Donnerstag, 31. August 2017

Walt Whitman –Grasshalme



Als ich mal wieder in Deutschland war und durch die Buchhandlungen schlenderte stiess ich in einer CD Abteilung auf die Doppel-CD Grasshalme, Parlando Verlag, übersetzt von Georg Goyert, vorgetragen von Christian Brückner. Natürlich hatte ich über Whitman schon etwas gehört, nichts aber von ihm gelesen. Wörter wie Liebe und Erotik, Gemeinschaft und die Hervorhebung des Körpers und des Körperlichen, die auf den Umschlag standen, haben meine Sympathie erweckt. Die Verknüpfung mit der Jugendbewegung (ich hatte 2012 eine Arbeit darüber geschrieben), die Verbindung mit den Hippies und das Pantheistische haben das Interesse noch verstärkt. Ich war damals und bin es heute noch, an Alternativen zu zentralisierten Systemen und an den Gegensätzlichkeiten zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft interessiert und habe mir einen Beitrag von Whitman dazu versprochen.

Später, als ich mir die CDs anhörte war ich enttäuscht. Tief enttäuscht wäre zuviel gesagt aber irgendetwas stimmte nicht. Um dies genau herauszufinden dachte ich etwas darüber zu schreiben aber dann kamen die Forderungen die ich an mich stellte und ich gab es auf. Unter anderem beabsichtigte ich die Gedichte in Englisch zu lesen, um ein besseres Gefühl für Reim und Rhythmus zu bekommen. Auch in Deutsch sollten die Gedichte von Whitman gelesen und nicht nur angehört werden, denn vieles hängt vom Tonfall und von der Interpretation ab. Das alles war mir zuviel Arbeit, ich fand es der Mühe nicht wert und gab es auf.

Nun habe ich aber doch Zeit gefunden um die CDs nochmals anzuhören und die Eindrücke besser durchzuarbeiten. Gleichzeitig bietet sich die Möglichkeit etwas über gute Dichtung (und auch nicht so gute) zu sagen. Einige (wenige) Gedichte habe ich jetzt in Englisch gelesen, das war aber auch alles was ich zusätzliche dazu gemacht habe.

Warum gefallen mir die Grasshalme nicht? Also erstens zuviel Wörter, alles zu ausschweifend. Dann fehlt Reim und Rhythmus und dies nicht nur in der deutschen Version. Auch die Englischen Texte lassen sich mehr als Prosa lesen (Blankvers!). Die ständige Wiederholung derselben Ideen wirkt ermüdend. Immer dasselbe, die Verherrlichung der Natur mit ihrer Urkraft. Am Menschen wird nur der Körper gelobt, die Brust, die Beine, der kräftige Nacken. Ist es ein Mensch oder ist es ein Stier, ein Bulle? Der Mensch wird mythologisiert, nur die Schönheit und Stärke werden gelobt. Sogar der kleine Grasshalm wird zum Helden gemacht. Ist es Narziss der dahinter steckt oder ist es Amerika das im Spiegel die Muskeln spielen lässt? Dieses Herausstellen der Schönheit entstellt sie und dadurch verliert sie ihre Schönheit, die natürliche. Es ist zuviel Pathos dabei. Natur ist ein Gesang das mit Ruhe, Achtung und Diskretion am besten aus dem Hintergrund angehört werden sollte.

Es hört sich auch alles nicht ganz echt an. Der Mann stammt aus dem Norden, der Ostküste. Die Weite, Ferne, die Sonne, die braungebrannten Leiber erinnern aber mehr an dem Süden und dem Westen. Im Sezessionskrieg war Whitman auf der Seite des Nordens, also auf der Seite des Fortschritts, der Industrie, der Technik, der Stadt und des Bürgertums, die ja gewissermassen in Opposition auf das Ländliche Amerika stehen.

Whitman verbindet Amerika mit der Urkraft der Natur. Was wurde daraus gemacht? Die Indianer (die sind doch das Ur-Amerika) haben sie schon damals mit ihren Gewehren zerschossen. Und wo nur möglich ersetzt die Maschine die Naturkräfte um ein gutes Geschäft daraus zu machen. Selbstverständlich trägt Whitman keine Verantwortung dafür, aber trotzdem, diese Tendenzen waren schon damals spürbar und es fehlt ein kritisches Wort dazu.

Ich muss zugeben dass einige Bilder schön sind, nur stört mich das Überschwängliche. Auch muss man anerkennen dass schon Mut dazu gehört, im neunzehnten Jahrhundert, im puritanischen Amerika, Erotik und besonders Homoerotik zu feiern, Gleichheit und Demokratie zu loben. Obwohl er zum Norden gehörte muss man seine Rolle im Kampf gegen die Sklaverei beachten. Und sicherlich war es mutig von ihm, zu dieser Zeit, eine Hymne auf das Leibliche im Menschen zu singen. Aber man gewinnt den Eindruck dass dahinter nicht viel mehr als Wörter stehen. Der Freiheit wird eine Freiheitsstatue gesetzt aber die Verknüpfung mit dem Reellen, die Schilderung des notwendigen Kampfes um Freiheit zu erringen, der Beitrag des Kleinen, Niedrigen und Hässlichen zu diesem Kampf, oder auch der fehlender Beitrag dazu, fehlt.

Whitman gibt selber in dem Gedicht Ich sitze da und schaue zu: Ich sitze da und schaue auf die Sorgen aller Welt, auf alle Unterdrückung, alle Schmach…ich sitze da und schaue auf alle Niedrigkeit und allen Todeskampf der endlos scheint…und schweige.

Der Kunst sollten keine Verpflichtungen aufgezwungen, keine Aufgaben gesetzt werden. Es sollte aber versucht werden von der Wirklichkeit zu sprechen. Nicht wegen der Pflicht, nicht wegen des Gewissens oder andere solche leeren Wörter. Einfach weil es sonst künstlich und langweilig wirkt.

Die Verherrlichung des Menschen und der Natur, der Natur im Menschen ist eine Idealisierung. Wer ist denn der Herr der Natur? Gott? Da haben wir es.

Die Natur ist was sie ist: Schönheit aber auch Greuel und Terror. Der Mensch, der Wirkliche, nicht die Allegorie, der Kleine, Hässliche, Bucklige, nicht die Statue, das Ehrenmal, sollte imstande sein etwas Besseres daraus zu machen.