Freitag, 30. April 2021

Machandel – Regina Scheer

Penguin Verlag –ISBN 978-3-328-10024-9

 

Das Matte und das Platte

 Lang lebe die Mittelmäßigkeit! Dem Durchschnittsmenschen gehört die Welt. Keine großen Leidenschaften, keine Höhen, denn diese sind bekanntlich mit Tiefen verbunden.

 Matt und platt, das wäre eine andere Form Regina Scheers Machandel zusammenzufassen. Platt wie die Landschaft in Mecklenburg. Platt wie die Sprache die dort gesprochen wird. Matt wie die Figuren die in dem Roman vorkommen.

 Nehmen wir mal Clara. Von den fünfundzwanzig Kapiteln sind dreizehn Clara gewidmet. Wer ist Clara? Clara ist ein Unglücksvogel. Sie hat Pech in der Ehe, sie hat Pech mit den Eltern. Die Mutter ist eine Trinkerin. Der Vater ist ständig mit Pflichten und Aufgaben beschäftigt. Sie hat Pech mit dem Land. Deswegen engagiert sie sich in der Bürgerbewegung. Sie kämpft für einen demokratischeren Sozialismus (was ist denn das genau?), nur um zu entdecken, dass die meisten Mitkämpfer, Mitläufer sind, die nur an Konsum und Anschluss an dem Westen interessiert sind. Nach der Wende verliert Clara ihre Arbeit, weil sie doch nicht alles machen will, was man von ihr verlangt.

War das denn nicht vorauszusehen? Eine kurze Suche im Internet führt mich zu folgende Aussage Roland Jahns (www.jugendoposition.de): In West-Berlin habe ich als Kontaktstelle angefangen. Angefangen, die Informationen aus dem Osten zur West-Presse zu organisieren. Es war natürlich nicht einfach, von West-Berlin aus Kontakt mit den Leuten in der DDR zu haben. Ich musste da ein ganzes Netzwerk von geheimen Kurieren aufbauen, die zwischen Ost und West hin und her gingen und Briefe, verbotene Bücher und Druckmaschinen transportierten. Er erzählt es mit Stolz. Sein stolzer Beitrag zu ein vereinigtes Deutschland.

Nehmen wir an, Clara wusste das alles nicht. Sie wusste nicht, dass diese Bürgerbewegung durch den Westen manipuliert wurde. Sie wusste nicht, dass die Meisten, Mitläufer waren, und sich nur für Konsum interessierten. Sie wusste nicht. dass diese ganze Bewegung in der Übernahme der DDR durch den Westen enden würde. Sie wusste nicht welche Interessen im Westen herrschten. Lohnt es sich solch eine Person, die so wenig weiß, als Hauptcharakter eines Romans auszuerwählen? Warum wird eine so unwissende Person im Vordergrund gesetzt? Weil auch die Leser unwissend sind oder sein sollen?

 Clara verliert sich in Träume. Sie sammelt Erinnerungen. Sie erinnert mich ein bisschen an Tennessee Williams Laura in der Glass Menagerie. Aber Laura ist eine Allegorie für die Flucht aus dem Leben, und ich glaube nicht, dass Scheer an Allegorien interessiert ist. Als Mensch von Fleisch und Blut und Knochen ist Clara zu wenig interessant. Bei Clara rücken fast immer die familiären Probleme in den Vordergrund. Der Ton ist fast immer wehmütig, wehleidig, und die Stimmung ist fast immer depressiv. Es ist übrigens typisch für Scheers Erzählungsart, das sich Verlieren in Details. Ganz unwichtige Sachen aus dem Alltag erscheinen immer wieder.

Aber auch die anderen Charaktere, besonders Herbert, sind wenig interessant. Herbert ist der maskuline Konterpart von Clara. Auch ein Träumer der sich in der Wirrnis der utopischen Phantasien verliert. Natalja wirkt diffus und nur ein paar Abschnitte ihres Lebens werden geschildert. Auch Jan, Claras Bruder, ist ein Einzelgänger, der sich später in dem Urwald eines Niemandslandes (Brasilien) verliert.

 Wer sicherlich eine Ausnahme des matten und des platten hätte sein können (ist es aber leider nicht geworden) ist Claras Vater, Hans Langer. Vor dem Krieg aktiv in der Untergrundbewegung, wird er von der Gestapo erfasst, und in Sachsenhausen eingesperrt. Kurz vor dem Ende des Krieges gelingt es ihm, aus einer der Todesmärsche zu flüchten. In der DDR wird er Minister.

 Er ist also einer der wenigen Kadern in der DDR, die nicht reine Opportunisten waren, die nicht nur Karriere machen wollten. Er ist ein historischer Kommunist. Er glaubt der Sache. Er hat dafür gelebt und gekämpft. Er ist nicht für den Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag und er ist auch nicht für die Gewalttaten bei dem Arbeiteraufstand 1953. Dies wird aber nicht offen gesagt oder ausführlich begründet. Regina Scheer verschwendet eine prächtige Gelegenheit etwas mehr über diese historischen Ereignisse aus Hans Perspektive zu sagen. Z.B. müsste es doch ein Dialog zwischen Hans und Jan, also Vater und Sohn, einen alten erfahrenen Kommunisten und ein jungen utopischen Idealist, gegeben haben. Vergebens... Hans hüllt sich immer in Schweigen.

Warum schweigt Hans immer? Weil er viel miterlebt hat und weiß das Schweigen Gold ist? Oder einfach weil er nicht Lust hat Konfrontationen zu suchen? Schweigt er wegen der Hoffnungslosigkeit der Debatte oder aus Überheblichkeit? Ist es Defaitismus oder Taktik, d.h., dass Schweigen auch ein Kampfmittel sein kann? Die Fragen deuten auf fehlender psychologischer Tiefe.

Oder schweigt er nur, weil es für Regina Scheer komfortabler war, einen alten historischen Kommunisten zum Schweigen zu bringen?

 Das Hans schweigt, wenn er mit anderen diskutiert, dass hätte ich verstehen können. Das Hans aber schweigt wenn er mit sich selber spricht/denkt? Da das Buch sich auch nach der Wende abspielt, hätte man doch durch Hans eine Möglichkeit gehabt, die Übernahme der DDR durch den Westen zu kritisieren. Aber nein, er herrscht wieder das Schweigen.

Ich kann nur denen vertrauen, mit denen ich schweigen kann. Wo das Schweigen gemeinsames Wissen bedeutet (S. 249). Was heißt das genau? Schweige ich auch mit denen die ich nicht vertraue? Wenn die Antwort ja ist, dann ist die Aussage irrelevant, denn ich schweige ja jedenfalls. Wenn die Antwort nein ist, warum entsteht dann nicht eine Diskussion mit den Personen denen ich nicht vertraue? Wenn das Schweigen gemeinsames Wissen bedeutet, dann schweige ich also nur mit denen die so denken wie ich. Mit denen die nicht so denken, schweige ich also nicht. Im Roman schweigt aber Hans mit denen die er vertraut und auch mit denen er nicht vertraut. Was bedeutet das genau?

 Nicht alles ist matt und platt in Machandel. Z.B. Emma und ihre Liebe zu Niko (S. 343-346) ist sicherlich ein Höhepunkt im Roman. Sehr interessant und gut erzählt ist die Aufräumungsarbeit in der Reichkanzlei von einen Außenkommando von Sachsenhausen (S. 57-59). Auch der Todesmarsch und Hans Flucht sind interessant (S. 64-74). Das Leben in Machandel mit Herbert, Jan, die Großmutter und Arthur, ein Geigenbogenbauer, ist sehr schön erzählt. Auch die Geschichte von Emma und die Bombardierung Hamburgs ist interessant.

 Was mich aber am meisten an dem Roman gestört hat ist die Einseitigkeit der politischen Einstellung. Dass die Stasi schlimm war, das ist doch selbstverständlich. Ehrlichkeitshalber müsste man doch aber den Kontext erwähnen in dem solche Sachen passiert sind: der Kalte Krieg, die Propaganda des Westens. Ich will nur mal ein einziges Beispiel nennen das, weil sehr bekannt, symbolisch für die Strategie des Westens ist. Axel-Springers Hochhaus. Zwischen 1959 und 1965, noch vor der Vollendung des Mauerbaus, aber dicht an der Grenze, guckte es protzig, arrogant und überlegen auf dem Osten.

 Trotz des oben gesagten habe ich das Buch mit Interesse gelesen. Aber ohne Begeisterung. Es ist gut geschrieben, aber es fehlt Glanz. Es ist interessant, aber fast nichts von den erwähnten historischen Gegebenheiten wird gesagt, was man nicht schon vorher wusste. Nichts wird vertieft, weder das Politische, noch das Psychologische oder Gedanken und Ideen. Schön an der Oberfläche bleiben, damit man nicht in den Sumpf der menschlichen Gefühle und Ideen versinkt.

 Regina Scheer sei entschuldigt des matten und des platten. Sie sagt das was die Leute hören wollen. Wie wenige lesen einen Text, der nicht ihren Ideen entspricht? Und welcher Verlag würde ein Buch veröffentlichen, das nicht gelesen wird? Übrigens, hat es überhaupt Sinn ein Buch zu schreiben, das nicht gelesen wird?

 Das oben Gesagte trifft auch auf mich zu. Ich musste fast alles umkehren, umdrehen, weil ich mit dem Meisten nicht einverstanden bin. Es ist sicherlich kein Buch für mich. Ich hätte es nie lesen sollen. Und doch habe ich es gelesen, mit Sorgfalt, bis ins kleinste Detail. Und doch hat es mir etwas gebracht, weil bei der Umkehrung und Umdrehung, neue Gedanken kamen.

 

 

Das Märchen von dem Machandelboom

Es folgt eine kurze Zusammenfassung Grimm‘sches Gruselmärchen Von dem Machandelboom (mehr in www.grimmstories.com/de). Dann folgen die Auslegung und die Kommentare.

Das war vor zweitausend Jahre. Ein reicher Mann, trotz der Liebe zu seiner Frau, konnte keine Kinder haben. Die Frau stand unter einen Machandelbaum und beim Schälen eines Apfels, schnitt sie sich und das Blut tropfte auf dem weißen Schnee. „Ach, hätte ich doch ein Kind, so rot wie das Blut und so weiß wie der Schnee“.

Gesagt, getan oder besser, gewünscht, verwirklicht. So einfach sind die Sachen in einem Märchen. Nach neun Monaten bekam die Frau ein Kind, so weiß wie der Schnee und so rot wie das Blut. Als sie das sah, freute sie sich so, dass sie starb.

Was sollte der Mann machen, ohne Frau und mit einem kleinen Kind? Er nahm sich eine andere Frau. So einfach sind die Sachen (in einem Märchen).

 Die Zeit verging und mit der zweiten Frau hatte er ein weiteres Kind, ein Mädchen, mit Namen Marlene. Die Frau mochte den kleinen Jungen nicht. Er stand ihr immer im Wege. Einmal als der Junge sich einen Apfel aus einer Kiste holen wollte, schlug sie den Deckel zu, und der Kopf flog unter den Äpfeln. Sie setzte den Kopf auf dem Hals, band ein Tuch um, sodass man nichts sehen konnte, und setzte den Jungen vor der Tür.

 Marlene kam, versuchte mit dem Jungen zu sprechen, er antwortete nicht und sie beklagte sich bei der Mutter. „Gib ihm eins hinter die Ohren“ war die Antwort. Das tat auch Marlene und der Kopf fiel herunter. Marlene weinte und ging zur Mutter. „Schweig still. Wir wollen ihn in Sauer kochen“. Sie hackte den Jungen in Stücke und kochte ihn zu einem Gericht.

 Der Mann kam und die Frau servierte das Gericht. Er aß und aß und es schmeckte ihm sehr. Er warf die Knochen unter dem Tisch. „Wo ist mein Sohn?“ fragte der Mann. „Er ist zu Verwandten seiner Mutter gegangen, und bleibt dort sechs Wochen“ antwortete die Frau.

 Marlene weinte. Sie sammelte die Knochen des Bruders in ein seidenes Tuch, und legte es unter dem Machandelbaum. Danach war es ihr wieder wohl.

 Ein Nebel ging von dem Machandelbaum aus, und mitten aus einem Feuer kam ein Vogel. Der Vogel sang so herrlich, und als er verschwand, war auch das Tuch mit den Knochen weg.

Der Vogel flog zu einem Goldschmied, der arbeitete gerade an einer Goldkette. Der Vogel sang: „Mein Mutter der mich schlacht, mein Vater der mich aß, mein Schwester der Marlenichen, sucht alle meine Benichen, bindt sie in ein seiden Tuch, legt’s unter den Machandelbaum. Kiwitt, kiwitt, wat vör‘n schöön Vagel bün ik!

 Er sang so schön, dass der Goldschmied es nochmals hören wollte. Dafür verlangte der Vogel die Goldkette.

Derselbe Vorgang geschah bei einem Schuster und einem Müller, sodass der Vogel außer der Goldkette noch ein paar rote Schuhe und einen Mühlenstein bekam.

Der Vogel flog zurück zu Marlenes Haus. Vater, Mutter und Marlene saßen am Tisch und aßen. Der Vater war vergnügt. Die Mutter fühlte sich nicht wohl. Marlenichen weinte. Der Vogel sang.

 Der Vater ging hinaus, um den Vogel zu sehen. Der Vogel ließ die goldene Kette um den Hals des Vaters fallen.

 Marlenichen ging dann auch hinaus. Sie bekam die roten Schuhe.

 Dann ging die Mutter, und der Vogel ließ den Stein auf ihren Kopf fallen. Sie war an der Stelle tot. Es stiegen Dampf, Flammen und Feuer hinauf, und als dies vorbei war, stand der kleine Junge dort. Lebendig. Er nahm seinen Vater und Marlene bei der Hand, und alle drei waren recht vergnügt.

 Nun die Interpretation. Diese Geschichte zieht sich durch das ganz Buch. Warum? Weiß ich nicht. Es ist Regina Scheer nicht gelungen, mich über die Wichtigkeit der Geschichte im Buch zu überzeugen.

Dass die Revolution, wie der Vater in dem Märchen, ihre Kinder auffrisst, das ist mir zu wenig, denn die Revolution, das waren ja Männer und Frauen. Clara sammelt Geschichten, so wie Marlene die Knochen sammelt. Außerdem ist Marlene auch der Name eines anderen Charakters im Buch, von dem ich später noch einmal sprechen werde. In dem Märchen ist aber viel mehr als das Auffressen der Kinder und das Sammeln der Knochen. Zentral ist die Sache von der Erlösung/Auferstehung des kleinen Junges. Zentral ist auch der Vogel, der wie ein Phönix mit dem Feuer verbunden, und ein Symbol des Wiederbelebenden ist. Zentral ist die Farbe Rot und die Farbe Weiß.

 Auf S. 260 gibt Scheer den Schlüssel für die Auslegung des Märchens: Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung. Oder anders gesagt: Das Vergessenwollen verlängert das Exil und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung. Der Vater verzehrt das Kind ohne zu wissen was er tut. Die Mörderin (die Mutter) ist sowieso nicht an Erinnerungen interessiert. Aber Marlene will nicht vergessen, sie überwindet den Tod durch die Erinnerung, durch das Bewahren der Knochen. Darin liegt die Erlösung für ihren Bruder, der zurückkehrt.

 Und wie ist die Verbindung mit dem Buch? Auch Clara sammelt Erinnerungen. Aber was bedeutet Erlösung in diesem Fall? Ferner ist die Bedeutung des Wortes Exil (siehe oben) nicht ganz klar. Auch konnte ich nicht richtig einsehen, warum Erinnerung zur Erlösung in dem Buch führt. Übrigens, Erlösung, was bedeutet das genau? Und warum sammelt Marlene Erinnerungen wenn sie die Knochen sammelt?

Einiger dieser Fragen wurden mir erst klar, als ich wieder auf S.260 las, dass der Satz Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung, angeblich von Rabbi Israel ben Elieser, auch Baal Schem Tow genannt, aus dem 18. Jahrhundert, stammt.

 Aha, habe ich gesagt, nachdem ich etwas darüber nachgedacht hatte, jetzt verstehe ich es besser (nicht alles!). Während der Diaspora (Exil) war es die Religion, die das jüdische Volk zusammengehalten hat (Erlösung?). Zentrale Rolle in der Religion spielt die Thora (das heilige Buch), die nichts weiter als die Geschichte des jüdischen Volkes (Erinnerung?) ist.

OK. Jetzt habe ich den Satz Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung verstanden. Aber was hat das mit dem Buch Machandel zu tun? Was hat das mit Clara zu tun? Was bedeutet in diesem Kontext das Wort Erlösung? Diese Fragen bleiben.

 Wenn ich, der weder viel von Märchen noch von ihrer Interpretation verstehe, mal bei der Auslegung etwas sagen könnte (übrigens, wer sich dafür interessiert sollte Bruno Bettelheims Buch Kinder brauchen Märchen lesen) so würde ich einfach nicht versuchen eine allgemeingültige Interpretation zu machen.

Märchen sind eine Sammlung von Geschichten, die von Mund zu Mund übertragen worden sind. Dann hat sie jemand gesammelt, der nochmals Veränderungen eingeführt hat. Ein eindeutiger Sinn in solch ein Sammelsurium ist sinnlos. Ich stimme völlig mit Bettelheim überein, dass der Sinn vielmehr die Bearbeitung von Konflikten ist. Jung hat dann von Archetypen und kollektiven Unbewussten und Freud von Urphantasien, die in einen phylogenetischen Besitz sind, gesprochen.

 Da sind z.B. der Vogel und das Feuer, also ein Phönix, der ein Symbol für die Wiederbelebung, also die Auferstehung, also die Überwindung des Todes ist. Da ist das Blut, ein Symbol der Fruchtbarkeit. Das Weiße ist die Reinheit. Die Mutter steht für das Böse. Die Mutter serviert den Jungen dem Vater, damit vielleicht der Vater seine verlorene Vitalität zurückgewinnt, aber wahrscheinlich geht das jetzt schon zu weit.

 Was hat das alles, also Erlösung, Auferstehung, Überwindung des Todes, mit dem Buch Machandel zu tun. Ich konnte es nicht erkennen. Jan stirbt im Urwald. Den Körper findet man nicht. Auferstehung? Übrigens, Religion und Moral sind ständig im Buch vertreten. Ich halte besser meinen Mund. Die Auferstehung der DDR? Darüber will ich hier lieber nicht sprechen, sonst werde ich gelyncht (und kann dann wahrscheinlich nicht mehr auferstehen weil ich kein Marlenichen habe).

 

 

Marlenes Gruselgeschichte

Nach dem Gruselmärchen kommt die Gruselgeschichte. In beiden ist Marlene die Hauptfigur. Zur besseren Unterscheidung werde ich sie Marleneken bzw. Marlene nennen. Marleneken kommt hier kaum vor. Ich konnte die Zusammenhänge nicht erkennen.

Je mehr ich mich mit dem Roman Machandel befasse, je schlechter scheint er mir. Das ist eins der Gründe, die Sache hiermit abzuschließen, denn was nützt es sich mit Sachen zu beschäftigen, die einem nicht gefallen. Das ist also hier der letzte Stein des Baus (besser gesagt des Abbaus), was nicht heißen will, dass ich nicht weitere Fragen beantworten, Beiträge schreiben, Argumente liefern werde. Es heißt nur, dass ich nicht mehr so einen langen Text wie dieser hier schreiben werde/kann.

Was hat es Sinn sich mit Sachen zu befassen, die einem nicht gefallen? Dieses Motto soll auch die Grundidee meiner Analyse der Gruselgeschichte liefern. Gleichzeitig ist sie auch eine Infragestellung des fast obsessiven Interesses Claras (das ist die Hauptfigur des Romans) an Marlene. Natürlich muss man sich öfters mit Sachen beschäftigen, die einem unangenehm sind, aber es muss ein Sinn dahinter sein. Nur im Übel zu wühlen, nur des Übel willens, scheint mir sinnlos.

 Wenn ich nicht ganz das fast obsessive Interesse Claras an Marlene verstehen kann, so glaube ich verstehen zu können, warum Regina Scheer sich für die Gruselgeschichte / Gruselmärchen interessiert hat.

 Wie bereits gesagt, ist der Roman matt und platt. Die langweilige und jammernde Clara, ständig beschäftigt mit ihren familiären Problemen, ständig klagend/anklagend, erfüllt von christlicher Nächstenliebe (der Friedensapostel, wie Hans Langner sagt), besetzt das Zentrum des Romans. Hans schweigt.

Nun gibt es einige Höhen in der Mecklenburgischen Landschaft. Ich sehe gerade in der Wikipedia, dass der höchste Berg in Teterow, in dessen Nähe sich die Geschichte abspielt, 100,4 Meter hoch ist. Also, so ganz in der Ebene kann die Sache nicht funktionieren. In diesem Kontext verstehe ich jetzt auch das Gruselmärchen und die Gruselgeschichte besser. Sie sollen die notwendige Spannung in den Roman einbringen.

Ich bin für Wirklichkeit auch wenn sie schmerzt. Aber man sollte nicht im Elend wühlen. Das Elend und das Leiden haben häufig eine fast voyeuristische Attraktion. Man liest und hört gern vom Übel (der anderen).

 Als kleiner Junge habe ich gerne Frösche mit Käfer gefüttert. Später habe ich Fliegen die Flügel ausgerissen, um zu sehen was geschieht. Habe auch Ameisen auf ein Brett im Wasser (damit sie nicht fliehen können) gesetzt, mit einer kleinen Bombe, die dann gesprengt wurde, um zu sehen wie sie das Leben in der Luft weiterführen (oder auch nicht). Viel später, als ich meine Gartenarbeit machte, habe ich Schnecken getötet, indem ich Salz auf sie gestreut habe. Habe dann gierig die Kontorsionen beobachtet.

Warum?

Wir alle sind mit Probleme konfrontiert. Werden wir mit den inneren Problemen nicht fertig, oder wollen uns mit ihnen nicht befassen, dann projizieren wir sie ins Äußere. Diese Art von Reaktion ist auch sonst in der Natur üblich. Das Schlechte (Eiter, Katarr, usw.) wird extravertiert, d.h. nach außen gestoßen. Wir wollen uns von dem Übel lösen (oder vielleicht wollen wir den inneren mit dem äußeren Übel relativieren).

Dasselbe gilt für den Schmerz. Der innere Schmerz projizieren wir ins Äußere. Damit hoffen wir uns von ihm zu befreien. Indem wir den Schmerz ausstoßen und ausweisen hoffen wir uns von ihm loszulassen.

Diese Ideen können auch das fast obsessive Interesse Claras an Marlene erklären. Beide sind unglücklich, und indem Clara sich mit Marlene beschäftigt, beschäftigt sie sich mit Probleme, die sich auch in ihren inneren abspielen. Beide sind einsam. Beide sind unglücklich.

Ich habe nichts gegen diese Art von Therapie. Es handelt sich um eine Abbildung von in in aus, die aber nur therapeutischen Wert hat, wenn man die Probleme auch richtig bearbeitet. Wenn man von einer Analyse der äußeren sowie von den inneren Problemen nur flüchtet (verdrängt), dann hilft das alles nichts.

Das Regina Scheer die fehlende Spannung der langweiligen Clara und des schweigenden Hans mit Gruselmärchen und Gruselgeschichte ausgleichen wollte, dafür habe ich Verständnis. Ich habe nichts gegen Spannung. Sie gehört zur Literatur, und macht die Sache interessanter. Für was ich aber kein Verständnis habe, ist für die wiederholende Oberflächlichkeit. Nur Spannung ist matt und platt. Spannung, der Spannung halber ist wenig interessant.

Über das Gruselmärchen habe ich schon geschrieben. Es folgt die Gruselgeschichte.

 Es spielt sich alles während des Krieges, präziser von 1940 bis 1944, ab. Marlene ist die älteste Tochter des Gutsarbeiters Paul Peters und seine Frau. Die Frau stirbt, der Mann ist Soldat und Marlene muss auf die Geschwister aufpassen und sie versorgen. Die Baronin, der das Gut gehört, ist nur an Menschen interessiert, die Erträge einbringen. Daran hat sich nichts geändert (nicht nur zur Nazizeit; auch das sollte gezeigt werden).

 Marlene und die Geschwister leben in größter Armut und Not, und können nur überleben dank der Hilfe von Natalja und anderes Personal im Gut, die, hier und da, ihr Essen und Kleidung zukommen lassen. Natalja ist Ostarbeiterin, wird also in der Gesellschaft nicht integrieret, und schließt eine engere Freundschaft mit Marlene.

Nun kommt noch Wilhelm Stüwe dazu. Das ist der Bösewicht. Wilhelm war Stallarbeiter, wird Aufseher der Kriegsgefangenen im Stalag Fünfeichen, und hat gute Beziehungen zu den Nazis. Ein Speichellecker, ein Arschkriecher. Den überliegenden gehörig, den unterliegenden tretend. Auch daran hat sich nicht viel geändert. So Typen trifft man überall um die Ecke (auch das sollte gezeigt werden).

 Hier mache ich mal eine kurze Pause in der Geschichte, um eine Frage zu stellen, die Regina Scheer nicht gestellt hat, und auch nicht versucht hat zu beantworten. Warum gibt es so viele Typen wie diese (nicht nur zur Nazizeit)? Anstatt diese Frage zu beantworten ist es natürlich viel bequemer den Wilhelm als Bösewicht zu brandmarken.

 Nun, zurück zur Geschichte. Wilhelm ist nicht mehr der Jüngste, wurde 1910 geboren, ist also Mitte dreißig, ist verheiratet, aber interessiert sich hauptsächlich für junge Mädchen. Das gibt es leider. Sie versuchen somit ihre verlorene Virilität zurückzugewinnen. Funktioniert meistens nicht. Lieben ist sich geben, egal ob jung oder alt.

 Wilhelm vergewaltigt Marlene ein paar Mal. Marlene sucht um Hilfe. Sie geht zu der Baronin, aber die meint so Sachen würden einem anständigen Mädchen nicht passieren. Wilhelm erfährt davon, droht Marlene. Als sie ihn nochmals anzeigen will, gelingt es ihm, dank seiner Beziehungen, Marlene als geistesgestört in der Universitätsklinik Rostock-Gehlsheim zu internieren. Dort wird sie sterilisiert. Später wird sie in die Klinik Schwerin-Sachsenberg überführt, wo sie stirbt.

 Schwester Elisabeth, Leiterin der Kinderstation der Klinik Schwerin, die etwa dreißig Kinder durch Spritzen getötet hat, meinte es seien ja unheilbare Kinder, deren Tod für alle eine Erleichterung gewesen sei (S. 293-4). Dr. Alfred Leu, Leiter der Kinderfachabteilung derselben Klinik, schreibt in dem Brief an Paul Peters, in dem er den Tod Marlenes mitteilt: ...eine Lungenembolie veranlasste den schnellen Tod der Patientin, der angesichts ihres Gesamtzustandes eine Erlösung für sie und ihre Familie bedeuten dürfte (S.291). Später spricht Schwester Elisabeth von dem Durchbruch der Gallenblase und im Sterbebuch steht hinter dem Todesdatum Marlenes: Influenza. Marlene war neunzehn Jahre alt.

 Zum besseren Verständnis der Geschichte sollte noch gesagt werden, dass es sich hier um eine erfundene Geschichte handelt, dass es aber Schwester Elisabeth und Prof. Leu tatsächlich gegeben hat, und dass sie auch unter diesen Umständen gehandelt haben.

 Noch etwas später wird Schwester Elisabeth in der DDR zum Tode verurteilt, aber dann zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe begnadigt. Professor Leu ist in den Westen geflohen, erst 1951 vor einem Gericht gestellt, und freigesprochen. Er hatte, wie er selber zugab, ja nur unter höhere Anordnung, etwa hundert Kinder getötet (S.294) (hier wäre es auch interessant die unterschiedliche Behandlung der Naziverbrecher zwischen Ost und West zu untersuchen).

 Und was geschah mit Wilhelm Stüwe? Nichts, obwohl es ein Brief von ihm gab, der die Internierung Marlenes veranlasste.

 Nach Hannah Arendts Eichmann in Jerusalem (ein Bericht von der Banalität des Bösen) sollte man nicht mehr versuchen Naziverbrecher als Monster zu charakterisieren (mit einigen wenigen Ausnahmen). Sie waren meistens Kriecher, Jasager, die zu alles bereit waren um Karriere zu machen, Geld zu verdienen, Privilegien zu genießen, Vorteile zu haben. Genau wie heute. Auch heute gibt es massenhaft Menschen, die bereit sind das zu machen was die Obrigkeit verlangt.

Ich will nicht sagen, dass jeder dieser Menschen bereit wäre Mädchen zu vergewaltigen und Kinder zu töten. Aber in Regina Scheers Machandel wird auf S. 365 die Geschichte Isoldes erzählt, die nach der Wende an der Universität arbeitet, und wegen nie bewiesene Vorwürfe der Stasi-Mitarbeit, zum Selbstmord getrieben wird. Die Kollegen sahen die ältere Wissenschaftlerin als störende Konkurrenz. Sind Menschen, die an einer solchen Verleumdung teilnehmen, viel besser?

Die Bezeichnung eines Naziverbrechers als Monster hilft ihn auszusondern, also zu zeigen, dass es sich hier um einen besonderen Menschen handelt, ein Sonderling, einer der nicht so ist wie die anderen.

Genau das wird mit Wilhelm Stüwe versucht. In einer der letzten Szenen (S.440), trifft ihn Clara, schon nach der Wende, kurz vor seinem Tod. Wilhelm zeigt mit einen merkwürdig zufriedenen Lächeln auf ein Stück Fleisch an einen Stachel hängen. „Der Neuntöter. Der Neuntöter ist wieder da.“ Clara wird es schlecht, sie rennt ins Haus und beugt sich über den Ascheeimer. Sie hört noch Wilhelm heiseres Lachen.

 Ist denn das nötig? Wem wird dabei gedient? Die Natur ist halt die Natur, und es ist unsere Aufgabe als Mensch, es besser zu machen. Außerdem, nüchtern gesehen, sehe ich nichts Makabres an der Tatsache dass ein kleiner, sehr niedlicher Vogel, seine Beute aufspießt. Es ist nichts wesentlich anderes, als wenn eine Kuh junges, neues, frisches Gras frisst.

Moral ist schlecht genug. Aber, Moral in der Natur? Die Natur zu moralisieren, anstatt sie anzunehmen, so wie sie ist? Ist denn der Neuntöter, weil er seine Beute aufspießt, schlechter als die Kuh, die nur Gras frisst? Nun, das hat Regina Scheer nicht gesagt! Was hat aber Regina Scheer gesagt, als sie den Bösewicht Stüwe mit dem Neuntöter und nicht mit der Kuh verknüpft hat?

 Wie gesagt, das Buch ist voller Moralismus und Religion. Aber Moral in der Natur, das geht wirklich ein bisschen zu weit. Übrigens, Clara geht natürlich zu Stüves Begräbnis trotz Marlene und Neuntöter (S.441). Sie will doch ihre christliche Pflicht erfüllen.

Es gäbe noch viel mehr zu sagen über das was Regina Scheer nicht gesagt hat. Da gibt es z.B. Marlene die Hauptprotagonistin der Geschichte. Marlene kommt nie zu Wort. Was würde denn Marlene zu dieser ganzen Geschichte sagen? Es wird immer nur über sie geredet. Ihr sinnloses Leben wird nur benutzt um Regina Scheers Geschichte einen Sinn zu geben.

Man müsste z.B. das Euthanasie Programm und die Eugenik (Rassenhygiene) besser mit dem Naziterror verknüpfen, und zeigen, dass auch hier die Sachen einen Sinn haben. Immer wieder spricht Regina Scheer wichtige Themen wie Sozialismus, DDR, Naziterror, Deutsche Einheit, usw. an. Es bleibt aber alles an der Oberfläche.

Die Geschichte von Marlene ist Teil der Geschichte des Naziterrors. Sie ist die Geschichte des Euthanasie Programms und der Eugenik. Es ist nicht ein Thema, das mich besonders interessiert. Wenn es schon aufgegriffen wird, dann sollte es auch richtig behandelt werden. In Tiefe, ergründend. Nur das Spannende vorzubringen, dass zeugt auf schlechten Geschmack. Es ist als ob man den Braten ohne die Kartoffel oder die Arien ohne das Rezitativ präsentieren würde, wo doch gerade das Rezitativ die Arien einführt und rechtfertigt. Damit wird nur denen gedient, die in Literatur nur Unterhaltung suchen.

 

 

Intelligenz, Charakter und Partei

Ich habe mal einen Freund in der CSSR gehabt, der gesagt hat: “Es gibt drei Eigenschaften, die nicht zugleich auftreten: Intelligenz, Charakter und Mitglied der Partei sein.“ Ist einer Mitglied der Partei, dann ist er entweder dumm oder er hat keinen Charakter.

 Nun, jede Regel hat Ausnahmen, und es ist alles nicht so einfach, wie es scheinen mag. Es gab in der Partei auch Leute so wie Hans, die sowohl Charakter als auch Intelligenz hatten. Es gab Leute die meinten die Partei macht es falsch, aber besser in der Partei sein, selbst wenn sie es falsch macht, als richtig handeln außerhalb der Partei.

Ich habe Verständnis für diese Haltung, was nicht heißen soll, dass ich so handeln würde, aber das ist hier wieder eine ganz andere Geschichte, denn es würde sich dann um meine persönliche Haltung handeln, und die ist hier völlig zweitrangig.

Apropos und ganz nebenbei, mir ist die Idee durch den Kopf gegangen, dass im Gegensatz zu dem oben gesagten, die Mitglieder der NSDAP weder Charakter noch Intelligenz hatten. Dadurch ergibt sich ein interessanter Unterschied.

Es ist natürlich nicht alles so einfach wie es scheinen mag. Es gab sicherlich in der SED auch Leute die weder Intelligenz noch Charakter hatten. 

 

 

Gewalt, Wirklichkeit und Politik

 

Ich bin gegen Gewalt. Auf allen Ebenen. Auf lange Sicht führt uns Gewalt immer (ich betone noch einmal, immer) auf dem falschen Weg.

 Und doch...Gewalt lässt sich öfters nicht vermeiden. Und doch... Gewalt ist vieles was wir öfters nicht als Gewalt nennen oder nennen wollen (Heuchelei ist auch Gewalt). Z.B. wenn wir Ideen, die das Leben von Leuten verbessern könnten, nicht verteidigen, wegen einer möglichen Benutzung von Gewalt, dann verwenden wir Gewalt. Es ist die Gewalt gegen eine Verbesserung des Lebens der Leute. Hier sehen wir wie kompliziert das Thema ist. Im obigen Beispiel lässt sich Gewalt gar nicht vermeiden. Nichts machen ist Gewalt, und etwas machen ist es auch.

 Wenn einer passiv zusieht, wie jemand ein Mädchen verprügelt, dann erlaubt er, durch Gewaltlosigkeit, dass Gewalt ausgeübt wird. Wenn er eingreift, dann benutzt er Gewalt um Gewalt zu vermeiden. Kompliziert, nicht wahr?

 Ich habe in dem vorletzten Paragraphen das Wort könnten absichtlich hervorgehoben, weil Ideen eigentlich nur einen Sinn haben, wenn sie mit Wirklichkeit verbunden werden. D.h., Ideen sollte man in Wirklichkeit umsetzen. Man kann natürlich immer sagen, dass diese oder jene Idee sich niemals in Wirklichkeit umsetzen wird. Aber das kann man von jeder Idee sagen. Ideen werden nur zur Wirklichkeit, wenn man es versucht.

 Ich habe meine Kinder nie geschlagen. Ich bin gegen Gewalt. Ein oder das andere Mal, als sie noch klein waren, habe ich Ihnen mal eins hinter die Ohren gegeben, oder habe den Ton erhöht, was genau so schlimm sein kann (übrigens man kann Leute verletzen mit der leiseste Sprache, mit dem sanftesten Ton).

 Warum habe ich es gemacht? Weil ich manchmal die Kontrolle verliert habe. Weil ich mich manchmal von Gefühlen führen ließ. Weil ich nicht immer rationell oder ausgewogen bin. Weil ich nicht immer das mache was ich plane. Weil ich ab und zu die Balance verliere. Weil ich Eile habe und nicht abwarten möchte. Weil ich schnell zu Resultaten kommen will. Weil es dringend ist. Weil... weil... weil....

 Gewaltlos kann man nur sein, wenn man nichts macht, wenn man nur im Bereich der Ideen bleibt, wenn man nur in seiner Gedankenwelt versunken bleibt. Die Welt verändern, heißt Gewalt anzuwenden, denn verändern heißt das Sein mit dem Nichtsein zu konfrontieren (das Wort konfrontieren, d.h. Stirn gegen Stirn, vom lat. frons deutet schon auf Gewalt).

 Wie lassen sich diese Gegensätze verarbeiten? Wie kann man Gewalt ist schlecht mit Gewalt ist notwendig verbinden? Vielleicht mit der notwendigen Gewalt, d.h. Gewalt nur benutzen wenn sie unbedingt notwendig ist. Und wann ist Gewalt unbedingt notwendig? Das ist eine schwierige Frage, die nicht generell beantwortet werden kann, die von Fall zu Fall verschieden ist, und die natürlich viel Subjektivität einschießt. Als generelle Idee würde ich sagen, dass diese Frage nur von einer großen Mehrheit beantwortet werden kann, und dass ist sicherlich nicht in der DDR geschehen. Das war ein großer Fehler.

 Ein weiterer Gedanke zur Verarbeitung dieser Gegensätze ist die Idee von Mittel und Zweck. Gewalt kann Mittel, sollte aber niemals Zweck sein. Das ist schön und leicht gesagt, wie unterscheidet man aber Mittel von Zweck? Ich habe ausführlich darüber in Geschichten aus der DDR geschrieben.

 Ich habe oben ein ganz kleines Beispiel gegeben von Ideen die in Machandel nicht behandelt werden, die es aber hätten sein sollen, wenn man schon so wichtige Themen wie DDR und Sozialismus anspricht. Ich weiß, das Buch ist ein Roman, ist ein Familienroman. Es ist keine politische Abhandlung. Man will daraus kein Politikum machen. Trotzdem. Der Roman setzt auch den Schwerpunkt auf DDR und Sozialismus und diese wichtigen Themen auf Stasi, Vorurteile, Gemeinheiten und Allgemeinheiten zu reduzieren ist matt und platt. Selbstverständlich müssen diese Ideen nicht in der Form gebracht werden, die ich oben benutzt habe. Ich schreibe hier keinen Roman. Ich schreibe hier, ohne viel Sorgfalt um die Form, einen kleinen Beitrag in einem kleinen Forum. Es gibt aber unzählige Möglichkeiten eine Diskussion von Ideen in einen Roman, auch einen Familienroman einzubauen, sei es durch Dialoge, sei es durch Bilder, Allegorien oder Satire. Das hat Regina Scheer nicht gemacht.

 Ich habe nichts gegen unpolitische Kunst. Ich liebe Rilke, und ich kann wirklich nicht viel Politisches an ihm sehen. Ich finde man sollte der Kunst keine Aufgaben setzen. Aber man sollte politische Themen nicht einseitig behandeln.

 Das wollte ich nicht sagen. Was ich sagen wollte ist das man politische Themen nicht unpolitisch behandeln sollte. Das würde viel besser klingen. Aber es stimmt leider nicht! Regina Scheer macht Politik mit ihren Roman. Schlechte (aus meiner Perspektive). 

 

Politik und Religion

Im Wahrig steht, dass Revolution, Umsturz und Umwälzung ist. Man kann keinen Umsturz und keine Umwälzung einer gewissen Ordnung in Gang bringen, ohne Gewalt anzuwenden, nämlich die Gewalt gegen die, die an der herrschenden Ordnung interessiert sind. Das man versucht eine Bürgerbewegung als revolutionär, aber doch friedlich zu bezeichnen, das ist eine ganz klare politische Line, die man auch in anderen Ereignissen der Geschichte finden kann.

 Wenn man nämlich etwas Revolution nennt, dann will man die Veränderung hervorheben. Wenn man es friedlich nennt, dann will man sagen, dass es ohne Gewalt geht. Wie wir aber schon gesehen haben, ist es gar nicht möglich eine grundsätzliche Änderung ohne Benutzung von Gewalt zu veranlassen. Man versucht also etwas vorzutäuschen. Man versucht die Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Man verlässt also den Bereich der Wirklichkeit. Man bleibt im Bereich der Phantasien oder Ideen. Idealismus also (im Gegensatz zum Realismus)

 Soweit ich mich erinnern kann, benutzt Regina Scheer den Ausdruck friedliche Revolution nicht. Sie stellt aber diese Bürgerbewegung in ein sehr positives Licht. Dies geschieht nicht ein oder zwei Mal. Dies geschieht während des ganzen Romans. Clara und auch Herbert gehören zu dieser Bürgerbewegung. Indem Regina Scheer sie hervorhebt und indem sie diese Bewegung in ein sehr positives Licht stellt, nimmt sie eine ganz klare politische Stellung. Sie macht also Politik: Ideen haben dem Vorrang gegenüber Wirklichkeit.

 In Bezug auf die Bürgerbewegung in der DDR und in Bezug auf die politische Stellungnahme Regina Scheers kann man diese Tatsache noch viel deutlicher machen. Ich habe nichts gegen Bürgerbewegungen. Ganz im Gegenteil. Man sollte aber sehr vorsichtig sein, und genau untersuchen was dahinter steckt. Stecken starke Interessen, oder, besser gesagt, stecken die Interessen der Starken dahinter, dann werden die Bürger manipuliert.

 Ich glaube es gibt kein Zweifel, dass die DDR Bürgerbewegung stark von der Kirche unterstützt wurde. Nicht nur von der katholischen sondern auch von der evangelischen Kirche. Das wird in Machandel mehrmals gezeigt.

 Politik mit Religion zu vermischen, da würde ich sehr vorsichtig sein. Ich glaube, als eine allgemeingültige Aussage behaupten zu können, dass die Trennung zwischen Religion und Politik eins der großen Fortschritte des XX Jahrhunderts war.

 Die Assoziation von Politik mit Religion erinnert mich an die Kreuzzüge, Inquisition, die Religionskriege des 16. Und 17. Jahrhunderts, besonders der Dreißigjährige Krieg (1618-1648), Pizarro, Cortés, die im Auftrag der katholischen Könige, ganze Zivilisationen in Südamerika ausrotteten, nicht zu sprechen von Richelieu.

Was die Bürgerbewegung in der DDR betrifft, so habe ich nicht sehr nachgeforscht. Ich konnte nicht sehr viel Material finden, das eine Verbindung der Bürgerbewegung mit Interessen in Westen ermöglicht. Kann jemand mir Hinweise geben, wo man im Internet Zugang zu solches Material hat, dann wäre ich ihm sehr dankbar.

Sicher steht, dass die Kirche durch Geld aus dem Westen unterstützt wurde. Sicher steht, dass die westliche Presse die Nachrichten aus dem Osten bereitwillig empfang, und sie verstärkt in dem Osten zurücksendete. Starke Antennen an der Grenze halfen den Empfang im Osten zu fördern. Mir ist auch die Ähnlichkeit der Bürgerbewegung in der DDR mit Solidarność in Polen mehrmals aufgefallen. Wie waren die Verbindungen? Waren da internationale Interessen nicht am Spiel?

 In meinen vorherigen Beitrag habe ich versucht zu zeigen, dass Gewalt ein sehr weitläufiger Begriff ist. Wenn man einen Mensch tötet, dann wird sicherlich Gewalt angewendet. Wenn man aber durch hetzen seinen Tod ermöglicht, dann ist das auch Gewalt. Ich glaube eine Hetzkampagne gegen die DDR durch die westliche Presse erkennen zu können.

 Was hat das alles mit Machandel zu tun? Indem Regina Scheer über alle diese Tatsachen schweigt, und indem sie die Bürgerbewegung in ein positives Licht stellt, entscheidet sie sich für eine einseitige Perspektive und nimmt eine ganz klare politische Stellung ein.