Mein Vater war eigentlich unsportlich. Weder Schwimmen, noch Turnen, noch
Tennis oder irgendeine Mannschaftssportart. Aber Laufen und Spazierengehen
waren Leidenschaften. Ging es im Urlaub auf Land oder Berge, so wurde
regelmässig, am Morgen und am späteren Nachmittag, gelaufen. War der Weg steil,
gab es Steine, Löcher, Baumstämme, Wurzeln, dann nahm er sich einen Stock dazu.
Er fand ihn meistens am Wegrand, arbeitete mit dem Taschenmesser daran, bis ihm
die Form gefiel. Nach dem Spaziergang versteckte er den Stock in einer Ecke bis
zum nächsten Morgen. Sehr treu war er aber nicht, denn seine Verbindung mit dem Stock überlebte nicht das Ende der Ferien. Im nächsten Urlaub fand er wieder einen neuen Stock. So stark
werden Sitten und Gebräuche in der Kindheit eingeprägt, dass auch ich, heute
noch, wenn ich auf Urlaub in die Berge fahre, den Stock nicht vergesse. Mit
drei Beinen läuft es sich besser, finde auch ich heute.
Mein Vater war ein friedlicher Mensch. Selten sah ich ihn die Stimme
erheben, und Streitereien vermied er mit Geschick. Sah er aber auf einem
Spaziergang eine Schlange, dann vollzog sich eine Wandlung in ihm, und er ruhte
nicht, bis er die Schlange, meistens mit dem Stock, tötete. Dann nahm er die
Beute mit dem Stab auf und setze sie auf einen hohen Ast eines naheliegenden
Baumes, sodass jeder, der den Weg ging, seine Tat bewundern konnte. Ich nehme
an, es waren meistens harmlose und ungiftige Schlangen. Es gibt nämlich Exemplare,
die, wenn angegriffen, sehr aggressiv werden, und sich mit dem Stock einer solchen
Schlange ein bis anderthalb Meter anzunähern, könnte gefährlich sein. Heute gilt
solch eine Tat als unökologisch. Sieht man eine Schlange, dann lässt man sie ihren
Weg gehen und wartet geduldig, bis sie außer Sicht ist. Schlangen greifen
Menschen nur an, wenn sie sich angegriffen fühlen.
Warum fällt mir diese Geschichte jetzt ein? Was ist denn daran so wichtig
oder, besser gesagt, interessant? Ich lese zurzeit die Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse von Freud, eine
Ausgabe von 1935, Gustav Kiepenheuer Verlag, eines der wenigen Bücher, die meine
Mutter aus Deutschland in die Emigration mitgenommen hat. Ich vermute, sie hat nur
den Anfang gelesen, denn Sätze der ersten fünfzig Seiten sind mit rotem
Bleistift unterstrichen, aber dann gibt es keine weiteren Spuren mehr. Freud, der
von der Sexualität Besessene, identifiziert in der Schlange ein Symbol des
Phallus, der Männlichkeit. Und da, gerade da, fällt mir mein Vater als
Schlangenmörder ein.