Freitag, 10. Juni 2016

Der nicht-fliegender Hollaender – Spötterdämmerung




Es wird den meisten nichts sagen. Für die meisten wird wahrscheinlich Friedrich Hollaender keine Bedeutung haben. Für mich ist aber das Lied „Spötterdämmerung“ ein Höhepunkt. Natürlich muss es gehört werden. Die Musik ist Teil davon! (siehe im YOUTUBE https://www.youtube.com/watch?v=4Vj7L4Wmbck&list=PLCDFfx8C5ajwLydzL0gWHmqCayNoxV_kO, „Interview Friedrich Hollaender Spötterdämmerung komplett“ von Peter Grimes).

Der Abschied. Man hat die Leute amüsiert. Nun ist es mit der Clownerie zu Ende. Die Blume des Humors ist verwelkt. Kein Spass mehr ist am Witz. Spötterdämmerung.

Es mag sein dass es am Tempo liegt: geschwind, geschwind…Es mag am Spott liegen der nicht mehr modern ist. Die Welt hat andere Sachen zu bieten, andere Genüsse werden entdeckt. Man ist vorbei, man ist passé.

Schön dass man seine Zeit gehabt hat, Erfolge ernten konnte. Nun ist Schluss! Nur keine Bitternis, keine Empörung. Sanftmut und Melancholie. Ein tristes Lächeln. Man packt seine sieben Sachen und geht.



Spötterdämmerung

Clown, du hast deine Stellung verloren.
Sieh dich nach einer anderen um.
Zogst die Politik lang genug an den Ohren.
Dummer August, sei nicht länger dumm.

Sieh: Wie arm wird an Spässen die Liste!
Alles schon abgetretener Samt!
Pack deine rote Nase in der Zigarrenkiste!
Lacht keiner mehr übers Aus-, übers Aus-, übers Aus-,
Übers Auswärt’ge Amt!

In den Klischees hausen die Motten!
Und bring nicht die grossen Sujets
Auf die kleinen Varietés…
Spötter-, Spötter-, Spötter-,
Es gibt nichts mehr zum Spotten!

Spötterdämmerung
Kommt auf leisen Sohlen.
Aus der Belämmerung
Ist kein Witz zu holen!
Nur weil du nicht feig,
Wächst noch kein grüner Zweig!
Oh, du dummer Augustin,
Sei ein lieber Augustin: Schweig!

Sieht man euch wieder Orden polieren,
Fällt einem auch das Lachen schwer,
Denn der blanke Stern wird die Heldenbrust zieren-
Und die Brust ist gar nicht komisch mehr.

Kitzlige Sache: ein Löwenjunge zu necken,
Das man so lang aufs Ärmchen nahm–
Auf einmal bleibt der Kalauer…dir im Halse stecken-
Mitten im Spiel merkst du plötzlich-
Ganz plötzlich, ganz plötzlich:
Er ist gar nicht zahm!

Deine Bonmots beginnen zu rosten!
Es brenzeln die Wortspielerein
In einer Welt der Mordspielereien.
Deine muntren Spässchen
Über Westen und Osten!

Spötterdämmerung
Kommt mit leisen Schritten.
Keine Belämmerung
Ist mit Spass zu kitten!
Stopfe, stopfe du
Die Ulk-Trompete zu!
Oh, du dummer Augustin!
Gib doch, dummer Augustin, Ruh!



Bemerkungen:

a) Die Idee des Titels kam mir als ich das Interview hörte in dem Hollaender seine Abneigung gegen das Flugzeug ausdrückte, aber es kann auch metaphorisch verstanden werden: Hollaender hatte beide Füsse fest auf der Erde.

b) Als ich die CD Bei uns um die Gedächtniskirche rum... mir anhörte, war ich von Spötterdämmerung begeistert. Da ich aber nicht alles verstand, versuchte ich den Text im Internet zu finden, leider ohne Erfolg. Dadurch entstand die Idee die Lyrik zu transkribieren und dabei auch gleichzeitig die noch offnen Fragen zu klären. In diesem Prozess stiess ich aber wieder auf Schwierigkeiten. Z.B. nie wäre ich auf die Liste bei der ersten Zeile der zweiten Strophe gekommen. Hier wird wahrscheinlich, rein bildlich, die Tatsache gemeint dass die Liste von Sujets über die man lachen kann immer ärmer wird. Auch wäre ich auf feig in der vierten Strophe nie gekommen, wo das Wort wahrscheinlich als dichterische Freiheit von feig bist zu verstehen ist. Auch dass in der dritten Strophe bei bring nicht die grossen Sujets, das Subjekt der Clown ist, hätte ich wahrscheinlich nicht allein entdeckt. Wer mir bei all diesen Fragen helfen konnte war das Deutsche Kabarettarchiv (www.kabarettarchiv.de) und besonders Herrn Mathias Thiel. Ich will also hier ausdrücklich meinen Dank aussprechen. Verantwortlich für etwaige noch bestehende Fehler und Missverständnisse bin natürlich ich allein.