Sonntag, 13. November 2016

Ingeborg Bachmann – Malina



Es tut mir leid aber ich kann tatsächlich damit nichts anfangen. Ich weiss, in Bachmanns CV gibt es den Preis der Gruppe 47 und auch den Georg Büchner Preis, aber das alles hilft nichts.

Zum Teil mag die Übersetzung daran schuld sein, denn ich habe das Buch in Portugiesisch gelesen. Aber dazwischen habe ich immer wieder einiges aus der Anrufung des Grossen Bären und die gestundete Zeit probiert, diesmal in Deutsch. Genau dieselben sinnlosen Wörter, Sätze ohne Zusammenhang, irrelevantes, alltägliches. Es erinnert mich ein bisschen an Henry Miller. Man schreibt einfach das was einem einfällt, ohne viel nachzudenken. Wie so etwas funktionieren kann ist für mich ein Rätsel!

Nehmen wir z.B. Teil III von Malina. Dort gibt es eine Frage: was könnte noch furchtbares heute Nacht in Wien geschehen? Und dann eine Zeitung und ein Datum: den 3. Juli 1958 [1]. Es folgt banales über die Presse und die damit verbundenen Manipulationen. Banales auch über das hochtourige Deutschland.

Nun, dies mag eine Ausnahme sein. Gehen wir zu dem Wesentlichen. Das Wesentliche im Roman ist die Erzählerin und ihre drei Männer: Ivan, Malina und der Vater. Ivan ist der Kern von Teil I und Malina von Teil III. Der Vater besetzt Teil II. Fünfzig Seiten Alpträume! Ein Vater der das bedeutet was man normalerweise unter der Vaterfigur versteht: Autorität, Despotismus. Also wieder nur banales. Dazu kommt noch das Erotische, aber das ist wieder reine Banalität.

Im Gegensatz dazu findet man kaum etwas Erotisches in Zusammenhang mit Malina und Ivan. So weit ich es verstehen konnte ist Malina der Freund und Ivan der Liebhaber. Aber Liebe ohne Erotismus, wo bleibt da Henry Miller? Und dann gibt es die zwei Kinder von Ivan, Béla und András, mit denen die Erzählerin ins Kino geht, was, nach meiner Meinung, nicht gerade viel Würze in der Rolle der Liebhabering bringt.

Ferner gibt es im Teil III Schmerzen am linken Fuss, das Stöhnen und das ach Gott, o Gott, alles in Paris natürlich. Auch in Paris gibt es Geldmangel, was zu der Bemerkung führt dass man dann etwas besonders damit machen muss. Die Erzählerin meint sie muss einen abschliessenden Einfall haben, wie es auszugeben ist, denn wenn sie weiss wie sie die Welt mitbevölkert und der Teil einer ständig stark zunehmende, leicht abnehmende Bevölkerung ist, dann weiss sie was zu tun ist. Und dann kauft sie eine Flasche Wein und schenkt es einem Clochard, also wieder ein Klischee.

Ein noch krasseres Beispiel für die wirre Gedankenwelt von Malina ist die Aussage der Erzählerin, ca. zehn Seiten später, dass sie sehr unzufrieden ist nie vergewaltigt worden zu sein. Im selben Paragraph sagt sie dass kein normaler Mann, mit normalen Trieben die naheliegende Idee hat, dass eine normale Frau ganz normal vergewaltigt werden möchte. Was normal vergewaltigt werden bedeutet, weiss ich nicht, aber lassen wir das mal. Was ich mir vorstellen kann ist dass einige Frauen unter besonderen Umständen so etwas denken können. Aber dass eine normale Frau unter normalen Umständen so etwas sagt oder sogar schreibt (übrigens, was ist normal?)? Bachmann wollte vielleicht nur ironisch sein, aber die Ironie müsste aus dem Kontext, aus den Bemerkungen und dem Zusammenhang hervorgehen, und ich konnte nichts davon erkennen. Sei es wie es sei, Ironie oder nicht, nehmen wir mal an so etwas liesse sich sagen, oder sogar schreiben. Dann, was ist der Sinn solcher Gedanken ohne Kontext, ohne eine Vertiefung, eine Relativierung aus der sich die genaue Bedeutung solch einer Aussage ergibt? So einfach hingeworfen dient es nur um den guten Bürger zu erschrecken (épater le bourgeois), also ist es des Effekts wegen, also nur Provokation?

Es mag boshaft klingen aber den Eindruck den man gewinnt bei solchen Passagen ist eine forcierte und verklemmte Suche nach Originalität. Ferner scheint mir die Streuung von Briefen, Geschichten, Interviews und Musik in der Erzählung nicht sehr original für einen Roman, geschrieben in den siebziger Jahren, zu sein. Ich erinnere mich z.B. dass Döblin in Berlin Alexanderplatz, mehr als vierzig Jahre davor, ähnliche Techniken der Montage benutzt hat, nur dass es dort echt und überzeugend wirkte. Auch die Reihung von losen Sätzen in alternierenden Linien um Dialoge vorzuspielen, konnte mich nicht imponieren. Bei Malina fliesst nichts, alles ist abgehackt, verspannt, verkrampft.

Was sonst? Zu Tode hat mich das Buch gelangweilt und nur mit sehr viel Mühe bin ich bis zum Ende gekommen. Ach ja, an Ende gibt es tatsächlich einen Tod. Nein, ich habe es überlebt aber die Erzählerin stirbt, besser gesagt, wird ermordet (Malina?). Warum, wieso, das wird dem Leser überlassen. Ist ja sowieso egal!



Bemerkungen:

[1] Scheinbar der Tag der ersten Begegnung von I. Bachmann mit Max Frisch.