Ich bin weder ein Experte in Expressionismus noch in Jugendbewegung, aber 2012, im Laufe einer Arbeit über eine weitläufige Verwandte von mir, die bei den Kindertransporten dabei war, und dann in England in Bunce Court studiert hat, habe ich einen Text, allerdings in Englisch, über die Jugendbewegung geschrieben (siehe www.ctbornstd.blogspot.com/2012/). Bunce Court war eine Alternativschule, besetzt hauptsächlich mit geflüchteten deutschen Lehrern, die eine starke Verbindung mit der Reformpädagogik hatte. Diese, ihrerseits, kann mit Lebensreform, Reformbewegung und dann weiter mit Jugendbewegung verknüpft werden.
Auch sonst hat die Jugendbewegung Einfluss auf mein Leben gehabt, und nur so erklärt sich die Tatsache, dass ich mir Zeit genommen habe, eine Arbeit darüber zu schreiben. Eine Großtante von mir gehörte der Wandervogelbewegung. Während meiner Kindheit haben wir sie öfters besucht und Geschichten über Wanderung im Wald und gesungene Lieder am Lagerfeuer uns angehört. Verschiedene dieser Lieder hat uns dann unsere Mutter gesungen, ich habe sie auf Tonband aufgenommen, und höre sie noch heute. Ich vermute auch, dass einiges meiner Liebe zur Natur und den Drang aus dem Großstadtleben in weit abgelegenen Orten zu flüchten, der Jugend- und Wandervogelbewegung zu verdanken ist. Diese romantischen Vorstellungen, tief eingeprägt in unsere Kindheit, verlassen uns nie.
Obwohl man bei der Jugendbewegung mehr Wert auf Form als auf Inhalt gelegt hat, handelte es sich, im Grunde, um eine Reaktion gegen die Verdinglichung, Reifikation und Massenproduktion, gegen die Prävalenz von quantitativen über qualitativen Aspekten des Lebens und gegen den Verlust an Individualität in der modernen industriellen Gesellschaft. Auch war die Gemeinschaft bei der Jugendbewegung ein wichtigerer Begriff als die Gesellschaft. Die Erste legt den Akzent auf die emotionale Ebene, die Beziehungen werden regiert durch Gefühle, während bei der Gesellschaft die Verhältnisse eher durch Zweckrationalität bestimmt werden. Obwohl die Bewegung in das National-Völkische ausartete, haben einige der Ziele und Erwartungen, wie z.B. das Streben nach Einheit zwischen den Menschen und zwischen den Menschen und die Umwelt, nichts an Aktualität verloren.
Nun, was hat Jugendbewegung mit Expressionismus zu tun? Das Wort Expressionismus wird man in meiner 2012 Arbeit nicht finden. Aber in einer Fußnote wird man die Bemerkung finden, dass die expressionistische Bewegung Die Brücke stark von der Lebensreform beeinflusst wurde. Ein Teilnehmer von Die Brücke sagte: was wir nicht wollten war uns klar, was wir wollten aber nicht . Man vergleiche diese Aussage, mit was ich oben über Hasenclevers Der Sohn gesagt habe.
Sachen verbinden macht mir besonders Spaß und ich glaube, es trägt dazu bei, ein Gesamtbild der Welt zu schaffen.
Tukan in Beitrag #12 spricht vom Expressionismus als eine Reaktion gegen eine zunehmende Entfremdung des Menschen in einer verstädterten, industrialisierten, lauten und anonymen Welt. Diese Bemerkung, die mich sehr an Jugendbewegung erinnert hat, war ausschlaggebend für einen Versuch einer Verbindung beider Bewegungen.
Diese Verbindung findet man auch in der Literatur. Sie ist also nichts neues. Ich habe „Jugendbewegung und Expressionismus“ bei Google eingegeben, und eine Reihe von Arbeiten gefunden. Ich will also nicht wiederholen was sicherlich längst bekannt ist. Aber einiges möchte ich doch zu diesem Thema sagen.
Hermann Korte in Expressionismus und Jugendbewegung (1988) spricht von der Jugendbewegung als deutschtümelnder Sozialromantik. Es handle sich um ein subjektiv erfahrenes, ja erlebtes Anderssein, dessen Ausdruck die Wanderung bei Nacht und Sonnenaufgang, die Atmosphäre des Lagerfeuers, der Freundschaften ist. Also Romantik verbunden mit Natur, also eine Art von Flucht aus dem Alltagsleben. In meiner 2012 Arbeit erwähne ich auch Jean-Jacques Rousseau und die Sturm und Drang Bewegung.
Ich habe nichts gegen die Romantik. Sie funktioniert als eine Art Auslassventil gegen die Spannungen des Alltagslebens. Als Sublimation der verdrängten Triebe ist sie sehr wirksam. Aber viel mehr sollte man von Romantik nicht erwarten. Insbesondere die Verbindung von Romantik und Politik ist gefährlich. Darauf habe ich schon in meinen eiführenden Beitrag hingewiesen. Dort wird die Romantik der Linken erwähnt, aber auch bei der Rechten kann man sie finden. In meiner Arbeit über Jugendbewegung verweise ich mehrmals auf ihre Verbindungen mit dem Nationalsozialismus.
Romantik ist ein weitläufiger Begriff. Beide, Chopin und Wagner, sind Romantiker. Kann man etwas verschiedeneres finden als Chopin und Wagner?
Romantik ist Flucht aus der Wirklichkeit. Offen bleibt aber wie man flieht, und wohin. Und darauf kommt es an: wie und wohin man flieht.
Wie schön wäre es wenn man von der Wirklichkeit nicht fliehen müsste, wenn es keine Notwendigkeit für Auslassventile gäbe. Wie schön wäre es, wenn sich beliebig Romantik bzw. Utopie in Wirklichkeit umwandeln ließen. Aber auch dass ist nicht richtig, denn wo wären wir jetzt, wenn allmögliche Spinnereien sich verwirklichen ließen (vielleicht wären wir genau da wo wir jetzt sind, was uns einiges zu denken geben kann).
Man muss nicht so weit wie Hegel gehen und sagen, dass das Rationale real und das Reale rational ist, um Verknüpfungen zwischen Rationalität und Realität zu machen. Es genügt zu konstatieren, dass der Verstand zur Verständnis und zu einer Objektivierung der Sachen führt. Die Objektivierung, ihrerseits, bedeutet den Fokus auf das Objekt zu richten, im Gegensatz zu der Subjektivierung, die den Fokus auf das Subjekt legt. Wenn mehrere Subjekte ein selbes Objekt betrachten, dann kann durch die Objektivierung, ein einheitlicheres Bild entstehen. Dieses Bild kann man dann Wirklichkeit nennen. Es ist hingegen schwieriger von Wirklichkeit zu sprechen, wenn durch die Subjektivierung jeder seine eigene hat. Objektivierung zielt also auf die Wirklichkeit und das Bild, während die Subjektivierung auf eine Wirklichkeit und ein Bild zielt.
Wie bereits schon mehrmals erwähnt, sind sowohl der Expressionismus als auch die Jugendbewegung eine Reaktion auf die industrielle Revolution, die Massengesellschaft, eine entmenschlichte und mechanisierte Welt. Die industrielle Revolution, ihrerseits, ist eine Folge der Aufklärung und die damit zusammenhängende Gewichtung der Rationalität. Beide, Expressionismus und Jugendbewegung, betonen das Subjektive und die Gefühle. Dadurch entsteht eine Distanzierung von Wirklichkeit und Rationalität (Verstand).
Es muss zusätzlich erwähnt werden, dass obwohl die industrielle Revolution der Aufklärung folgt, der Verstand uns nicht, notwendigerweise, zu einer entmenschlichte, mechanisierte Welt führen muss. Es gibt da sicherlich andere Wege.
Die letzten Paragraphen bedeuten eine sehr, sehr große Vereinfachung, die ich machen musste, um einen komplizierten Gegenstand in ein paar Sätze anzugehen. In der Tat geht alles etappenweise zwischen den Extremen: Phantasie und Wirklichkeit, Subjektiv und Objektiv, Gefühl und Verstand. Es alternieren sich meistens Phasen in dem die eine oder die andere Tendenz eine größere Gewichtung hat. Z. B. auf den Kubismus, der streng geometrische, kristallinische Struktur, Ordnung und methodische Organisation der Bildoberfläche sucht, folgt dann der Surrealismus, der die irrationalen, urtümlichen Beziehungen an die Stelle der rationalen Anschauung der Dinge setzt (siehe Knaurs Lexikon Moderner Kunst). Gesagt werden muss auch, dass es beide Tendenzen zu hervorragenden Leistungen in der Kunst gebracht haben.
Eine ganz andere Ebene ist aber die Politik. Dort sind Eskapismus, Romantik und Subjektivität gefährlich. In diesem Zusammenhang muss gesagt werden, dass wir schwierige Zeiten annähern in denen Krisen in Wirtschaft und Politik zu erwarten sind. Auch die Konflikte zwischen den verschiedenen Ländergruppen spitzen sich zu. In solche Zeiten verstärken sich die Tendenzen zu Fluchtversuche.
Einheit ist ein schwieriges Ziel. Gefühl und Verstand ist schwierig. Gefühl oder Verstand ist schon leichter. Am leichtesten (und coolsten) ist natürlich weder Gefühl noch Verstand.