Monate lang lag das Gedicht auf meinem Tisch. Ich
musste verstehen jedes Wort und jeden Satz. In jeder der ineinander verschachtelten
Reime musste ich den Sinn entdecken, den Rhythmus nachforschen, die Kadenz
ergründen.
Nun bin ich soweit. Nun habe ich alles verstanden.
Kann also den Verstand beiseitelegen, kann sein wie ein Kind. Ich pflücke die
schönen Blüten (des Gedichts) und streue sie in den Wind.
Du musst das Leben nicht verstehen
Reiner Maria
Rilke
Du musst das
Leben nicht verstehen,
dann wird es
werden wie ein Fest.
Und lass dir
jeden Tag geschehen
so wie ein Kind
im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten
schenken lässt.
Sie aufzusammeln
und zu sparen,
das kommt dem
Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise
aus den Haaren,
drin sie so gern
gefangen waren,
und hält den
lieben jungen Jahren
nach neuen seine
Hände hin.