Samstag, 7. Januar 2017

Abschied von München (I) – Irma und Vilmar



Die letzten Monate meines Münchner Aufenthaltes waren wie ein Traum. Die schöne Villa, umgeben von Wald und Wiesen, kam für mich, gewohnt an Studentenheime und Untermiete, als eine angenehme Überraschung. Frau Rehbank hatte den Vorschlag gemacht Ihre Wohnung, während ihrer langen Brasilien Reise, mir zu übergeben. Ich war anfänglich etwas misstrauisch, dachte allerlei was dahinter stecken konnte, aber das Angebot war unabweislich.

Frau Rehbank, Mitte fünfzig, war, äusserlich gesehen, recht unattraktiv. Starke, gespannte Kiefer durchbohrten das strenge, stramme Gesicht, welches, umrahmt von kurzen, glatten Strähnen blond gefärbtes, fettiges Haar, etwas zu massiv war. Der Körper war eckig und kantig und das Fleisch, man sah es kaum, hing schlapp und ausgetrocknet am Skelett.

Auch konnte man mit ihren Ansichten und Anschauungen wenig anfangen. Der Gedankengang war kurz und etwas hastig und endete immer, nach ein paar Seufzern mit na ja, was soll man machen. Die Spannung in den Wörtern merkte man im Gesicht, oder war es umgekehrt?

Frau Rehbank war am Ende ihrer Laufbahn als Immobilienmaklerin, hatte es zu Geld geschafft, einschliesslich die Villa und ein Sport BMW der nicht ganz zu ihr passte, aber das sind eben die Ausgleiche die das Leben erträglich machen.

Wer auch nicht ganz zu ihr passte das war Vilmar, ein brasilianischer Mulatte, Anfang dreissig, schlank, feine, zarte Gesichtszüge, Haare im Afrolook, der zu ihrer ständigen Begleitung wurde. Wie Vilmar es nach Deutschland geschafft hatte, wo und von was er lebte, wurde nie klar. Ähnlich wie Irma Rehbank hatten bei ihm Sätze und Gedanken nur einen Anfang. Nach ein paar Wörtern übergab er die Fortsetzung der Ideen den Händen die in einer etwas affektierten, weichen und manierierten Art, voller Umschweife, Kreise und Pirouetten, die Selbstverständlichkeit voraussetzten.

Bei den Festen und Treffen die wir organisierten, das Durchschnittsalter wird um die dreissig gewesen sein, waren Vilmar und Irma immer dabei. Irma bewegte sich frei in der Gesellschaft, soweit es ihre verspannte Art erlaubte. Ob sie damals zusammen lebten das weiss ich nicht, jedenfalls konnte Vilmar sie zu einer gemeinsamen Reise nach Brasilien überzeugen. Später hat sie dort ein schönes Haus am Strand gebaut wo beide für einige Zeit zusammen gelebt haben.

Irma und Vilmar zusammen im Bett das kann ich mir nicht richtig vorstellen, es mag aber an meiner mangelnden Phantasie liegen. Schliesslich konnte ja auch Vilmar, mit Recht, dasselbe von mir denken. Auch glaube ich das Vilmar an andere Reize interessiert war, aber ich kann mich wieder irren. Ob Vilmar der Sohn war den Irma nie haben konnte, oder ob Irma die Mutter war die sich von Vilmar entfernt hatte, dies sind nur Vermutungen, die man nie aufklären wird. Was ich mit Sicherheit sagen kann, sowohl von ihm wie von mir, ist das es nicht reiner Opportunismus war der uns verband. So einfach sind die Sachen nicht! Selbstverständlich waren die schönen Münchner Tage in ihrem Haus für mich der Anfang einer engeren Beziehung, aber Jahre danach, als Irma mit Vilmar nach Brasilien umgezogen war, haben wir uns öfters besucht, haben regelmässig korrespondiert bis zum Ende. Uns verband Erinnerung, Freude, Respekt vor dem Anderssein, Verständnis, Toleranz, Grosszügigkeit und Vertrauen. Nicht wenig, besonders wenn dreierseits. Uns einigte auch die Annerkennung für das Geschaffte, jeder auf seiner Art. Gewissermassen bin ich stolz ein Zeugnis liefern zu dürfen wie so verschiedene Menschen wie wir es waren, doch eine schöne Beziehung aufbauen können und dass das Nutzen nicht notwendigerweise menschliche Wärme ausschliesst. Im Gegenteil, Dankbarkeit kann Schätzung und Achtung mit sich bringen und muss nicht immer Unterwerfung oder Unterordnung bedeuten.

Selbstverständlich konnte das Abenteuer in Brasilien nicht lange halten. Der Strand war zu abgelegen und die glühende Liebe konnte die glühende Sonne nicht überschatten. Irma hat dann das Haus am Strand verkauft und ist wieder nach Europa zurückgezogen. Ihre letzten Tage hat sie Vilmar an Ihrer Seite gehabt.

Vergessen habe ich nicht Irma und Vilmar. Vergessen habe ich auch nicht die langen Spaziergänge im Wald, die weichen Schritte im neuen Schnee, und die gelb erleuchteten Fenster zu Weinachten. Auch erinnere ich mich gerne an die schönen Nächte am Kamin und wie wir in den weichen Teppichen rollten. Ich meine natürlich nicht Irma und Vilmar, die waren ja in Brasilien zu dieser Zeit. Ich beziehe mich auf meine damalige Freundin, darüber komme ich vielleicht später mal zu sprechen. Die Liebe im Rasen, zwischen Blumen und Insekten, dafür war es schon zu kalt, aber man konnte als Ersatz, durch Fenster und Glastüren, die mit Reif bedeckten Äste im Garten bewundern.