Samstag, 6. August 2022

Kunert - Die zweite Frau

Wallstein Verlag, 6. Auflage 2019, ISBN 978-3-8353-3440-3

 

Ein Mann und eine Frau. Er um die fünfzig, sie ca. zehn Jahre jünger. Eine zerrüttete Ehe, ein zerrüttetes Land. Barthold ist ein Intellektueller, ein Wissenschaftler, Archäologe, arbeitet am Institut, ständig besorgt um kluge Gedanken, Zitate, besonders Montaigne (1533-1592), der im Moment auf seinen Nachttisch schläft. Margarete Helene ist Hausfrau, besorgt um Heim und Herd, war aber mal Beamtin, wurde wegen unpassende Bemerkungen und Gedanken, besser gesagt, Gedanken die unpassende Bemerkungen wurden, mit ein schwarzes Kreuz in der Kaderkarte distinguiert. Und einmal ausgeschlossen ist für immer ausgeschlossen. Das Land: die DDR.

 Zwei Geschichten durchleuchten und durchlüften die zerrüttete Ehe und das zerrüttete Land. Auf der einen Seite will Barthold ein Geschenk für den vierzigsten Geburtstag seiner Frau kaufen. Hat natürlich die üblichen DDR-Sorgen: schlechte Bedienung, lange Warteschlangen und das Schlimmste: keine Ware. Landet endlich im Intershop, wo er ein unpassendes Montaigne-Zitat macht.

 Auf der anderen Seite treibt das unzufriedene Verhältnis, Margarete Helene zu ständiger Eifersucht. Einmal entdeckt sie eine Postkarte von einer gewissen Elfi. Dann entdeckt sie im Garten Knochen. Sind es Elfis Knochen? Hat Barthold Elfi ermordet, um sich mit ihr zu verheiraten?

 Die Verknüpfung dieser zwei Geschichten wird durch einen Sicherheitsbeamten ermöglicht. Erscheint er wegen Elfis Knochen oder wegen Bartholds französische Verbindung mit Mohnteine?

 Das ist der Inhalt. Ist aber der Inhalt wichtig in Kunerts Roman? Eine zerrüttete Ehe ist doch Gang und Gäbe. Das zerrüttete Land gehört doch schon lange der Vergangenheit, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich so etwas wiederholen wird. Warum also diese Gespenster an Licht und Luft zu bringen?

 Wenn der Inhalt Kunerts Roman mich nicht begeistern konnte, so doch die Form. Der Roman hat keinen Icherzähler, aber ich glaube sagen zu können, dass er aus Bartholds Perspektive geschrieben wurde. Öfter lässt Kunert sogar Barthold zu Wort kommen, manchmal, sehr selten, spricht Margarete Helene ihre Gedanken aus.

 Sehr lange Paragraphen mischen die Ebenen, mischen die Geschichten, mischen die Perspektiven; manchmal ist es Geschichte, manchmal Kommentare über die Geschichte, manchmal Kommentare über Kommentare. Alles sehr gescheit gemacht. Fast nie gibt es Zweifel um welche Ebene es sich handelt. Immer kluge Gedanken, Zitate, Kulturreferenzen, manchmal ein bisschen zuviel Gescheites, manchmal ermüdend. Man merkt eine gewisse Sorge intelligent zu sein, so Typen kennt man von zuhause, man ist da eben zuhause. Aber ich glaube sagen zu können, dass das Maß des erträglichen selten überschritten wird. Nie wirkt die Kulturpracht protzig, aufdringlich, künstlich oder gewollt. Es fließt alles natürlich und gelassen (vielleicht nur für einen der in diesem Milieu eben zuhause ist).

 (Um die Pracht des Intelligent-Seins völlig genießen zu können, müsste man manchen Paragraphen zwei oder drei Mal lesen, man müsste eigentlich bei einigen Kulturreferenzen nachforschen, aber lohnt sich das?)

 Höhepunkt ist die Ironie. Wie Kunert es schafft zweihundert Seiten mit Ironie und Humor zu füllen ist bewundernswert, und nie ist es Zynismus, nie gibt es Bitterkeit, Zorn, Wut oder Verbissenheit. Die Stimmung ist eher melancholisch, karitativ-pietistisch so im Sinn von Vater vergib Ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun. Anstatt Sentimentalität gibt es aber Humor, man lacht über die Leiden der Menschheit, anstatt zu weinen. Man macht sich darüber lustig, aber nie gehässig, sondern nur so, als ob es nicht unsere Leiden wären, als ob sie nichts mit uns zu tun hätten. Das Ergebnis ist, dass trotz zerrüttete Ehe und zerrüttetes Land, die Lektüre Kunerts Roman heiter und gelassen wirkt.

 Man nehme z.B. die Geschichte der Begegnung von Barthold und Elfi auf S. 126 u. ff. Die Rote Elfi war die erste Bürgermeisterin der Republik, eine Art Königin einer sozialistischen Autokratie. In Klein-Roggenthin hatte sie das erste und das letzte Wort. Sie hatte alle Umschwünge und Säuberungen überstanden, weil sie mit allem und jedem, bildlich und wörtlich, unter einer Decke steckte. Es gab keine einflussreiche Persönlichkeit im Umkreis von fünfzig Kilometer, mit der Elfi keine intime Beziehung schon gehabt hatte.

 Nun hatte man in Klein-Roggenthin ein mittelmäßig erhaltenes germanisches Bronzeschwert gefunden. Deswegen waren Barthold und sein Kollege Meier-Glöhsa dort. Die Grabungen fingen gleich an, und als man ein paar Meter Tiefe erreicht hatte, die Herbst-Sonne erwärmte die Grube, Barthold war allein, Meier-Glöhsa war gerade in die Stadt gefahren um zu telefonieren, da stieg Elfi zu Barthold herunter um genaueres über die Forschung zu erfahren. Für Archäologie interessierte sie sich wenig, was da aber geforscht werden könnte, ob man auch über ihre persönliche Angelegenheiten nachforschen würde, das interessierte sie. Um es eben genau herauszukriegen, musste sie ganz persönliche Beziehungen aufnehmen.

 Beziehung hin, Beziehung her, beide kamen auf Antiquitäten zu sprechen. Elfi wollte wissen wieviel so etwas kostete, wo und wie man es verkaufen konnte, die damit verbunden Gefahren und noch so einiges. Als sie erfuhr dass Antiquitäten zu horrenden Preisen im Westen auf dem entsprechenden Markt gehandelt wurden, steigerte sich ihre Libido.

 Später, Barthold war schon abgereist, erfuhr er was geschehen war. Trotz Beziehungen und obwohl die Verdächte ergebnislos blieben, hatte Elfi, vorsichtshalber, eine Nacht- und Nebelaktion gestartet. Mit einen Lastwagen und Dorfpolizisten fuhr sie von Bauernhof zu Bauernhof und konfiszierte im Namen des Volkes sämtliche alte Truhen, Bauern-Schränke, Kupfer- und Zinngeräten. Nach einer langen Reise über den Ozean erreichte sie dann, samt Antiquitäten, North Carolina, USA.

 

Vergleiche

 Kann man unvergleichbare Sachen vergleichen? Die Antwort ist nein. Und doch .... Vergleiche ergeben sich nach Kriterien und Gesichtspunkte. Was nach einem gewissen Kriterium unvergleichbar ist, kann nach einem andren Kriterium sehr gut vergleichbar sein.

 *   *   *

Ich bin für zehn Tage mit meiner Frau in die Berge gefahren. Das machen wir jedes Jahr, um der Rio Hitze und den Festlichkeiten des Jahresendes zu entgehen. Drei Stunden Asphalt und fünfzehn Kilometer Makadam Straße voller Löcher, Steine und tiefe Regenrinnen halten die meisten vernünftigen Menschen fern von dem kleinen Hotel, umgeben von Wald und Wasser, wo wir die Tage, eins nach dem anderen, alle gleich, verbringen. Morgens nach dem Kaffee, gehen wir für ein bis zwei Stunden spazieren. Danach baden wir in einen kleinen Fluss mit klaren, eiskalten Wasser. Es folgt das Mittagessen, und am Nachmittag lesen wir bis zur Dämmerung. Ich mache dann noch einen kleinen Spaziergang vor dem Abendessen, und dann gehen wir schlafen.

 Für die zehn Tage habe ich mir vier Bücher mitgenommen. Thomas Manns Tonio Kröger, Virginia Woolfs Time Passes, Tucholskys Schloss Gripsholm und ein Manga über chinesische Geschichte.

 Ich dachte ich hätte Tonio Kröger schon gelesen. Es war ein Irrtum. Ich habe nämlich eine Schalplatte, von dem Autor selbst gesprochen, mit dem ersten Abschnitt der Novelle, wo Tonio mit Hans Hansen ein Spaziergang nach der Schule macht. Es ist das beste Teil des Buches, und hat mich dazu geführt den Rest auch lesen zu wollen. Dies war ein weiterer Irrtum. Was nämlich folgt ist ungenießbar für einen, wie ich, der von tiefsinnigen Grübeleien nichts hält.

 Hier ergibt sich also der Vergleich von dem am Anfang die Rede war. Und das Kriterium ist die Tiefe. Vergleichen werde ich Tonio Kröger (S. Fischer Verlag, 1969) mit Schloss Gripsholm (Reclam, 2006).

 Im Nachwort Tucholskys Roman wird seine Sorge, deutsches Tief und inhaltlicher Überladenheit (S. 176) zu vermeiden, erwähnt. Tucholsky lehnt jeglichen schwulstigen, pathosüberladenen Stil ab, indem Banalitäten feierlich gesagt, einfache Vorgänge barock dargestellt, das Leben ins „Literarische“ transportiert werden (S. 181). Das passt wie angegossen auf Tonio Kröger.

Die ganze Diskussion über Kunst und Künstler, die ja nur entsteht weil Mann sich Sorgen macht über seine (große) Kunst und seine Position als (großer) Künstler, führt unter diesem personalistischen Blickwinkel zu nichts. Die aller dümmsten Verallgemeinerungen kommen zustande. So z.B. auf S. 27 dass gute Werke nur unter dem Druck eines schlimmen Lebens entstehen. Oder auf S. 31, das Gefühl, das warme, herzliche Gefühl ist immer banal und unbrauchbar ... Und auf S. 32, dass es aus ist mit dem Künstler, sobald er Mensch wird und zu empfinden beginnt.

 Auf S. 40 wird eine sehr zweifelhafte Thesis vertreten. Als Tonio in ein Auditorium sein Publikum betrachtet, findet er nur eine Versammlung der ersten Christen, Leuten mit ungeschickten Körper, die immer hinfallen, denen die Poesie eine sanfte Rache am Leben ist, immer nur Leidende und Sehnsüchtige und Arme. Also, diejenigen die Kunst aufsuchen, mindestens die erhabene Kunst, sind Außenseiter. Der normale Mensch, der Blauäugige, braucht keine Kunst.

 Der Ehrlichkeit halber muss gesagt werden, dass dies alles von Tonio Kröger und nicht von Thomas Mann stammt. Aber trotzdem ...

O, welch ein Genuss war es nach dem pathosüberladenen, schwulstigen Tonio Kröger und die fremde Wortmalerei einer Virginia Woolf, einen Roman zu lesen, der mich an gute Kulinarik erinnert. Die richtige Mischung von Gewürzen: Ironie, Humor, Spannung, Liebe aber auch Erlebnisse.

Das Büchlein ist also nur Unterhaltung? Tucholsky sagt selber in einen Brief 1931 (S. 176): Gripsholm: nein, viel Substanz hat das nicht. Mir scheint es nun ein Hauptvorzug einer Omelette soufflée zu sein, möglichst wenig Substanz zu haben, und Rinderbraten stand nicht auf der Speisekarte. Leichtigkeit, das ist im deutschen ein Vorwurf für den Autor. Tief ... tief musste sein. Ach, ist das ein verbogenes Land.

 Wie wir aber aus den folgenden Kommentaren sehen werden, enthält Tucholskys Roman allerlei Material um sich Gedanken zu machen. Das Buch ist voller sprachlicher Perlen, kluger Wörter, gescheiter Ideen, gelungener und scharfsinniger Konstruktionen. Trotzdem werden die Sachen nie extra betont oder explizit formuliert. Wie im Leben, denkt man in dem Maße in dem die Umstände es verlangen, also nebenbei, ohne Emphase, fast zufällig, spontan und auf natürliche Weise.

Ein erster Gedanke der mir beim lesen Tucholskys Roman kam, ist die Schwierigkeit des Abschaltens. Peter geht mit seiner Freundin Lydia in Ferien, aber sie brauchen einige Zeit, um die Arbeit zu vergessen. Und dann gelingt es ihnen nie ganz. Lydia muss einkaufen. Peter muss das Unrecht in dem Mädchenheim, wo die alte Hexe regiert, bekämpfen. Übrigens ist das Mädchenheim, Zucht und Ordnung, und die damit verbundene Zuchtrute, eine sehr gelungene Voraussage des Naziterrors (man darf nicht vergessen dass der Roman 1930-31 geschrieben wurde).

 (Der Gedanke des Abschaltens traf mich als auch ich in Urlaub war. Und so ganz abschalten konnte auch ich nicht, nämlich der Entwurf dieses Textes entstand zwischen grüner Wiese und blauem Himmel. Frage ist natürlich ob einer, der mit dem Kopf lebt, nur weil er in Ferien ist, den Kopf abschalten sollte.)

 Tief begeistert hat mich die Szene der römischen Arena (S. 93 u. ff.), die Tucholsky benutzt, um die Wollust des Negativen, also die Schadensfreude, deutlich zu machen. Damit wird versucht so einiges im Mädchenheim zu erklären. Das auch ein gutes Werk ein Alibi liefert, um quälen zu können (S. 97), geht nach meiner Meinung ein bisschen zu weit.

 Da wir beim Mädchenheim sind, will ich etwas über die Kollektivstrafe sagen. Frau Adriani (das ist die Hexe) sagt auf S. 86: wenn hier eine was falsch macht, dann büßen alle. Ich glaube die Kollektivstrafe gehört zur Tyrannei. Sie bricht nämlich den Widerstand, fördert das Spitzeln und die Denunziation und führt zur Spaltung. Sie war einer der wichtigsten Waffen, die in den KZs benutzt wurde.

 Aber es gibt auch Schattenseiten in Tucholskys Roman. Frau Adriani auf einen fehlenden Penis zu reduzieren (S. 144) ist billiges psychologisieren und teurer Chauvinismus. Gesagt muss, dass Tucholsky die obige Aussage mit dem Machttrieb relativiert. Aber trotzdem ....

 Die Liebe liefert Tucholsky Gelegenheiten zu Prachtstellen, so z.B. Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele (S. 37). Oder, Schön ist das Beisammensein. Die Haut friert nicht. Alles ist leise und gut (S. 40). Auch sehr schön ist S. 58, als Peter und Lydia Nordlichter auf dem schwedischen Himmel malen.

 Die Liebe zu dritt, Peter, die Prinzessin (Lydia) und Billie ist herrlich. Schön geschrieben, voller schöner Gefühle und Gedanken, geschmackvoll präsentiert, abstrakt aber doch nicht zu sehr. Ein Auszug davon bringe ich unten (S. 129-132):

 „Gib mal Billie einen Kuss!“ sagte die Prinzessin halblaut. Mein Zwerchfell hob sich – ist das der Sitz der Seele? Ich richtete mich auf und küsste Billie. Erst ließ sie mich nur gewähren, dann war es, wie wenn sie aus mir tränke. Lange, lange ... Dann küsste ich die Prinzessin. Das war wie Heimkehr aus fremden Ländern. Als Zephir (Zephir ist der Frühlingsbote, der Reifer der Saaten) begann es – wir waren „außer uns“, denn jeder war beim anderen. Es war ein Spiel, kindliche Neugier, die Freude an einer fremden Brust ...Und da verloren wir uns. ... da sauste der Schlitten zu Tal! ... ich wusste nichts mehr. Lust steigerte sich an Lust, dann wurde der Traum klarer, und ich versank in ihnen, sie in mir – wir flüchteten aus der Einsamkeit der Welt zueinander.

 Ein Gran (Korn) Böses war dabei, ein Löffelchen Ironie, nichts Schmachtendes, sehr viel Wille, sehr viel Erfahrung und sehr viel Unschuld. Wir flüsterten; wir sprachen erst übereinander, dann über das, was wir taten, dann nichts mehr. Und keinen Augenblick ließ die Kraft nach, die uns zueinander trieb; keinen Augenblick gab es einen Sprung, es hielt an, eine starke Süße erfüllte uns ganz, nun waren wir bewusst geworden, ganz und gar bewusst. Vieles habe ich von dieser Stunde vergessen – aber eins weiß ich noch heute: wir liebten uns am meisten mit den Augen.

 Nun, ob so etwas funktionieren kann, das zweifle ich. Soll es aber funktionieren? Dazu noch ein Gedanke von Tucholsky. Als er am Schluss (S. 148-9), einen Schluss über die fünf Wochen Ferien schließen will, sagt er: Fünf Wochen ... Kein Krach, keine Proppleme (Lydia spricht Platt), keine Geschichten, Fünf Wochen sind nicht fünf Jahre. ... Kurzes Glück kann jeder. Und kurzes Glück: es ist wohl kein andres denkbar, hienieden.

 Damit bin ich natürlich nicht einverstanden, und ich habe eine viel positivere Sicht von diesem Jammertal. Aber ich kann es verstehen, und ich kann es akzeptieren.

 Da wir bei Liebe sind noch ein Gedanke von Peter über Lydia: Sie war mir alles in einem: Geliebte, komische Oper, Mutter und Freund (S. 15). Ein bisschen von Allem. Z.B. Lydia als geliebte Mutter (oder besser, Geliebte und Mutter): Ich war wieder bei ihr; wir saßen wieder auf demselben Trabanten und rollten gemeinsam durch das Weltall. „Du sollst nicht so viel rauchen“ sagte ihre tiefe Stimme; „dann wird dir wieder übel“ ... Ich, Sohn, tat die Pfeife weg, weil die Mutter es so wollte (S. 64). So ist es mit der Liebe, die Wirkliche, die reelle, nicht die Ideelle, die Erträumte.

 Dies führt mich zurück zu dem Vergleich, der ja den Titel dieses Textes liefert. Auf der Rückseite des Umschlages des Reclam Büchlein (Tucholsky) steht Eine beschwingte Sommergeschichte über die Unmöglichkeit oder Möglichkeit von Liebe ...Nun, über Unmöglichkeit von Liebe habe ich nicht viel gesehen, obwohl zweifelsfrei der Ton der Geschichte immer melancholisch ist. Natürlich gibt es Schwierigkeiten, aber ist Liebe, die Wirkliche, die Reelle, ohne Schwierigkeiten überhaupt zu denken?

 Wie ganz anders ist da Tonio Kröger. Hier wird nur die ideelle Liebe angesprochen, über die ich, ehrlich gesagt, nicht viel zu sagen habe, weil sie eben mir nichts sagt. Die erste Liebe ist Hans Hansen. Er war außerordentlich hübsch und wohlgestaltet, breit in den Schultern und schmal in den Hüften, mit freiliegenden und scharf blickenden stahlblauen Augen (S. 4). Aha! Hier haben wir die blauen Augen! Der Schopf bastblonder Haare fehlt natürlich auch nicht. In Abschnitt II gibt es dann, in der Form der blonden Inge, der weibliche Konterpart von Hans Hansen. Natürlich hat auch sie blaue Augen und einen blonden Zopf.

 Tiefe und Leichtigkeit, das ist so eine Sache. Ich bin immer davon ausgegangen, dass ein gelungenes Werk so aussehen muss, als ob es leicht zu machen wäre. Es ist etwas falsch an einer Tänzerin der man die Anstrengung ansieht. Es muss so aussehen als ob alles spontan wäre, und wie viel Übung und Können gehört dazu, es so auszudrücken. Dieser Gedanke liefert ein weiterer Vergleich der beiden Romane.

 Relativieren muss man das oben gesagte mit der Tatsache, dass es nicht sehr fair ist ein Frühwerk Thomas Manns (1875-1955) mit einen Spätwerk Kurt Tucholskys (1890-1935) zu vergleichen. Tonio Kröger wurde nämlich 1903 und Schloss Gripsholm 1931 veröffentlicht. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich keine Vergleiche der Autoren, sondern eher der Werke, besser gesagt, der Ideen / Stile in den Werken machen wollte.