Zur Form (Metrik)
Ich bin kein Freund von Anatomie. Das Zerlegen einer Einheit, besonders wenn es eine schöne ist, in Nerven, Muskeln und Gebeine finde ich unanständig. Und doch ist es manchmal notwendig, z.B., wenn die Schöne krank ist. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass, unter ganz besonderen Umständen, Kenntnisse über Anatomie der Erkennung der Schönheit helfen können, z.B., wenn es sich um einen Schönheitsexperte handelt.
Ich will ein weiteres Beispiel geben in der entgegengesetzten Richtung. Wir verlassen also jetzt das Gebiet der Schönheit, um uns mit Technik zu befassen. Ich glaube nicht, dass man Mechanik kennen muss, um ein Auto zu fahren. Will man aber das Autofahren zu Spitzenleistungen führen, wie z.B. beim Sportwagenrennen, dann muss man etwas von Mechanik verstehen. Oder, besser gesagt, es hilft einem sehr dabei.
Im nächsten Schritt will ich versuchen Technik mit Schönheit zu verbinden. Ich bin eigentlich der Meinung, dass man die Technik so beherrschen muss, dass man sich von ihr befreit. Das habe ich immer wieder bei Musikinterpreten festgestellt. Ein Virtuose dem man die Sorge mit der Technik anerkennt, spielt nicht gut. Die Technik muss ins Blut übergehen. Mensch und Technik, Künstler und Instrument, Musik und Interpret müssen zu eins werden damit sich ein künstlerischer Höhepunkt ergibt.
Wie geht so etwas vor sich? Mir fällt kein besseres Bild als die dialektische Spirale ein. Aus dem Konflikt und den alternierenden Phasen zwischen das sich Befassen mit und das sich Loslassen von der Technik geht es aufwärts (im positiven Fall) zu immer höheren Ebenen, bis Künstler und Technik sich verschmelzen, sodass das sich Befassen und das sich Loslassen zu einer und dieselbe Sache werden. Wenn es nämlich zu einer Einheit zwischen Künstler und Technik kommt, dann kann man diese Unterschiede gar nicht mehr machen. (In der Praxis sind diese zwei Phasen, also das sich Befassen mit und das sich Loslassen von der Technik nicht klar abzugrenzen, denn sie fließen ineinander genau wie die linke und die rechte, die vordere und die hintere Seite der Spirale).
Ja, was hat das alles mit Metrik und mit Heines Gedicht zu tun? Ich beabsichtige eine anatomische Studie Heines Gedicht zu machen, um etwas von der Technik zu exponieren. Weil ich wahrscheinlich dabei der Schönheit nicht dienen werde, schäme ich mich, und deswegen gibt es hier diese etwas komplizierte Erklärung und Rechtfertigung. Ich halte mich aber an das Minimum, weil ich auch nicht viel über Verslehre weiß, und weil ich, aus den oben genannten Gründen, das Zerlegen der Teile und das Bloßlegen der Eingeweide nicht sehr anständig finde.
Jede Strophe Heines Gedicht besteht aus zwei Langzeilen. Die ersten zwei Verse (Zeilen) bilden die erste Langzeile und die letzten zwei Verse die zweite. So z.B. in der dritten Strophe von Kapitel 2 gibt es zwei Langzeilen: 1) Und als ich die deutsche Sprache vernahm, da ward mir seltsam zumute; 2) Ich meinte nicht anders, als ob das Herz recht angenehm verblute.
Reime gibt es nur zwischen den Langzeilen, also zwischen Vers zwei und vier. Diese Form betont den legeren Ton, weil sich alles ein bisschen wie Prosa anhört. Sie war in der Vagantendichtung üblich. Also wieder etwas was die Informalität hervorhebt. Auch die Freiheit in der Auswahl der Reime trägt dazu bei. So reimt Heine z.B. Franzosen mit Saucen (XX-40), preußisch mit Beichais (VIII-4), strohwisch mit philosophisch (VI-52), Schakalen mit Journalen (XI-36), widersetzig mit aristokrätzig (XXII-64), König mit wenig (VII-92), usw.. Gleichzeitig wird auch auf satirische Wirkung gezielt. Krüger sagt es treffend: durch unreine und absichtlich dilettantisch wirkende Reime werden komische und satirische Effekte erzielt.
In jede Strophe sind die Kadenzen der ersten und dritten Zeile männlich (die letzte Silbe ist betont). Jeder dieser Verse (Zeile) hat vier Hebungen (betonte Silbe). Die Kadenzen der zweiten und vierten Zeile sind weiblich (die letzte Silbe ist unbetont) und jeder dieser Zeilen hat drei Hebungen. Dieses Schema steht der rhythmischen Gestaltung des Gedichts zu Grunde. Obwohl die Anzahl der Hebungen festgelegt ist, ist die Anzahl der Senkungen (unbetonte Silben) und die Anzahl der Silben variabel, was die Eintönigkeit zu vermeiden versucht. Diese Unregelmäßigkeiten dienen der Informalität, und sind auch beim Volkslied üblich. Das Wechselspiel zwischen männlich und weiblich hat, nach meiner Meinung, auch etwas mit dem Leben zu tun, und die Dichtung wird dadurch lebensnah.
Wie bereits gesagt, liegt die Vagantendichtung des Mittelalters, die sich von der höfischen Dichtung in Form, Sprache und Thematik abgrenzt, als Basis vor. Während die Gelehrtendichtung ungereimt, quantitierend (der Schwerpunkt liegt in der Anzahl der Silben) und nach antiken Vorbildern sich orientiert, ist die Vagantendichtung akzentuierend (der Schwerpunkt liegt in dem regelmäßigen Wechsel zwischen betonte und unbetonte Silben) und gereimt. Die erste spiegelt das höfische Leben wider, während die Thematik der zweiten volksnah ist. Grundlegend für die Vagantendichtung ist die Vagantenstrophe. Ihr liegt eine Langzeile zugrunde, die trochäisch oder jambisch sein kann. Eine jambische Langzeile folgt dem Schema v – v – v – v – / v – v – v – v wo „v“ für Senkung und „–“ für Hebung steht. Wir erkennen sofort die Ähnlichkeit mit Heines Gedicht.
Heine benutzt häufig Füllwörter. Z.B., die ersten drei Strophen des Gedichts (Kapitel I) enthalten, jedes, das Füllwort da. Damit wird das Umgangssprachliche, das zu dem legeren Ton maßgebend beiträgt, herausgestellt. Er benutzt auch starke Wörter, die mit sanfteren Töne kontrastieren. In Kapitel XVII kontrastiert die nackte, hölzerne Wirklichkeit mit den Träumen (XVII-9-12). Der Kontrast dient in diesem Fall nicht nur der Abwechslung, sondern betont auch den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Traum.
Wie bereits gesagt, muss man das alles nicht wissen, um es zu spüren, aber es kann uns helfen dessen bewusst zu werden, und wenn man etwas bewusst wird, dann kann man es besser erkennen.
Heine: Feuilletonist, Nestbeschmutzer, Doppelgänger? – Teil I
Die Absicht hier ist so manches, dass gegen Heine gesagt wurde, zu relativieren, d.h., zu sagen, dass es sogar stimmen mag, aber aus diesem oder jenem Grund gemacht wurde. Und in dem Masse indem man einsieht, dass es sich hier um einen wichtigen Grund handelt, und dass er auch zutreffend ist, ist man vielleicht bereit das ursprünglich negative, positiv zu bewerten.
Ich muss zusätzlich bemerken, dass ich vieles das gegen Heine gesagt wurde, ignorieren werde. Es ist unter meiner und auch Heines Würde, auf Dummheiten, Vorurteile und Bosheiten einzugehen. Da das meiste aus dieser Perspektive stammt, hat sich meine Arbeit sehr vereinfacht. Z.B., der Vorwurf, der öfter gemacht wird, dass einiges was er sagt, einen gewissen Zusammenhang mit der Tatsache hat, dass er Jude ist, mag sogar stimmen, entnimmt aber nichts dem Wahrheitsgehalt der Aussage. Wahrheiten kann man auch sagen, wenn man einen guten Grund hat, sie zu sagen (vielleicht sollt man das auch durch ein besonders ersetzen).
Z.B., von der Platen-Polemik (August Graf von Platen-Hallermünde) will ich mal ganz absehen, denn sie ist nichts weiteres als übelster Klatsch. Das sich Heine da eingelassen hat, ist sehr zu bedauern, aber niemand ist perfekt.
Das meiste Boshafte, dass ich hier erwähnen werde, stammt aus Karl Kraus' Feder (siehe Heine und die Folgen – 1910). Warum werde ich es erwähnen? Erstens, weil Kraus, obgleich boshaft, intelligent ist, d.h., es ist immer ein Körnchen Wahrheit an seiner Kritik. Zweitens, weil er mir das Leben einfach gemacht hat. Kraus hat so fast alles Relevante, dass gegen Heine gesagt wurde, zusammengefasst.
Karl Kraus, zusätzlich zu seiner Boshaftigkeit, ist ein schwulstiger, von sich eingenommener Schriftsteller, den ich nur mit sehr viel Mühe lese, ganz im Gegenteil zu Heine, dessen Lektüre bei mir immer mit Freude verbunden ist. Dies verrät schon meine Grundeinstellung.
Hans Weigel äußert sich wie folgt in Karl Kraus oder die Macht der Ohnmacht: Hinter Karl Kraus steht keine Religion, kein System, keine Partei, hinter Karl Kraus steht immer wieder nur Karl Kraus. Er ist ein in sich geschlossenes System, er ist eine Ein-Mann-Kirche, ist selbst Gott und Papst und Evangelist und Gemeinde dieses Bekenntnisses.
Kraus kritisiert Heines Humor, indem er sagt: schlechte Gesinnung kann nur schlechte Witze machen. Der Wortwitz …muss bei Heine …zum losen Kalauer werden, weil kein sittlicher Fonds die Deckung übernimmt. Mit diesem moralischen Gequake, kann ich nichts anfangen. Außerdem stimmt es nicht: Witze, und sogar sehr gute Witze, kann man in allen Situationen machen. Da gibt es keine Regeln.
Es geht weiter moralisch zu als Kraus dem Feuilletonisten Heine vorwirft die Franzosenkrankheit in Deutschland eingeführt zu haben. Dabei wird dreifaches gemeint. Einerseits wird seine Liebe zu Frankreich kritisiert, anderseits werden die Syphilis (Heine war verdächtig daran erkrankt zu sein) und seine sexuelle Promiskuität gemeint. Dahinter stecken wieder Vorurteile gegen das Judentum: die Verbindung mit dem Ausland, also Verrat, und dann Unreinheit und Sinnlichkeit bzw. fehlende Keuschheit.
Ich zitiere aus Goltschniggs Unglaubensgenosse und unheimlicher Doppelgänger, weil es so gut Kraus' Kritik an Heine synthetisiert: Auf die Frage, ob Gott ihm seine moralischen Schwächen verzeihen werde, hatte der todgeweihte Dichter unbesorgt erwidert: „Dieu me pardonnera, c’est son métier“ Gott mit Métier im Sinne von Gewerbe und Geschäft in einem Atemzug zu nennen – war für den Moralisten Kraus abermals ein unverzeihliches Sakrileg.
Der Moralist Kraus tritt wieder vor, als er Heine Geldgier vorwirft, sowohl in der Beziehung mit seinem Onkel Salomon wie auch mit Baron Jakob (später James de) Rotschild. Geldgier wäre eins der Leitmotive Heines Leben und Werk (wieder ist Antisemitismus am Spiel). Implizit liegt die Annahme das Geld schmutzig ist. Diese elitäre Parole, meistens ausgesprochen von ein paar Privilegierten, die sich nicht um Lebensunterhalt kümmern müssen oder wollen, kennen wir.
Warum soviel Antisemitismus von einem der ja selbst Jude war? Ja das gibt’s. Man hasst sich selbst, man versucht seine Herkunft / Abstammung zu verleugnen und zu bestreiten. Paul Peters, kanadischer Germanist, vertritt die These der Verinnerlichung des Antisemitismus durch seine Opfer, jenen jüdischen Selbsthaß, dessen leuchtendes Beispiel Karl Kraus ist (siehe gleichnamiges Buch von Theodor Lessing).
Der Assimilationswillige Kraus visiert den jüdischen Typus, den Feuilletonisten und Lieder-Händler Heine an. Ohne Heine kein Feuilleton. Heine wird zum Sündenbock der verhassten industriell-kapitalistischen Zivilisation gemacht. Er habe nur noch skandierten Journalismus produziert, sei ein eilfertiger Lieferant des verdorbenen Zeitgeschmacks mit Operettenlyrik. Seine Verse seien beliebig herstellbar und austauschbar, wie in der Gesellschaft der Massenfabrikation. In Heines Gedichten herrscht Liquidierung der Einmaligkeit und fehlende Echtheit (siehe https://taz.de/Heine-Dichterjude, von Michael Rohrwasser).
Heine hat der deutschen Sprache das Mieder gelockert. Also endlich ein Lobspruch? Nein, der ganze Wortlaut ist nämlich der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert, dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können. Hier haben wir den Kern der Krausschen Sorgen. Ihm interessiert wenig, dass mit der Lockerung des Mieders, der Zugang zu der Schönen leichter gemacht wurde. Ganz im Gegenteil. Ihm stört gerade, dass jetzt alle (Kommis) den Zugang zu ihr haben.
Ja was soll ich dazu noch mehr sagen? Ich kann nur sagen, dass sich hier zwei Welten konfrontieren. Auf der einen Seite, voller Gespenstern, Spinnereien und elitären Gedanken, der deutsche Idealismus. Auf der anderen Seite Torten, Kuchen und Zuckererbsen für jedermann. Auf der einen Seite die exklusive Romantik , auf der anderen der inklusive Realismus.
Ähnlich wie die Kraussche Kritik, also auch von der jüdischen Seite, auch durchsetzt von Idealismus und Träumereien, findet man die Einwände Jakob Wassermans. Sein Buch Mein Weg als Deutscher und Jude habe ich vor mehr als zwanzig Jahren gelesen. Ich habe wenig verstanden und alles ist so schwer und umständlich formuliert, dass einem die Freude am Lesen vergeht. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen was er meint, wenn er von Heine sagt: Seine zeitbedingte Erscheinung war in zeitbedingten Sinn jüdisch, und das Auffallendste an ihr ist das schroffe Nebeneinander von Ghettogeist und Weltgeist, von jüdischem Kleinbürgertum und Europäismus, von dichterischer Imagination und jüdisch-talmudischer Vorliebe für das Wortspiel, das Wortkleid, das Wordphantom, welch letztere Mischung man fälschlich als romantische Ironie bezeichnet hat…
Es handelt sich hier um eine interne jüdische Auseinandersetzung: der ewige Streit zwischen Ghetto Jude, zu dem ja Heine mit seiner Sprache und seinen leichten Hang zur Vulgarität und Obszönität neigt, und den jüdischen Assimilationssuchenden, der eine fiktive Integration, sei es was es sei, mit einer völlig imaginären, idealisierten deutschen Kultur sucht. Das Ghetto bestreitet die Assimilation, was den Streit erklären müsste.
Obwohl Heine sich taufen ließ, akzeptiert er sein jüdisches Erbe: die Ironie, besonders die Selbstironie, das über sich selbst Lustig-machende, die praktische Vernunft und der praktische Verstand des täglichen Lebens, die Informalität, die direkte und unvermittelte Aussprache des Kerns der Dinge, die gleichwertige Berücksichtigung von Erkenntnis, also Erfahrung, also das Sensitive, also Sinnlichkeit und Rationalität. Er wagt es, den Finger auf der Wunde zu legen, weil er nichts zu fürchten hat, weil er nicht mehr sein will als das was er ist. Wassermann, der angenommene Jude, kann sich in sein Streben nach Höheren, mit diesem Teil des jüdischen Erbes nicht abfinden. Das sind so die Widersprüche, die man in der jüdischen Kultur (und auch sonst woanders) findet.
(Kaiserin Elisabeth von Österreich hat einmal von Heine gesagt: Heine ist von den meisten anderen Dichtern verschieden, weil er alle Scheinheiligkeit verachtet, er zeigt sich stets als der, welcher er ist, mit allen menschlichen Eigenschaften und allen menschlichen Fehlern).
Heine: Feuilletonist, Nestbeschmutzer, Doppelgänger? – Teil II
Christoph Hauschild, am 25.09.2006, in dem Vortrag Das Wunder Heine, erwähnt eine Reihe von anderen Beanstandungen, die an Heine gemacht werden. Darunter findet man natürlich auch die Katholische Kirche. Von 1845 bis 1967 standen vier Heine-Werke, darunter auch das Wintermärchen, auf dem Index der verbotenen Bücher. Liebe, auch himmlische Liebe, in Lust (nicht zu sprechen in Kleingeld) zu verwandeln, das konnte ihm die Kirche nicht verzeihen.
Heine war der erste Klassiker des Revolverjournalismus, hört man oft. Dem Vorwurf der Erpressung wird man Heine kaum machen können, denn es lässt sich nichts beweisen. Warum dann Revolverjournalismus? Wegen seiner Kampfbereitschaft? Weil er vor Angriffen auch persönlichen Attacken nicht zurückschreckte. Wegen seiner Zivilcourage?
Kritik von links an Heine trifft man z.B. bei Theodor Adorno (gewissermaßen könnte man hier wieder die jüdische Seite mit einbeziehen). Er beschuldigt Heine, Kultur in Ware transformiert zu haben, d.h., aus einen Nutz- einen Tausch-wert gemacht zu haben. Ware und Tausch bemächtigen sich in Heine des Lauts, schreibt Adorno. Heine habe die Lyrik in die Niederungen der Kulturindustrie hinabgezogen.
Interessant ist, dass Adorno hier von einer völlig idealisierten Einstellung ausgeht, denn das Kultur zu Ware gemacht wird, ist nicht Heines Schuld, sondern ist charakteristisch für die Gesellschaft in der wir leben / er lebt. Als guter Realist, geht Heine immer von der Wirklichkeit aus. Wenn im Kapitalismus Kultur zur Ware gemacht wird, dann muss man, um zu überleben, die Ware auch verkaufen können. Man verkennt auch die Tatsache, dass Heine, im Gegensatz zu anderen Dichtern seiner Zeit, zum großen Teil von dem Erwerb seiner Dichtung gelebt hat. Dass es ihm trotzdem gelungen ist, wichtige Ideen zur Veränderung dieser Gesellschaft in diese Ware einzufügen, ist seinem Genius zu verdanken.
Heine habe für Abnehmer produziert. Für wen denn sonst? Für sich selber? Oder für Produzenten, d.h., andere Schriftsteller, oder für die Kritik? Für niemand, d.h., für den Müll, oder die Schublade? Wäre das besser?
Heine sei ein Gelegenheitsdichter. Er benütze das Alltägliche um zu dichten. Na und? Was ist denn daran schlecht, dass man den gewöhnlichen, normalen Tagesverlauf benutzt, um seine Themen zu finden, dass man Kot, Schlamm, die Mistküchlein der Pferde oder Karls des Großen Nachttopf als Rohstoff benutzt, um daraus wichtige Erkenntnisse über das Leben zu schöpfen. Es ist doch reiner Idealismus (also wirklichkeitsfremd) zu glauben, dass die Würde, also Gott, immanent im Stoff liegt, und dass man den Stoff nach seiner immanenten Würde auswählen muss. (z.B., Mistküchlein sind schlecht, aber Rosenduft ist gut). Und es ist fehlendes Vertrauen am Menschen, ihm die Möglichkeit der Verarbeitung abzusprechen. Aus Kot Gold zu machen ist uns noch nicht gelungen, aber die Produktion von schwarzem Gold, also Erdöl, aus verwestem Material, gehört schon seit langem der Alltäglichkeit.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Heines Intimität mit seinem Verleger Julius Kampe so manchem orthodoxen Marxisten stört. Heine würde somit die Ausbeutung zwischen (geistiger) Arbeiter und Inhaber der Produktionsmittel verkennen. Wieder sehe ich hier nur positives. Nichts kann aktueller sein als Heterodoxie. Was wir heute am meisten brauchen sind neue Ideen.
Ich habe schon mal gesagt, dass Heine kein Marxist ist. Bei ihm findet man eher Brüderlichkeit als Klassenkampf. Heine ließ sich vor keinen Karren spannen, er gehörte keiner politischen Partei oder Gruppe und genoss vor allem seine Freiheit und Unabhängigkeit (siehe z.B. Caput XII vom Wintermärchen, wo diese Ideen klar zum Ausdruck kommen). Dass es ihm trotzdem gelungen ist, einen wichtigen Beitrag in der politischen Debatte zu bringen, ist seinem Talent zu verdanken: das richtige Wort, an der richtigen Stelle zum richtigen Zeitpunkt auszusprechen. Oder liegt es vielleicht an seiner Heterodoxie, dass er noch heute aktuell ist?
Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst, hat Heine mal gesagt. Hier wird die Gegenwart, das hier und jetzt, angesprochen. Das Leben soll kein Mittel in den Händen geschichtsphilosophischer Weltverbesserer oder Weltverächter sein, erklärt Hauschild. Theorie soll der Praxis dienen, und nicht umgekehrt (in Wirklichkeit ist auch die Umkehrung möglich, dass ist aber wieder eine ganz andere Geschichte).
Hauschild erwähnt eine andere modernere Art Heine anzugreifen. Indem man Heine auf die leichte Schulter, d.h. ihn nicht ernst nimmt, werden seine Ideen verharmlost. In einen 1997 Spiegel Artikel heißt es: Er mischte alles zusammen, den historischen Essay, den Boulevardbummel, den Gewissensappell, die Rezension und vergaß nicht den Tritt unter die Gürtellinie. Vergessen wird auch nicht der Klatschkolumnist. Von Heine könne man sogar lernen wie man Musik rezensiert, ohne die geringste Ahnung davon zu haben.
Auf diesem Vorwurf antwortet Hauschild treffend: Ihr Trittbrettfahrer und -fahrerinnen vom Spiegel, … die ihr gar nicht bemerkt, welche Verharmlosungen …ihr mit euren flachen Faseleien produziert, … weil euch das Private und Intime mehr gilt als das Öffentliche und Politische, und weil das Bizarr-Sensationelle daran das voyeuristische Interesse eurer vom komplexen Leben ermatteten Mittelschicht-Leserschaft eher zu befriedigen verspricht als die Wahrheit des Faktischen ….
Wie soll Heines Beitrag zu dem modernen Journalismus verstanden werden? Als Lob oder als Kritik? Untersuchen wir mal diese Fragen. Die einen schreiben runter, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, die anderen lesen es runter wie nichts, schreibt Hauschild, … auf beiden Seiten keine Zeit für lange Sätze, keine Zeit für komplizierte Sachverhalte. Das ist, nach meiner Meinung, die Essenz des modernen Journalismus und der modernen Leserschaft. Gesagt werden muss aber, dass dies nichts mit Heine zu tun hat. Was Heine schreibt, hat Kopf und Sinn, und wenn es auch nicht kompliziert ist, so ist es treffend. Und das Treffende auf eine unkomplizierte Art zu sagen, das ist einer seiner Qualitäten.
In Bezug auf Heines Stil konstatiert Hauschild (ich habe die Satzstruktur leicht verändert): seine ganz eigene Synthese aus Intellekt und Empfindsamkeit, Pathos und Parodie haben sich mittlerweile als literarische Erregungs-, Verblüffungs- und Unterhaltungsmittel verselbständigt und dienen nur dazu ernsthafte Diskurse in Gegenstände der Zerstreuung und des Amüsements umzuwandeln. Hauschild schließt mit der lapidaren Frage: Ist das Heines Schuld? Hat die Kartoffel Schuld, dass man daraus frittierte Stäbchen machen kann? Oder auch Benzin? Und er ergänzt den Gedanken mit der Feststellung: Heine hat wenigstens sein Wissen nicht in die Abgründe des Trivialen herunterbanalisiert, sondern in lichte Himmelshöhen heraufstilisiert, so dass es in einer Klarheit und Eleganz daherkommt, die leicht ins Ohr und damit auch leicht ins Hirn geht. Auf diese Weise wurde er zu einem Vermittler von wesentlichen Erkenntnissen, die er wie kaum ein anderer mit Klarheit und Deutlichkeit aussprach, weitergab und rettete. Heine rief den Menschen den Erlöser Gottes zu werden, um Gott, der auf Erden im Menschen wohnt, aus seiner Erniedrigung zu retten. Hier haben wir das Wesentliche an Heines Nachlass.
Nicht alles bei Heine ist rosig. Sehr zu bedauern sind seine Ansichten über die Rolle der Frau, auch wenn man in Rücksicht nimmt, die Zeit in der sie ausgesprochen wurden. Zu seiner Verteidigung muss gesagt werden, dass sie keine zentrale Rolle in sein Werk einnehmen. Es sind immer Randbemerkungen. Man sollte diese Schwächen aber nicht benutzen um sein positives Legat zu überschatten. Dies geschieht leider nur zu oft. Besonders sollte man seine einmalige Stellung in der deutschen Literatur nicht übersehen. Selten hat ein so fortschrittlicher Denker solch eine Wichtigkeit erreicht. Kaum einen anderen progressiven Dichter ist es gelungen so ein breites Publikum zu gewinnen. Wie kam es dazu? Gerade wegen der Art und Weise die er benutzt um seine Ideen zu verbreiten. Er hat so manchen politischen Gedanken popularisiert, hat aber nie die Grenzen der Geschmacklosigkeit, der übermäßigen Vereinfachung, der Verfälschung, überschritten. Deswegen hassen ihn ja gerade diejenigen die auf der anderen Seite der Barrikade stehen.
Rohwasser schließt seinen oben erwähnten Essay mit der Frage: Worin besteht die Barbarei anders als darin, dass man das Vortreffliche nicht anerkennt? Es mag sogar stimmen, dass Heine eher ein Feuilletonist, dass sein Stil leicht und leger, dass seine Lyrik keine gehobene Dichtung ist, dass Frechheit und Irreverenz in der Behandlung der politischen Themen herrschen. Mit diesen Bemerkungen verkennt man aber das wesentliche. In dem Wintermärchen führt Heine uns auf einer interessanten Reise durch wichtige Kapitel deutscher Geschichte. Wesentliche Sujets in Gesellschaft, Kultur, Philosophie und Politik werden auf einer heiteren, amüsanten, geistreichen, humorvollen und leicht verständlichen Form präsentiert. Die Bilder sind stark und einprägsam, die Ideen sind geistreich und werden präzis ausgesprochen, die Formulierung ist pointiert, die Dichtung ist voller Grazie und Eleganz und die Metaphern sind treffend und intelligent. Trotz Einfallsreichtum der Gedanken werden Sensualität, Ironie und Gefühle nie außer Acht gelassen. Sämtliche Gewürze guter Literatur, Spannung, Scharfsinn, Frische, Munterkeit, Ironie, Humor, Symbolik, Charm, Originalität findet man bei Heine. Nach fast zweihundert Jahren, hat das Wintermärchen nichts an Aktualität verloren. Es wird weiter in dem Schulunterricht diskutiert und der Reichtum der Debatte hier im Forum beweist den Reichtum der Gedanken der Dichtung. Heine ist der politische Vorkämpfer der Freiheit und der sozialen Gerechtigkeit, er hat das Deutsch von dem schweren Korsett des Formalismus, des barrocken Geschnörkel und des Pathos der Gelehrtensprache befreit. Anstatt viele Worte mit wenig Gedanken zu verlieren, anstatt in den Mäandern der Bagatellen und des Kleinkrams umherzuschwirren, kommt Heine direkt zu dem Punkt um dem es geht. Was kann man mehr von einem Dichter erwarten?
P.S. Wer sich intensiv mit Heines Echo in der deutschsprachigen Kultur beschäftigen will, dem sei Dietmar Goltschnigg und Hartmut Steineckes dreibändige Arbeit Heine und die Nachwelt - Geschichte seiner Wirkung in den deutschsprachigen Ländern (Band 1: 1856-1906; Band 2: 1907-1956; Band 3:1957-2006) empfohlen.