CAPUT IV
Zu Köllen kam ich spätabends an,
Da hörte ich rauschen den Rheinfluß,
Da fächelte mich schon deutsche Luft,
Da fühlt ich ihren Einfluß -
Auf meinen Appetit. Ich aß
Dort Eierkuchen mit Schinken,
Und da er sehr gesalzen war,
Mußt ich auch Rheinwein trinken. (IV-8)
Der Rheinwein glänzt noch immer wie Gold
Im grünen Römerglase,
Und trinkst du etwelche Schoppen zuviel,
So steigt er dir in die Nase.
In die Nase steigt ein Prickeln so süß,
Man kann sich vor Wonne nicht lassen!
Es trieb mich hinaus in die dämmernde Nacht,
In die widerhallenden Gassen. (IV-16)
Die steinernen Häuser schauten mich an,
Als wollten sie mir berichten
Legenden aus altverschollener Zeit,
Der heil'gen Stadt Köllen Geschichten.
Ja, hier hat einst die Klerisei
Ihr frommes Wesen getrieben,
Hier haben die Dunkelmänner geherrscht,
Die Ulrich von Hutten beschrieben. (IV-24)
Der Cancan des Mittelalters ward hier
Getanzt von Nonnen und Mönchen;
Hier schrieb Hochstraaten, der Menzel von Köln,
Die gift'gen Denunziatiönchen.
Die Flamme des Scheiterhaufens hat hier
Bücher und Menschen verschlungen;
Die Glocken wurden geläutet dabei
Und Kyrie eleison gesungen. (IV-32)
Dummheit und Bosheit buhlten hier
Gleich Hunden auf freier Gasse;
Die Enkelbrut erkennt man noch heut
An ihrem Glaubenshasse. -
Doch siehe! dort im Mondenschein
Den kolossalen Gesellen!
Er ragt verteufelt schwarz empor,
Das ist der Dom von Köllen. (IV-40)
Er sollte des Geistes Bastille sein,
Und die listigen Römlinge dachten:
In diesem Riesenkerker wird
Die deutsche Vernunft verschmachten!
Da kam der Luther, und er hat
Sein großes »Halt!« gesprochen -
Seit jenem Tage blieb der Bau
Des Domes unterbrochen. (IV-48)
Er ward nicht vollendet - und das ist gut.
Denn eben die Nichtvollendung
Macht ihn zum Denkmal von Deutschlands Kraft
Und protestantischer Sendung.
Ihr armen Schelme vom Domverein,
Ihr wollt mit schwachen Händen
Fortsetzen das unterbrochene Werk,
Und die alte Zwingburg vollenden! (IV-56)
O törichter Wahn! Vergebens wird
Geschüttelt der Klingelbeutel,
Gebettelt bei Ketzern und Juden sogar;
Ist alles fruchtlos und eitel.
Vergebens wird der große Franz Liszt
Zum Besten des Doms musizieren,
Und ein talentvoller König wird
Vergebens deklamieren!
(IV-64)
Er wird nicht vollendet, der Kölner Dom,
Obgleich die Narren in Schwaben
Zu seinem Fortbau ein ganzes Schiff
Voll Steine gesendet haben.
Er wird nicht vollendet, trotz allem Geschrei
Der Raben und der Eulen,
Die, altertümlich gesinnt, so gern
In hohen Kirchtürmen weilen.
(IV-72)
Ja, kommen wird die Zeit sogar,
Wo man, statt ihn zu vollenden,
Die inneren Räume zu einem Stall
Für Pferde wird verwenden.
»Und wird der Dom ein Pferdestall,
Was sollen wir dann beginnen
Mit den Heil'gen Drei Kön'gen, die da ruhn
Im Tabernakel da drinnen?« (IV-80)
So höre ich fragen. Doch brauchen wir uns
In unserer Zeit zu genieren?
Die Heil'gen Drei Kön'ge aus Morgenland,
Sie können woanders logieren.
Folgt meinem Rat und steckt sie hinein
In jene drei Körbe von Eisen,
Die hoch zu Münster hängen am Turm,
Der Sankt Lamberti geheißen. (IV-88)
Der Schneiderkönig saß darin
Mit seinen beiden Räten,
Wir aber benutzen die Körbe jetzt
Für andre Majestäten.
Zur Rechten soll Herr Balthasar,
Zur Linken Herr Melchior schweben,
In der Mitte Herr Gaspar - Gott weiß, wie einst
Die drei gehaust im Leben! (IV-96)
Die Heil'ge Allianz des Morgenlands,
Die jetzt kanonisieret,
Sie hat vielleicht nicht immer schön
Und fromm sich aufgeführet.
Der Balthasar und der Melchior,
Das waren vielleicht zwei Gäuche,
Die in der Not eine Konstitution
Versprochen ihrem Reiche, (IV-104)
Und später nicht Wort gehalten
- Es hat
Herr Gaspar, der König der Mohren,
Vielleicht mit schwarzem Undank sogar
Belohnt sein Volk, die Toren!
- Der Kölner Dom galt im XIX Jahrhundert als Nationalsymbol. Innerhalb des Doms befinden sich die Dreikönigskapelle und ein Schrein mit Reliquien der heiligen drei Könige: Melchior, Gaspar und Balthasar.
- Sein Besuch in Köln verbindet Heine mit der Geschichte des Doms und der Inquisition (IV-21 u. ff.). In Heines Sicht wurde der Dom nicht vollendet wegen der Reform (vgl. IV-49-52). In Wirklichkeit lag der Grund eher in finanziellen Schwierigkeiten. Der Weiterbau wird von Friederich Wilhelm IV gefördert und restaurative Kreise feien das Ereignis (vgl. z.B. das Gedicht Dem König von Preußen von Robert Eduard Prutz). Die Fertigstellung des Kölner Doms, gefördert von einen preußischen König, ist natürlich symbolisch für die Vereinigung der deutschen Nation unter preußischer Herrschaft (Krüger S. 278 u. ff.). Um eine bessere Idee der Festlichkeiten der Grundsteinlegung zur Vollendung des Kölner Doms am 4. September 1842 zu bekommen, siehe die Zeichnung von Georg Osterwald in https://commons.wikimedia.org/wiki/File:K%C3%B6lner_Dom,_Fest_der_Grundsteinlegung,_4._September_1842.png. Hoch oben auf einen Kran steht der preußische Adler und überwacht das ganze Zeremoniell!
- Jakob van Hoogstraten (Hochstraaten) (1460-1527) war päpstlicher Inquisitor zur Zeit der Reformation. Er trat in Köln in den Dominikanerorden ein. U.a. verfolgte er den deutschen Philosophen und Humanisten Johannes Reuchlin wegen seine Juden freundlichen Schriften. Für Reuchlin trat Ulrich von Hutten (1488-1523) mit dem Manuskript Epistolae obscurum virorum (Dunkelmännerbriefe) ein. Hutten war mit Erasmus von Rotterdam bekannt. Beide waren Humanisten (siehe IV-21 bis 28).
- Cancan ist ein Tanz, der im XIX Jahrhundert Mode war (IV-25). Das Bild der Inquisition als ein Cancan des Mittelalters, getanzt von Nonnen und Mönchen, ist gewagt, besonders wenn man bedenkt, dass es sich hier um einen ziemlich sinnlichen Tanz handelt. Heine meint wahrscheinlich, dass das Feuer des Scheiterhaufens, der Geruch des brennenden Fleisches, und das Schreien und Stöhnen auch etwas Schwelgerisches hatte.
- Denunziatiönchen = Denunziation + Mönchen ? (IV-28).
- Um den Glaubenshass in IV-36 besser verstehen zu können, hilft es vielleicht zu wissen, dass es von 1424 bis zur Französischen Revolution für Juden verboten war sich in Köln niederzulassen (Krüger S. 280).
- Im Mondenschein ragt der Kolossale Geselle (IV-37 u. ff.). Ich habe gerade in der Wikipedia nachgelesen, dass der Innenraum des Mittelschiffs des Kölner Doms 43,35 m hoch ist (ungefähr die Höhe eines 13 stockwertiges Hochhauses). Es ist nicht schwierig zu begreifen welche Macht dieser Bau damals ausstrahlte.
- Für Heine ist der Kölner Dom ein Gefängnis der Vernunft. Er ist des Geistes Bastille (IV-41-44).
- Romling (abwertend) ist ein Anhänger eines ausschließlich politisch verstandenen Katholizismus (Wahrig) (IV-42).
- Wie ich schon gesagt habe, bedeuten Luther und die Reformation für Heine die Einschränkung der Macht der Kirche. Verbunden damit ist die Unterbrechung des Baus des Doms (IV-45 u. ff.).
- In IV-49 u. ff. wird die Verbindung von Kirche und Staat, also die religiöse Restauration kritisiert. Es entsteht ein Machtbündnis zwischen restaurativen preußischen Kräften und klerikaler mittelalterlicher Frömmigkeit (Krüger S. 280).
- Der Kölner Dom ist ein Symbol der Macht der Kirche. Staat und Religion schließen ein Bündnis. Friederich Wilhelm IV und der von ihm geförderter Weiterbau des Doms symbolisieren diese Tendenz (IV-65 u. ff.; siehe auch Kircher S. 85).
- Die Assoziation zwischen Kirche und Pferdestall in IV-77 ist eine Anspielung auf die Revolution. Während der Besetzung des Rheinlands durch französische Truppen wurden verschiedene Kirchen als Ställe benutzt (Kircher S.85).
- In IV-85-88 ist von den Münsteraner Wiedertäufer die Rede (siehe Artikel Täufer und Täuferreich von Münster in Wikipedia.de). Wiedertäufer oder Anabaptisten waren Anhänger einer radikalreformatorisch-christlichen Bewegung, die zum linken Flügel der Reformation gerechnet wird. Drei der Anführer der Bewegung wurden 1536 gefoltert, die Zungen wurde ihnen mit glühende Zangen ausgerissen, ihr Körper wurde zerfetzt und sie wurden dann in eiserne Körbe am Turm der Lambertikirche auf dem Prinzipalmakt (Münster) aufgehängt.
- Einer der drei an der St. Lamberti Kirche in Münster aufgehängten, war Jan van Leiden (eigentlich Jan Beuckelszoon). Da er ursprünglich Schneider war, und gerne ein üppiges Leben führte, wurde er auch Schneiderkönig genannt (IV-89).
- In IV-97 wird eine gewisse Assoziation zwischen den heiligen drei Königen und der heiligen Allianz gemacht (Höhn S. 123). In der letzten nehmen die drei Könige von Österreich, Russland und Preußen teil. Heine meint, die heilige drei Könige, wie damals die Wiedertäufer, könnten ja in einen Käfig am Turm aufgehängt werden. Wie wir in Kapitel VII sehen werden, sind die heilige drei Könige Symbole der Glaubensdüsternis und des mittelalterlichen Aberglaubens (siehe auch Pfister, Caput IV).
- Gauch (pl. Gäuche) ist ein Tor, ein Narr.
- Es ist interessant zu bemerken, dass in dem Wirrwarr der politischen Auseinandersetzungen Heine immer eine unabhängige Position einnimmt. Er benutzt Luther, um die Macht der Kirche einzuschränken, distanziert sich aber von Luther und seinen Radikalismus, indem er den Humanismus hervorhebt. Ähnliches geschieht in der weltlichen Sphäre. Das Bürgertum wird benutzt um der Aristokratie Grenzen zu setzen, aber Heine distanziert sich immer wieder von seinem Nationalismus.
- In IV-101 u. ff. gibt es eine Anspielung auf einen Versprechen einer Verfassung von Friedrich Wilhelm III von Preußen, dass dann nicht eingehalten wurde (siehe 1813 Aufruf von Kalisch) (Reclam).
CAPUT V
Und als ich an die Rheinbrück' kam,
Wohl an die Hafenschanze,
Da sah ich fließen den Vater Rhein
Im stillen Mondenglanze.
»Sei mir gegrüßt, mein Vater Rhein,
Wie ist es dir ergangen?
Ich habe oft an dich gedacht
Mit Sehnsucht und Verlangen.« (V-8)
So sprach ich, da hört ich im Wasser tief
Gar seltsam grämliche Töne,
Wie Hüsteln eines alten Manns,
Ein Brümmeln und weiches Gestöhne:
»Willkommen, mein Junge, das ist mir lieb,
Daß du mich nicht vergessen;
Seit dreizehn Jahren sah ich dich nicht,
Mir ging es schlecht unterdessen. (V-16)
Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,
Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!
Doch schwerer liegen im Magen mir
Die Verse von Niklas Becker.
Er hat mich besungen, als ob ich noch
Die reinste Jungfer wäre,
Die sich von niemand rauben läßt
Das Kränzlein ihrer Ehre.
(V-24)
Wenn ich es höre, das dumme Lied,
Dann möcht ich mir zerraufen
Den weißen Bart, ich möchte fürwahr
Mich in mir selbst ersaufen!
Daß ich keine reine Jungfer bin,
Die Franzosen wissen es besser,
Sie haben mit meinem Wasser so oft
Vermischt ihr Siegergewässer. (V-32)
Das dumme Lied und der dumme Kerl!
Er hat mich schmählich blamieret,
Gewissermaßen hat er mich auch
Politisch kompromittieret.
Denn kehren jetzt die Franzosen zurück,
So muß ich vor ihnen erröten,
Ich, der um ihre Rückkehr so oft
Mit Tränen zum Himmel gebeten. (V-40)
Ich habe sie immer so liebgehabt,
Die lieben kleinen Französchen -
Singen und springen sie noch wie sonst?
Tragen noch weiße Höschen?
Ich möchte sie gerne wiedersehn,
Doch fürcht ich die Persiflage,
Von wegen des verwünschten Lieds,
Von wegen der Blamage. (V-48)
Der Alfred de Musset, der Gassenbub',
Der kommt an ihrer Spitze
Vielleicht als Tambour, und trommelt mir vor
All seine schlechten Witze.«
So klagte der arme Vater Rhein,
Konnt sich nicht zufriedengeben.
Ich sprach zu ihm manch tröstendes Wort,
Um ihm das Herz zu heben: (V-56)
»O fürchte nicht, mein Vater Rhein,
Den spöttelnden Scherz der Franzosen;
Sie sind die alten Franzosen nicht mehr,
Auch tragen sie andere Hosen.
Die Hosen sind rot und nicht mehr weiß,
Sie haben auch andere Knöpfe,
Sie singen nicht mehr, sie springen nicht mehr,
Sie senken nachdenklich die Köpfe. (V-64)
Sie philosophieren und sprechen jetzt
Von Kant, von Fichte und Hegel,
Sie rauchen Tabak, sie trinken Bier,
Und manche schieben auch Kegel.
Sie werden Philister ganz wie wir,
Und treiben es endlich noch ärger;
Sie sind keine Voltairianer mehr,
Sie werden Hengstenberger.
(V-72)
Der Alfred de Musset, das ist wahr,
Ist noch ein Gassenjunge;
Doch fürchte nichts, wir fesseln ihm
Die schändliche Spötterzunge.
Und trommelt er dir einen schlechten Witz,
So pfeifen wir ihm einen schlimmern,
Wir pfeifen ihm vor, was ihm passiert
Bei schönen Frauenzimmern. (V-80)
Gib dich zufrieden, Vater Rhein,
Denk nicht an schlechte Lieder,
Ein besseres Lied vernimmst du bald -
Leb wohl, wir sehen uns wieder.«
- Ich habe das Wort Rhein dreizehn Mal in dem Gedicht gezählt (einschließlich Rheinwein usw.). Hier sehen wir die Wichtigkeit des Flusses als Symbol nationaler Identität. Er war häufig Objekt von Streitigkeiten zwischen Frankreich und Deutschland.
- An der chauvinistischen Rheinlyrik nahmen Autoren wie Becker, Schneckenburger, Ernst Moritz Arndt, Herwegh, Prutz und von Fallersleben teil. Der Rhein hatte im XIX Jahrhundert den Rang eines vaterländischen Symbols (siehe Kircher S. 85).
- Als Mainzer Nebeljungenstreich wird ein 1841 Sabotageakt erwähnt, in dem die Regierung des Großherzogtums Hessen den im Herzogtum Nassau gelegenen Bibericher Freihafen blockierte. Zweitausendfünfhundert Tonnen Bruchsandstein wurden in den Rhein geworfen (Wikipedia.de) (V-17).
- Dass ein Fluss sich in sich selber, also Wasser in Wasser, zu ersaufen versucht, ist natürlich ein köstliches Spiel mit der Logik (V-28).
- Mit das dumme Lied (V-20 und 33) wird das Rheinlied (Der deutsche Rhein), gedichtet 1840 von Nikolaus Becker, gemeint: Sie (die Franzosen) sollen ihn nicht haben, / den freien, deutschen Rhein, / bis eine Flut begraben / des letzten Mannes Gebein /.
- Alfred de Musset, französischer Dichter (V- 49 u. ff.) hat 1841 die Deutschen mit dem Einmarsch französischer Truppen gemahnt. Musset hat ein Artikel als Antwort auf das Gedicht von Becker Der Deutsche Rhein (1840) geschrieben (Réponse à la chanson de Becker). Heine, der an die Versöhnung beider Völker interessiert ist, ironisiert auch diese Haltung. Die Tatsache dass Heine sowohl Alfred de Musset als auch Nikolaus Becker kritisiert, zeigt, dass er jenseits jedes Nationalismus, sei er deutsch oder französisch, ist.
- Voltaire war ein Vordenker der Aufklärung und ein Kritiker des Absolutismus. Er hat sich kritisch gegen die Macht der katholischen Kirche und der Feudalherrschaft geäußert. In diesem Sinn war er ein Wegbereiter der Revolution. Heine kritisiert die Restauration in Frankreich, die die deutschen Denker wie Kant, Fichte und Hegel hervorhebt. Auch die Franzosen haben sich etabliert, wurden Philister (Spießer), und trinken jetzt Bier anstatt Wein (V-69 u. ff).
- Ernst Wilhelm Hengstenberg gehört zur Restauration. Er hat Heine scharf angegriffen (Krüger S. 293).
- Heine schließt das Kapitel mit Hoffnung. Bald wird ein besseres Lied (V-83) entstehen (vgl. auch mit I-33 und I-53).
- Als Heine in V-77 u. ff. von Alfred de Musset spricht, begibt er sich selbst in sumpfige Wege. Denn was zwischen Musset und seine Frauen passiert, dürfte keinen etwas angehen.
- In Kapitel IV habe ich schon darauf hingewiesen, dass die Hervorhebung der Wichtigkeit der nationalen Einheit öfters in Nationalismus ausartet. Ein gutes Beispiel für diese Haltung liefert Hoffmann von Fallersleben. Fallersleben, der in Kapitel II erwähnt wird, wurde von der preußischen Regierung wegen seiner liberalen Haltung mehrmals verfolgt. Sein Lied der Deutschen, dessen erster Vers das Deutschland, Deutschland über alles ist, und das nach der 1840 Rheinkrise geschrieben wurde, setzt sich für deutsche Einheit ein. In der Rheinkrise hat Frankreich Forderungen bezüglich der linksrheinischen Gebiete gestellt. Dies führte zu einen Aufleben der deutschen nationalen Bewegung. In diesem Kontext entsteht auch das Rheinlied von Nikolaus Becker, das in V-20 erwähnt wird. Heine distanziert sich von dem Franzosenhass (siehe V-29 u. ff.). Der Rhein so wie der Kölner Dom stehen hier als Symbole nationalen Bewusstseins.
CAPUT VI
Den Paganini begleitete stets
Ein Spiritus familiaris,
Manchmal als Hund, manchmal in Gestalt
Des seligen Georg Harrys.
Napoleon sah einen roten Mann
Vor jedem wicht'gen Ereignis.
Sokrates hatte seinen Dämon,
Das war kein Hirnerzeugnis.
(VI-8)
Ich selbst, wenn ich am Schreibtisch saß
Des Nachts, hab ich gesehen
Zuweilen einen vermummten Gast
Unheimlich hinter mir stehen.
Unter dem Mantel hielt er etwas
Verborgen, das seltsam blinkte,
Wenn es zum Vorschein kam, und ein Beil,
Ein Richtbeil, zu sein mir dünkte. (VI-16)
Er schien von untersetzter Statur,
Die Augen wie zwei Sterne;
Er störte mich im Schreiben nie,
Blieb ruhig stehn in der Ferne.
Seit Jahren hatte ich nicht gesehn
Den sonderbaren Gesellen,
Da fand ich ihn plötzlich wieder hier
In der stillen Mondnacht zu Köllen. (VI-24)
Ich schlenderte sinnend die Straßen entlang,
Da sah ich ihn hinter mir gehen,
Als ob er mein Schatten wäre, und stand
Ich still, so blieb er stehen.
Blieb stehen, als wartete er auf was,
Und förderte ich die Schritte,
Dann folgte er wieder. So kamen wir
Bis auf des Domplatz' Mitte.
(VI-32)
Es ward mir unleidlich, ich drehte mich um
Und sprach: »Jetzt steh mir Rede,
Was folgst du mir auf Weg und Steg
Hier in der nächtlichen Öde?
Ich treffe dich immer in der Stund',
Wo Weltgefühle sprießen
In meiner Brust und durch das Hirn
Die Geistesblitze schießen.
(VI-40)
Du siehst mich an so stier und fest -
Steh Rede: Was verhüllst du
Hier unter dem Mantel, das heimlich blinkt?
Wer bist du und was willst du?«
Doch jener erwiderte trockenen Tons,
Sogar ein bißchen phlegmatisch:
»Ich bitte dich, exorziere mich nicht,
Und werde nur nicht emphatisch! (VI-48)
Ich bin kein Gespenst der Vergangenheit,
Kein grabentstiegener Strohwisch,
Und von Rhetorik bin ich kein Freund,
Bin auch nicht sehr philosophisch.
Ich bin von praktischer Natur,
Und immer schweigsam und ruhig.
Doch wisse: was du ersonnen im Geist,
Das führ ich aus, das tu ich.
(VI-56)
Und gehn auch Jahre drüber hin,
Ich raste nicht, bis ich verwandle
In Wirklichkeit, was du gedacht;
Du denkst, und ich, ich handle.
Du bist der Richter, der Büttel bin ich,
Und mit dem Gehorsam des Knechtes
Vollstreck' ich das Urteil, das du gefällt,
Und sei es ein ungerechtes. (VI-64)
Dem Konsul trug man ein Beil voran
Zu Rom, in alten Tagen.
Auch du hast deinen Liktor, doch wird
Das Beil dir nachgetragen.
Ich bin dein Liktor, und ich geh
Beständig mit dem blanken
Richtbeile hinter dir - ich bin
Die Tat von deinem Gedanken.« (VI-72)
- Nicolò Paganini (1782 – 1840) war ein Violinvirtuose (VI-1). Seine auffallende Präsentationen, seine Spielkunst seien dämonisch, hörte man oft. Dahinter steckt der Gedanke, dass eine besondere Begabung außerirdischen Einfluss untersteht. D.h., sie gehört nicht der Realität, dem Tagtäglichen, dem Irdischen. Man muss es dem Einfluss des Jenseits zuschreiben. Also spielt das Jenseits eine Rolle dabei. Also wird die Existenz des Jenseits angenommen.
- Heine macht dann Verbindungen mit Mephistos und dem Hund (VI-3).
- Dahinter steckt die Idee der Teilung des Ichs, d.h., ein Teil des Ichs gehört dem Teufel (normalerweise der kreativere Teil), oder wird von ihm beansprucht (Dr. Jeckyll und Mr. Hyde; Faust, usw.). Die (dichotomische) Teilung des Ichs spielt in diesem Kapitel eine zentrale Rolle. Es wird hauptsächlich der Zwist zwischen ein denkendes und ein handelndes Ich angesprochen. Damit verbunden ist der (ewige) Streit zwischen Theorie und Praxis.
- Johann Georg Carl Harrys, alias, Georg Harrys (1780 – 1838) war ein deutscher Schriftsteller und Journalist, der 1830 Paganini bei einer Konzertreise in Norddeutschland begleitete, und über ihm berichtete (VI-4).
- Gemäß nie bewiesene Geschichten und Gerüchten hatte Napoleon öfters Visionen, in denen ein kleiner roter Dämon ihm Siege und Verluste voraussagte, und auch manchmal Bedingungen stellte (VI-5-6).
- Theorie und Praxis, Denken und Handeln ist eng verbunden mit ein zentrales Problem der Philosophie: das Leib-Seelen Problem. Verbunden damit sind auch die Gegensätze zwischen Idealismus und Materialismus. Das diese Diskussion ihre politischen Folgen hat, müsste eigentlich klar sein. Z.B, in Kapitel I, als von dem Harfenmädchen die Rede ist, gibt es den Gegensatz zwischen das irdische Jammertal und das Jenseits, da wo die Seele in ewiger Wonne schwelgt. Wer mit dem Kopf immer in den Wolken schwebt, der erträgt auch eher sein Schicksal auf der Erde. Man könnte natürlich weitere Fragen dazu stellen: Wie steht es mit der Kluft zwischen dem Handeln (also, Praxis, Körper, Materie) und dem Denken (also Theorie, Seele, Idee)? Ist es überhaupt möglich nur zu Denken ohne die Gedanken in Wirklichkeit umzusetzen? Hat so etwas Sinn? Wie beeinflusst das Denken das Handeln? Und umgekehrt? Wie ist das Denken eines, der nicht handelt? Wie ist das Handeln, eines der nicht denkt?
- Es sind anscheinend zwei Personen im Spiel: die Figur und ein Schatten, der Richter und der Büttel, Heine und sein Liktor. Sind es aber nicht dieselben? Ist es nicht die Figur und sein Schatten? Kann der Richter sein Urteil selbst fällen? Will Heine nicht Liktor werden?
- Die Wechselseitigkeit zwischen Theorie und Praxis, Phantasie und Wirklichkeit, Ideen und Taten wird angesprochen. Gerade in der Stund', wo Weltgefühle sprießen und durch das Hirn die Geistesblitze schießen (VI-37-40) trifft Heine denjenigen, der bereit ist sie in Taten umzusetzen. Die Episode wo die Praxis angesprochen wird ist nur ein Traum. Wie wir nämlich in Kapitel VII sehen werden, ist der Versuch Ideen in Taten umzusetzen, nichts weiter als ein Traum. Phantasie in Wirklichkeit zu verwandeln ist also eine Phantasie (meta-phantasie)! Hier sehen wir welche Schwierigkeiten die Konfrontation mit der Wirklichkeit bereitet. Selbst Heine macht sich daraus nur ein Traum.
- Die Idee einer spaltenden Einheit, die sich selber zu überwinden versucht, findet man auch in anderen Teilen des Gedichts (z.B. in Kapitel V als der saufende Rhein den Rhein zu ersaufen versucht). Hier in Kapitel VI gibt es der Zwist zwischen das denkende und das handelnde Ich. Die Überwindung trifft zu, wenn die Gedanken in Taten umgesetzt werden, und somit eine Veränderung (die natürlich auch das Ich betrifft) eintrifft. Weitere Spaltungen gibt es z.B. in der Kunst zwischen Gefühl und Vernunft. Brecht sagt dazu (Schriften zur Literatur und Kunst Band 3): Ist das lyrische Vorhaben ein glückliches, dann arbeiten Gefühl und Verstand völlig im Einklang. Also Einheit kann es geben, trotz Spaltung. Ein weiteres Beispiel liefert die Spannung zwischen den Teilen eines Ganzes und/oder den Teilen und dem Ganzen. Verwandt mit dieser Idee sind die Abwärtsspirale (Teufelskreis) und die Aufwärtsspirale. Der Zirkel ist in diesem Fall das Ganze und die Elemente des Zirkels sind die Teile. Die Elemente treiben dann je nach Fall den Zirkel aufwärts oder abwärts. Siehe auch den Baron von Münchhausen als er sich aus dem Sumpf an dem Haarzopf zieht.
- In VI-64 würde ich hinzusetzen, dass, in der Geschichte, was Recht und Unrecht ist, sich öfters nur später herausstellt. Manchmal muss man handeln selbst unter dem Risiko ungerecht zu sein. Die Praxis und das Handeln haben ihre eigenen Gesetze.
- Das Beil kann auch als ein Symbol der Macht verstanden werden (Pfister). Im alten Rom ging das Beil vor dem Konsul (Richter). Es öffnete also die Wege der Justiz. Hier im neuen Köln geht das Beil hinter Heine (VI-65-68). Es bedeutet also eine Bedrohung. Möglicherweise wird mit dem Beil auch die Zensur gemeint.