Montag, 7. Dezember 2015

Das Andere, das Verschiedene: Exklusion, Inklusion oder Integration?



Dieser Text ist ein Beitrag zum Thema „Pegida ist Toll“ den ich zwischen Oktober und Dezember 2015 im Literaturforum (www.literaturforum.de) veröffentlicht habe. Der Beitrag wurde in fünf Teile geteilt die hier durch die Abschnitte angedeutet werden. PEGIDA (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) ist eine obskure rechte Organisation die in Dresden seit 2014 gegen die Einwanderungs- und Asylpolitik Deutschlands und Europas, Demonstrationen organisiert hat. Zentral zum Thema ist das Andere, das Verschiedene und wie man damit umzugehen soll/kann. Das Thema wurde von einen Gedicht von Strickdichter eingeführt auf welches hier mehrmals Bezug genommen wird. Innerhalb der Diskussion wurde auch das „Stottern“ eingeführt, eine persönliche Erfahrung Strickdichters das auch mit dem Anderen, dem Verschiedenen, liiert ist.


Einführung

Folgende Gedanken haben als Auslöser einen Beitrag von Strickdichter, alias Michael, vom 20.10.2015. Dort heisst es: wollen wir Immigranten integrieren oder inkludieren?

In einen darauf folgenden Beitrag vom 21.10 hat dann Michael eine Verbindung mit dem Stottern gemacht und dadurch den Unterschied zwischen Inklusion und Integration verdeutlicht:

Doch genau da ist es wie bei PEGIDA oder der Integration oder dem Sprache lernen ... Menschen sind unterschiedlich und einen Königsweg (er bezieht sich auf den Film The King's Speech) gibt es nicht. In den 1940er Jahren und bis heute noch, wird bestenfalls Integration vermittelt, statt Inklusion ... alles in allem: wenn jemand stottert, so what? Ist es wichtig - nein, ist es nicht.
Es gibt sicher Berufe, wo es schwierig ist, doch selbst da verändern sich Menschen während des Tuns ... ich habe seit 2001 Dutzende Fachvorträge gehalten und stand seit 2009 ebenfalls Dutzende Male auf Kleinkunstbühnen ... ja, klar kommt da mal ein Hänger bzw. Block .... klar, kann das den Vortrag beeinflussen, doch das so weit ich das einschätzen kann, ist das 90% der Zuhörer nicht so wichtig, denn primär zählt, was da jemand von sich gibt.
Und mitunter kann das Stottern auch ein Alleinstellungsmerkmal sein. Die Leute werden sich definitiv an mich erinnern. Stottern polarisiert auch ein Stückweit ... da gibt es Leute, die vielleicht eher wie Hucke ticken und dann gibt es jene, die auch andere Sichtweisen einnehmen können. Das hat allerdings oft mit einem gewissen Erfahrungsspektrum zu tun ... und da ist eben jeder an dem Stand, wo er (oder sie) ist.

Ich finde das trifft den Kern des Problems der Flüchtlinge von der menschlich/psychologischen Seite (natürlich gibt es noch andere Seiten), nämlich, wie sollte man mit dem Verschiedensein umgehen: Repression/Exklusion, Inklusion oder Integration? Da ich dies wichtig finde will ich einige Bemerkungen dazu machen.

Mit Inklusion meint Michael scheinbar die Tatsache dass einer akzeptiert wird so wie er ist und das man ihn nicht drängt sich an der Mehrheit anzupassen um aufgenommen zu werden. Das wäre dann Integration. Habe ich das richtig verstanden?

Dieses Thema zu vertiefen fällt mir nicht leicht. Es soll keine Abhandlung werden. Anderseits, eine Vereinfachung bringt nicht viel. Es gibt auch einen zeitlichen Druck. Wir sind hier ein Diskussions-Forum und es soll keine Reflexions-Übung werden. Der Kompromiss sieht wie folgt aus. Ich verzichte auf jeden stilistischen Kniff (soweit ich dies überhaupt kann). Kurze Sätze, abgehakt. Nicht immer wird der Übergang von einer Idee zur nächsten sanft und abgerundet sein. Splitter. Scharfe Kanten. Auch verzichte ich auf Reife. Ideen müssen eigentlich ausgereift werden. Die Kost wird hier roh an dem Tisch gebracht. Einiges wird nicht schmecken, anderes wird nicht stimmen. Ich bitte um Verständnis und, vor allem, um Korrektion! Da es keine Abhandlung sein sollte, verzichte ich auf langwierige und komplizierte Denkansätze. Ich will mehr Beispiele benutzen, also bevorzuge ich das spezielle, besondere, anstatt das allgemeine, generelle. Ein Risiko ist die dadurch verzerrte Einsichtigkeit. Auf Klarheit will ich nicht verzichten, aber Kurz und Klar, gelingt mir das?

Ich verzichte auch auf die moralisch-ethische Perspektive. Ich will von der humanistischen Perspektive ausgehen, d.h., was nutzt dem Menschen mehr? Mensch wir hier im weitmöglichsten Sinne verwendet, sowohl zeitlich als auch räumlich. Das es andere Perspektiven gibt, d.h. dass etwas anderes für eine kleine Gruppe Menschen, eine Nation, ein Volk, während eine kurze Zeitspanne, besser sein könnte, das bezweifele ich nicht.


Reinheit und Diversität

Ich habe nicht lange nachgeforscht aber was man normalerweise als Reine Rasse unter Tieren versteht ist das langjährige Produkt von gezielter Kreuzung sodass einige gewünschte Merkmale sich verstärken und stabilisieren.

Nehmen wir z.B. eine reinrassige deutsche Holstein Kuh. Sie ergibt durchschnittlich 9000 kg Milch im Jahr, das sind fast 25 Liter am Tag. Es handelt sich um ein Hochleistungstier das natürlich sehr anspruchsvoll ist in Bezug auf Nahrung, Wasser, Klima und sonstige Bedingungen. Hochwertiges Futter, Stallhaltung sind notwendig. Bei einer Temperatur von 15°C sind schon 80 Liter, bei 30°C sogar 100 Liter Wasser pro Tag notwendig. Die ganzjährige Stallhaltung belastet die Tiere sodass Erkrankungen wie Euterentzündungen, Zitzenverletzungen, Entgleisungen des Stoffwechsels, Lahmheiten und Fruchtbarkeitsstörungen häufig sind. Folglich werden die Milchkühe durchschnittlich in einem Alter von weniger als fünf Jahren geschlachtet. Die Anpassung des Holstein-Rindes an ein warmes Klima ist schlecht (die optimale Temperatur liegt zwischen 5 und 20°C) und sie sind für eine extensive Haltung nicht geeignet.

Ich will mal ein weniger radikales Beispiel nehmen: der Labrador-Retriever, eine Hunderasse. Kräftig gebaut, breiten Schädel, breiter und tiefer Brustkorb. Freundliche Natur, gutmütig, wenig aggressiv, geduldig, menschenfreundlich. Liebt das Wasser. Allerdings neigt der Hund zu Hüftgelenkproblemen, Augenkrankheiten und Myopathie.

Diese zwei Beispiele genügen um das zu zeigen worauf ich hin will. Nämlich dass die Sachen immer von verschiedenen Seiten betrachtet werden müssen. Alles hat seine Vor- und Nachteile, sein Für und Wider. Auch die Reinheit. Trinkt einer viel Milch und will nicht viel dafür bezahlen dann ist wahrscheinlich das Holstein-Rind eine mögliche Lösung. Will er einen gutmütigen, freundlichen Hund, dann soll er (meinetwegen) sich ein Labrador kaufen. Würde man Kühe und Hunde (und deren Freunde) fragen so würden wahrscheinlich Forschungs- und Kreuzungstechniken in einer radikal anderen Richtung gehen.

Was wir von der Kuh oder von dem Labrador wollen das müsste jetzt klar sein. Was wollen wir aber vom Menschen? Kann das jemand sagen? Wenn man mich fragen würde, dann hätte ich grosse Schwierigkeiten. Nach vielen Nachdenken, würde ich wahrscheinlich zu solchen vagen und nichts sagenden Formulierungen kommen wie Glücklichsein oder Zufriedenheit. Aber, wie kommt man dazu?

Michael, alias Strickdichter, schlägt das Lachyoga vor. Ich kenne aber dutzend andere Richtungen innerhalb des Yogas. Und, ist Yoga der einzige Weg?

Ich gebe gerne zu das Lachen wichtig ist. Ich, persönlich, lache gern und viel. Aber…wie bringt man damit das essen auf dem Tisch? Und wenn das weinen dazu notwendig sein sollte? Ausserdem lachen ohne Grund und Motivation (siehe Video von Strickdichter), das überzeugt mich nicht. Es scheint mehr ein Krampf, oder ist es Hysterie, Massen Hysterie? Katharsis? Oder ist es eine Variante des keep smiling?

Ich will mal ein Beispiel nehmen für die Schwierigkeiten die beim Menschen auftauchen. Da hier von Reinheit die Rede ist will ich mich daran halten. Reine/saubere Strassen und unreine/schmutzige Körper oder schmutzige Strassen und saubere Körper, was ist besser? Vielleicht sind saubere Strassen und saubere Körper das Beste aber auch das würde ich bezweifeln. Ich habe da meine Erfahrungen und bin der Meinung dass allzu viel Sauberkeit eher schaden kann.

Glücklicherweise gibt es keine strikte und eindeutige Weise glücklich zu sein. Wenn es das gäbe dann wäre das Leben ein Rezept, ein enger Pfad und könnte gerade deswegen nicht zu Glücklichkeit führen. Es wäre so etwas wie schlechte Kulinarik, denn sogar gute Kulinarik lebt von der Möglichkeit des Anderssein, der Variation, der Verschiedenheit der Zutaten, der Vielfalt der Formen und der Zubereitungsmöglickeiten.

Gäbe es ein Mensch ohne Kopf, dann gäbe es auch die Möglichkeit ohne den Kopf glücklich zu sein. Diese Idee, die mir gerade durch den Kopf gegangen ist und die ich erst als Scherz aufgenommen hatte, habe ich dann ernst genommen. Wollte die Birne sogar abschrauben aber so leicht geht das nicht (ausserdem könnte ich dann diesen Text nicht beenden). Jedenfalls werde ich die Idee mal durch den Kopf gehen lassen, denn Kopflos lässt sich vielleicht besser leben.

Das Gegenteil, d.h., dass einer nur Kopf ist, das gibt es (oder fast). Da ist doch der Stephen Hawking, der dem Ideal des reinen Geistes (siehe brain in a vat) nahe kommt. Scheint doch glücklich zu sein!

Ich kenne Menschen ohne Beine, ohne Arme die nicht unglücklicher zu sein scheinen als perfekte Menschen. Gibt es das überhaupt, die Perfektion? Ich habe nie eine engere Beziehung mit einem Blinden gehabt aber ich kann mir gut vorstellen dass auch das, seine Vorteile haben kann. U.a. die Introspektion, d.h. die Entwicklung einer inneren Welt, die Möglichkeit der Entwicklung andere Sensibilitätsformen, die Erweiterung des Empfindungsvermögens, usw. Ähnliches gilt wahrscheinlich auch für das Stottern. Hat man da gewisse Schwierigkeiten beim Sprechen, so hört man wahrscheinlich besser zu, passt mehr auf auf was man sagt, sagt es dann vielleicht synthetischer und überlegt es sich besser.

Leben ist Vielheit, Verschiedenheit, Diversität. Wäre die genetische Streuung eng, so gäbe es Leben schon seit langen nicht mehr. Die Breite der genetischen Streuung und die damit verbundene Schnelligkeit der Anpassungsfähigkeit sind sicherlich wichtige Merkmale der Überlebenschancen.


Andere Wege, andere Kulturen: Afrika

Wenn ich mal Selbstkritik machen darf so würde ich sagen dass der obige Abschnitt zu allgemein und zu breit ist. Andere Menschensorten zu akzeptieren auf der Basis ihrer individuellen Eigenschaften, Blinde, Lachende, Stotternde, ohne Kopf, nur Kopf, usw. fällt uns relativ leicht, obwohl wir nicht vergessen sollten dass die NSDAP die Homosexuellen und die Prostituierten in den KZs eingesperrt hat (nicht nur Juden und Zigeuner).

Wie sollte man aber mit anderen Kulturen umgehen? Das ist doch das wesentlich im Fall Pegida. Um konkret und anschaulich zu bleiben (siehe Einführung) so will ich über einige persönliche Erfahrungen berichten was mir aber, ehrlich gesagt, nicht sehr angenehm ist. Nicht dass ich unpersönlich bleiben möchte, aber Argumente auf persönliche Erfahrungen zu basieren scheint mir nicht das Angebrachteste.

Bevor ich aber über einiger meiner Erfahrungen mit anderen Kulturen berichte, möchte ich noch etwas Allgemeines sagen, nämlich über die Angst vor dem Fremden und ihre Ursachen. Auf der ersten Seite von Pegida ist Toll habe ich das Wort Angst fünfmal gefunden (natürlich nicht immer mit dem Sinn den ich hier benutzen werde). Im Gedicht dass das Thema eröffnet steht: Doch wo die Angst in Herde schwirrt, sich so mancher halt verirrt und das ist ungefähr was ich meine (so glaube ich es mindestens). Man wird mich mit psychologisieren beschuldigen aber, ich kann nicht anders. Ausserdem bin ich fest überzeugt dass man nicht den Kern der Problematik erfassen kann, wenn man nicht die psychologische Komponente mitberücksichtigt.

Die psychologische Komponente des Fremdenhasses ist, nach meiner Meinung, die Angst. Die Angst vor dem Anderen, vor dem Verschiedenen. Dies wiederum ist eine Folge des Traumas der Geburt (siehe Otto Rank). Solange man im Schoss der Mutter war, war man geborgen, eins im Einen. Sobald man von diesem Einsein ausgestossen wurde, sobald man zum Anderen, zum Verschiedenen wurde, fingen die Probleme an. Die Angst ist also seit dem Anfang unserer Existenz mit dem Verschiedenen eng verbunden.

Diese Urangst wird man niemals ganz los. Man kann aber lernen damit umzugehen. Der erste Schritt ist das Bewusstsein. Man muss die Angst verstehen und nicht leugnen oder verdrängen. Man muss verstehen dass Leben Verschiedenheit ist und dass die damit verbundene Lebens-Breite und Freiheit auch ihre Reize hat. Man muss lernen diese Freiheit und Breite zu lieben und erkennen dass der Weg zurück zum Schoss der Mutter (Erde) den Tod bedeutet.

Ich würde sagen dass auch Hochmut die gleichen Wurzeln hat. Aus Angst vor dem Anderen, schliesst man sich in sich selber ein (vielleicht mit seine Freunde und Kumpel). Man wird zum Mass, zur einzigen Referenz, zum Allwissenden, zum Allherrschenden.

Um nicht nur beim psychologisieren zu bleiben, um auch die politisch- gesellschaftliche Komponente zu erwähnen, muss natürlich gesagt werden dass diese Angst, von den Schlauen (es gibt derer sehr viele) gerne benutzt wird um Eigennutzen daraus zu schlagen (siehe z.B. die Versicherungen). Besonders der Faschismus benutzt die Angst vor dem Fremden zur Mobilmachung der Massen. Es wird ein Sündenbock kreiert der alle Aufmerksamkeit auf sich lenkt und somit erlaubt dass in seinen Schatten die dunklen Machenschaften ausgeführt werden, die eigentlich das wirkliche Ziel des Faschismus (Macht und Privilegien) sind.

In Wirklichkeit muss man lernen zu erkennen dass die Angst vor dem Anderen, vor dem Verschiedenen, so etwas wie eine Angst vor ein Gespenst ist. Macht man die Augen (der Empfindung) auf und das Licht (der Erkenntnis) an, so verschwindet das Gespenst.

Um die Reize der Verschiedenheit anschaulich zu machen will ich über einige meiner Erfahrungen berichten. Im Jahr 2007, also gar nicht so lange her, war ich für ein paar Wochen in Ouidah, Benin, Westafrika. Habe dort ein Kurs gegeben. Anschliessend war ich noch ein paar Tage in Johannesburg, Südafrika. Durch den Kurs habe ich Kontakte mit mehren Einwohnern gemacht und wurde ein paar Mal eingeladen. Die Leute sind sehr offen und sehr gastfreundlich. Bei sehr einfachen Leuten habe ich oft auf dem einzigen Stuhl im Haus gesessen. Der Boden war aus Lehm. Wasser wurde mir angeboten und ich musste es auch trinken (oder so machen als ob).

Wir haben auch einen ganzen Vormittag (oder war es ein Nachmittag?) bei einen Babalawo (Priester) verbracht der uns einiges über die Voodoo Religion erklärt hat (für mich war nicht alles fremd da wir hier in Brasilien das Candomblé und die Umbanda haben die dem Voodoo ähnlich sind). Natürlich kann man dazu Aberglaube, Hexerei, Unwissenheit, Unkultur sagen. Damit ist die Sache erledigt. Ich finde aber dass in einigen Sachen die Voodoo Religion den westlichen Religionen weit überlegen ist.

Nehmen wir z.B. den Umgang mit dem Tod. Der Tod ist etwas besonders wichtiges. Lernt man mit dem Tod gut und friedlich umzugehen so gewinnt das Leben an Harmonie und Entspannung. Der Tod ist der Rückkehr in dem Schoss der Mutter (Erde). Vom Schoss (der leiblichen Mutter) zurück zum Schoss (der Mutter Erde), das ist das Leben. Von Leib zu Lehm. Sowohl der Anfang als auch das Ende sind, bei den meisten Menschen, mit Schmerz verbunden. Aus dem Schmerz entspringt die Angst. Der Schmerz des Anfangs ist, wie bereits schon erwähnt, der Schmerz der Geburt, des Abstossens, der Ankunft in einer fremden Welt voller Überraschungen (nicht alle angenehm). Der Schmerz des Endes ist Krankheit, Verlust der körperlichen und geistigen Fähigkeiten, Einsamkeit, usw. Zu der Angst vor dem eignen Tod kommt dann noch die Angst vor dem Tod der Menschen die wir lieben und von denen wir abhängig sind.

Natürlich gilt es, diese Angst zu überwinden. Angst bedeutet Spannung und Verklemmtheit. Wie gelingt einem das? Wir haben einiges über die Angst der Geburt gesehen. Wie kann man aber die Angst des Todes überwinden lernen? In den meisten westlichen Kulturen ist der Tod, „The End“ und es gilt dieses Ende mit allen möglichen und manchmal unmöglichen Mitteln hinauszuschieben. Natürlich gibt es die Auferstehung, den Himmel (und die Hölle), die unsterbliche Seele, usw. die den Übergang von Leben zu Tod sanfter machen sollen. Es handelt sich aber hier um sehr abstrakte und weit entfernte Instanzen. Man kann sie weder fühlen noch erfahren. Es gibt natürlich auch das Werk, aber nicht allen gelingt das. Es gibt die Kinder, aber im Westen wird die Bindung zur Familie immer schwächer und lockerer.

Wie ganz anders ist es bei dem Voodoo oder dem Spiritismus. Wenn man die Wünsche eines Verstorbenen erfahren, sein Wohlbefinden befragen und mit ihm Kontakt aufnehmen kann, dann entschwindet ein grosser Teil der Tragik des Todes. Durch die Mediums ergibt sich auch der konkrete Kontakt mit dem Jenseits, man schlägt eine Brücke zur Metaphysik. Ich habe mehrere Häuser in Ouidah besichtigt wo ein Zimmer für die Toten bestimmt war. Dort waren die Gegenstände die die Verstorbenen am meisten liebten, Andachts-Bilder, ein kleines Altar, usw. Dadurch ergibt sich, in einer gewissen Weise, ihr Weiterleben. Ähnliches wird im Hinduismus und Buddhismus durch die Reinkarnation ermöglicht, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte. Alle diese Kunstgriffe, nennen wir es mal so von der westlichen Perspektive, dienen sehr gut um der Tragik (des Todes) und somit der Angst davon, den Boden unter den Füssen zu nehmen. Zusätzlich, gewinnt das Leben an Kontinuität, denn wenn die Ahnen mit uns weiterleben dann fliesst das Leben sanfter. Die zeitliche Perspektive erweitert sich dadurch denn wenn das Sein nicht nur Leben bedeutet aber auch was danach kommt (gilt auch für die Reinkarnation) dann erweitert sich der Lebenshorizont.

Es gäbe viel weiteres Schöne über afrikanische Kulturen zu erzahlen. Stichartig, u.a.:
a) Die geringe Wichtigkeit moralischer Aspekte. Die Halbgottheiten (orixás oder loas) haben Fehler wie jeder Mensch (wie bei den Griechen): töten, stehlen, haben Neid, Eiferssucht, usw. Es gibt kein Modell.
b) Das Fehlen von Moral und Regeln wird ersetzt durch die Gemeinschaft. Man ist nur in dem Mass in dem man zu einer Gemeinschaft gehört und sich dieser anpasst. Der Individualismus verliert Boden.
c) Die physische Metaphysik die aus den humanen Gottheiten entspringt. Der daraus folgende Humanismus.
d) Das Lebensbejahende. Religion ist immer ein Fest, und entsteht aus Tänze, Musik, Essen und Trinken. Körper und Sinnlichkeit sind immer dabei. Es ist nicht Verbot, Schmerz und Sünde wie in den meisten mosaisch-christlichen Religionen.
e) Die Opfergabe bedeutet symbolisch ein sich Lossagen von materiellen Gütern.
Hätte einer Interesse daran so könnte man einiges davon erweitern, erklären, usw. Aber man wird sicherlich auch viel Literatur dazu finden können.

Ich kenne Leute die nur reisen um sich selber zu überzeugen wieviel besser sie es zu Hause haben. Andere Menschen und andere Kulturen dienen nur um ihre Überlegenheit zu beweisen. Schade! Mit dieser Perspektive werden sie wenig Neues lernen. Aber, vielleicht wollen sie es ja auch gar nicht. Vielleicht wollen sie sich nur ein bisschen amüsieren. Schade! Mit dieser Perspektive werden sie sich wenig verändern und wer sich nicht verändern will, der will auch nicht die Welt verändern. Verändern kommt nämlich vom Anderen, vom Verschiedenen.


Andere Wege, andere Kulturen: London und die Grenzen der Aufnahme des Verschiedenen

Da ich keine Kritik bekommen habe (macht nichts, ich habe mich damit schon abgefunden und es hat auch, wie alles im Leben, seine Vorteile) bin ich gezwungen wieder einmal Selbstkritik auszuüben. Ich würde dann sagen dass, obwohl ich in dem obigen Abschnitt über andere Kulturen berichtet habe, es Erfahrungen waren die zu weit entfernt von dem Alltagsleben eines normalen europäischen Bürgers sind. Ich will also versuchen dies hier zu korrigieren und schreibe über London, wo ich fast zwei Jahre gelebt habe. London ist eine multikulturelle Stadt. Es liefert also ein gutes Beispiel für eine ganz nahe und konkrete Gelegenheit einer Interaktion mit dem Anderen und die Möglichkeit der Verschmelzung verschiedener Kulturen.

Ich liebe London, obwohl, ehrlich gesagt, es keine besonders schöne Stadt, wie z.B. Paris, ist. Warum liebe ich London? Weil ich mich dort fast wie zu Hause fühle. Weil inmitten der Verschiedenheit ich mich zugehörig fühle, denn auch die Diversität kann Einheit bedeuten. Man fällt nicht auf, man ist kein Sonderling, weil ja alle (oder fast alle) Sonderlinge sind. Wenn alle Verschieden sind (das ist jetzt natürlich übertrieben) dann ist man eben ein Verschiedener unter Verschiedene.

In London fühle ich nicht die Angst vor anderen Kulturen und die englische Lebensart hat durch die Mischung nicht viel einbüssen müssen. Vielleicht sind die Strassen nicht so sauber wie anderswo in Europa und vielleicht ist es heute schwieriger englisch zu speisen, aber ich glaube dass sogar der traditionelle Engländer damit zufrieden ist.

Man läuft durch die Menge, Inder, Afrikaner, Muslime und fühlt sich irgendwie zur Menschheit zugehörig. In einem Supermarkt treffe ich einen Scheich mit seinem halben Dutzend Frauen. Was stört mich das? Ich habe nur eine Frau, oder besser, sie hat mich, oder noch besser, wir haben uns gegenseitig und ich will auch nicht mehr. Andere Kulturen, andere Sitten. Es gilt sie zu respektieren und nicht zu klassifizieren oder einzuordnen in Gut und Böse oder, noch schlimmer, besser und schlechter. Im neunzehnten Jahrhundert gab es die Kurtisanen in Paris. Was ist da so grundsätzlich unterschiedlich von den Sitten des Scheichs? Heute gibt es die multisexuelle Gesellschaft, Mann mit Mann, Frau mit Frau, Gruppensex, usw. Was wird uns das nächste Jahrhundert (wenn wir dort ankommen) für Überraschungen bieten? Überhaupt kein Sex mehr? Nur noch Pillen und Maschinen? Ist das besser?

Ich will London nicht idealisieren. Sicherlich trifft man in der City weniger Afrikaner, Inder und Asiaten und an der Spitze der Banken sitzen, sicherlich, meistens, weisse Europäer. Sicherlich gibt es Diskriminierung und Vorurteile, sicherlich herrscht Ungleichheit und Ungerechtigkeit und sicherlich herrsch über allem, die englische Verstellungskunst. Aber auf der Oberfläche scheint eine gewisse Harmonie zu herrschen und das easy-going und coolness hat die harten Kanten abgerundet. Leben ist halt nicht nur Tiefe und Aufrichtigkeit.

Natürlich ist es wichtig zu beachten dass bei der englischen Erfahrung der Einbruch anderer Kulturen sich in gewissen Grenzen gehalten hat. Werden diese Grenzen nicht eingehalten so löst sich das Selbst in der Verschiedenheit auf sodass das Verschiedene es gar nicht mehr zu sein schafft. Was ich damit sagen will ist dass es gewisse Grenzen für die Aufnahme auswärtigen Einflusses gibt ohne die die eigene Kultur aufgelöst wird. Genau wo diese Grenze liegen soll, ist unterschiedlich von Kultur zu Kultur. Engländer vermögen vielleicht die Grenze der Toleranz etwas höher als Deutsche anzusetzen. Wesentlich ist aber nicht wer höher und wer niedriger ist, wesentlich ist der Respekt der Unterschiede. Die Grenzen müssen sich auf einen natürlichen Weg ergeben und dürfen nicht aufgezwungen werden.

Ich bin kein grosser Freund von Gewalt, obwohl ich zugeben muss dass es Momente im Leben gibt wo man sie anwenden muss. Gewalt verursacht fast immer eine Reaktion die meistens an Härte und Schärfe der Aktion entspricht. Wendet man Gewalt an so wird man sie wahrscheinlich auch ernten. Gewalt führt zu Gewalt, manchmal sogar zu mehr Gewalt. Es zeugt meistens von einer gewissen Eile zu Ergebnissen zu kommen. Hätte man länger gewartet, hätte man intensiver versucht, hätte man mehr oder bessere Argumente benutzt, dann wäre wahrscheinlich weniger Gewalt notwendig gewesen. Das ideelle ist natürlich der Konsens. Ist er unmöglich, dann sollte man versuchen so viele wie möglich auf unsere Seite zu bekommen. Je mehr es sind, desto kleiner ist die notwendige Gewalt.

Gewalt ist ein Sammelbegriff hinter dem viel zu finden ist, auch viel Heuchelei. Der Bombenanschlag, die Ermordung eines Zivilisten nennt man Gewalt, aber Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit und die Irreführung der öffentlichen Meinung, die viel mehr Menschen und manchmal härter trifft, nicht. Jedenfalls, auch die Aufnahme von Flüchtlingen, ohne die notwendige Diskussion, ohne den gesellschaftlichen Konsens, ohne dass kulturelle Grenzen, Rhythmus und Anpassungsgeschwindigkeit respektiert werden, kann zu Gewalt führen.

Die Gesellschaft funktioniert wie ein Körper und die Folgen des Aufzwingen gewisser Massnahmen, kann man auch an sich selbst beobachten. Auch das Individuum besteht aus der Zusammenspiel vieler Instanzen: Bewusstsein, Unbewusstsein, Instinkte, Gefühle, Verstand, Triebe, usw. Nicht immer verläuft das Spiel dieser Instanzen harmonisch. Oft versucht z.B. der Kopf sich durchzusetzen und zwingt dem Körper etwas auf. Aus verschiedenen Gründen, will der Körper aber nicht. Selbstverständlich wird so etwas nicht funktionieren wenn man den Ursachen der Ablehnung nicht auf den Grund geht, wenn man die damit zusammenhängenden Probleme nicht zu lösen versucht. Der Versuch einfach mit Gewalt sich durchzusetzen hat geringe Chancen erfolgreich abzulaufen.


Inklusion oder Integration?

Die Konsequenzen der Exklusion wurden hier schon mehrmals untersucht, d.h. ich habe mehrmals versucht zu zeigen dass das Andere, das Verschiedene auch seine Reize/Vorteile haben kann, sodass es nicht ausgeschlossen werden sollte. Was noch zu behandeln übrig bleibt ist der feinere Unterschied zwischen Inklusion und Integration. Dies war ja der Ausgangspunkt der ganzen Diskussion (siehe erste Abschnitt). Wir sollten uns erinnern dass mit Inklusion hier die Aufnahme eines Fremden oder Verschiedenen so wie er ist, gemeint wird. Das gegenseitige kennen und verstehen lernen gehört dann dazu. Im Gegensatz, bedeutet Integration das Aufzwingen der herrschenden Maßstäbe. Natürlich wird man diese zwei entgegengesetzten Pole selten in ihrer Reinheit treffen, d.h. in der Praxis gibt es immer eine Mischung beider Tendenzen. Was hier mit Inklusion/Integration gemeint wird ist der prädominierende Hang.

In Beitrag 117 von Pegida ist Toll habe ich gesagt dass das Innen und das Aussen, d.h. die psychologische- und die politisch/gesellschaftliche Komponente nicht getrennt behandelt werden können. Das ist etwas radikal ausgedrückt. Was ich sagen wollte ist das man öfters die gleichen Verhältnissen ausserhalb und innerhalb des Ichs findet, sodass es häufig nützlich ist auf beiden Ebenen zu arbeiten.

Weil das Innen manchmal leichter, weil konkreter und geläufiger, zu behandeln ist, will ich damit anfangen und nehme das Stottern als Beispiel. Das Stottern wurde zum ersten Mal in Beitrag 58 erwähnt. Es liefert ein gutes Beispiel wie man mit dem Anderen/Verschiedenen umzugehen kann/soll.

Nehmen wir mal an dass das Stottern sich auf eine traumatische Erfahrung der Kindheit zurückführen lässt. Dieses Trauma, dass natürlich mit Schmerz verbunden ist, kann zu einem Atemfehler führen, der wiederum das Stottern verursachen kann. Nehmen wir weiter an dass, als Erwachsener, ein Druck von der Gesellschaft ausgeübt wird um das Stottern zu überwinden. Dieser Druck wird internalisiert und es entsteht ein Kampf innerhalb des Ichs zwischen den Teil der das Stottern überwinden will und den anderen Teil des Ichs, der Angst davon hat und deswegen eher für eine Akzeptierung ist. Um das Problem noch komplizierter zu machen muss noch gesagt werden, dass der Druck der Gesellschaft Teil des Problems sein kann, d.h., dieser Druck kann einen Zusammenhang mit den schmerzlichen Ursachen des Stotterns haben. Dazu ein kleines Beispiel aus eigner Erfahrung. Mein Vater hat mich ganz selten verprügelt, vielleicht fünf, sechs Mal in mein ganzes Leben. Aber ab und zu bekam er Wutanfälle (wahrscheinlich aus guten Grund) die ganz schlimm waren. Ich bekam dann Atemkrämpfe, mir ging die Luft aus und ich konnte nicht mehr sprechen. Es hat in meinem Fall nicht zum Stottern geführt, aber das ist nebensächlich. Wichtig ist zu bemerken dass die Ursache des Problems mit der autoritäre Haltung des Vaters zusammenhängt und dass auch der Druck der Gesellschaft diese Autorität widerspiegeln kann (Projektion). Zusätzlich muss noch gesagt werden dass das Bewusst-Werden der Ursachen des Stotterns nicht notwendigerweise das Problem löst, und eine Umerziehung der Atemgewohnheiten kann ein langwieriger und komplizierter Prozess sein. Umso mehr wird also die Position des Teils des Ichs, das sich mit der Situation abfinden möchte und sie akzeptieren will, verständlich.

Die Spannung die mit dem Stottern verbunden ist spielt sich also auf zwei Ebenen ab. Innerhalb des Ichs gibt es ein Kampf zwischen den Teil der sich in die Gesellschaft integrieren möchte, d.h., das Stottern überwinden will, und einen anderen Teil der um Inklusion kämpft, d.h., er will angenommen werden so wie er ist. Dieser Kampf internalisiert eine Spannung die sich natürlich auch ausserhalb des Ichs abspielt, denn auch in der Gesellschaft gibt es Kräfte die mehr für die Überwindung des Stotterns sind (meistens Familie, Beruf, usw.). Andere Kräfte sind mehr für Toleranz und Inklusion. Im normalen Fall ergibt sich ein Kompromiss zwischen den zwei Tendenzen, d.h. eine gewisse Anpassung findet statt, man überwindet die hinderlichsten Hänger und Blockierungen und der Rest wird angenommen und man lernt damit umzugehen.

Wie dieser Kompromiss im allgemeinen Fall genau aussieht hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Im Extremfall ist es sogar möglich dass es gar keinen Kompromiss gibt. Die Ursachen dieser Ablehnung können mehr am Individuum liegen, wenn die Integrierung als eine persönliche Bedrohung empfunden wird, oder, sie können mehr an der Gesellschaft liegen, wenn die herrschenden Moral und Sitten oder die Struktur in Frage gestellt werden. Meistens gibt es eine Mischung dieser zwei Tendenzen. Bei dem Stottern wird der Extremfall wenig üblich sein aber ich denke z.B. an Alan Turing und seine Zwangsbehandlung mit Hormonen wegen seiner Homosexualität in England in den fünfziger Jahren. Eine Begnadigung wegen sein „Verbrechen“ wurde erst 2013 ausgesprochen! Ein weiteres Beispiel für die Schwierigkeiten einer Anpassung liefern die extrem religiösen Gemeinschaften wie z.B. die ultraorthodoxen Juden in den USA. Eine Integration wird durch fest verankerte Sitten und Gebräuche, die von Generation auf Generation übertragen werden, sehr erschwert. In meiner Sicht hilft da nur die Toleranz seitens der Mehrheit, die ein Einvernehmen, Einverständnis und eine Bereitschaft der Aufnahme anderer Bräuche und Kultur bedeutet.

Wie aber würde diese Toleranz im (sehr unwahrscheinlichen) Fall eines Konflikts zwischen den USA und Israel aussehen? Was würde aus diesem Verhältnis, wenn man bedenkt dass wahrscheinlich ein grosser Teil dieser ultraorthodoxen Juden pro Israel sein würde? Eine allgemeine Antwort auf diese Frage kann nicht gegeben werden, denn es hängt von ganz konkreten Faktoren ab die von Fall zu Fall verschieden sein können. Z.B. wie verhält sich die Gemeinschaft, passiv oder aktiv? Wie ergibt sich die Unterstützung, werden konkrete Massnahmen genommen, usw. usf.? Man sollte sich erinnern dass am Anfang des IIWK, deutsche (meist jüdische) Flüchtlinge in England ins Lager kamen, weil der Verdacht lag dass sich darunter Spitzel und Kollaborateure befanden. Die Absurdität dieser Massnahme wurde später erkannt, die Einsperrung wurde aufgehoben und es wurden selektivere Verfahren eingeführt.

All diese Fälle zeigen die Schwierigkeiten die mit einer Integration verbunden sind. Dazu kommt noch dass der Druck einer Anpassung häufig als eine unannehmbare Zumutung empfunden wird und deswegen wenig zur tatsächlichen Integrierung beiträgt. Gewalt führt nämlich meistens zu Blockierungen und diese führen selten zu Veränderungen der Gewohnheiten die zu einer Integration gehören.

Ich habe oben zwei Ebene erwähnt in denen sich die Sachen abspielen. Die psychologische Ebene, wo sich ein Kampf der verschiedenen Kräfte innerhalb des Individuums ergibt und die zweite Ebene die das Verhältnis des Individuums zu der Gesellschaft untersucht. In dem Fall der ultraorthodoxen Juden sind wir aber schon bei der dritten Ebene die das Verhältnis verschiedener Kulturen zueinander behandelt. Um dies geht es ja auch im Fall Pegidas. Wie sollte sich das Verhältnis einer kulturellen Minderheit innerhalb einer anderen herrschend Gesellschaft abspielen? Um konkret zu bleiben nehme ich das Beispiel der Indianer in Brasilien, ein Fall dass ich ganz gut kenne.

Die Indianer liefern ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten einer Inklusion. Dieser Alternative wurde bis jetzt wenig Platz eingeräumt und sie soll hier näher untersucht werden. Im Fall der Indianer handelt es sich um eine Kultur die kaum fähig ist einer Assimilation zu widerstehen. Die Integration bedeutet meistens das Auflösen ihrer Kultur, sodass die Inklusion die bessere Lösung zu sein scheint. Schon rein physisch hat der Kontakt der Indianer mit der Zivilisation starke Folgen, denn sie haben keine Abwehrkräfte gegen Viren und Bakterien die durch die Beziehung mit dem Weissen eingeführt werden. Aber auch sonst hat der Kontakt mit der Zivilisation starke Folgen für die Lebensart der Indianer. Um es ganz kurz zu machen würde ich sagen dass es sich um eine Kultur handelt die sehr empfindlich gegenüber den Konsumgewohnheiten unserer Gesellschaft ist. Konsum ist immer mit Geld verbunden und dieses ist den Indianern fremd. Dem glitzernden Glanz der technischen Spielereien kann die kindische Naivität der Indianer nicht widerstehen und das bedeutet den Anfang des Endes ihrer Kultur. Im sechzehnten Jahrhundert waren es Spiegel und bunte Perlen die für Gold und Diamanten umgetauscht wurden, heute sind es Handys, Waffen und Alkohol.

Inklusion heisst dann meistens Indianerreservate (Ghettos?). Dort können sie ihre Sitten und Gebräuche weiterführen, dort leben sie in einer Gemeinschaft mit den gewohnten Strukturen, praktizieren ihre Kulte und Tänze. Hauptwirtschaftliche Tätigkeit ist dann weiter die Jagd und das Fischen, wobei jetzt allerdings nicht mehr Pfeil und Bogen benutzt werden sondern die Feuerwaffe. Weitere Konzessionen der Zivilisation werden natürlich auch gemacht. Da ein Kontakt mit dem Weissen nicht auszuschliessen ist, werden sie meistens geimpft und bekommen Unterricht in der dominierenden Sprache. Die traditionelle Kleidung wird nur an Festtage getragen, sonst benutzen sie Stoff und Plastik wie jeder andere normale Bürger. Zigaretten gehören meistens auch dazu und natürlich Alkohol und Handys. Die Boote kriegen ein Motor und auch Autos gehören oft dazu, obwohl es kaum fahrbare Strassen gibt.

Woher kommt aber das dazugehörige Geld um diese Konsumgüter zu kaufen? Nun, einige Landwirtschaft wird getrieben und gehört auch zu der traditionellen Tätigkeit der Indianer (meistens von den Frauen geführt). Handarbeit, wie z.B. Keramik, Weberei, Schmuck, usw. wird auch produziert. Extraktive Landwirtschaft, wie z.B. Nüsse und Kastanien werden an Zwischenhändler verkauft. Auch dienen die Indianer als billige Arbeitskraft für die Bauern ausserhalb des Reservats. Es gibt aber auch lukrativere Tätigkeiten. Z.B. durch Abholzung des Waldes, meistens illegal, wird edles teures Holz an Händler verkauft. Einiges Geld fliesst auch durch Absprachen und Vereinbarungen mit Politikern und Firmen um den notwendigen Zugang zu den Bodenschätzen zu gewährleisten. Man darf nicht vergessen dass die Reservate meistens sehr gross sind denn die ursprüngliche Aktivität der Indianer, die Jagd, verlangt viel Land. Oft enthalten diese Ländereien wertvolle Rohmaterialien. Es entsteht dann eine Spannung zwischen den Indianern und die umgebenden wirtschaftlichen Interessen wie z.B. Bergbau, extensive Viehwirtschaft, Sojaplantagen usw.

Wie aus der oben kurzen Skizze klar wird, sieht eine Inklusion im Grunde gar nicht so viel anders aus als eine Integration. Es ergeben sich allerlei Anpassungen und Konzessionen um das Leben einer Minderheit in einer herrschenden Gesellschaft möglich zu machen. Zugeständnisse müssen immer gemacht werden um ein harmonisches Miteinander verschiedener Kulturen zu ermöglichen. Kommen diese Zugeständnisse zum grössten Teil von der Minderheit so nennt man dies Integration. Werden die Konzessionen von der dominierenden Mehrheit gemacht so nennt man es Inklusion. Wie bereits schon erwähnt, besteht meistens eine Mischung beider Tendenzen.

Die Indianer liefern ein krasses Beispiel für den Fall wo die Erhaltung, Seite an Seite, zweier verschiedener Kulturen sehr schwierig ist. Die Lebensgewohnheiten der Indianer sind kaum mit der modernen Zivilisation vereinbar und werden von dieser überrannt. In der Praxis bedeutet sowohl die Integration als auch die Inklusion, letztere in Form der Indianerreservate, ein Auflösen der Indianer Kultur. Der Unterschied zwischen Integration und Inklusion ist dann nur die Geschwindigkeit mit der dies geschieht. Die einzige Möglichkeit der völligen Erhaltung der Indianer Kultur ist die strenge Isolierung. Diese ist aber schwer zu rechtfertigen, es sei denn aus anthropologisch-wissenschaftlichen Gründen.

Natürlich hat die Indianer Kultur positive Seiten. Um es kurz zu machen will ich nur den Gemeinschaftssinn und die harmonische Einordnung in der Natur nennen, beides Eigenschaften die für die moderne westliche Zivilisation sehr nützlich sein würden. Aber, wie viele von uns sind davon überzeugt? Wie viele sind geneigt etwas von ihrer eignen Kultur abzugeben um diese Qualitäten aufzunehmen?

Natürlich wäre eine bessere Inklusion in den Indianerreservaten möglich. Man könnte z.B. die Reservate besser abschirmen gegen das Eindringen der wirtschaftlichen Interessen, Waffen, Alkohol, usw. Man könnte versuchen die Werte der Indianer zu festigen, durch Bildung, Diskussion, usw. sodass diese den auswärtigen Einflüssen besser widerstehen könnten. Einige der Ideen der Indianer könnten auch auf anderen Ebenen formuliert werden die dann näher der modernen Zivilisation wären. Aber würde uns dies gelingen, dann hätte sich bei uns etwas sehr grundsätzliches verändert. Eine ganz andere Geschichte wäre dann hier zu erzählen. Z.B. die Idee der Gemeinschaft, ist sie kompatibel mit der Idee der Gesellschaft die bei uns herrscht? Und die Natur? In wie weit sind wir bereit etwas von unserem Wohlstand und Komfort ihr abzugeben? Ausserdem, wir sind nun mal eine exkludierende Gesellschaft. Arme werden nicht inkludiert, warum sollten es Indianer sein?

Zusammenfassend würde ich sagen dass die Wahl zwischen Inklusion und Integration ein falsches Dilemma zu sein scheint. Erstmals, wie wir gesehen haben, findet fast immer einer Mischung beider Alternativen statt. Zweitens handelt es sich hier nicht um Optionen die der normale Bürger im normalen Fall machen kann. Wäre ich ein homosexueller im Dritten Reich so wäre ein Inklusion gar nicht möglich. Es bliebe nichts weiter übrig als mich zu integrieren. In wie weit man sich der Gesellschaft anpasst, und in welchen Ausmass man seine Gewohnheiten behalten kann, hängt dann meistens von ganz konkreten Gegebenheiten ab deren Änderung in einer höheren Sphäre der Politik liegen. Die führt uns zum dritten Argument. In wie weit Inklusion oder Integration ausgeübt werden kann ist streng abhängig von der Gesellschaft in der man lebt, ob sie mehr oder weniger inkludierend ist. Etwas daran zu ändern bedeutet dann auch bereit zu sein etwas an den Strukturen dieser Gesellschaft zu ändern und meistens auch an einiger ihrer Pfeiler zu rütteln.