Maus I und II wird für die Meisten ein Begriff sein. Es ist Spiegelmans bekanntestes Werk. Fiktion oder Bericht, Geschichte oder Biographie (Autobiographie ?), Buch oder Cartoon, ist denn das wichtig? Alles ist Wirklichkeit.
Wer sich ein Überblich vom täglichen Leben eines KZs verschaffen will, dem sei Maus I/II stark empfohlen. In der Form einer Graphic Novel, also nicht nur Text, sondern auch Bilder, werden die kleinen Gesten des Alltags, und nicht nur der große Rahmen der Geschehnisse, gezeigt.
Maus I/II ist aber viel mehr als nur ein Einblick in das KZ-Leben Spiegelmans Vater, Vladek. Indem Spiegelman Vergangenheit und Gegenwart, Ausschwitz und New York vermischt, wird eine kritische Distanz zu dem Vater geschaffen. Man lernt etwas über sein Leben mit der ersten und der zweiten Frau, seine Vorurteile gegen Afroamerikanern, sein Verhältnis zu dem Sohn, usw. Dadurch entsteht eine Verbindung Intoleranz-Erscheinungen des 20. Jahrhunderts, und die Distanzierung zu dem Vater erzeugt gleichzeitig eine sehr geschickte Distanzierung zu all dem was er bedeutet.
Ein wenig Underground, ein wenig System; ein wenig Vater, ein wenig Sohn; ein wenig Ausschwitz, ein wenig New York; ein wenig die Wünsche des Verlags, ein wenig die Wünsche des Ichs; ein wenig Katz, ein wenig Maus. Spiegelman gelingt es, eine meisterhafte Balance der Gegensätzlichkeiten.
Darüber wollte ich aber nicht schreiben. Ich wollte eigentlich über The Wild Party schreiben. Nur dachte ich: Spiegelman ohne Maus, geht denn das?
Ich habe das Buch schon über zehn Jahre. Habe es überfliegt und gedacht: zu schwierig, zuviel Slang, und die Ausdrücke im englischen Jargon sind durchsetzt von Lokalismen; dasselbe Wort oder Ausdruck kann hunderte von Bedeutungen haben, kommt darauf an wie, wo und wann es ausgesprochen wird. Zuviel Arbeit. Und ich habe es beiseitegelegt.
Diesmal aber habe ich mir Zeit genommen. Habe im Internet jeden Ausdruck, jedes Wort das ich nicht genau verstehen konnte, nachgesucht.
Was ist denn so faszinierend an diesem Buch? William Burroughs sagt über Joseph Moncure Marchs 1928 Gedicht: „Es ist das Buch das mich zum Schriftsteller werden ließ.“
Bücher von Burroughs habe ich schon ein paar Mal versucht zu lesen. Ganz selten komme ich über die ersten zehn Seiten. Zuviel Sumpf, und in dem Urschlamm zu wühlen, ...nein!
Den Ursumpf findet man auch in Marchs Gedicht, aber der phantastische Tanz der Wörter überschattet alles Sumpfige, und lässt die Sonne darüber scheinen. Ich liebe den sauberen Schnitt eines scharfen Messers. Ich liebe den sauberen Schliff der scharfen Wörter. Ich liebe das Präzise, das Prägnante. Kurz und bündig. Schneiden, schneiden, alles Überfällige. Jedes Fett muss weg. Bleiben soll nur die Struktur, und ein wenig Fleisch um alles abzurunden, die scharfen Kanten zu verstecken.
Dazu kommt noch die etwas skizzenhafte Charakterdarstellung, die nur die wichtigsten Züge beschreibt. Die Figuren werden nur angedeutet: ein Wort, ein Stück Wäsche, eine Frisur. Scharfe Züge, schneidig, kantig, abgehackt. Es genügt der Umriss, die Kontur. Alles Weitere wird der Einbildung des Lesers überlassen, damit es Raum für Träume gibt.
Art Spiegelman hat etwas zu dem Traumhaften beigetragen. Es fängt schon mit der Umschlagsgestaltung, im Art déco Stil (meine Ausgabe ist von Pantheon Books, Hardcover, 1994), an. Die Kehrseite des Buchdeckels ist aus purpurroten Samtpapier. Die samtenen Vorhänge des Entrees lassen schon ahnen, was sich innerhalb der Räume abspielen wird. Leichtkartoniertes Papier, leicht vergilbt, intensiv zugespitzte schwarzweiß Zeichnungen, unregelmäßig zerstreut zwischen die Verse, manchmal klein, manchmal Groß, manchmal viereckig, manchmal stufenhaft, manchmal schief und quer und zerschnitten, manchmal Totalaufnahme, manchmal ein Detail in einer Großaufnahme, aber immer Karikaturartig, immer stark stilisiert, fast ein Holzschnitt, starke Schatten, starke Kontraste, vielmehr Masken als Gesichter schmücken die Seiten. Kerzen, immer Kerzen besetzen den Raum; und Feuer, Flammen, Figuren, Silhouetten, tanzende Schatten.
...
The flames flickered:
The shadows leapt:
...
Swept
...
Across white faces:
...
And shrank back to darker places.
Das Schwingen und Schwanken der Reime, das ständige Brechen des Rhythmus und der Kadenzen, das Synkopierte, die scharfen und pointierten Bilder, das Schwenken der Körper im Tanz, ergeben ein traumhaftes Bild der roaring twenties.
Nun zum Inhalt. Der Titel sagt eigentlich schon genug, aber ich bringe noch einiges dazu. Hauptfiguren sind Queenie und Burrs:
Queenie was a blonde, and her age stood still,
She danced twice a day in a vaudeville.
...
She lived at present with a man named Burrs,
Whose act came just after hers.
A clown
Of renown:
In der Geschichte gibt es noch Black, der Drehpunkt des Liebesdramas:
He was tall; dark; heavy of shoulder:
A possible twenty-five,
No older.
Quietly, even soberly dressed;
But perfectly groomed – a habit, one guessed.
He was carelessly straight.
Viele andere Charaktere helfen dem Drama einen Rahmen zu setzen. In der Party erscheinen noch die Brüder d’Armano, Oscar und Phil, seidene, rosa Unterwäsche unter dem Lavendel Licht. Jackie, ambisextrous, schwebt elegant und gleitet über das Parkett, geführt von der Musik. Der Vater war Pfarrer. Er aber hatte, wegen Diebstahl, Vergewaltigung und noch so einiges, eine Zeit lang gesessen. Dann gibt es noch den bulligen Eddie und seine schlanke Freundin Mae. Er war eigentlich eine gemütliche Person. Hatte er aber Rum mit Gin vermischt, dann sollte man Distanz von ihm halten. Maes Schwester, Nadine, war erst vierzehn, fast ein Kind. Kein Mann hatte sie je geküsst, aber sie war begeistert dabei sein zu können. Die mexikanische Prostituierte, Dolores, stammte angeblich aus der spanischen Aristokratie. Sie fuhr einen Rolls-Royce und trug einen hohen Kamm im schwarzen Haar. Madelaine True, ihre Augen waren grün, ihr Mund war eine rote Narbe, aber ihr Körper war ein Triumph der Proportionen. Frauen liebten sie und sie liebte Frauen.
Meisterhaft ist auch der Aufbau der Geschichte, ein Werk eines Architekten, der vom Metier etwas versteht. Nach Queenies und Burrs Vorstellung, gibt es den ersten Streit, damit man sieht, dass einiges nicht so richtig läuft. Als Versöhnung erscheint die Idee der Party, die etwas Schwung in dem Leben der Beiden bringen soll.
Die Gäste erscheinen einzelweise, paarweise in der kleinen Wohnung. Die Kerzen flackern, der Whisky schwindet in den Gläsern. Etwas verspätet trifft Black ein. Die Pause stellt den Satz, der folgt, heraus. Queenie wirft einen professionellen Blick auf dem Mann. Mit diesem wird es sein. Sie wird Burrs zeigen, was sie kann.
Der Whisky schwindet in den Gläsern. Der Whisky schwindet in den Flaschen. Mit dem schwindenden Alkohol, schwenken die Körper im Tanz. Ein Grammophon spielt Jazz. Queenie und Black, ineinander verschlungen, schwinden in dem Schlafzimmer. So einiges muss sich dort abgespielt haben, denn the door sprang open and the cops rushed in. Aber es kann auch der Nachbar gewesen sein, dem das Getöse auf die Nerven ging.
Ein sehr schönes Vorwort von Spiegelman fasst die Ideen zusammen. Die wilde Unschuld der Zwanzigern hat sich in weltweiten Hohn verwandelt. Die verlorene wurde zu einer sinkenden Generation, die das Ende der Geschichte abwartet. Marchs Generation soff Badewannen-Gin und gab eine wilde Party. Unsere Generation schluckt Prozac, und wartet dass die Bullen den Raum betreten.
Diesen Text will ich aber nicht mit alttestamentarischer Moral und neutestamentarisches Apokalypse abschließen. Ich will etwas ganz anderes:
Some love is fire: some love is rust:
But the fiercest, cleanest love is lust.
Da sind erstmals die ls der letzten Wörter, die die Zunge in eine wellende Rutschbahn gleiten lassen.
Mit dem Inhalt ist es halt schon schwieriger. Ich glaube kaum, dass ich damit einverstanden bin, aber dass Lust auch ihren Platz in der Liebe haben kann und soll, da stimme ich zu. Das Gedicht von March und die Zeichnungen von Spiegelman preisen und loben die Lust, und es wird das Schöne im Sumpf der Gefühle herausgestellt. Es ist vielleicht den Traum zu weit zu führen, aber gelingt es uns, Liebe und Lust, Liebe in Lust und Lust in Liebe zu verwandeln, dann werden vielleicht alttestamentarische Moral und neutestamentarisches Apokalypse gar nicht mehr nötig sein.