl ich schon ein Zusammenhang zwischen der Kastrierung und den Bewegungsradius sah, war ich mir nicht so sicher über den Zusammenhang zwischen diesen letzten und den sozialen Schaden. Die Katze würde ja weiter ihren Auslauf haben, daran war nichts zu ändern, sie würde weiter ihre Bekanntschaften machen, das war nicht zu vermeiden und das gab der Tierarzt auch zu, aber alles in kleineren Ausmass. War da das quantitative so ausschlaggebend um qualitative Änderungen im Leben des Tiers zu rechtfertigen?

Brücksichtigen musste man auch die Tatsache dass der Tierarzt sich natürlich ein gutes Geschäft mit der Kastrierung versprach und dass dies möglicherweise der Grund des ganzen Räsonierens war.

Trotz dieser relativierenden Gedanken war aber die Niederlage nicht zu übersehen. Zwei mal hintereinander hatte es mit meinen festen Überzeugungen nicht geklappt. Zwei mal hatten sich meine Auffassungen als falsch erwiesen. Ich war erledigt und zugrunde gerichtet durch die niederschmetternden Fakten. Ich war zu allem bereit. Vor allem war ich bereit meine proaktive Einstellung zu ändern um lediglich passiver Beobachter zu werden. Ich konnte dann meine Theorien aufstellen ohne die Notwendigkeit sie in Praxis umzusetzen. Mit diesem Gedanken wurde mein emotionelles Gleichgewicht teilweise wieder hergestellt.

Ivan wurde also kastriert. Später, als wir Berinjela aufnahmen wurde auch sie, ohne viel räsonieren, sterilisiert. Der Bauch wurde aufgeschnitten und sämtliche Reproduktionsorgane wurden entfernt.

Nun, was meinten dazu die Katzen? Katzen sind sehr sinnliche Tiere, d.h. man kann auf Grund von Beobachtungen und physischen Kontakts leicht eine Verständnisbasis mit ihnen aufbauen. Sie lassen einen ganz klar spüren was ihnen passt und was ihnen nicht passt und man kann, wenn man will, viel mit ihnen lernen über die Notwendigkeit des Respekts gegenüber andere Formen des Empfindungsvermögens.

Ich, jetzt nur Beobachter, musste feststellen dass die Verhaltensweise von Ivan sich langsam änderte. Als er noch zeugungsfähig war, hat er das Streicheln nur erduldet, ein paar Minuten lang. Dann wurde es ihm zu langweilig und er ging wieder weg auf der Suche nach stärkeren Empfindungen. Knuddeln, nie im Leben! Dies wurde auf keinen Fall erlaubt und mit Empörung, scharfe Krallen und Knurren zurückgewiesen. Nach der Kastration aber wurde er empfänglicher für Liebkosungen. Er wurde auch häuslicher. Jetzt geschah es öfters dass er meine Beine streifte um gestreichelt zu werden. Man konnte ihn sogar, ab und zu, in gemässigten Abständen und mit entsprechender Vorsicht und Zurückhaltung, auf den Schoss nehmen. Ja, die (sexuelle) Hörigkeit, die Gefügigkeit, die Gehorsamkeit, die Zähmung!

Dann kam Berinjela. Das war für Ivan ein weiterer Schock. Was machte dieser kleine Eindringling in seinem Haus, warum ass er von seinem Futter? Was sahen die Menschen an dieser kleinen Maus, dass sie so entzückt waren? Warum nahmen sie sich so viel Zeit mit ihr zu spielen? Er war beleidigt und ging ein paar Mal aus dem Haus für längere Perioden.

Berinjela wuchs und wurde, trotz fehlender Innereien, eine charmante, kleine, niedliche und zärtliche Katze. Sogar Ivan, trotz fehlender Aussereien, blieb nicht unempfänglich für so viele Reize. Er näherte sich ihr und langsam begannen die Liebesspiele. Er leckte sie von oben bis unten, er leckte sie so viel und so lange bis es ihr zu viel wurde und sie sich wehrte. Dann begann der ernstere Teil des Spiels. Sie rannten durch das Haus, er fang sie, sie kämpften und endlich beherrschte er sie. Sie unterlag und lag unten. Er unternahm sichtlich den Versuch zu kopulieren, doch zeigte sie fehlendes Interesse, ihm fehlten die technischen Voraussetzungen. Also gaben sie es auf, oder besser, nach einer Pause, begann alles noch einmal, bis beide, ermüdet, das Spiel einstellten.

Ich, zurück von dem versinkenden Voyeurismus, konnte nun weiter theorisieren. Die Sexualität, trotz fehlender Ausser- und Innereien war doch, scheinbar, nicht ausgestorben. Sie suchte nur andere Wege, andere Formen sich auszudrücken. Liebe und Leben gehörten also doch zusammen. So war auch der noch fehlende Teil meines verlorenen Gleichgewichts wieder hergestellt.



Nachwort

Was habe ich gegen das Happy End? Eigentlich nichts, ausser der Tatsache dass es meistens nicht stimmt. Erstens, haben die Sachen kein Ende, und zweitens, wenn es happy sein sollte, dann meistens nicht für sehr lange Zeit. Dies trifft auch hier zu, bei den Katzen. Ivan ist natürlich nicht sehr glücklich in der Rolle eines abgeworfenen Reiters. Er ist öfters missgestimmt, faucht häufig, ab und zu kommt es sogar zum knurren und er vermeidet sichtlich die Innenwohnung wo sich meistens Berinjela aufhält. Er kommt zum essen und dann geht er wieder weg, zu den Dächern seiner alten Bekanntschaften und rauft ein bisschen zum Zeitvertreib. So, nun ist die Wirklichkeit wieder hergestellt!



Nachwort des Nachwortes

Kaum sind sechs Monate vergangen und es ergibt sich ein ganz anderes Bild. Berinjela hat sich an die etwas ungeschickten Annäherungsversuche von Ivan gewöhnt, hat gelernt sie zu akzeptieren und scheinbar sogar ihre Reize entdeckt. Sie kommt jetzt öfters provozierend auf Ivan zu, den Körper schwankend in weiche, geschmeidige Bewegungen. Damit hat sich die Lage zwischen beide entspannt, sie sind jetzt öfters Seite an Seite und spielen zusammen. Auch ist Ivan häuslicher geworden und sogar uns gegenüber ist er sanfter, freundlicher und akzeptiert besser unsere Liebkosungen. Damit ist das Ende wieder happy. Für wie lange?