Donnerstag, 6. Februar 2020

Erich Maria Remarque – Der Funke Leben


Kiepenheuer & Witsch, 1998, ISBN 3-462-02724-7


Wie viel Unkultur gibt es in der Kultur! Der Gedanke kam mir, als ich die Geschichte der Veröffentlichung des Buches las. Remarque hatte nämlich Schwierigkeiten das Buch zu veröffentlichen, angeblich weil es sich um Fiktion handelte, und über KZs durfte nur einer schreiben, der es selbst erlebt hatte. Dazu kam noch, dass er als Nestbeschmutzer beschuldigt wurde, da er das Ansehen der Deutschen, zudem noch als Emigrant, mit dem Buch diffamieren würde. Außerdem war das Interesse der Verlage an Büchern über Konzentrationslagern, als das Buch Anfang der fünfziger Jahre erschien, bereits gesunken. Der antifaschistische Konsens der unmittelbaren Nachkriegszeit hatte sich, wegen der veränderten politischen Lage und des Beginns des Kalten Krieges, in einen antikommunistischen gewandelt [1].

Unter den Büchern die ich über KZs gelesen habe, und ich habe allerlei darüber gelesen, ist Der Funke Leben eines der besten. Ich habe es zum ersten Mal 2009 gelesen, und jetzt, im Zuge der Geschichten aus der DDR, nochmals durchgeblättert. Bei der Niederschrift des Buches hat sich Remarque hauptsächlich an das KZ Buchenwald orientiert. Ihm war dabei Eugen Kogons Der SS-Staat, das sich auch zum Teil in Buchenwald abspielt, sehr zu Nutzen.

Die Tatsache, dass es sich um Fiktion handelt, und dass dies als Vorwand für Kritik benutzt wurde, beweist wie Vorurteile der Kunst schaden können. Das Buch zeigt sachlich und ohne Sentimentalität, durch Tatsachen und Geschehnisse und nicht durch Meinungen oder Kommentare, wie es in einem KZ zuging, hauptsächlich von der Sicht der Gruppe, die sich organisierte, um Widerstand zu leisten. Das erklärt auch mein Interesse an dem Buch, denn nur Mitleid und Empörung erwecken zu wollen, nur Grausamkeit zu schildern, ist auf die Dauer langweilig und deutet auf dumme Vereinfachung.

Das Buch erzählt nicht, sondern lässt es vor unseren Augen geschehen, und das ist eigentlich nur bei Fiktion möglich. Remarque benutzt nicht die übliche Schwarzweißmalerei. Um ein Bild aus Art Spiegelmans Maus zu benutzen: bei Remarque werden die Menschen nicht in Katz und Maus aufgeteilt. Es werden uns keine guten Nazis und auch keine schlechten Häftlinge vorgestellt. Aber es werden Nazis gezeigt, die gewollt waren, Zugeständnisse zu machen, um Vorteile zu erreichen, und es werden Häftlinge der internen Lagerorganisation gezeigt, denen die Macht in den Kopf gestiegen war.

Es werden aber auch andere Ideen vorgebracht. Der Kampf um die Konsolidierung von Machpositionen bei den Roten Kapos wird gezeigt. Der Stalinismus, der bereit war alle Mittel zu benutzen, um sich durchzusetzen, wird dem Faschismus gegenübergestellt. Ein weiteres interessantes Problem ist die Moral in Notsituationen und Ausnahmezustände. Wer im Krieg ermordet, wird er dadurch zum Mörder? Und wenn er einen, unter mehreren, zum Überleben auswählt, begeht er dann ein Verbrechen, gegenüber die die übrig bleiben?

Diese und andere Fragen werden uns in spannender und fesselnder Prosa vorgebracht. Die Dialoge sind intelligent, die Aktion ist glaubhaft und die Bilder leben und lassen uns erleben. Was kann man sonst noch von einen Buch erwarten?



[1] Siehe Beitrag von Thomas F. Schneider in Reue ist undeutsch, Rasch Verlag Bramsche, 1952.