Freitag, 24. Januar 2020

Terzinen über die Liebe – Bertolt Brecht



Sieh jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen


Aus einem Leben in ein andres Leben.
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.


Daß also keines länger hier verweile
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen


Und keines andres sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen.


So mag der Wind sie in das Nichts entführen;
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie beide nichts berühren


So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben


Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.

Wohin, ihr?
Nirgendhin.


Von wem entfernt?
Von allen.


Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit kurzem.

Und wann werden sie sich trennen?
Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.


(Kopiert von http://www.einladung-zur-literaturwissenschaft.de am 16.10.2019)


Jede Erkenntnis ist immer eine Mischung aus Objektivität und Subjektivität. Ich, das Subjekt, erkenne das Objekt, das Gedicht. Die Ideen, die folgen, sind also imprägniert von Subjektivität. Sicherlich sind es nicht die Ideen, die Brecht dazu geführt haben, das Gedicht zu schreiben. Was weiß ich über Brecht? Was geht es mich an, was Brecht sagen wollte?

Es handelt sich um Liebe. Verstrickt in der Liebe sind Kraniche, Himmel, Wolke und Wind. Wie genau die Verhältnisse laufen, ist schwierig zu erkennen. Aber die Liebe, in der die Liebenden ganz einander verfallen sind, wo man den schönen Himmel teilt, den man befliegt, sie ist schwierig. Das beiderseitige Wiegen in den Wind den beide spüren, in gleicher Höhe und mit gleicher Eile; das dabei und doch nur daneben sein; es ist halt nicht leicht. So mag es in das Nichts entführen, wenn man sich an dem anderen vergeht, anstatt zu bleiben, und sich zu berühren. Fliegen soll man, einander ganz verfallen. Wohin? Nirgendhin. Wie lange? Nicht lange. Wofür? Für nichts. Die Liebe ist den Liebenden ein Halt.


Die Wolke, sie ist das Flüchtige, das sich Auflösende. Auch der Wind, er geht/weht vorüber. Die Liebe, sie vergeht wie der Wind. Aber... Wind und Wolke sind das vergängliche, das bleibt... in der Erinnerung.

Es gibt noch einen letzten Grund, warum ich dieses Gedicht so liebe: den Rhythmus. Die Reime sind unregelmäßig verstreut. Es gibt kein Maß, keinen Maßstab. Genau wie die Liebe tanzt alles nach Belieben, ganz nach Lust und Laune. Nichts scheint geplant zu sein; alles ist Willkür und Ordnungswidrigkeit.

Ich weiß, es handelt sich um Terzinen-Reime. Aber da ist Bogen, zogen und entflogen; verweile und teile folgt nicht dem Schema der Terzinen-Reime; da ist das Nichts, das mit dem nichts und dem nicht in der fünften Strophe spielt; dann gibt es noch Schüsse schallen und verfallen. Zuletzt gibt es das Bald und das Halt, die, wie zwei Schüsse, ich würde besser sagen, zwei Paukenschläge, die Liebesgeschichte beenden. Bald und Halt sind eine schöne Zusammenfassung der Liebe. Trotz des baldigen Endes gibt sie den Liebenden einen Halt.

Sonntag, 19. Januar 2020

Ein Selbstgespräch über die Mittel zum Zweck, oder sind es nur die Zwecke der Mittel? (Geschichten aus der DDR - Teil III)



Einleitung

Ursprünglich beabsichtigte ich einen Dialog zwischen Karl und mir zu schreiben. Dann überlegte ich mir: Karl ist doch nur eine erfundene Figur, eine Projizierung meines Ichs. Warum kann also nicht ich selbst an seiner Stelle auftreten? Ich bin dann frei, bin nicht an seinen Charakterzügen gebunden, und kann sagen was ich will. Die Distanz zu ihm und seine Förmlichkeit erschweren ja nur die offene Debatte.

Wie bei der Schachnovelle spiele also ich mit mir selber. Dem Risiko einer Persönlichkeitsspaltung will ich versuchen zu entgehen. Ich behalte die Zügel in meiner Hand. Die Spannung, die zwischen zwei verschiedenen Personen herrscht, will ich aber aufrechterhalten, um die Eintönigkeit eines Monologs zu vermeiden. Auf der einen Seite ist das anmaßende Ich, das gläubige Ich. Auf der anderen Seite der Skeptiker, der Ängstliche, der Grübler, der immer im Zweifel Versunkene. Der erste baut die Thesen auf. Er versucht immer, allgemeingültige Aussagen zu machen. Der zweite ist derjenige, der die Thesen wieder abbaut, der an nichts glaubt, alles immer in Frage stellend, alles immer relativierend.

Trotz des oben Gesagten werde ich aber Karl weiter mitspielen lassen. Ich brauche ihn, um Zugang zu der Vergangenheit zu haben. Außerdem will ich ja die verschiedenen Texte miteinander verbinden und er scheint mir das geeignete Bindeglied. Zuletzt fehlt mir der Mut, mich völlig von ihm zu trennen, ganz auf mich selbst zu bauen.


Erster Dialog zwischen ich und ich

„Da haben wir es mal wieder. Du kannst nur mit dir selber sprechen. Kannst dich nicht in jemand anderen einfühlen. Deswegen hast du dir ja das alles einfallen lassen.“

„Jawohl, du hast Recht.“

„Willst also über Mittel zum Zweck sprechen und ich bin halt nur Mittel. Der Zweck bist du.“

„Du sollst mir helfen. Sonst wird es zu langweilig.“

„Und wenn ich nicht mitmache?“

„Kannst du ja gar nicht. Du musst mir immer widersprechen.“

„Stimmt. Aber ... ich kann versuchen dich zu boykottieren, kann versuchen deine Thesen immer wieder abzubauen; alles, was du sagst, werde ich in Frage stellen, werde versuchen das Gegenteil zu beweisen.“

„Das will ich ja gerade. Du bist nur Mittel zum Zweck. Der Zweck bin ich mit meiner These. Und nun veränderst du, der du ja nur Mittel bist, die These. Die These ist nicht mehr die ursprüngliche, weil du sie verändert hast. Wie wäre es aber, wenn an die Stelle der These man ihre Veränderung setzen würde? Die neue These ist, dass der Zweck ständig durch die Mittel verändert wird. Es gibt dann gar keine Trennung mehr zwischen Mitteln und Zweck. Die Mittel werden zum Zweck und der Zweck bestimmt die Mittel. Du veränderst mich und dadurch wirst du Teil von mir selbst, und auch ich werde dir jedes Mal ähnlicher, weil du mich ja ständig veränderst. Du und ich werden also zu ein und demselben Ich.“


Das Land wo Milch und Honig fließt

Kann man überhaupt Mittel vom Zweck trennen? Nehmen wir mal an, dass ich auf der Suche nach neuen Möglichkeiten bin. Mit diesem Ziel versuche ich neue Wege aufzuspüren. Ich komme an einer Kreuzung an. Der Weg links führt ins Paradies, eine schöne Grünanlage mit vielen Blättern, Blumen und Blüten. Honig fließt aus der Baumrinde der Bäume und die Flüsse sind aus warmer Milch. Der Weg rechts führt ins Krankenhaus. Der erste Weg ist aber versunken in Nebel und Dunkelheit. Er ist lang, schwierig, voller Fallen, steiler Abfälle, tiefer Abgründe, vollbesetzt von Bestien aller Art. Der Weg rechts ist sanft, breit, gut gepflastert und gut beleuchtet. Ich entschließe mich für den Ersten, aber auf halber Strecke bin ich schon so kaputt und zerschlagen, dass ich mich nur nach einem warmen Bett in einem Krankenhaus sehne.


Zweiter Dialog zwischen ich und ich

„Das Beispiel hast du aber schlecht gewählt. Du verwechselst ja Politik mit Religion. Also leiden muss man, um ins Paradies zu kommen. Ich hätte von dir etwas Originelleres erwartet. Die Idee ist doch die Lebensqualität zu verbessern, nämlich gleich und sofort, und nicht erst am Ende des Weges, wie du es in deinem Beispiel machst.“

„Ja, aber du vergisst, dass es ein langer Weg dorthin ist. Viel muss geleistet werden, bis man anfangen kann, das Leben zu verbessern. Ich meine natürlich für alle. Viel Kampf ist notwendig, um dies zu erreichen, und Kampf ist Schmerz und Not und Leiden. „

„Trotzdem ... Du machst das Leiden zum notwendigen Mittel. Das ist doch Christentum, wobei du doch gar kein Christ bist. Außerdem, wolltest du doch beweisen, dass Mittel zum Zweck werden, und dass der Zweck die Mittel bestimmen soll, und nun hast du genau das Gegenteil gezeigt. „

„Du hast schon Recht, das Beispiel ist stark vereinfacht. In Wirklichkeit wird das Ziel nie erreicht, sondern der Weg ist ja das Ziel. Am Anfang ist der Weg hart und abschreckend; aber langsam, Schritt für Schritt, wird es besser, und der Weg wird breiter und bequemer. So sollte es sein. Aber du wirst einsehen, dass dieses Bild viel schwieriger zu malen ist. Außerdem wäre dann die Geschichte mit dem Krankenhaus viel unglaubwürdiger. “

„Da haben wir es mal wieder. Mittel zum Zweck. Weil du ein einfaches Bild willst, das leicht zu malen und noch dazu glaubwürdig ist, deswegen verfälscht du es. “


Erster Dialog zwischen Karl und mir

Karl war tief in seinem Lieblings-Sessel versunken und rauchte lässig und bequem eine Montecristo. Der Zigarren-Ring war meinem Blick zugewendet und ich überlegte mir, ob es absichtlich war. Er wollte mir immer imponieren. Ich ließ es auch geschehen. Meinetwegen ... Langsam fing er an zu sprechen. „Ich wurde als Kind im KZ eingesperrt. Als Sohn eines Sozialisten hat man mich in Schutz genommen. Nur so habe ich es überlebt. “

Wir schwiegen eine Zeit lang. Ich überlegte. Wie sollte ich es sagen, ohne ihn zu kränken? Sagte ich es zu abrupt, würde er sich verschließen, und es ließe sich nichts mehr aus ihm rausholen. Ich fing also an zu sprechen, ganz allgemein. „Aber in der Praxis, wie war so etwas zu machen? Einige Hunderte mussten doch täglich in den Tod geschickt werden. Und dann gab es Arbeitskommandos, wo man es nur ein paar Wochen aushalten konnte. Wie wurde die Auswahl getroffen?“

Karl bewegte die Hand abwehrend und abwertend. „Da waren doch genug Spitzel und Verbrecher vorhanden. Außerdem gab es die, die nicht mehr leben wollten, denen alles gleich war, die nur dahin vegetierten, die Kranken und die völlig Heruntergekommenen. Es gab genügend davon. Wenig und schlechtes Essen, Krankheit, Prügel und Schlägerei sorgten schon dafür, dass ihre Zahl nur anstieg.“

Was wollte ich denn? Ich, der dies alles nicht erlebt hatte, der keine Ahnung hatte, wie schlimm die damaligen Verhältnisse waren, wollte ich jetzt den Richter spielen? Gott? Wollte ich aus der Misere der Anderen, der Not und dem Elend, noch Nutzen schlagen?


Dritter Dialog zwischen ich und ich

„Jetzt wollen wir mal die Rollen tauschen. Du stellst die Thesen auf und ich säe die Zweifel.“

„Das passt dir. Das sieht dir ähnlich. Erst treibst du mich in die Wirrnis mit deiner Logik, und dann, nicht zufrieden damit, willst du mich noch vor deinem Logikwagen einspannen.“

„Wie würdest du es formulieren, das Richtige und das Falsche. Diese Unterscheidung, die braucht man doch, um leben zu können. Man muss die Sachen einschätzen können, man muss Entschlüsse fassen, man muss Entscheidungen treffen, und dazu braucht man den Verstand. Wir sind doch Menschen und keine Tiere. Wie handelt man aber in Krisensituationen? Wie macht man es richtig, wenn alles Drumherum falsch gemacht wird? Sind die Pfeiler falsch gesetzt, baut man darauf, als ob man dies nicht wüsste? Welcher Bau entsteht dadurch? Richtig handeln, wenn alles falsch gemacht wird, bedeutet dies nicht das Falsche zu billigen? Z.B., ich bin gegen Gewalt. Aber soll ich gewaltlos mit der Gewalt umgehen? Soll ich einfach zusehen, wenn Gewalt angewendet wird?“

„Ich mache es wie Buddha. Keine Antwort gibt es auf deine Fragen.“

„Du machst es dir einfach. Aber handeln muss man doch. Oder willst du ewig unter dem Brotbaum sitzen?“

„Trotz meine Zweifel bin ich dir wohlgesinnt, das weißt du ja. Aber das mit dem Verstand ... Glaubst du denn wirklich daran? Verstand, das sind doch nur ein paar Regeln, mit denen man eine Konstruktion aufbaut. Ändert man die Basis, die Prinzipien, man kann auch von grundlegender Moral sprechen, dann können dieselben Regeln zu einer ganz anderen Konstruktion führen.“

„Verstand sind aber nicht nur die Regeln, die Logik, mit der die Konstruktion entsteht. Verstand ist auch die Basis, die Prinzipien und die Moral.“

„In diesem Fall hat dann jeder seinen eignen Verstand und wir kommen nicht weiter in der Gesellschaft. Es fehlt das soziale Gefüge, das Objektive im Subjektiven.“

„Ja, vielleicht sollte man von Gemeinschaft anstatt Gesellschaft sprechen.“


Der Verstand

Ich bin ein Anhänger des Verstands, immer, in allen Situationen, auch in Krisen. Das heißt aber nicht dass man auf Gefühle, Empfindungen und Intuition verzichten sollte. Im Gegenteil. Es gibt Momente im Leben, wo man sich völlig von den Sinnen, Instinkten und Impulsen führen lassen muss. Gefühle sind Teil des Verstands. Es gibt da eine wechselseitige Beziehung zwischen Gefühl und Verstand. Der Verstand erzieht die Gefühle, aber, ohne Gefühle, wo bliebe dann der Verstand? Man wird doch nur aufmerksam auf einen Gegenstand oder eine Tatsache, wenn die Sinne uns darauf aufmerksam machen. Und wie kann man die Welt verstehen ohne Bezug auf Gegenstände und Tatsachen?

Was ist aber der Verstand? Verstand ist nicht gleichzusetzen mit Logik. Verstand ist hin und dann wieder zurück, ist Ja sagen, es dann aber wieder bereuen. Verstand ist eine Entscheidung zu treffen, aber dann zu dem Schluss kommen, dass man es falsch gemacht hat. Verstand ist nicht im Gleichtakt zu marschieren, sondern sich in der Situation einzufühlen, im Dunkel den Weg betastend, alle Richtungen abtastend, alle Wege versuchend, weil es immer einen besseren gibt.

Verstand ist beurteilen, aber hauptsächlich das Urteil beurteilen, sich selber beurteilend. Verstand ist mehr Fragen zu formulieren als Fragen zu beantworten. Will man die Frage beantworten, so fragt man immer, wie und auch ob man sie beantworten soll. Hat man auch genügend Informationen, um die Antwort zu geben? Hat man sie nicht, kann man dann nicht die Antwort etwas hinausschieben? Wie dringend ist sie denn? Wem wird mit der Antwort geholfen?

Vor allem aber sollte man den Verstand beurteilen. Ist der Versuch, die Sachen zu verstehen, überhaupt angebracht? Sollte man die Sachen nicht einfach hinnehmen, so wie sie sind? Einfach die Sachen anschauen, ohne sie zu bewerten, ohne zu urteilen, ohne sie in Gut und Böse einzuteilen und sie dadurch zu entzweien.

Übernimmt man eine Rolle oder Aufgabe, muss man sich fragen, wem wird dabei genützt? Nur sich selber? Genügt das? Für wie lange? Wenn anderen Menschen dabei geholfen wird, wissen sie das, sind sie damit auch einverstanden oder ist das nur mein Verständnis? Welche sind die Kosten? Wie hoch? Wie tief und breit sind die Spuren, die hinterlassen werden? Wie lange wird es dauern, bis sie sich im Staub wieder auflösen? Kann man diese Fragen überhaupt beantworten? Wenn nicht, warum die Frage? Wie kann man Fragen beantworten, wenn man sie nicht beantworten kann?

Übernimmt man eine Rolle oder Aufgabe, muss man sich fragen: Welche sind die Motivationen? Warum wird so gehandelt? Ist es nur Ehrgeiz, Macht und Geld? Wie lange lässt sich so etwas halten? Welche sind die Folgen? Was hat man davon, kurzfristig, mittelfristig und langfristig? Woher kommt das Bedürfnis? Wieso? Ist es nicht Ehrgeiz, Macht und Geld, was ist es dann?


Vierter Dialog zwischen ich und ich

„Das überschreitet jetzt jede Regel des Anstandes. Nicht zufrieden, die Rolle des Mittels mir aufzuzwingen, damit du mit dir selber besser sprechen kannst, schaltest du mich aus, wenn es dir nicht passt. Das ist jetzt schon zwei Mal passiert. Du kannst also Großzügigkeit und Toleranz nicht einmal innerhalb deines Ichs gelten lassen.“

„Du bist halt nur Mittel zum Zweck. Dienen die Mittel nicht dem Zweck, so werden sie ausgeschaltet.“

„Dann gibt es noch eine zweite Sache in deinem letzten Monolog, die mich stört. Ich bin doch der Skeptiker, der immer alles Relativierende. Aber du, mit deinem dialektischen Denken, mit deinem hin-und-her, deinem Jasagen und es dann wieder bereuen, Entscheidungen zu treffen, um sie dann wieder rückgängig zu machen, sich in die Situation einfühlend, im Dunkel den Weg betastend, alle Richtungen abtastend, alle Wege versuchend, du erlaubst dir doch damit alles! Du machst es dir bequem mit deiner Dialektik. Wenn Ja und Nein richtig sind, dann ist doch alles richtig! Dann wird doch alles erlaubt. Du und dein Verstand, sie sind ja nur Mittel zum Zweck. Der Zweck ist es, sich zu behaupten, Recht zu haben, das zu machen, was du willst. Der Zweck bist doch du.“

... Lange Pause ...

„Du hast recht und doch hast du nicht ganz recht. Man muss dialektisch mit der Dialektik umgehen. Dass sich alles bewegt, dass alles richtig und dann falsch sein kann, bedeutet noch lange nicht, dass man sich alles erlauben darf. Es bedeutet nur, dass, wenn man sich jetzt für das Richtige entscheidet, man es später bereuen kann. Den Preis dafür muss aber bezahlt werden, im einem Fall wie im anderen, sowohl für die Entscheidung als auch für die Reue. Ferner hast du recht mit der relativierenden Haltung, die alles ermöglicht, und alles immer ins Schwanken bringt. Der immer alles Relativierende, das bist doch du! Aber ich und du, wir sind ein und dieselbe Person. Scherz beiseite, ich kann mir wirklich keinen festen Kodex, keine über alles stehenden Ethik oder Moral, die uns lenken soll, denken. Das ist zu einfach. Aber alles mir selber oder einer kleinen Gruppe, sei sie noch so auserwählt oder auserlesen, zu überlassen, da hast du völlig Recht, es führt nur zu Unfug. Es gibt also nur eine Lösung für dieses Dilemma. Die Zahl derer, die an der Entscheidung teilnehmen, muss groß genug sein, um diesen Unfug zu vermeiden. Am besten wäre es, wenn alle Betroffene sich beteiligen. Das mag vielleicht nach Utopie klingen, aber, was Utopie von Wirklichkeit unterscheidet, ist manchmal nicht viel mehr als ein bisschen Wille, ein bisschen Glaube und ein bisschen Mut, besonders wenn der Wille, der Glaube und der Mut von allen getragen werden.“


Zweiter Dialog zwischen Karl und mir

Karl beobachtete mich kritisch. Kritik ... das ist gefährlich, dachte ich ironisch. Die Montecristo ruhte gelassen und schläfrig zwischen den Fingern seiner rechten Hand. Er zündete sie wieder an und blies eine blaue Wolke mir ins Gesicht. Wo wollte ich denn hin mit meiner Fragerei, dachte er wahrscheinlich. Nach einer großen Pause kam ich nur zu „Ja, aber ...“

Er unterbrach mich sanft. „Ich verstehe deine Zweifel und Bedenken. Es sind die Zweifel und Bedenken vieler. Einige davon sind gutgesinnt. Andere aber verfolgen dunkle Ziele, sie versuchen in trüben Wassern zu fischen, ohne die Verhältnisse zu berücksichtigen, in denen wir damals lebten. Von außen ist alles immer sehr einfach, weil man in den Sachen nicht verwickelt ist, weil man die Einzelheiten nicht kennt, die ja die Sachen verwickelt machen. Wir waren in einer verdammt schwierigen Situation. Ständige Angst um das Leben, Seuchen, Hunger, Erniedrigung, schlimme Arbeitsbedingungen, Misshandlungen aller Art waren der Alltag. Selbstverständlich konnte die SS die Verwaltung des Lagers nicht alleine bewältigen. Es waren zu viele Häftlinge und zu wenig SS-Männer zur Verfügung. Aber es gab doch die Grünen, die Berufsverbrecher, die bereit waren mit ihnen zu arbeiten. Natürlich haben die Grünen dann Nutzen daraus gezogen, und man braucht nicht sehr viel Einbildungskraft, um zu begreifen, zu welchen Missständen es kommen kann, wenn man Verbrecher an der Verwaltung eines Komplexes lässt. Korruption, Diebstahl, Mord und Totschlag, Kämpfe, Aufstand, Revolte und allerlei Gewalttaten werden dann zum Alltag. Das war ja auch der Hauptgrund, wieso die SS auf die Roten zurückgriff. Es war auch für die SS vorteilhaft, wenn die Arbeit ordnungsgemäß ablief. Nach sehr harter Arbeit gelang es uns, die innere Organisation des Lagers zu übernehmen, zum Vorteil fast aller. Die schlimmsten und gröbsten Übergriffe konnten dadurch verhindert werden. Natürlich hatten wir nicht sehr viel Spielraum, natürlich hatte die SS die Oberhand, aber es wurde gerechter, und hier und da war eine Verbesserung möglich. Dass nicht alles immer planungsgemäß ablief, dass es da ab und zu Fehler gab, das ist doch selbstverständlich. Es waren aber nur Ausnahmen und die Ausnahme bestätigt die Regel. In der Regel wurde die innere Lage, durch den Eingriff der Roten, besser. Das geben alle zu. Fast alle.“


Fünfter (und letzter) Dialog zwischen ich und ich

„Es gibt da Sachen, über die ich mich mit Karl nicht unterhalten kann. Er würde es nicht verstehen. Mehr noch, er würde es mir übel nehmen. Hier geht es um Macht. Meistens denkt man Macht als Mittel zum Zweck. Man will Macht haben, um Sachen auszuführen, Geld zu verdienen, ein Werk aufzubauen, Leute zu fördern oder ihnen zu helfen. Aber Macht kann zum Selbstzweck werden. Man will Macht haben, weil es Spaß macht, mächtig zu sein. Die psychologischen Hintergründe solch eines Verhaltens, will ich ganz außer Spiel lassen. Sie sind für die Ideen, die ich hier entwickeln will, völlig irrelevant. Ich würde damit nur die individuellen Gegebenheiten berücksichtigen, und hier geht es mir um das Allgemeingültige.“

„Versuch objektiver zu sein, und bitte komm nicht immer mit so umschweifige und langwierige Einführungen. Komm direkt zum Punkt. Was hat das mit Karl zu tun?“

„Versuch dich einmal ganz konkret da einzufühlen. Versuch mal die Rolle einer der Roten Kapos zu übernehmen. Das Leben so vieler war in deinen Händen, du konntest entscheiden über Leben und Tod, wer den Todeskommandos zugeteilt wurde, und wer gerettet werden sollte. Würdest du solch eine Rolle übernehmen?“

„Das musst du dich selber fragen.“

„Ich glaube kaum. Es wäre zu viel Verantwortung, und dem Gewicht dieser Verantwortung wäre ich nicht gewachsen. Ich könnte es einfach nicht.“

„Du kannst dich in der Situation nicht einfühlen, das ist alles. Wenn es um dein Leben ginge, wenn es darum ginge, dein Leben und das Leben deiner Freunde zu retten, könntest du es dann? Brecht sagt so schön:
Keiner ging, weil er es wollte.
Aber ist nicht jeder der zurückkehrt Sieger,
So ist auch keiner Sieger, der nicht zurückkehrt.
Sieger ist nicht jeder der zurückkehrt,
Aber keiner hat gesiegt, der nicht zurückkehrt.
Zurückkehren, am Leben bleiben, darum ging es. Und, um dieses Ziel zu erreichen, war man bereit jeden Preis zu zahlen. Es blieb einem gar nichts anderes übrig als da mitzumachen. Man hatte keine
Wahl.“

„Ich bleibe bei meiner Position. Ich würde da nicht mitmachen, selbst wenn mein Leben auf dem Spiel stehen würde. Nicht aus moralischen Gründen, sondern einfach weil ich es nicht könnte. Es wäre mein Tod, und da scheint mir der direkte Tod besser.“

„Nun, selbst wenn es so wäre, beweist es nichts. Es beweist nur, dass du es nicht kannst. Andere aber konnten es, und sie sind deswegen nicht schlechter als du. „

„Gut und Böse, besser oder schlechter, darum geht es mir hier nicht. Das wäre eine grobe Vereinfachung. Worum es mir hier geht, ist zu zeigen, dass die Macht, die ja nur Mittel zum Zweck sein soll, aber Selbstzweck werden kann, noch eine andere dynamischere Rolle spielt. Mittel zum Zweck, oder Zweck selbst, egal aus welchem Grund gehandelt wird, das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist die Veränderung, die im Menschen durch die Macht hervorgerufen wird. Der Mensch, der freiwillig oder gezwungen den Gott spielt, Herr über Leben und Tod ist, der kann einfach nicht mehr zurück. Er kann einfach nicht mehr zu der Rolle eines einfachen Menschen zurückkehren. Er verändert sich. Die Ausübung der Macht verändert ihn. Und hier kommen wir zu Karl und die Roten Kapos zurück. Wie viele wurden dann in Spitzenpositionen der DDR aufgenommen? Wie viele übernahmen Führungsrollen in der Stasi und der Volkspolizei? Sie konnten einfach nicht mehr anders.“

„Damit beweist du wieder nichts. Wie viele von der SS wurden von den westlichen Sicherheitsorganen übernommen?“

„Eben das ist es. Macht bleibt Macht, sei es von links, sei es von rechts. Selbst wenn die Macht nicht das ursprüngliche Ziel war, hat sie sich, durch die Veränderung die sie hervorgerufen hat, dem Menschen aufgezwungen.“


Faschismus oder Stalinismus?

Hinter dieser Frage steht die These, dass der Mensch schlecht ist. Wird man nämlich zu einer Wahl zwischen zwei schlechten Sachen gezwungen, so geht man davon aus, dass es nur das Schlechte gibt. Ich will aber das Gute, ich habe ein Recht das Gute zu wollen, und ich finde es eine Zumutung mich aufzufordern, zwischen zwei schlechten Alternativen zu wählen.

Im Grunde genommen zielt die Frage auf die Gleichstellung zwischen Faschismus und Stalinismus, und ich weigere mich da mitzumachen. Übrigens, vergleichen, hat das überhaupt Sinn? Vergleichen, nur um zu vergleichen, wem dient so etwas? Man macht Vergleiche, wenn man unbedingt dazu gezwungen wird, wenn damit eine Entscheidung zusammenhängt, die unbedingt getroffen werden muss. Aber ich bin weder an Faschismus noch an Stalinismus interessiert. Warum muss ich dann beide miteinander vergleichen? Wenn nicht einmal zwei Bleistifte von derselben Farbe, Marke und Format gleich sind, wie kann man solche verschiedene Systeme überhaupt vergleichen? Was ist besser: ein Stuhl oder ein Tisch? Oder, korrekter, was ist besser: von einem Haifisch oder von einem Tiger aufgefressen zu werden?

Es gibt noch eine weitere Möglichkeit. Man will einfach nicht erlauben, dass etwas Neues auftaucht. Deswegen stellt man die Frage überhaupt. Man will keine neuen Ideen zulassen. Die Geschichte ist geschrieben. Die Geschichte ist beendet. Dadurch sparen sich die Herren ihr Geld, denn mit dem Alten haben sie schon gelernt umzugehen. Sie beschränken also die Auswahl auf die zwei oben genannten Systeme. Neues bedeutet Risiko, und Risiko lässt die Papiere an der Börse fallen.


Dritter (und letzter) Dialog zwischen Karl und mir

Ich schwieg lange Zeit. Karl aber spürte Bedenken in meinem Gesicht, und mein Schweigen rührte ihn. Vielleicht waren es Zeichen meiner Rücksicht: ich wollte ihm nicht heikle Fragen stellen. Vielleicht waren es auch seine Fragen. Ich spürte jedenfalls seine Dankbarkeit, und auch ich war dankbar dafür. Ganz sanft fing er an: „Der Mensch ist ein Rätsel. Natürlich wird der Mensch durch sein Handeln verändert, keiner ist der gleiche nachdem etwas Tiefgreifendes geschehen ist. Aber dieselbe Handlung kann bei zwei verschiedenen Personen ganz andere Wirkung haben. Die einen werden durch die Macht arrogant und tyrannisch. Andere macht die Macht bedenklich, vorsichtig, behutsam. Sie werden weiser. Nach gewissen Ereignissen bleibt keiner was er war, aber wie sich die Veränderung abspielt, das kann man nicht im Voraus wissen. „

Ich nickte, und er fuhr fort. „Wir waren eine Gruppe. Wir waren an Disziplin gewohnt, und ein Befehl war eben ein Befehl. Da gab es gar nicht so viel Bedenken, so viel Grübelei und Gewissensbisse, wie du es dir vorstellst. Es wurde gehandelt, den Anweisungen folgend, und damit war die Sache erledigt.“

Diesmal konnte ich mich nicht ans Schweigen halten: „Gehorsam, ist denn das ...“

Er unterbrach mich sanft. „Ich weiß, Disziplin und Gehorsam sind nicht mehr modern. Heute folgt jeder nur seinem Ich, guckt in sein Handy. Aber das funktioniert ja nur, weil das Ich vom Handy aufgelöst wurde. Die Leute bewegen sich wie eine Herde im Gleichschritt. Wir sind umgeben von Maschinen, die den Takt bestimmen, in dem getanzt wird. Die Technologie und ihre Hersteller bestimmen, wie und was man denken soll, und die Menschen unterscheiden sich nur in der Frisur und in der Farbe der Kleidung. Da braucht man natürlich nicht mehr Gehorsamkeit und Disziplin, weil die Leute sowieso das machen, was verlangt wird. Wer nicht folgt, der kriegt keinen Platz an der Sonne, und da alle sich sonnen möchten, folgen alle. Die Sonne das ist der allgegenwärtige Markt. Wir hatten keinen Markt, und deswegen war Disziplin notwendig.“

„Disziplin darf aber nicht aufgezwungen werden.“ Ich sagte es so leise, dass er es nicht hörte, oder besser, er überhörte es.

Schon fuhr er wieder fort. „Auf Begierde, Sucht, Lust und Triebe aufzubauen, das ist leicht. Es ist das Primitive, das Ursprüngliche, es sind die Wurzeln. Es ist die Natur im Menschen, aber nicht notwendigerweise die Natur des Menschen. Wir aber wollten weg von dieser Ursprünglichkeit, wir wollten nicht bei den Wurzeln bleiben. Wir wollten Blätter, Blumen, Blüten. Und da muss man einen neuen Menschen schaffen. „

„Ist das überhaupt möglich? Ward ihr nicht zu anspruchsvoll in euren Zielen?“ Als ich die Fragen stellte, bereute ich es sogleich. Ich hätte von mir einen originelleren Kommentar erwartet. Ich war etwas verlegen und beschämt, und Karl merkte es.

Er fing gleich wieder an zu sprechen. „Ob es möglich ist, das weiß ich nicht. Sicherlich ist es nicht möglich, wenn man es nicht versucht. Vielleicht war das Korsett zu eng, in dem wir den Menschen zwingen wollten, vielleicht sollte man ihn gar nicht dazu zwingen, das mag sein. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann, ist, dass es ohne eine gewisse Disziplin nicht geht. Es einfach den Trieben zu überlassen, einfach von dem Markt sich führen zu lassen, das bringt uns wieder zum Dickicht, zum Urwald, zur Wildnis zurück. Wählen muss man zwischen Zivilisation und Barbarei, zwischen vorwärts- oder rückwärtsgehen. Und natürlich ist Barbarei, zurück zum Schoss der Mutter Natur, der einfachere Weg, der natürlichere, der ungezwungene. Man braucht es dann nur der Trägheit zu überlassen. Sie führt uns dann schon in den Abgrund, ohne Zwang und ohne Korsett. „

Es gab schon eine gewisse Logik in den Gendanken, die Karl ausgesprochen hatte. Aber etwas stimmte nicht an dem Bild des Korsetts. Dass Zivilisation gewisse Korrekturen an der Körperhaltung erfordert, nennen wir es Anpassung, Erziehung, Lern oder Entwicklungsprozesse, das konnte ich einsehen. Dass man es nicht völlig der Natur und den Trieben überlassen kann, damit war ich einverstanden. Aber dieses Korsett, von dem Karl sprach, war es auch das Richtige? War es das einzig Mögliche?


Abschluss

In Anspielung auf das Gedicht An die Nachgeborenen von Brecht, will ich versuchen die Ideen zusammenzufassen.

1
Die Zeiten waren finster damals. Sie sind aber noch viel finsterer geworden. Wir sind nicht aufgetaucht aus der Flut, in der Brecht untergegangen ist. Wir stecken noch viel tiefer darin. Das Ziel, man sah es damals. Es war in großer Ferne, aber deutlich sichtbar. Was ist das Ziel heute? Wir bewegen uns zwischen Gespenstern der Vergangenheit. Faschismus und Stalinismus, keines der beiden wollen wir. Aber was wollen wir?

Das arglose Wort ist weiter töricht und eine glatte Stirn deutet immer noch auf Unempfindlichkeit, aber arglose Wörter, Torheit, glatte Stirn und Unempfindlichkeit, sie sind zu Zielen geworden, sie deuten auf Erfolg und Lebenskunst. Und wer spricht dann heute noch über Bäume oder kann in Ruhe die Straße überqueren?

2
Ich wäre gerne auch weise. Man sagt, Weisheit sei, die richtige Entscheidung am richtigen Platz zur richtigen Zeit zu treffen. Was ist aber richtig und was ist falsch? Man sagt, man brauche den Verstand dazu. Aber, wie kann ich Verstand benutzen, in einer Welt, die ich nicht mehr verstehe? Mache ich es richtig wie die anderen, dann ist es doch ganz falsch, weil die anderen es falsch machen. Außerdem, wenn der Weg der Richtige ist, wird auch das Ziel das Richtige sein? Oder umgekehrt, wenn ich das richtige Ziel wähle, wird auch der Weg dorthin der Richtige sein? Soll man zu dem Schluss kommen nachdem man das Ziel erreicht hat oder bevor man den Weg einschlägt? Was bestimmt die Richtigkeit, das Ziel oder der Weg, der Zweck oder die Mittel?

Ich wäre gerne auch weise. Als weise gilt, gewaltlos mit der Gewalt auszukommen. Aber wenn dem Hungernden das Brot fehlt, nicht weil es fehlt, sondern weil man es ihm nicht gibt, wenn man dem Verdurstenden das Glas Wasser verweigert, das am Brunnen entrinnt, soll ich da einfach zusehen? Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten.

3
Ich, der den Boden bereiten wollte für Freundlichkeit, konnte selber nicht freundlich sein. Ich, der gegen Hass, Unrecht und Niedrigkeit kämpfen wollte, konnte nicht ohne Zorn und heisere Stimme auskommen. Wie lange werde ich noch warten müssen? Werden meine Züge nicht vom Hass und Zorn verzerrt? Werde ich je wieder freundlich sein können?

Ich kam in die Städte zu der Zeit der Ordnung. Unter den Menschen kam ich zu der Zeit der Unterwerfung. So verging meine Zeit, die auf Erden mir gegeben war. Die Liebe pflegte ich achtsam und die Natur sah ich mit Geduld. Aber wie viele Fragen der Liebe blieben unbeantwortet, und wie viele Wünsche der Natur blieben unbefriedigt?

Die Zeiten könnten hell und leuchtend sein. Das macht sie noch finsterer. Es liegt nämlich in unseren Händen, sie hell und leuchtend zu machen. Mittel sind vorhanden und Erde gibt es genug, um allen Brot zukommen zu lassen. Auch Energie, Wasser und Luft reichen für alle aus. Frieden ist möglich. Warum wird aus der Möglichkeit nicht Wirklichkeit? Warum werden die Mittel nicht zum Zweck, und warum besteht der Zweck nicht darin, die Mittel für alle verfügbar zu machen? Warum so viele Fragen überhaupt? Ist es, weil neue Fragen eine Art von Antwort auf alte Fragen sind, oder schaffen sie nur neue Zweifel? Ich, der Fragen beantworten wollte, konnte nur weitere Fragen stellen.




 Anhänge


Unten, einiges Material das ich nicht benutzen konnte, weil ich nicht den richtigen Platz fand, oder weil es den Rhythmus der Erzählung störte.


Anhang 1 - Mittel zum Zweck – der Weg und das Ziel

Warum muss man die Sachen immer trennen, immer Grenzen setzen? Man betrachte z.B. den Weg und das Ziel, die auch als Metaphern für Mittel und Zweck benutzt werden können. Wenn das Ziel ein bestimmtes Haus ist, dann sind die Grenzen klar gesetzt. Das Haus ist von den Straßen und von den Wegen, die zu ihm führen, abgegrenzt. Es gibt eine Tür, es gibt den Zaun, die die Grenzen setzten.

Wenn aber Ziel und Weg metaphorisch gemeint werden, dann ist es schon schwieriger. Z.B. wenn der Weg die Ausbildung und das Ziel der Beruf sind, dann wird doch, durch die Ausübung des Berufs, die Ausbildung verbessert, und auch die Ausbildung schließt meistens eine Lehre oder ein Praktikum, d.h. eine Art von Ausübung der beruflichen Tätigkeit mit ein.

Nimmt man die Begriffe Weg und Ziel, Mittel und Zweck in einen noch breiteren Sinn, dann sind die Grenzen noch viel schwieriger zu definieren. Nehmen wir mal an, wir wollen ein neues politisches und wirtschaftliches System errichten. Wann wird dann dieses Ziel erreicht? Wird es jemals erreicht? Es handelt sich doch hier nicht um eine Lage oder einen Zustand, also etwas Statisches, sondern es handelt sich um einen Prozess, also etwas Dynamisches. Ist der Weg dorthin nicht Teil des Ziels? Besser gesagt, was bleibt vom Ziel, wenn man den Weg ausschließt?

Der Weg entsteht beim Gehen. Der Weg entsteht, indem man ihn geht. Aber auch das Ziel, es ist nichts weiter als das Gehen. Das Ziel, es wird niemals erreicht. Es wird erreicht, indem man den Weg zu ihm geht. Der Weg ist nämlich das Ziel, und das Ziel, es ist der Weg.

Nehmen wir mal den Menschen an. Er ist Teil des Ziels. Ich würde sogar sagen, dass die Formung und Gestaltung des Menschen der wichtigste Teil des Ziels ist. Aber was den Menschen formt, das ist doch der Weg! Der Mensch wird doch nur, durch den Weg den er geht, geformt.


Anhang 2 - Mittel und Zweck

Das Schlimme ist nicht, schlimme Mittel durch den Zweck rechtfertigen zu wollen. Das Schlimme ist sie zum Zweck selbst zu machen. Oder, besser gesagt, schlimme Mittel durch den Zweck zu rechtfertigen, beabsichtigt meistens sie zum Zweck selbst zu machen.