Samstag, 29. Oktober 2022

Ein Leben in China – Li Kunwu / P. Otié


 

Ich habe das Buch in Portugiesisch gelesen, aber es gibt eine deutsche Übersetzung in drei Bände herausgegeben von der Edition Moderne: 1 – Die Zeit meines Vaters; 2 – Die Zeit der Partei; 3 – Die Zeit des Geldes.

 

Ich weiß sehr wenig über China. In meiner Jugend habe ich ein paar Bücher von Lin Yutang gelesen. Ich war fasziniert. Mit der Verinnerlichung der Gefühle und Gedanken und mit der Betonung ihrer Subtilität öffnete sich eine neue Welt für mich.

 

Später, viel später war ich mit einer Sinologin befreundet. Sie brachte mir allerlei aus ihren Reisen nach China, u.a. herrliche papercuts von alten mythischen Figuren. Ich habe sie sehr sorgfältig aufbewahrt, habe sie rahmen lassen, dadurch verloren sie aber ihre Plastizität und Textur, wollte es wieder rückgängig machen, aber Papier ist nicht sehr haltbar.

  

Diesmal wollte ich etwas über die chinesische Revolution und die Zeiten danach wissen. Ich habe natürlich allerlei Zeitungsartikel gelesen, aber es wird alles so fragmentiert präsentiert, dass kein Gesamtbild entstehen kann. Ich wollte keine Theorie; auch keine Wunschvorstellungen, so wie es hätte sein können und nicht war. Ich wollte, anhand des täglichen Lebens eines normalen Bürgers, wissen was in China während der letzten 70 – 80 Jahren passiert ist.

  

Genau das bringt da Buch. Und Comics sind dabei sehr behilflich, denn bekanntlich sagt ein Bild mehr als tausend Worte, oder besser, kann es sagen, wenn der Zeichner talentiert ist. Und das ist Kunwu sicherlich.

 

Anhand seines eigenen Lebens, oder besser, anhand des Lebens des Erzählers Xiao Li, werden die verschiedenen Etappen der Geschichte der Volksrepublik China gezeigt. Obwohl Xiao Li dem ganzen Prozess gegenüber positiv eingestellt ist, hatte ich nie den Eindruck, dass die Sachen verschönert werden. Im Gegenteil, der absurde Radikalismus und Sturheit der Kulturrevolution, sowie die genauso absurde Umwandlung in einer vom Pragmatismus beherrschten korrupten Konsumgesellschaft werden offen und mutig gezeigt.

  

Wie war eine so radikale Veränderung möglich? Geschichte ist einmalig: Kultur und zeitliche Umstände spielen dabei eine bedeutende Rolle. Was in einem Land zu einer gewissen Zeit passiert, lässt sich nicht beliebig reproduzieren. In China werden Disziplin, Familie, hierarchische Werte, ein gewisser Stoizismus und natürlich der dahinterstehende Konfuzianismus noch heute großgeschrieben.

  

Um Kunwus Position besser zu verstehen nehme ich mal das Ereignis am Platz des Himmlischen Friedens (Tian'anmen Platz) in 1989, dass, nach meiner Meinung, in der westlichen Presse eine unangemessene Aufmerksamkeit bekam. Das ist die einzige Stelle in dem Buch wo Xiao Li, oder besser, Kunwu eine Stellungnahme nimmt. In dem Rest des Buches sprechen die Tatsachen für sich. Er äußert sich ganz klar und offen über diesen Vorfall, indem er Chinas Entwicklung vor der Meinungsfreiheit stellt. Nach seiner Ansicht muss vor allem die Stabilität des Prozesses garantiert werden. Man kann versuchen diesen Standpunkt zu erklären, indem man die Tatsache benutzt, dass Xiao Li der Partei angehört. Wie aber lässt sich dann seine unglaublich mutige Haltung, sämtlich korrupte Erscheinungen in den modernen China anzuzeigen, erklären? Prostitution, Nepotismus, Vorteilsgewährung, Spekulation, Ausbeutung, all diese modernen Erscheinung einer korrupten Gesellschaft werden schonungslos präsentiert.

  

Obwohl Xiao Li (oder, in Band drei, Lao Li, der alte Li) seine Geschichte erzählt, versucht er immer die Stellung eines Beobachters einzunehmen d.h., in dem Buch ist er mehr Erzähler als Charakter. Neutralität gibt es nicht, und Kunwu versucht es auch nicht vorzutäuschen. Es herrscht aber immer eine Balance zwischen Kritik und Zustimmung.

 

Die Balance zeigt sich schon in dem Entstehungsplan des Werks. Das Buch ist eine Zusammenarbeit zwischen Philippe Ôtié und Li Kunwu, wobei Ôtié, ein französischer Diplomat und Schriftsteller, der viele Jahren im Fernen Osten gelebt hat, die Perspektive des Westens vertritt, d.h., einer seiner Rollen war es die Geschichte für einen westlichen Leser verständlich zu machen. Er hat, zusammen mit Kunwu, den Plan der Arbeit entworfen. West und Ost arbeiten hier zusammen und das Ergebnis übertrifft alle Erwartungen.