Wallstein Verlag, 6. Auflage 2019, ISBN 978-3-8353-3440-3
Ein Mann und eine Frau. Er um die fünfzig, sie ca. zehn Jahre jünger. Eine zerrüttete Ehe, ein zerrüttetes Land. Barthold ist ein Intellektueller, ein Wissenschaftler, Archäologe, arbeitet am Institut, ständig besorgt um kluge Gedanken, Zitate, besonders Montaigne (1533-1592), der im Moment auf seinen Nachttisch schläft. Margarete Helene ist Hausfrau, besorgt um Heim und Herd, war aber mal Beamtin, wurde wegen unpassende Bemerkungen und Gedanken, besser gesagt, Gedanken die unpassende Bemerkungen wurden, mit ein schwarzes Kreuz in der Kaderkarte distinguiert. Und einmal ausgeschlossen ist für immer ausgeschlossen. Das Land: die DDR.
Zwei Geschichten durchleuchten und durchlüften die zerrüttete Ehe und das zerrüttete Land. Auf der einen Seite will Barthold ein Geschenk für den vierzigsten Geburtstag seiner Frau kaufen. Hat natürlich die üblichen DDR-Sorgen: schlechte Bedienung, lange Warteschlangen und das Schlimmste: keine Ware. Landet endlich im Intershop, wo er ein unpassendes Montaigne-Zitat macht.
Auf der anderen Seite treibt das unzufriedene Verhältnis, Margarete Helene zu ständiger Eifersucht. Einmal entdeckt sie eine Postkarte von einer gewissen Elfi. Dann entdeckt sie im Garten Knochen. Sind es Elfis Knochen? Hat Barthold Elfi ermordet, um sich mit ihr zu verheiraten?
Die Verknüpfung dieser zwei Geschichten wird durch einen Sicherheitsbeamten ermöglicht. Erscheint er wegen Elfis Knochen oder wegen Bartholds französische Verbindung mit Mohnteine?
Das ist der Inhalt. Ist aber der Inhalt wichtig in Kunerts Roman? Eine zerrüttete Ehe ist doch Gang und Gäbe. Das zerrüttete Land gehört doch schon lange der Vergangenheit, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich so etwas wiederholen wird. Warum also diese Gespenster an Licht und Luft zu bringen?
Wenn der Inhalt Kunerts Roman mich nicht begeistern konnte, so doch die Form. Der Roman hat keinen Icherzähler, aber ich glaube sagen zu können, dass er aus Bartholds Perspektive geschrieben wurde. Öfter lässt Kunert sogar Barthold zu Wort kommen, manchmal, sehr selten, spricht Margarete Helene ihre Gedanken aus.
Sehr lange Paragraphen mischen die Ebenen, mischen die Geschichten, mischen die Perspektiven; manchmal ist es Geschichte, manchmal Kommentare über die Geschichte, manchmal Kommentare über Kommentare. Alles sehr gescheit gemacht. Fast nie gibt es Zweifel um welche Ebene es sich handelt. Immer kluge Gedanken, Zitate, Kulturreferenzen, manchmal ein bisschen zuviel Gescheites, manchmal ermüdend. Man merkt eine gewisse Sorge intelligent zu sein, so Typen kennt man von zuhause, man ist da eben zuhause. Aber ich glaube sagen zu können, dass das Maß des erträglichen selten überschritten wird. Nie wirkt die Kulturpracht protzig, aufdringlich, künstlich oder gewollt. Es fließt alles natürlich und gelassen (vielleicht nur für einen der in diesem Milieu eben zuhause ist).
(Um die Pracht des Intelligent-Seins völlig genießen zu können, müsste man manchen Paragraphen zwei oder drei Mal lesen, man müsste eigentlich bei einigen Kulturreferenzen nachforschen, aber lohnt sich das?)
Höhepunkt ist die Ironie. Wie Kunert es schafft zweihundert Seiten mit Ironie und Humor zu füllen ist bewundernswert, und nie ist es Zynismus, nie gibt es Bitterkeit, Zorn, Wut oder Verbissenheit. Die Stimmung ist eher melancholisch, karitativ-pietistisch so im Sinn von Vater vergib Ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun. Anstatt Sentimentalität gibt es aber Humor, man lacht über die Leiden der Menschheit, anstatt zu weinen. Man macht sich darüber lustig, aber nie gehässig, sondern nur so, als ob es nicht unsere Leiden wären, als ob sie nichts mit uns zu tun hätten. Das Ergebnis ist, dass trotz zerrüttete Ehe und zerrüttetes Land, die Lektüre Kunerts Roman heiter und gelassen wirkt.
Man nehme z.B. die Geschichte der Begegnung von Barthold und Elfi auf S. 126 u. ff. Die Rote Elfi war die erste Bürgermeisterin der Republik, eine Art Königin einer sozialistischen Autokratie. In Klein-Roggenthin hatte sie das erste und das letzte Wort. Sie hatte alle Umschwünge und Säuberungen überstanden, weil sie mit allem und jedem, bildlich und wörtlich, unter einer Decke steckte. Es gab keine einflussreiche Persönlichkeit im Umkreis von fünfzig Kilometer, mit der Elfi keine intime Beziehung schon gehabt hatte.
Nun hatte man in Klein-Roggenthin ein mittelmäßig erhaltenes germanisches Bronzeschwert gefunden. Deswegen waren Barthold und sein Kollege Meier-Glöhsa dort. Die Grabungen fingen gleich an, und als man ein paar Meter Tiefe erreicht hatte, die Herbst-Sonne erwärmte die Grube, Barthold war allein, Meier-Glöhsa war gerade in die Stadt gefahren um zu telefonieren, da stieg Elfi zu Barthold herunter um genaueres über die Forschung zu erfahren. Für Archäologie interessierte sie sich wenig, was da aber geforscht werden könnte, ob man auch über ihre persönliche Angelegenheiten nachforschen würde, das interessierte sie. Um es eben genau herauszukriegen, musste sie ganz persönliche Beziehungen aufnehmen.
Beziehung hin, Beziehung her, beide kamen auf Antiquitäten zu sprechen. Elfi wollte wissen wieviel so etwas kostete, wo und wie man es verkaufen konnte, die damit verbunden Gefahren und noch so einiges. Als sie erfuhr dass Antiquitäten zu horrenden Preisen im Westen auf dem entsprechenden Markt gehandelt wurden, steigerte sich ihre Libido.
Später, Barthold war schon abgereist, erfuhr er was geschehen war. Trotz Beziehungen und obwohl die Verdächte ergebnislos blieben, hatte Elfi, vorsichtshalber, eine Nacht- und Nebelaktion gestartet. Mit einen Lastwagen und Dorfpolizisten fuhr sie von Bauernhof zu Bauernhof und konfiszierte im Namen des Volkes sämtliche alte Truhen, Bauern-Schränke, Kupfer- und Zinngeräten. Nach einer langen Reise über den Ozean erreichte sie dann, samt Antiquitäten, North Carolina, USA.