Geschichten aus dem Wiener Wald von Ödön von
Horváth, Anaconda Verlag, 2009, ISBN 978-3-86647-384-3
Ein Sittenspiel in drei Akten.
Kritisiert, in leicht ironischer Art, wird die Wiener Gesellschaft der
dreissiger Jahre. Oberflächlich und flatterhaft, viel Lächeln, viel
Höflichkeit, alles immer sehr vornehm aber nicht alles immer sehr echt, so
lautet die Formel für die Wiener Ober- und Mittelschicht.
Die Dialoge sind oberflächlich
wie die Figuren. Jeder kokettiert mit jeden. Auf einmal im Abschnitt IV, erster
Teil, entsteht ein etwas interessanterer Dialog. Wir armen Kulturmenschen; keiner darf wie er will und keiner will wie
er darf; und keiner kann, wie er soll. Es sind vielleicht die ersten,
echten Gefühle im Spiel, die ersten Zeichen einer etwas echteren Liebe, etwas
über dem Niveau der Plattitüden. Mit der Entstehung der Liebe zwischen Alfred
und Marianne endet der erste Teil.
Im zweiten Teil ist ein Jahr
vergangen. Alfred und Marianne leben jetzt zusammen. Ein Kind kam dazu. Aus der
Liebe wurde Alltag. Verständlich. Dazu kamen noch Sorgen und Geldnot. Auch
verständlich. Wie der ursprüngliche Reiz
weg war, kam das Mitleid. Selbst das ist verständlich. Und üblich.
Aus der Sackgasse erscheint ein
Weg, aus der Finsternis, ein Licht. Der
Beruf unterhöhlt auf die Dauer bekanntlich jede Liebesverbindung, sogar die
Ehe. Marianne muss also ein Beruf bekommen, dann wird sie unabhängiger und
Abhängigkeit ist ein wichtiges Glied der Kette die eine Verbindung
zusammenhält. Marianne soll in einer Tanzgruppe auftreten. Internationale Attraktion für erstklassige Vergnügungsetablissments,
so lautet die Versprechung. Das ist der Kern des zweiten Teils.
Der Kern des dritten Teils ist
eine Varieté Aufführung im Maxim. Die feine Gesellschaft ist dabei, weiss aber
nichts von dem neuen Beruf von Marianne. Auf einmal erscheint sie auf der Bühne,
unbekleidet, umgeben von nackten Mädchens. Das ist natürlich nur der offizielle
Teil des Programms. Der inoffizielle beginnt gleich danach in der Bar.
Natürlich entsteht ein Skandal,
zumal Mariannes Vater, der auch nichts davon wusste, dabei ist. Mit dem Skandal
könnte das Stück zu einen Ende kommen. Aber nein, Marianne soll nicht im Strich
landen.
Alfred ist natürlich an alles
nicht schuld. Es war alles nur ein unüberlegtes Abenteuer. Er war nur zu weich
und er kann nur kein nein sagen.
Männer sind halt zu naiv und müssen mehr zusammenhalten. Da Männer mehr
zusammenhalten müssen, verhandelt Alfred mit Oskar, der ehemalige Bräutigam
Mariannes der noch in ihr verliebt ist, die Übernahme.
Marianne ist natürlich nur ein
dummes Weib. Deswegen versöhnt sie sich mit ihren Vater und heiratet Oskar. Das
uneheliche Kind stirbt damit auch dieses Problem aus dem Weg ist.
Ist das also alles? Fast alles.
Was ich noch dazu sagen könnte ist das die Dialoge gut konstruiert sind, die
Wörter fliessen, der Wiener Jargon gleitet sanft. Wie die schöne, blaue Donau. Die
es einmal war.