Samstag, 25. April 2020

Das Loch



Wir sitzen in einen Loch. Im Moment steht die Gesundheit im Mittelpunkt; bald wird es die Wirtschaft, und dann die Politik sein.

Da ist mir ein Loch über den Weg gelaufen. Oder war es nur eine Maus die das Loch aufsuchte? Genau weiß ich es nicht mehr.

Dann kamen Assoziationen. Ich dachte mir: das Loch, das ist doch das Nichts; das Nicht-Loch ist das Etwas. Loch oder Nicht-Loch, Nichts oder Etwas, Sein oder Nichtsein. Da sind wir doch wieder bei der Dialektik?

Mit der Dialektik kam der Humor. (Ist überhaupt Dialektik ohne Humor verständlich?)

Da erinnerte ich mich an den Mann, der so schön Humor mit Loch verbunden hat. Wie gut dass wir den gehabt haben. Den nimmt uns keiner mehr weg. Der ist aus dem Loch wieder aufgestanden, und läuft unter uns, munter und frisch. Das soll uns in diesen Stunden (die natürlich wieder vorbei gehen werden, aber wann?) trösten.
 
 
Zur soziologischen Psychologie der Löcher
Kurt Tucholsky 
 
Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut.

Wenn der Mensch ›Loch‹ hört, bekommt er Assoziationen: manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels.

Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finstern, stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat, sie werden hineingesteckt, und zum Schluß überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch grade aus diesem gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.

Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs ... festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne
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Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht. Fast nicht.

Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu beiden? Meine Sorgen möcht ich haben.

Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt es sich seitwärts in die Materie? Oder läuft es zu einem andern Loch, um ihm sein Leid zu klagen – wo bleibt das zugestopfte Loch? Niemand weiß das: unser Wissen hat hier eines.

Wo ein Ding ist, kann kein andres sein. Wo schon ein Loch ist: kann da noch ein andres sein?

Und warum gibt es keine halben Löcher -?

Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das ganze übrige nichts mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein Luftballon.

Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei uns: der allein wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein. Größenwahnsinnige behaupten, das Loch sei etwas Negatives. Das ist nicht richtig: der Mensch ist ein Nicht-Loch, und das Loch ist das Primäre. Lochen Sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden gibt. Wenn Sie tot sind, werden Sie erst merken, was leben ist. Verzeihen Sie diesen Abschnitt; ich hatte nur zwischen dem vorigen Stück und dem nächsten ein Loch ausfüllen wollen.
 



Sonntag, 19. April 2020

Trennung


Eine weitere Fortsetzung von "Über die Sexualität... der Katzen" (2015).

Für die, die Details lieben, einige Details. Obwohl ich Berinjela noch immer liebe, lebe ich nicht mehr mit ihr. Wir haben uns getrennt.

Das schöne alte Haus, gebaut im XIX, umgebaut Anfang des XX Jahrhunderts, in dem ich damals lebte, samt Katzen und den ganzen Krimskrams, den man so ansammelt, blieb für die Kinder. Ich wohne jetzt im Himmel, d.h., ich versuche mich ihm zu nähern. Es wird Zeit.

Obwohl wir uns getrennt haben, sehen wir uns manchmal. Sieht sie mich, so flüchtet sie wie vor einem Fremden. Die Neugier ist aber stärker als die Angst, und eine Annäherung wird versucht. Mit blasierter Pose, Kopf und Schwanz nach oben ausgestreckt, läuft sie auf Spitzen, wie eine Primaballerina. Sie probiert es mit einer Mischung von Hochmut und Gleichgültigkeit. Es gelingt ihr aber nicht. Sie stoppt und guckt mich seitlich an, sichtlich erstaunt. Wer ist denn der? Den kenne ich doch von früher?

Dienstag, 14. April 2020

Misch-masch


Als ich meine Schublade aufräumte, fand ich diese Geschichte über "Berinjela", unsere Katze. Ein Überbleibsel aus "Über die Sezualität..." (2015). Warum habe ich sie damals nicht veröffentlicht? Ich weiß es nicht mehr, aber ich kann es mir denken. Wahrscheinlich schämte ich mich. Aber Liebe ist doch schön? Liebe ist schön, wenn sie schön gemacht wird. Hier wird nicht viel gemacht, aber trotzdem... es ist schön. So finde ich es heute.



Ich liebe Berinjela. Und selbstverständlich, wie bei jeder Liebe, ist auch Sexualität damit verbunden. Sexualität ist ein weiter Begriff. Kann, aber muss nicht, Geschlechtsverkehr einschließen.

Forte und piano, manchmal pianissimo, aber dann auch wieder fortissimo, daraus besteht die Liebessymphonie. Auf das Allegro folgt das Adagio.

Ich versuche zart mit ihr zu sein, streichle sie sanft, denn ich weiß, das liebt sie am meisten. Aber manchmal packt mich der Übermut, und ich bin dann allzu heftig in meiner Liebesoffenbarung. Erschreckt, flüchtet sie in einer Ecke, und versucht mir zu entkommen.

Aber auch Sanftmut hält Berinjela nicht lange aus. Wenn ich viel Zeit übrig habe, oder besonders entspannt bin, investiere ich meine ganze Kreativität in Zärtlichkeitsversuche, und dann hält sie es etwas länger aus. Aber jeder Vorrat geht ja mal zu Ende, und ich bin dann in einer Bewegung zu abrupt, eine Welle schlägt zu stark und, schwupp, gleitend schlupft sie aus meinen Armen.

Ich lächle verlegen, bin aber doch irgendwie frustriert und verletzt. Zugegeben, ich habe, mit der Sterilisation, sie um ihre Sexualität beraubt. Jetzt beraubt sie mich um den Raum meiner Liebesversuche. Auge für Auge, Zahn für Zahn. Man erntet was man sät.