Freitag, 6. Juli 2018

Du musst das Leben nicht verstehen



Monate lang lag das Gedicht auf meinem Tisch. Ich musste verstehen jedes Wort und jeden Satz. In jeder der ineinander verschachtelten Reime musste ich den Sinn entdecken, den Rhythmus nachforschen, die Kadenz ergründen.

Nun bin ich soweit. Nun habe ich alles verstanden. Kann also den Verstand beiseitelegen, kann sein wie ein Kind. Ich pflücke die schönen Blüten (des Gedichts) und streue sie in den Wind.


Du musst das Leben nicht verstehen
Reiner Maria Rilke

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.