Samstag, 23. Dezember 2023

Expressionismus, Jugendbewegung und andere Gedanken über eine einheitlichere Welt

 

Ich bin weder ein Experte in Expressionismus noch in Jugendbewegung, aber 2012, im Laufe einer Arbeit über eine weitläufige Verwandte von mir, die bei den Kindertransporten dabei war, und dann in England in Bunce Court studiert hat, habe ich einen Text, allerdings in Englisch, über die Jugendbewegung geschrieben (siehe www.ctbornstd.blogspot.com/2012/). Bunce Court war eine Alternativschule, besetzt hauptsächlich mit geflüchteten deutschen Lehrern, die eine starke Verbindung mit der Reformpädagogik hatte. Diese, ihrerseits, kann mit Lebensreform, Reformbewegung und dann weiter mit Jugendbewegung verknüpft werden.

 

Auch sonst hat die Jugendbewegung Einfluss auf mein Leben gehabt, und nur so erklärt sich die Tatsache, dass ich mir Zeit genommen habe, eine Arbeit darüber zu schreiben. Eine Großtante von mir gehörte der Wandervogelbewegung. Während meiner Kindheit haben wir sie öfters besucht und Geschichten über Wanderung im Wald und gesungene Lieder am Lagerfeuer uns angehört. Verschiedene dieser Lieder hat uns dann unsere Mutter gesungen, ich habe sie auf Tonband aufgenommen, und höre sie noch heute. Ich vermute auch, dass einiges meiner Liebe zur Natur und den Drang aus dem Großstadtleben in weit abgelegenen Orten zu flüchten, der Jugend- und Wandervogelbewegung zu verdanken ist. Diese romantischen Vorstellungen, tief eingeprägt in unsere Kindheit, verlassen uns nie.

 

Obwohl man bei der Jugendbewegung mehr Wert auf Form als auf Inhalt gelegt hat, handelte es sich, im Grunde, um eine Reaktion gegen die Verdinglichung, Reifikation und Massenproduktion, gegen die Prävalenz von quantitativen über qualitativen Aspekten des Lebens und gegen den Verlust an Individualität in der modernen industriellen Gesellschaft. Auch war die Gemeinschaft bei der Jugendbewegung ein wichtigerer Begriff als die Gesellschaft. Die Erste legt den Akzent auf die emotionale Ebene, die Beziehungen werden regiert durch Gefühle, während bei der Gesellschaft die Verhältnisse eher durch Zweckrationalität bestimmt werden. Obwohl die Bewegung in das National-Völkische ausartete, haben einige der Ziele und Erwartungen, wie z.B. das Streben nach Einheit zwischen den Menschen und zwischen den Menschen und die Umwelt, nichts an Aktualität verloren.

 

Nun, was hat Jugendbewegung mit Expressionismus zu tun? Das Wort Expressionismus wird man in meiner 2012 Arbeit nicht finden. Aber in einer Fußnote wird man die Bemerkung finden, dass die expressionistische Bewegung Die Brücke stark von der Lebensreform beeinflusst wurde. Ein Teilnehmer von Die Brücke sagte: was wir nicht wollten war uns klar, was wir wollten aber nicht . Man vergleiche diese Aussage, mit was ich oben über Hasenclevers Der Sohn gesagt habe.

 

Sachen verbinden macht mir besonders Spaß und ich glaube, es trägt dazu bei, ein Gesamtbild der Welt zu schaffen.

 

Tukan in Beitrag #12 spricht vom Expressionismus als eine Reaktion gegen eine zunehmende Entfremdung des Menschen in einer verstädterten, industrialisierten, lauten und anonymen Welt. Diese Bemerkung, die mich  sehr an Jugendbewegung erinnert hat, war ausschlaggebend für einen Versuch einer Verbindung beider Bewegungen.

 

Diese Verbindung findet man auch in der Literatur. Sie ist also nichts neues. Ich habe „Jugendbewegung und Expressionismus“ bei Google eingegeben, und eine Reihe von Arbeiten gefunden. Ich will also nicht wiederholen was sicherlich längst bekannt ist. Aber einiges möchte ich doch zu diesem Thema sagen.

 

Hermann Korte in Expressionismus und Jugendbewegung (1988) spricht von der Jugendbewegung als deutschtümelnder Sozialromantik. Es handle sich um ein subjektiv erfahrenes, ja erlebtes Anderssein, dessen Ausdruck die Wanderung bei Nacht und Sonnenaufgang, die Atmosphäre des Lagerfeuers, der Freundschaften ist. Also Romantik verbunden mit Natur, also eine Art von Flucht aus dem Alltagsleben. In meiner 2012 Arbeit erwähne ich auch Jean-Jacques Rousseau und die Sturm und Drang Bewegung.

 

Ich habe nichts gegen die Romantik. Sie funktioniert als eine Art Auslassventil gegen die Spannungen des Alltagslebens. Als Sublimation der verdrängten Triebe ist sie sehr wirksam. Aber viel mehr sollte man von Romantik nicht erwarten. Insbesondere die Verbindung von Romantik und Politik ist gefährlich. Darauf habe ich schon in meinen eiführenden Beitrag hingewiesen. Dort wird die Romantik der Linken erwähnt, aber auch bei der Rechten kann man sie finden. In meiner Arbeit über Jugendbewegung verweise ich mehrmals auf ihre Verbindungen mit dem Nationalsozialismus.

 

Romantik ist ein weitläufiger Begriff. Beide, Chopin und Wagner, sind Romantiker. Kann man etwas verschiedeneres finden als Chopin und Wagner?

 

Romantik ist Flucht aus der Wirklichkeit. Offen bleibt aber wie man flieht, und wohin. Und darauf kommt es an: wie und wohin man flieht.

 

Wie schön wäre es wenn man von der Wirklichkeit nicht fliehen müsste, wenn es keine Notwendigkeit für Auslassventile gäbe. Wie schön wäre es, wenn sich beliebig Romantik bzw. Utopie in Wirklichkeit umwandeln ließen. Aber auch dass ist nicht richtig, denn wo wären wir jetzt, wenn allmögliche Spinnereien sich verwirklichen ließen (vielleicht wären wir genau da wo wir jetzt sind, was uns einiges zu denken geben kann).

 

Man muss nicht so weit wie Hegel gehen und sagen, dass das Rationale real und das Reale rational ist, um Verknüpfungen zwischen Rationalität und Realität zu machen. Es genügt zu konstatieren, dass der Verstand zur Verständnis und zu einer Objektivierung der Sachen führt. Die Objektivierung, ihrerseits, bedeutet den Fokus auf das Objekt zu richten, im Gegensatz zu der Subjektivierung, die den Fokus auf das Subjekt legt. Wenn mehrere Subjekte ein selbes Objekt betrachten, dann kann durch die Objektivierung, ein einheitlicheres Bild entstehen. Dieses Bild kann man dann Wirklichkeit nennen. Es ist hingegen schwieriger von Wirklichkeit zu sprechen, wenn durch die Subjektivierung jeder seine eigene hat. Objektivierung zielt also auf die Wirklichkeit und das Bild, während die Subjektivierung auf eine Wirklichkeit und ein Bild zielt.

 

Wie bereits schon mehrmals erwähnt, sind sowohl der Expressionismus als auch die Jugendbewegung eine Reaktion auf die industrielle Revolution, die Massengesellschaft,  eine entmenschlichte und mechanisierte Welt. Die industrielle Revolution, ihrerseits, ist eine Folge der Aufklärung und die damit zusammenhängende Gewichtung der Rationalität. Beide, Expressionismus und Jugendbewegung, betonen das Subjektive und die Gefühle. Dadurch entsteht eine Distanzierung von Wirklichkeit und Rationalität (Verstand).

 

Es muss zusätzlich erwähnt werden, dass obwohl die industrielle Revolution der Aufklärung folgt, der Verstand uns nicht, notwendigerweise, zu einer entmenschlichte, mechanisierte Welt führen muss. Es gibt da sicherlich andere Wege.

 

Die letzten Paragraphen bedeuten eine sehr, sehr große Vereinfachung, die ich machen musste, um einen komplizierten Gegenstand in ein paar Sätze anzugehen. In der Tat geht alles etappenweise zwischen den Extremen: Phantasie und Wirklichkeit, Subjektiv und Objektiv, Gefühl und Verstand. Es alternieren sich meistens Phasen in dem die eine oder die andere Tendenz eine größere Gewichtung hat. Z. B. auf den Kubismus, der streng geometrische, kristallinische Struktur, Ordnung und methodische Organisation der Bildoberfläche sucht, folgt dann der Surrealismus, der die irrationalen, urtümlichen Beziehungen an die Stelle der rationalen Anschauung der Dinge setzt (siehe Knaurs Lexikon Moderner Kunst). Gesagt werden muss auch, dass es beide Tendenzen zu hervorragenden Leistungen in der Kunst gebracht haben.

 

Eine ganz andere Ebene ist aber die Politik. Dort sind Eskapismus, Romantik und Subjektivität gefährlich. In diesem Zusammenhang muss gesagt werden, dass wir schwierige Zeiten annähern in denen Krisen in Wirtschaft und Politik zu erwarten sind. Auch die Konflikte zwischen den verschiedenen Ländergruppen spitzen sich zu. In solche Zeiten verstärken sich die Tendenzen zu Fluchtversuche.

 

Einheit ist ein schwieriges Ziel. Gefühl und Verstand ist schwierig. Gefühl oder Verstand ist schon leichter. Am leichtesten (und coolsten) ist natürlich weder Gefühl noch Verstand.

 

Freitag, 15. Dezember 2023

Expressionismus in deutscher Prosa: Der Sohn – Heinrich Mann

 


Ich hatte es satt von so viel Meckerei, als mir Heinrich Mann zu Hilfe kam. Auch hat mir der Titel der Manns Kurzgeschichte bei der Entscheidung geholfen, denn es ist genau derselbe als in Hasenclevers Stück. Es wird also leichter die Sachen zusammen zu halten.

 

Heinrich Mann würde ich nicht dem Expressionismus zuordnen, aber möglicherweise kann man die eine oder andere seiner Arbeiten dort einstufen. Jedenfalls steht die Erzählung in dem Buch über Expressionistische Prosa, man kann also gegen mein Alibi nichts einwenden.

 

Die Strategie hat funktioniert und ich kann jetzt erleichtert atmen. Endlich mal etwas vernünftiges! Endlich mal etwas wo man sich entspannen kann, denn Kritik bedeutet Spannung. Außerdem gibt es immer ein bisschen Überheblichkeit und man will sich doch dem Kunstwerk geben, man will doch nicht immer über oder unter, sondern auch mal dabei sein, nicht wahr?

 

Ein Mann, der versucht zu Hause die Rolle eines ideellen Ehegatten und Vaters zu spielen, wird von seiner Arbeit entlassen. Das Spiel lässt sich also nicht weiterspielen und seine Werte zerfallen. Er lernt eine andere Frau kennen und versucht einen neuen Anfang. Aber auch hier versagt der Unschlüssige. Er kehrt zurück zu seiner ersten Frau, aber sie stirbt. Was wird jetzt aus dem Idealbild? Was wird aus den Kindern?

 

Er versucht sich aufzuraffen und am Anfang hat er auch Erfolg. Aber er ist nicht mehr der Jüngste, die Zeit vergeht und das Alter kommt. Ein Konkurrent, ein jüngerer, erscheint und es entsteht ein Kampf. Wie der Kampf ausgeht, sage ich nicht, denn ich will nicht den Spielverderber spielen.

 

Alles ist ein bisschen umständlich formuliert. Auch ein bisschen zu viel Pathos ist dabei. Expressionismus? Aber hier meckere ich schon wieder!

Donnerstag, 14. Dezember 2023

Expressionismus in der deutschen Prosa: Die Ermordung einer Butterblume – Alfred Döblin

 

 

Die Kurzgeschichte handelt von einen Spießbürger. Nach oben buckeln und nach unten treten, so lautet die Maxime. Und wer ist gerade unten, als Herr Fischer im Wald mit dem Stock spazieren geht? Die Blumen. Eine Butterblume wird von ihm mit den Stock enthauptet.

 

Herr Fischer macht sich Gedanken über den Vorfall. Seine krankenhaften Phantasien nehmen ihn in allen Richtungen: Reue, Stolz, Gleichgültigkeit, Angst und Wut. Von einem Gefühl hüpft er zu dem anderen, ohne viel Übergang.

 

Selbstverständlich ist alles metaphorisch zu verstehen. Aber die starke Übertreibung lässt kein Platz für einen subtileren Humor. Alles ist viel zu grob und grotesk-farcenhaft aufgeführt.

 

Was mich auch sehr gestört hat ist der verschwenderischer Umgang mit den Wörtern. Paragraphen und Paragraphen, Sätze nach Sätze werden von Döblin benutzt um dieselbe Idee zu bringen. Mit Tucholsky habe ich gelernt, dass man mit Wörtern sparsam umgehen sollte. 

 

Die zugrundeliegende Idee, das persiflieren eines Spießers, ist weder sehr originell noch treffend formuliert. Ich fand die Bearbeitung des Themas umständlich, unnatürlich und forciert. Alles ist viel zu dick aufgetragen.

Sonntag, 3. Dezember 2023

Walter Hasenclever - Der Sohn

 

Das Theaterstück, geschrieben 1913 – 14, ist veraltet, und, nach meiner Meinung, nicht lesenswert. Der Sohn ist lächerlich in seiner Naivität und sein Pathos. Gib, Stunde, mich der tiefen Wonne hin: / Dass ich im ungeheuersten Verbrennen / Auf dieser Welt erfahre wer ich bin, sagt er in der siebenten Szene, erster Akt. Die Lächerlichkeit des Freundes in seiner Revoluzzer-Rolle (Der Funke ist entzündet – schleudre ihn ins Pulverfass, zweite Szene, vierter Akt), macht seine Reden unglaubwürdig. Und der Vater ist ein Tyrann wie aus der Karikatur.

 

Die ganze anti-autoritäre Diskussion, so wie sie in Hasenclevers Text gebracht wird, ist veraltet, weil heute, im Gegensatz zu der wilhelminischen Zeit, die Figur der Autorität  diffuser und abstrakter geworden ist. Heute ist die Vaterfigur eher metaphorisch zu verstehen. Heute, wenn ich an Autorität denke, so kommt mir Google in dem Sinn.

 

Die End-Rede des Sohns mit dem Vater ist unrealistisch. So redet kein Sohn mit dem Vater, so kaltblutig, besonders wenn er von klein auf von ihm misshandelt worden ist. Ja, ich weiß, dass das Pathos, die pompöse Phraseologie, dem Expressionismus, in dem das Stück eingestuft werden kann, zu verdanken ist. Aber das macht es deswegen noch nicht akzeptabel. Der Expressionismus, der natürlich in einem gewissen Gegensatz zu dem Naturalismus steht, rechtfertigt per se noch nicht die Künstlichkeit der Dialoge. Es muss etwas dahinter stecken. Das Herausstellen gewisser Züge, Charakteristika oder Verhaltensweise ist noch heute ein gängiges Hilfsmittel um Ideen hervorzuheben, aber in Hasenclevers Text wird, durch die Übertreibung, die Idee der Autorität eher unglaubwürdig gemacht. Die forcierten Reden empfand ich nur als Last. Die künstlichen literarischen Dialogen von hochgeschraubter Bilderdramatik wirken auf die Dauer ermüdend.

 

Nicht alles ist schlecht. Der Anfang der ersten Rede des Sohns mit dem Vater, zweite Szene, zweiter Akt, hat mir, in seiner kritischen Haltung, gefallen, obwohl der Sohn viel zu gescheit und der Vater viel zu dumm ist. Es spricht hier offensichtlich der Autor in der Stimme des Sohns und macht eine treffende Kritik  der Strenge der wilhelminischen Erziehung. Das Zentrum ist der Generationskonflikt. Aus dem Sohn spricht die neue Zeit voller Fragen und Fragenstellungen. Aus dem Vater spricht die alte Ordnung voller Ehrfurcht und Pflichtbewusstsein.

 

Am Ende dieses Dialogs spitzt sich der Konflikt zu. Es ändern sich die Rollen und der Vater ist jetzt intelligenter als der Sohn, weil er das hohle Palaver erkennt, und nicht in die Falle reinfällt. Was willst du von mir? fragt der Vater. Und die Antwort des Sohns ist enttäuschend: Ich bin der Erbe, Papa! Dein Geld ist mein Geld, es ist nicht mehr dein. Du hast es erarbeitet aber du hast auch gelebt…Was du hast, gehört mir, ich bin geboren, es einst für mein Dasein zu besitzen. Mit dieser Idee verliert der Sohn die Glaubwürdigkeit.

 

Die Antiautoritäre Bewegung, der Kampf für Freiheit von den elterlichen Fesseln, muss nicht, notwendigerweise bestimmen, was mit der Freiheit gemacht werden soll. Aber es muss mindestens ein Konzept dieser Freiheit existieren, man muss eine Idee haben wie man den Kampf durchführt und wie man die Freiheit erreicht. Es kann sich dann alles als falsch erweisen. Macht nichts, ein Konzept muss es geben, selbst wenn es noch tausendmal verändert wird. Die Kritik an der alten Ordnung ist treffend, aber was hat man anstatt dessen zu bieten? Und da versagt das Stück völlig.

 

Dieses Dilemma verschärft sich noch im dritten Akt, als eine gesellschaftliche Variante des Sohnes Kampfes präsentiert wird. Der Klub Zur Erhaltung der Freude und dessen Mitglieder sind von einer Lächerlichkeit, die alle Grenzen des passablen überschreitet. Wer sind die Leute? Es scheinen nur Nutznießer zu sein, finanziert von einem adligen. Scheinbar versammeln sie sich nur um Orgien zu veranstalten. Plötzlich erscheint der Freund, spielt den Jakobiner, und stellt den Sohn vor, der eine pamphletarische Anklage gegen die väterliche Tyrannei macht.

 

Als ich die aufrührerischen Reden des Freundes, der aus dem Sohn ein Vatermörder machen will, um damit die ganze Gesellschaft anzuzünden, las, so kam mir Regis Debray und die Fokustheorie, deren Söhne die RAF-Gruppe in den siebziger Jahren war, in dem Sinn. Es überkam mich ein tristes Lächeln. Diese romantischen Vorstellungen eines revolutionären Prozesses laufen meistens katastrophal aus. Sie werden als Phantasie geboren und sollten auch als Phantasie enden. Politik und Voluntarismus passen nicht zueinander und die Verbindung hat meistens schwere Folgen.