Dienstag, 3. November 2020

Spanische Tänzerin


Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß,
eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten
zuckende Zungen streckt -: beginnt im Kreis
naher Beschauer hastig, hell und heiß
ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.

Und plötzlich ist er Flamme, ganz und gar.

Mit einem Blick entzündet sie ihr Haar
und dreht auf einmal mit gewagter Kunst
ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,
aus welcher sich, wie Schlangen die erschrecken,
die nackten Arme wach und klappernd strecken.

Und dann: als würde ihr das Feuer knapp,
nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab
sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde
und schaut: da liegt es rasend auf der Erde
und flammt noch immer und ergiebt sich nicht -.
Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen
grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht
und stampft es aus mit kleinen Füßen.

Rainer Maria Rilke, 1906

(Kopiert aus https://www.herr-rau.de/wordpress)

 

Der Ursprung des Wortes Flamenco ist umstritten. Aus www.korona-tanz.de entnehme ich, dass die überzeugendste Erklärung ist, dass sich im 17. Jahrhundert, in den andalusischen Bergen und Dörfern, Gitanos (spanische Roma) niederließen, deren Söhne beim flandrischen König gedient hatten. Flamenco, vom niederländischen vlaming, war ursprünglich die spanische Bezeichnung für einen Bewohner der Spanischen Niederlande. Das Wort Flamenco kann auch mit Flamancia (von llama, also Flamme) assoziiert werden, was die feurige, leidenschaftliche Stimmung des Tanzes hervorhebt.

 

Feuer ist vielleicht die wichtigste Idee in Bezug auf Rilkes Gedicht. Die ursprüngliche Wichtigkeit des Feuers kann gar nicht überschätzt werden. Feuer bedeutete Schutz vor den Tieren und dem Ungeziefer, Wärme für die kalten Tage, die Möglichkeit das Essen vorzubereiten, Waffen zu schmieden, usw. Mit dem Feuer kam auch das Zusammensein. Man versammelte sich um das Feuer. Mit dem Zusammensein kam die Liebe.

 

Flamenco ist nicht leicht zu lieben. Es ist eine seltsame Musik, die eigentlich wenig Gemeinsames mit dem „Flamenco“, der speziell für den Tourismus, in Spanien und in der Welt, produziert wird, hat. Ganz alte Töne, ganz alte Völker, Griechen, Inder, Maurer, Juden, rücken da zusammen. Ein wenig Trance, ein wenig Mystik, sehr viel Schmerz und Leiden, sehr viel Liebe und Lust und auch etwas Freude. Es muss nicht nur gehört, sondern der Tanz muss auch gesehen werden. Dann versteht man Rilkes Gedicht besser. Wer es hören und sehen möchte, dem empfehle ich Carlos Sauras Filme: Flamenco (1995) und Liebeszauber (El Amor Brujo, 1986). Ganz, ganz, ganz große Klasse!

 

Die Gitanos bilden sicherlich den Kern des Flamencos, aber der indische Einfluss wird kaum umstritten sein. Caló, die Sprache der andalusischen Gitanos ist verwandt mit dem Sanskrit (apropos, das Wort Tanz kommt wahrscheinlich vom Sanskrit Tanha und bedeutet Lebensfreude). Die Finger- und Armbewegung im Flamenco erinnern sehr an dem Indischen Tanz.

 

Immer wieder wurden Gitanos fest genommen. Immer wieder kamen Gesetze und Erlasse, die ihnen das Leben erschwerten. Sie wurden eingekerkert, wurden in Unterkünften zusammengepfercht, durften nicht mehr ihren traditionellen Beruf ausüben (Schmiedehandwerk, Pferdehandel, Korbflechterei, usw.), wurden Zwangsarbeiter in den Werften, durften nicht mehr ihren Aufenthaltsort wechseln, usw.

 

Andalusien war lange unter islamischer Herrschaft. Der Zambra-Tanz im Flamenco hat starke Zusammenhänge mit den alten Tänzen der Maurer. Auch erinnert die Melismatik, also die Verzierung einer Melodie durch das Singen mehrerer Töne einer Silbe, an die arabische Musik.

 

Ein spezielles Wort muss dem Zapateado, der auch eine wichtige Rolle in Rilkes Gedicht spielt, gelten. Die Fußtechnik ist wesentlicher Bestandteil des Tanzes. Sie ist aber auch maßgebend für den Rhythmus. Dass der Flamenco ein bodenverhafteter, also nach unten, auf die Erde gerichtet, Tanz ist, ganz im Gegensatz zum Ballett, das nach oben strebt, ist zum größten Teil dem Zapateado zu verdanken. Nach oben oder nach unten, darin erkennt man wichtige Ziele des Handelns.

 

Auch die Griechische Kultur hat ihre Spuren in der Musik der Gitanos hinterlassen. Tartessos war eine griechische Hafenstadt an der Südküste der iberischen Halbinsel. Bei den römischen Festen in Gades (heute Cádiz) wurden die sinnlichen Tänze mit einer Art von Klappern begleitet, die die Vorläufer der heutigen Kastagnetten sind (siehe Wikipedia.de unter Flamenco).

 

Nun zurück zu Rilke. Flamenco kommt also von Flamme. Aber warum das Zündholz? Bevor es entflammt, zuckt es nach allen Seiten, wie die Bewegungen im Tanz.

 

Dann wird es zur Flamme und entzündet ihr das Haar. Auch brennt das Kleid. Die Arme strecken sich nach oben, wie das Feuer. Hände, Funken, Fingern, flackernde Flammen.

 

Das Feuer abzuschlagen, von der Feuerbrunst, die sie erstickt, sich zu befreien, wirft sie es auf dem Boden, um es mit den Füssen zu zerstampfen / zertrampeln.

 

Aber warum malt Rilke das Bild mit Wörtern, wenn man es auch visuell haben kann?

Warum malt man überhaupt, wenn man die Bilder auch der Wirklichkeit entnehmen kann?

 

Nichts ist gleich und sogar die Kopie fügt dem Original einiges dazu. Da gibt es z.B. die Assoziation mit dem Zündholz, mit der Flamme und dem Feuer; die schlangenden Arme die sich erheben; das Hochmutige, Rasende, Flammende; das zerstampfen und zertrampeln des Feuers.

 

Wörter bilden Töne und mit Tönen zu malen ist vielleicht die wichtigste Richtung in der Rilkes Flamme sich bewegt: mit konkreten Wörtern, handfesten Tönen, fassbaren Bildern, abstrakte Harmonien, ätherische Tongebilde, schwebende Bilder zu malen. Trotzdem ist es aber keine Tonmalerei, denn, ob seine Musik etwas mit Feuer, Flamme oder Flamenco zu tun hat, das zweifle ich.

 

Da, ganz im Süden der spanischen Halbinsel, haben sie überlebt: die alten Töne der alten Musik. Im Herzen der Gitanos, umgeben von Hass und Ablehnung, isoliert durch die Mauern der muslemische Kultur, abgesondert in den Vierteln der spanischen Juden. In der Kehle erstickte der tiefe Schrei des Erschreckens und des Terrors. Nun steigt er empor. Am Anfang ist es nur ein kleines Licht, bald wird es schon ein Flammenmeer. Hände, Arme, erheben sich zum Himmel in der Bitte nach Erbarmen. Die Finger flackern wie die Flammen. Nun wird das Elend auf dem Boden geworfen und niedergetrampelt. Nur der Stolz kann retten; der Stolz zu sein was man ist, und nicht was man sein soll. Der Stolz der Liebe, stolze Liebe oder die Liebe des Stolzes.