Samstag, 20. November 2021

Meine Reise in Heines deutsches Wintermärchen - Teil 2

 

HEINES VORWORT

Das nachstehende Gedicht schrieb ich im diesjährigen Monat Januar zu Paris, und die freie Luft des Ortes wehete in manche Strophe weit schärfer hinein, als mir eigentlich lieb war. Ich unterließ nicht, schon gleich zu mildern und auszuscheiden, was mit dem deutschen Klima unverträglich schien. Nichtsdestoweniger, als ich das Manuskript im Monat März an meinen Verleger nach Hamburg schickte, wurden mir noch mannigfache Bedenklichkeiten in Erwägung gestellt. Ich mußte mich dem fatalen Geschäfte des Umarbeitens nochmals unterziehen, und da mag es wohl geschehen sein, daß die ernsten Töne mehr als nötig abgedämpft oder von den Schellen des Humors gar zu heiter überklingelt wurden. Einigen nackten Gedanken habe ich im hastigen Unmut ihre Feigenblätter wieder abgerissen, und zimperlich spröde Ohren habe ich vielleicht verletzt. Es ist mir leid, aber ich tröste mich mit dem Bewußtsein, daß größere Autoren sich ähnliche Vergehen zuschulden kommen ließen. Des Aristophanes will ich zu solcher Beschönigung gar nicht erwähnen, denn der war ein blinder Heide, und sein Publikum zu Athen hatte zwar eine klassische Erziehung genossen, wußte aber wenig von Sittlichkeit. Auf Cervantes und Molière könnte ich mich schon viel besser berufen; und ersterer schrieb für den hohen Adel beider Kastilien, letzterer für den großen König und den großen Hof von Versailles! Ach, ich vergesse, daß wir in einer sehr bürgerlichen Zeit leben, und ich sehe leider voraus, daß viele Töchter gebildeter Stände an der Spree, wo nicht gar an der Alster, über mein armes Gedicht die mehr oder minder gebogenen Näschen rümpfen werden! Was ich aber mit noch größerem Leidwesen voraussehe, das ist das Zetern jener Pharisäer der Nationalität, die jetzt mit den Antipathien der Regierungen Hand in Hand gehen, auch die volle Liebe und Hochachtung der Zensur genießen und in der Tagespresse den Ton angeben können, wo es gilt, jene Gegner zu befehden, die auch zugleich die Gegner ihrer allerhöchsten Herrschaften sind. Wir sind im Herzen gewappnet gegen das Mißfallen dieser heldenmütigen Lakaien in schwarzrotgoldner Livree. Ich höre schon ihre Bierstimmen: »Du lästerst sogar unsere Farben, Verächter des Vaterlands, Freund der Franzosen, denen du den freien Rhein abtreten willst!« Beruhigt euch. Ich werde eure Farben achten und ehren, wenn sie es verdienen, wenn sie nicht mehr eine müßige oder knechtische Spielerei sind. Pflanzt die schwarzrotgoldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben. Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland ebensosehr wie ihr. Wegen dieser Liebe habe ich dreizehn Lebensjahre im Exile verlebt, und wegen ebendieser Liebe kehre ich wieder zurück ins Exil, vielleicht für immer, jedenfalls ohne zu flennen oder eine schiefmäulige Duldergrimasse zu schneiden. Ich bin der Freund der Franzosen, wie ich der Freund aller Menschen bin, wenn sie vernünftig und gut sind, und weil ich selber nicht so dumm oder so schlecht bin, als daß ich wünschen sollte, daß meine Deutschen und die Franzosen, die beiden auserwählten Völker der Humanität, sich die Hälse brächen zum Besten von England und Rußland und zur Schadenfreude aller Junker und Pfaffen dieses Erdballs. Seid ruhig, ich werde den Rhein nimmermehr den Franzosen abtreten, schon aus dem ganz einfachen Grunde: weil mir der Rhein gehört. Ja, mir gehört er, durch unveräußerliches Geburtsrecht, ich bin des freien Rheins noch weit freierer Sohn, an seinem Ufer stand meine Wiege, und ich sehe gar nicht ein, warum der Rhein irgendeinem andern gehören soll als den Landeskindern. Elsaß und Lothringen kann ich freilich dem deutschen Reiche nicht so leicht einverleiben, wie ihr es tut, denn die Leute in jenen Landen hängen fest an Frankreich wegen der Rechte, die sie durch die französische Staatsumwälzung gewonnen, wegen jener Gleichheitsgesetze und freien Institutionen, die dem bürgerlichen Gemüte sehr angenehm sind, aber dem Magen der großen Menge dennoch vieles zu wünschen übriglassen. Indessen, die Elsasser und Lothringer werden sich wieder an Deutschland anschließen, wenn wir das vollenden, was die Franzosen begonnen haben, wenn wir diese überflügeln in der Tat, wie wir es schon getan im Gedanken, wenn wir uns bis zu den letzten Folgerungen desselben emporschwingen, wenn wir die Dienstbarkeit bis in ihrem letzten Schlupfwinkel, dem Himmel, zerstören, wenn wir den Gott, der auf Erden im Menschen wohnt, aus seiner Erniedrigung retten, wenn wir die Erlöser Gottes werden, wenn wir das arme, glückenterbte Volk und den verhöhnten Genius und die geschändete Schönheit wieder in ihre Würde einsetzen, wie unsere großen Meister gesagt und gesungen und wie wir es wollen, wir, die Jünger - ja, nicht bloß Elsaß und Lothringen, sondern ganz Frankreich wird uns alsdann zufallen, ganz Europa, die ganze Welt - die ganze Welt wird deutsch werden! Von dieser Sendung und Universalherrschaft Deutschlands träume ich oft, wenn ich unter Eichen wandle. Das ist mein Patriotismus.

Ich werde in einem nächsten Buche auf dieses Thema zurückkommen, mit letzter Entschlossenheit, mit strenger Rücksichtslosigkeit, jedenfalls mit Loyalität. Den entschiedensten Widerspruch werde ich zu achten wissen, wenn er aus einer Überzeugung hervorgeht. Selbst der rohesten Feindseligkeit will ich alsdann geduldig verzeihen; ich will sogar der Dummheit Rede stehen, wenn sie nur ehrlich gemeint ist. Meine ganze schweigende Verachtung widme ich hingegen dem gesinnungslosen Wichte, der aus leidiger Scheelsucht oder unsauberer Privatgiftigkeit meinen guten Leumund in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen sucht und dabei die Maske des Patriotismus, wo nicht gar die der Religion und der Moral, benutzt. Der anarchische Zustand der deutschen politischen und literarischen Zeitungsblätterwelt ward in solcher Beziehung zuweilen mit einem Talente ausgebeutet, das ich schier bewundern mußte. Wahrhaftig, Schufterle ist nicht tot, er lebt noch immer und steht seit Jahren an der Spitze einer wohlorganisierten Bande von literarischen Strauchdieben, die in den böhmischen Wäldern unserer Tagespresse ihr Wesen treiben, hinter jedem Busch, hinter jedem Blatt, versteckt liegen und dem leisesten Pfiff ihres würdigen Hauptmanns gehorchen.

Noch ein Wort. Das »Wintermärchen« bildet den Schluß der »Neuen Gedichte«, die in diesem Augenblick bei Hoffmann und Campe erscheinen. Um den Einzeldruck veranstalten zu können, mußte mein Verleger das Gedicht den überwachenden Behörden zu besonderer Sorgfalt überliefern,
und neue Varianten und Ausmerzungen sind das Ergebnis dieser höheren Kritik.

Hamburg, den 17. September 1844 Heinrich Heine

 


  •        Das Heine ein Humanist ist, geht aus dem Vorwort hervor. Er ist nicht nur ein Freund der Franzosen, sondern er ist auch ein Freund aller Menschen. Heine ist ein Pantheist, d.h., er sieht Gott in allem. Und weil das All mit Gott verbunden wird, so ist es auch gut und schön (vgl. Kircher S. 81).
  •     Wie wir sehen werden stellt sich Heine in einer differenzierten Stellung. Er ist gegen die Aristokratie und ihre Privilegien. Er identifiziert sich aber auch nicht mit dem Bürgertum und seinem Nationalismus. Er sagt: Wir sind im Herzen gewappnet gegen das Mißfallen dieser heldenmütigen Lakaien in schwarzrotgoldner Livree. ... Ich werde eure Farben achten und ehren, wenn sie es verdienen, wenn sie nicht mehr eine müßige oder knechtische Spielerei sind. Pflanzt die schwarzrotgoldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben.
  •  Interessant ist zu bemerken, dass Heines Traum einer deutsch-französischer Allianz (siehe Ende des § 1) durch die EU zeitweilig verwirklicht wurde.
  •     Schufterle ist eine Figur aus Die Räuber von Schiller.

  

 

CAPUT I

Im traurigen Monat November war's,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.                       (I-8)

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.                                  (I-16)

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew'gen Wonnen.                                  (I-24)

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.                             (I-32)

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.                                     (I-40)

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.                                  (I-48)

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.                               (I-56)

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder -
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder!                                  (I-64)

Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe -

Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
Zerfließen in Flammenbächen -
Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
Ich könnte Eichen zerbrechen!                              (I-72)

Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte -
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.

 

 

  • Das Harfenmädchen ist eine typische romantische Figur. Sie erinnert an Zeiten die vergangen sind, oder besser, die es sein sollten.
  • Mit wahrem Gefühle aber mit falscher Stimme, d.h. die Gefühle sind echt aber die Form sie auszudrücken ist falsch, weil man es nicht kann, nicht weiß oder nicht will. Der Ansporn, Anreiz, Anstoß ist richtig, also nichts gegen die Triebe. Wie werden sie aber realisiert? (I–14-15)
  • In I-13 bis 32 ist von Heuchelei die Rede. Die Religion wird benutzt, um das Volk von dem Wohlstandsgedanke abzubringen, damit es an das Eiapopeia vom Himmel glaubt. Aber diejenigen die das Wasser predigen, trinken heimlich Wein.
  •  Heine konfrontiert Idealismus mit Realismus wenn er sagt, dass wir auf Erden schon das Himmelreich errichten sollen / wollen (I-35-36).
  •  Es kommt eine Zeit, wo es keine Ausbeutung mehr geben wird. Faule Bäuche sollen das was fleißige Hände erwarben, nicht verschlemmen (I-39-40).
  • Rosen, Myrten und Zuckererbsen; Schönheit und Lust; also alles leibliche Genüsse, anstatt Engeln und Himmel (I-43 u. ff.).
  •  Es soll eine neue Zeit kommen, in der die Sterbeglocken schweigen. Diese neue Zeit wird durch die Ehe Europas mit der Freiheit ermöglicht. Aus dieser Ehe folgt dann in Caput XXVII ein neues Geschlecht mit freiem Gedanken und freier Lust. Heine verknüpft somit den Anfang mit dem Ende des Gedichts.
  •  In der letzten Strophe vergleicht sich Heine mit Antäus/Antaios aus der griechischen Mythologie. Aus der Erde gewinnt der Riese immer neue Kräfte. Hier steht Erde für Realität. Auch Heine will sich mit der Wirklichkeit befassen. Der Himmel bleibt für die Engeln und die Spatzen.
  • In den letzten drei Strophen stellt sich Heine als Vertreter der Aufklärung. Er will das Hochzeitslied zwischen Europa und die Freiheit singen. Diese Heirat symbolisiert Heines Wunschvorstellung und Hoffnungen. Sterne, Flammen, immer wieder treten Symbole des Lichts hervor (vgl. Enlightment). Es strömen die Zaubersäfte, es wachsen ihm neue Kräfte und er könnte Eichen zerbrechen.

 

 

CAPUT II

Während die Kleine von Himmelslust
Getrillert und musizieret,
Ward von den preußischen Douaniers
Mein Koffer visitieret.

Beschnüffelten alles, kramten herum
In Hemden, Hosen, Schnupftüchern;
Sie suchten nach Spitzen, nach Bijouterien,
Auch nach verbotenen Büchern.                            (II-8)

Ihr Toren, die ihr im Koffer sucht!
Hier werdet ihr nichts entdecken!
Die Konterbande, die mit mir reist,
Die hab ich im Kopfe stecken.

Hier hab ich Spitzen, die feiner sind
Als die von Brüssel und Mecheln,
Und pack ich einst meine Spitzen aus,
Sie werden euch sticheln und hecheln.                  (II-16)

Im Kopfe trage ich Bijouterien,
Der Zukunft Krondiamanten,
Die Tempelkleinodien des neuen Gotts,
Des großen Unbekannten.

Und viele Bücher trag ich im Kopf!
Ich darf es euch versichern,
Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest
Von konfiszierlichen Büchern.                               (II-24)

Glaubt mir, in Satans Bibliothek
Kann es nicht schlimmere geben;
Sie sind gefährlicher noch als die
Von Hoffmann von Fallersleben! -

Ein Passagier, der neben mir stand,
Bemerkte mir, ich hätte
Jetzt vor mir den preußischen Zollverein,
Die große Douanenkette.                                      (II-32)

»Der Zollverein« - bemerkte er -
»Wird unser Volkstum begründen,
Er wird das zersplitterte Vaterland
Zu einem Ganzen verbinden.

Er gibt die äußere Einheit uns,
Die sogenannt materielle;
Die geistige Einheit gibt uns die Zensur,
Die wahrhaft ideelle -                                            (II-40)

Sie gibt die innere Einheit uns,
Die Einheit im Denken und Sinnen;
Ein einiges Deutschland tut uns not,
Einig nach außen und innen.«

 

 

  • Auf Grund der 1815 Beschlüsse des Wiener Kongresses gehörte das Rheinland, wo Heine die Grenze überquert, zu Preußen (Pfister, Caput II).
  •  Heine benutzt die französischen Wörtern Bijouterien (anstatt Schmuck) und Konterbande (anstatt Schmuggler), um eine Verbindung mit dem fortschrittlichen Frankreich zu machen.
  • Heine trägt die Tempelkleinodien im Kopf. Dort kann sie die Zollbehörde nicht ausnisten (sic). Kleinodien sind Juwelen, und Heine verbindet sie mit einem Tempel, wo ein neuer Gott der Aufklärung sie empfangen soll. Unter den Kostbarkeiten der neuen Zeit befinden sich Krondiamanten, Bijouterien und Spitzen (II-9-24).
  •  Mechelen oder Mecheln ist eine Stadt in Antwerpen, Belgien (II-14).
  •  Mit konfiszierlich meint Heine, dass man die Bücher konfiszieren kann (II-24) .
  •  Fallersleben wurde von der preußischen Regierung wegen seiner liberalen Haltung mehrmals verfolgt. Wie wir in späteren Kapiteln sehen werden, steht Heine Fallersleben kritisch gegenüber, da er meint, dieser würde seine Ablehnung nicht konsequent genug äußern. Fallersleben wird von Heine in die Tendenzpoesie, also etwas eindimensional, eingestuft.  
  • Gleich bei der Einreise trifft Heine das alte Deutschland, das nur an Macht glaubt. Zoll und Zensur sind zwei wichtige Mittel, mit denen Preußen versucht seine Vorherrschaft zu befestigen. Der Zollverein gibt die äußere Einheit, die sogenannte materielle. Die Zensur gibt die innere Einheit, die geistige. Materie und Geist werden hier zwangsvereint. Hier kann äußere und innere Einheit auch im Rahmen des europäischen bzw. deutschen Raums benutzt werden. Es ist natürlich eine gewissermaßen erzwungene Einheit. Zoll soll eine Basis schaffen für eine wirtschaftliche Einigung. Zensur soll die Stimmen, die nicht in dem herrschenden Konzept passen, zum Schweigen bringen
  •  Die Einheit im Denken und Sinnen kann auch nachteilig sein, weil sie zu einem einheitlichen Denken führt. Unter preußischer Herrschaft wird die Eigenständigkeit deutscher Kleinstaaten aufgeopfert. Das Asyl für andersdenkende Köpfe kann dann nicht mehr gewährleistet werden (II-42). 
 

 

CAPUT III

Zu Aachen, im alten Dome, liegt
Carolus Magnus begraben.
(Man muß ihn nicht verwechseln mit Karl
Mayer, der lebt in Schwaben.)

Ich möchte nicht tot und begraben sein
Als Kaiser zu Aachen im Dome;
Weit lieber lebt' ich als kleinster Poet
Zu Stukkert am Neckarstrome.                                (III-8)

Zu Aachen langweilen sich auf der Straß'
Die Hunde, sie flehn untertänig:
»Gib uns einen Fußtritt, o Fremdling, das wird
Vielleicht uns zerstreuen ein wenig.«

Ich bin in diesem langweil'gen Nest
Ein Stündchen herumgeschlendert.
Sah wieder preußisches Militär,
Hat sich nicht sehr verändert.                                   (III-16)

Es sind die grauen Mäntel noch
Mit dem hohen, roten Kragen -
(Das Rot bedeutet Franzosenblut,
Sang Körner in früheren Tagen.)

Noch immer das hölzern pedantische Volk,
Noch immer ein rechter Winkel
In jeder Bewegung, und im Gesicht
Der eingefrorene Dünkel.                                        (III-24)

Sie stelzen noch immer so steif herum,
So kerzengerade geschniegelt,
Als hätten sie verschluckt den Stock,
Womit man sie einst geprügelt.

Ja, ganz verschwand die Fuchtel nie,
Sie tragen sie jetzt im Innern;
Das trauliche Du wird immer noch
An das alte Er erinnern.                                         (III-32)

Der lange Schnurrbart ist eigentlich nur
Des Zopftums neuere Phase:
Der Zopf, der ehmals hinten hing,
Der hängt jetzt unter der Nase.

Nicht übel gefiel mir das neue Kostüm
Der Reuter, das muß ich loben,
Besonders die Pickelhaube, den Helm
Mit der stählernen Spitze nach oben.                      (III-40)

Das ist so rittertümlich und mahnt
An der Vorzeit holde Romantik,
An die Burgfrau Johanna von Montfaucon,
An den Freiherrn Fouqué, Uhland, Tieck.

Das mahnt an das Mittelalter so schön,
An Edelknechte und Knappen,
Die in dem Herzen getragen die Treu
Und auf dem Hintern ein Wappen.                             (III-48)

Das mahnt an Kreuzzug und Turnei,
An Minne und frommes Dienen,
An die ungedruckte Glaubenszeit,
Wo noch keine Zeitung erschienen.

Ja, ja, der Helm gefällt mir, er zeugt
Vom allerhöchsten Witze!
Ein königlicher Einfall war's!
Es fehlt nicht die Pointe, die Spitze!                          (III-56)

Nur fürcht ich, wenn ein Gewitter entsteht,
Zieht leicht so eine Spitze
Herab auf euer romantisches Haupt
Des Himmels modernste Blitze! - -

Zu Aachen, auf dem Posthausschild,
Sah ich den Vogel wieder,
Der mir so tief verhaßt! Voll Gift
Schaute er auf mich nieder.                                   (III-64)

Du häßlicher Vogel, wirst du einst
Mir in die Hände fallen,
So rupfe ich dir die Federn aus
Und hacke dir ab die Krallen.

Du sollst mir dann, in luft'ger Höh',
Auf einer Stange sitzen,
Und ich rufe zum lustigen Schießen herbei
Die rheinischen Vogelschützen.                             (III-72)

Wer mir den Vogel herunterschießt,
Mit Zepter und Krone belehn ich
Den wackern Mann! Wir blasen Tusch
Und rufen: »Es lebe der König!«

 

 

  •  Es gibt Ungenauigkeiten in Bezug auf Heines wirkliche Reise im Oktober 1843 und ich kann mich natürlich auch geirrt haben, aber der Plan der Hinfahrt war Paris > Lille > Brüssel > Aachen > Köln per Eisenbahn. Von dort ging es mit der Kutsche weiter: Köln > Hagen > Unna > Münster > Osnabrück > Bremen > Harburg. Per Schiff überquerte er von Harburg bis Hamburg. Bei der Rückreise machte Heine dann per Schiff die erste Strecke von Hamburg nach Harburg. Die nächste Strecke, per Kutsche, verging etwas anders als die Hinreise: Harburg > Celle > Hannover > Bückeburg > Minden > Münster > Unna > Hagen > Köln. Von Köln ging es dann per Eisenbahn über Brüssel zurück nach Paris.
  •   Die fiktive Reise des lyrischen Ichs im Wintermärchen entspricht ungefähr Heines Rückreise, nur natürlich in der entgegengesetzten Richtung. Also Aachen (III) > Köln (IV) > Hagen (VIII) > Unna (X) > Teutoburger Wald / Kyffhäuser / Hermannsdenkmal (XI) > Minden (XVIII) > Bückeburg (XIX) >Hannover (XIX) > Hamburg (XIX). Die römischen Nummern in Klammern verweisen auf die Kapitel wo Heine die Stadt das erste Mal erwähnt.
  •  Die Gebeine Karl des Großen liegen in einen Schrein im Aachener Dom. Karl Meyer repräsentiert die „Schwäbische Schule“ mit der sich Heine auseinandersetzt (Krüger). Er gehörte zu dem Kreis schwäbischer Dichter um Ludwig Uhland, Justinius Kerner und Gustav Schwab, die Heine verachtet, weil sie sich konform und untertänig verhalten (Pfister). Der Vergleich des großen Karl mit dem kleinsten Poet zu Stukkert am Neckarstrome soll natürlich diesen sticheln (III-1-4).
  •  Zwischen 1794 und 1814 steht Aachen unter französischer Herrschaft. Der Anschluss an Preußen folgt 1815. Daraufhin verändert sich das Stadt- und Kulturbild. Hunde (und Menschen) müssen angestoßen werden, um aus der Totenruhe aufzuwachen (Krüger) (III – 9 u. ff.).
  •  In Aachen ergibt sich Heines erste Begegnung mit dem preußischen Militarismus. Sowohl der Militarismus als auch der Nationalismus, Konservativismus und politische Romantik werden kritisiert. Der preußische Adler wird als Symbol benutzt. Das fortschrittliche Frankreich wird mit dem rückständigen Deutschland konfrontiert.
  • Das Lied der schwarzen Jäger von Theodor Körner (III-20) findet man in http://www.zeno.org. Hier ein Auszug: Ins Feld, ins Feld! Die Rachegeiste mahnen / Auf, deutsches Feld, zum Krieg! /.../ Noch trauren wir im schwarzen Rächerkleide / Um den gestorb’nen Mut; / Doch fragt man euch, was dieses Rot bedeute, / Das deutet Frankenblut.
  • Die Füße im rechten Winkel war eine typisch preußische militärische Haltung (III-22).
  • Unterwerfung ist Verinnerlichung der Gewalt. Dies versucht Heine bildlich zu zeigen indem er sagt, dass die preußischen Militärs so steif stehen, dass man meinen könnte, sie hätten den Stock verschluckt, mit dem man sie einst verprügelt hat (III-27-28). Die Prügelstrafe wurde für Soldaten in Preußen erst 1807 abgeschafft, aber Offiziere hatten bis 1813 das Recht, die ihnen unterstellten Soldaten mit Schlägen zu züchtigen (Wikipedia.de). 
  • Mit Reuter in III-38 meint Heine wahrscheinlich die Reiter und macht ironische Assoziationen mit Reue und/oder reuten (roden). Den Boden reuten ist den Boden aufreißen. Roden, lese ich gerade im Wahrig, hat dieselbe Wurzel wie Raub.
  • Die Pickelhaube wurde 1842 unter Friederich Wilhelm IV eingeführt (Wikipedia). Sie erinnert an das Mittelalter. Mittelalterlich geht es in Deutschland zu. Aber die Spitze des Helms könnte die Blitze eines Gewitters anziehen. Hier wird natürlich die Revolution gemeint (III-39 u. ff.).
  •  Johanna von Montfaucon (III-43) ist ein Theaterstück von August von Kotzebue (1761-1819). Das Attentat, wo Kotzebue durch den Jenaer Burschenschaftler Karl Ludwig Sand ermordet wurde, war Anlass für die Karlsbader Beschlüsse, die die Zensur verschärften. 
  • Baron Friedrich Heinrich Karl de la Motte Fouqué war ein Dichter der Romantik. Auch Tieck gehört der Romantik. Das Reimen von Uhland, Tieck mit Romantik bekräftigt diese Idee (III-44). 
  • Meine Reclam Version hat zwischen III-60 und III-61 eine zusätzliche Strophe, allerdings unter Klammern: [Auch wenn es Krieg gibt, müßt ihr euch / Viel leichteres Kopfzeug kaufen! / Des Mitelalters schwerer Helm / Könnt‘ euch genieren im Laufen. ----].
  • Wer den preußischen Adler herunterschießt, der soll unser neuer König werden! Diese Bemerkung mag sich paradox anhören, man darf aber nicht vergessen, dass der Held Napoleon, der so einige Schaden dem preußischen Adler zugefügt hat, sich zum Napoleon I krönen lässt (III 73-76).